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Den Handgriff kennen viele: Das Radio in der Küche steht auf einer Kommode in Hüfthöhe, daneben eine Schüssel mit Obst. Paul schiebt sie zur Seite und dreht im Vorbeigehen den Lautstärkeregler herunter. Es ist die volle Stunde, jetzt laufen die Nachrichten, aber seine Kinder, sieben und neun Jahre alt, sind auch im Zimmer.

Eltern sollten sich gesprächsbereit zeigen

Der Vater handelt aus Überforderung und auch ein bisschen aus Verzweiflung. Erst der russische Angriffskrieg, dann der Überfall der Hamas auf Israel, danach das monatelange Grauen in Gaza – selten fühlte sich Krieg so nah an. Er ist Thema in der Kantine, auf Social Media und im Büro. Aber eben auch im Kindergarten, in der Schule und im Sportverein.

Nicht nur Pauls Kinder haben Fragen. Fragen, die er oft nicht beant­worten kann – oder will. Deshalb macht er manchmal einfach das Radio aus, so wie jetzt. Denn wie erklärt man Kindern, was eine Streubombe ist? Warum die neue Klassenkameradin aus der Ukraine immer zusammenzuckt, wenn etwas runterfällt? Und wieso der Fußballkumpel seinen Davidsstern nicht mehr trägt?

Susanne Mierau ist Diplom-­Pädagogin und hat viele Bestseller rund um Erziehung geschrieben. Sie ist Mutter dreier Kinder und hat diese Situationen in verschiedenen Facetten selbst durchlebt. Sie empfiehlt ganz grundsätzlich: „Wenn Kinder uns Fragen zum Thema Krieg stellen, ist es wichtig, dass wir gesprächsbereit sind. Dabei müssen wir nicht alles wissen und erklären können.“ Es sei vollkommen legitim zu sagen: „Ich weiß auch nicht genau, warum es Krieg überhaupt gibt.“ Oder: „Ich verstehe nicht, warum sich Menschen töten und keine friedlichen Lösungen zu finden sind.“ Abgesehen davon gibt es aber keine goldenen Regeln, wichtig ist vor allem individuelle Zugewandtheit.

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Die richtigen Worte wählen

Natürlich macht es einen großen Unterschied, ob ein Kind drei oder zwölf Jahre alt ist. Jüngere Kinder benötigen einfachere und altersgerechte Erklärungen, während ältere mehr Details verstehen können. Dementsprechend muss sich die Sprache der Eltern anpassen. So oder so vermeidet man am besten komplizierte Begriffe, auch wenn man sich als Erwachsener dahinter gut verstecken kann.

Der Ort ist ebenfalls wichtig. Klar, manchmal platzen die Fragen zwischen Tür und Angel heraus, die Waschmaschine piept und irgendwo im Flur summt das Handy. Kein guter Moment, um komplexe Themen zu erörtern. Aber auch keiner, um so zu tun, als sei nichts. Stattdessen das Gespräch lieber auf später verschieben, wenn alle mental und körperlich an einem sicheren Ort sind. Dann könne man sich gemeinsam mit seinen Kindern auf Spurensuche begeben: „Ich weiß auch nicht genau, wie dieser Krieg angefangen hat und warum er schon so lange geht. Lass uns mal zusammen nachlesen und herausfinden, worum es geht.“

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Gefühle klar kommunizieren

Eltern können dabei über ihre eigenen Gefühle sprechen, sagt Susanne Mierau. Zum Beispiel: „Ich bin auch traurig, dass dort Menschen sterben, auch wenn ich sie nicht kenne.“ Über dieses Verhalten würden die Kinder Werte lernen, aber zugleich den Umgang mit Problemen. Und dass man oft erst Wissen sammeln muss, um ein komplexes Problem wirklich zu verstehen. Eine wichtige Kompetenz in dieser Zeit. Mierau fügt jedoch hinzu: „Wichtig ist beim Sprechen über die eigenen Gefühle, dass die persönlichen ­Ängste nicht auf das Kind übertragen werden.

Als Bindungspersonen sollten Eltern Sicherheit ausstrahlen und geben.“ Das bedeute: Das Kind sollte – je nach Alter – erfahren, dass es an seinem Wohnort sicher ist, dass Deutschland Mitglied in einer schützenden Staatengemeinschaft ist und in diesem Land sehr viel dafür getan wird, dass es keinen Krieg gibt.

Selbst aktiv werden

Damit das alles keine theoretischen Gedanken und Gespräche bleiben, hilft es, ins Tun zu kommen. Das gibt nicht nur den Kindern, sondern vor allem auch den Eltern das Gefühl von Kontrolle. Susanne Mierau rät ganz konkret: „Um dem Kind zu vermitteln, dass sich Menschen auch in Krisenzeiten umeinander kümmern, können wir mit ihm zusammen überlegen, wie beispielsweise geflüchtete Menschen unterstützt werden können.“ Werden Kleiderspenden in der Nähe benötigt? Gibt es eine gemeinnützige Organisation, der man eine Spende zukommen lassen kann, die sich um Geflüchtete oder Menschen in Krisengebieten kümmert? Oft hilft es, kreativ zu werden: Malen, Basteln, Spielen.

Und natürlich manchmal auch: das Radio ausstellen. Pauls Reaktion in der Küche auf eine womöglich weitere grausige Kriegsmeldung war absolut richtig. Die Pädagogin bestätigt: „Viele Medieninhalte sind für junge Kinder nicht geeignet und Bilder oder Berichte von schwer verletzten oder toten Menschen können sie verstören. Bei größeren Kindern sollten Eltern, wenn gemeinsam diese Medien konsumiert werden, auch gesprächsbereit sein. Sie sollten erklären können, worum es in dem Krieg geht, und dem eigenen Kind gleichzeitig Sicherheit vermitteln.“

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Medienkompetenz von Kindern fördern

Wer den Nachwuchs altersgerecht aufklären möchte, kann Kindernachrichten wie „Logo!“ nutzen. Schwierig wird das natürlich bei Teenagern, die bereits ein eigenes Smartphone besitzen – und damit Zugang zu grausamen Bildern, Fake News und Propaganda haben. Umso wichtiger ist es, Medienkompetenz früh zu fördern. Mittlerweile bieten manche Schulen entsprechende Kurse an. Oft ist es aber vor allem Aufgabe der Eltern, hier einen Kompass mit den Kindern zu entwickeln.

Aber zurück in die Küche zu Paul und seinen Kindern. Das Radio surrt nur leise von der Kommode, Krisengespräch also erst mal umgangen. Da zieht der siebenjährige Ayan sein Laserschwert unter dem Tisch hervor. Das nächste Kriegsproblem, diesmal neongrün und blinkend. Denn wo fängt man bei der ganzen Debatte rund um Kriegserklärungen an und wo hört man auf? Wie kann man auf der einen Seite Kriege verurteilen und auf der anderen Seite den Kindern Schwerter zum Spielen geben? Sind das überhaupt zwei Seiten derselben Sache?

Spielzeugwaffen nicht verteufeln – aber das Spielen beobachten

In Internetforen und Kommentarspalten auf Facebook ist sich die Community in dieser Frage nicht einig. Pädagogin Susanne Mierau weiß: „Spielzeugwaffen sind für viele Eltern ein großes Thema. Eigentlich ein gutes Zeichen, denn es zeigt, dass ein friedliches Miteinander ein Wert ist, der Eltern wichtig ist.“ Im Alltag werde das durch das gelebte Miteinander transportiert. Spiel und Spielzeug seien da nur ein kleiner Baustein und müssten nicht verteufelt werden, meint die Expertin. „Eltern können aber einen Blick darauf haben, wenn Kinder besonders oft kriegerische Auseinandersetzungen thematisieren.“

Dann solle man hinterfragen, was sie damit zum Ausdruck bringen wollen. Während Paul also das Radio lauter stellt, weil nun wieder Musik läuft, bringt es seine neunjährige Tochter auf den Punkt: „Dieses Schwertdings ist so nervig, wenn du das nicht sofort ausmachst, nehm ich die Batterien raus und schmeiß sie aus dem Fenster!“ Okay, erst mal den Krieg am Esstisch regeln. Ganz ohne UN-Vollversammlung.

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