Die Corona-Pandemie verschwindet langsam aus den Schlagzeilen, dafür beschäftigt uns jetzt der Krieg in der Ukraine. Täglich Bilder von brennenden Häusern, von verzweifelten Menschen auf der Flucht und dazu dieses Gefühl von Ohnmacht, weil wir selbst nicht viel tun können, außer zu spenden und unsere Solidarität zu zeigen. Die meisten von uns verfolgen die Nachrichten täglich. Per Fernsehen, Radio, Zeitung und über digitale Medien prasseln die Meldungen auf uns ein.

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Ukrainekrieg: Wie Sie Hilfsorganisationen jetzt unterstützen können

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"Viele haben in Zeiten von Smartphone und 24-Stunden-Erreichbarkeit im Minutentakt Nachrichten konsumiert, gelesen, gehört, geschaut", sagt die Neurowissenschaftlerin Maren Urner, Professorin für Medienpsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Köln.

Eine krank machende Mediennutzung, meint die Expertin: "Das Gehirn und der gesamte Körper geraten in einen dauerhaften Stresszustand." Bei schlechten Nachrichten laufen biologische Reaktionen ab, die das Gehirn koordiniert. Die beiden klassischen Stresshormone Cortisol und Adrenalin werden ausgeschüttet. Alles im Körper ist in Alarmbereitschaft. "Wie bei einer konkreten Gefahrensituation will das Gehirn entscheiden: kämpfen oder fliehen", erläutert Urner.

Keine Flucht vor dem Fernseher

Doch der Flucht-oder-Kampf-Reflex läuft zu Hause vor dem Fernseher oder Computer ins Leere. Ein Mechanismus, der ursprünglich lebensrettend war, macht so auf Dauer krank. Urner: "Psychisch ist der permanente Konsum von schlechten Nachrichten sehr belastend. Er verursacht chronischen Stress. Gereiztheit, schlechter Schlaf bis hin zu Depressionen können die Folge sein."

In der Berichterstattung stehen weltweite Krisen, Kriege und Katastrophen leider immer im Vordergrund. "Wir sind offener für schlechte Nachrichten", sagt Martin Schröder, Soziologieprofessor an der Universität Marburg. Das ist wissenschaftlich belegt. Ein Forscherteam um den US- Kommunikationswissenschaftler Professor Stuart Soroka hat in 17 Ländern an 1200 Teilnehmern getestet, wie sich Katastrophenmeldungen körperlich auswirken. Die Hautleitfähigkeit, die mit der Aktivität der Schweißdrüsen zusammenhängt, sowie der Puls wurden gemessen. Ergebnis: Schlimme Neuigkeiten lösen deutlich mehr Körperreaktionen aus, wirken aufregender, bringen uns ins Schwitzen und werden häufiger geklickt und gelesen.

Das Bedürfnis, auf dem Laufenden zu bleiben, ist groß. Doch nicht immer haben die konsumierten Informationen einen direkten Bezug zum eigenen Alltag. Das belastet psychisch. Der Blick auf das eigene Leben werde negativer, die Stimmung schlechter, bestätigt Neurowissenschaftlerin Urner.

Das belegte auch eine britische Studie, bei der den Probanden vor der Arbeit eine klassische Nachrichtensendung gezeigt wurde. Die Leistungsfähigkeit ließ nach, die eigenen Alltagssorgen wirkten größer als ohne vorherigen Nachrichtenkonsum.

Medien-Routinen entwickeln

Zugleich scheint die Informationsflut das Weltbild insgesamt negativ zu beeinflussen. So zeigt der sogenannte Ignoranztest der schwedischen Gapminder-Stiftung, dass viele Entwicklungen – wie etwa Kindersterblichkeit – in Umfragen deutlich schlechter eingeschätzt werden, als sie tatsächlich sind. "Die Einschätzung wird umso negativer, je weiter weg das Ereignis ist und je stärker die Menschen zur Beurteilung auf Massenmedien angewiesen sind", sagt Schröder.

Doch das Abschalten fällt vielen schwer. "Ein erster Schritt ist, sich zu überlegen, ob man gerade informiert werden möchte, über was man sich informieren will und wie", sagt Urner. Wichtig sei, Routinen zu entwickeln, um aus der Dauerbeschallung herauszukommen. Sich zum Beispiel jeden Abend auf eine Nachrichtensendung zu beschränken. "Denn wir merken oft nicht, wenn es zu viel wird, und das kann langfristig zu gelernter Hilflosigkeit führen", so die Expertin. Zu einem psychologischen Phänomen, bei dem das Gefühl überhandnimmt, man könne sowieso nichts ändern. Passivität und Ohnmacht sind die Folge.

Auf Medienhygiene achten

"Die Menschen sehnen sich aber danach, Antworten zu bekommen", sagt Urner. Gute Berichterstattung beginnt für sie deshalb damit, dass auch Lösungen aufgezeigt werden. Das sei bei längeren, einordnenden Beiträgen meist der Fall. "Kurznachrichten und Überschriften dagegen spitzen zu, kratzen an der Oberfläche, wühlen uns auf und lassen uns hilflos zurück." Für die eigene Medienhygiene empfiehlt die Expertin, sich zu überlegen, welche Nachrichtensendung, welche App, welcher Artikel einen wirklich weiterbringt.

Schon während der Corona-Krise ist das Informationsbedürfnis in die Höhe geschnellt. Für Urner kam das nicht überraschend. "Bei dieser Pandemie trafen drei Komponenten zu, die zum Handeln bewegen: Die Gefahr muss nah sein, Menschen müssen in Not geraten, und die Katastrophe muss zeitlich unmittelbar stattfinden."

Tipps zum Umgang mit bedrohlichen Nachrichten

  • Informieren Sie sich bei seriösen Quellen
  • Legen Sie bewusste Nachrichtenpausen ein und beschäftigen Sie sich mit etwas, das Ihnen gut tut.
  • Tauschen Sie sich mit anderen Menschen darüber aus, was Ihnen Sorgen bereitet. Die Sorgen am Abend niederzuschreiben, kann entlasten und den Schlaf verbessern.

Besonders Kinder brauchen Begleitung in der Welt der Medien. Tipps unter www.kindergesundheit-info.de, Schlagwort: Mediennutzung