Haben die jüngsten Ereignisse in der Ukraine gesundheitliche Folgen? Sollten wir uns auf nukleare Zwischenfälle vorbereiten und falls ja, wie? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wie sind die bisherigen Meldungen zu Atomkraftwerken aus dem Kriegsgebiet einzuschätzen?

Ende Februar wurden im Umfeld des Reaktors Tschernobyl in der Ukraine leicht erhöhte Strahlenwerte gemessen. Das lag vermutlich daran, dass durch die Kampfhandlungen radioaktiv belasteter Staub aufgewirbelt wurde. So etwas in der unmittelbaren Nähe zu einem Problem werden, aber Auswirkungen auf die Menschen in Deutschland hat das keine. Denn wenn der Staub tatsächlich durch Winde erfasst wird, dann wird er über die Distanz so breit verteilt, dass er im Grunde unter die Nachweisgrenze verschwindet.

Wenn es in einem aktiven Kernkraftwerk zu einem Zwischenfall kommt, können die Folgen größer sein. In der Nacht zum 4. März 2022 kam es nach Kampfhandlungen in einem Gebäude in der Nähe des Kraftwerks Saporischschja zu einem Feuer, das aber wieder gelöscht werden konnte. Laut der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA), die sich wiederum auf die ukrainische Atombehörde beruft, ist keine erhöhte Strahlung gemessen worden.

Was ist generell über die Sicherheit der Atomkraftwerke in der Ukraine bekannt?

Die Ukraine hat aktuell vier Atomkraftwerke mit insgesamt 15 Reaktoren, neun davon sind angeschaltet und speisen Strom ins Netz ein. Obwohl die Reaktoren alt sind, wurden die Sicherheitsstandards seit den 1990er Jahren deutlich erhöht. Außerdem sind die Kernkraftwerke so ausgelegt, dass der Einschlag eines Kleinflugzeugs kein Problem darstellt. Eine fehlgeleitete Rakete stellt deshalb normalerweise keine Gefahr dar. Es müssten also wohl eine Menge Zufälle zusammenkommen, damit es zu einem nuklearen Zwischenfall kommt.

„Für die deutsche Bevölkerung stellt auch dies kurzfristig erst einmal keine Gefahr dar“, sagt Dr. Matthias Zähringer, Leiter der Abteilung Radiologischer Notfallschutz am Bundesamt für Strahlenschutz (BfS). Erst wenn sehr große Mengen radioaktiv belasteten Staubs durch die Winde nach Westen getragen werden – das ist eine Sache von Tagen –, können auch hierzulande Schutzmaßnahmen erforderlich werden.

Die Europäische Union, zu der auch Polen gehört, das zwischen der Ukraine und Deutschland liegt, hat außerdem ein feines Netz an Messstationen. „Wir würden frühzeitig Bescheid wissen, wenn irgendwelche Gefahr besteht“, so Zähringer.

Wie kann ich mich zur Sicherheit trotzdem vorbereiten?

Während FFP2-Masken mindestens 94 Prozent der Aerosole in der Luft filtern müssen, sind die Ansprüche an FFP3-Masken höher: Sie müssen mindestens 99 Prozent der Aerosole filtern. Weil bei einem nuklearen Zwischenfall in der Umgebung ein Teil der Gefahr von kleinen Staubpartikeln in der Luft ausgeht, sind FFP3-Masken daher besonders wirksam, um zu verhindern, dass man nuklear belastete Partikel inhaliert. Das ist jedoch ausdrücklich keine Aufforderung, grundlos FFP3-Masken zu horten, die womöglich an anderer Stelle dringend gebraucht werden und dann dort fehlen!

Weil der Katastrophenschutz bei nuklearen Zwischenfällen zuständig ist, empfiehlt es sich auch, die App „Katwarn“ auf dem Smartphone zu installieren: Hier wird man über akute Zwischenfälle in der Umgebung wie Wirbelstürme, Sturmfluten oder eben nukleare Zwischenfälle zeitnah benachrichtigt und erhält Handlungsempfehlungen.

Was hat es mit den Jodtabletten auf sich – und warum sollte man sie nicht einfach so nehmen?

Kommt es tatsächlich zu einem Zwischenfall in der Region (siehe nächste Frage), in der man sich aufhält, kann es sinnvoll sein, auf Aufforderung der Behörden gezielt spezielle hoch dosierte Jodtabletten einzunehmen. Das muss dann allerdings zu einem bestimmten Zeitpunkt erfolgen, und wird auch nicht für sämtliche Gruppen der Bevölkerung empfohlen. Zähringer hält es allerdings für unnötig, die Tabletten vorab zur Sicherheit zu kaufen. So seien in Deutschland mehr als 180 Millionen Jodtabletten an verschiedenen Standorten gelagert, sie könnten – falls es zu einem nuklearen Zwischenfall käme – an die Bevölkerung zeitnah verteilt werden. Hinzu komme, dass die Einnahme mit gesundheitlichen Risiken verbunden sei. Mehr dazu können Sie hier lesen.

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Jodtabletten nicht ohne Grund nehmen

Der Krieg in der Ukraine erschüttert uns und bringt auch unser eigenes Sicherheitsgefühl ins Wanken. Manche Menschen kaufen sich vorsorglich Jodtabletten. Was ist davon zu halten?

Was sollte ich akut tun, wenn es doch zu einem nuklearen Zwischenfall kommt?

Generell gilt: die offiziellen Handlungsempfehlungen beachten.

Sollte tatsächlich ein Risiko bestehen, dann geht es darum, den Kontakt zu radioaktiven Stoffen zu vermeiden oder so kurz wie möglich zu halten. Am wichtigsten ist deshalb zunächst, für einen möglichst großen Abstand vom Gefährdungsgebiet zu sorgen, also zum Ort des Zwischenfalls.

Auch der Aufenthalt in geschlossenen Räumen – am besten zu Hause – ist sinnvoll. Dabei gilt es, beispielsweise Klimaanlagen, die Luft von außen einsaugen, abzustellen. So geht man nuklear belasteten Staubpartikeln aus dem Weg, die in der Luft zirkulieren. Wenn man doch einmal vor die Tür geht, empfiehlt sich ein Anzug, den man vor dem Zuhause wieder abstreift, und eine FFP3-Maske.

Wenn man in einer gewissen Nähe – 100 bis 200 Kilometer entfernt - vom Ort des Zwischenfalls ist, kann auch die Einnahme von hochdosiertem Jod Sinn machen, um die Schilddrüse zu schützen.

Zähringer empfiehlt, grundsätzlich auf die Anweisungen des Katastrophenschutzes zu beachten. In der Nähe von Kernkraftwerken erfolgen sie häufig über Lautsprecher, sonst werden sie auch im Internet, im Radio und Fernsehen und im Videotext verbreitet.

Mittelfristig gilt es natürlich auch darauf zu achten, die Versorgung mit Nahrungsmitteln so auszurichten, dass keine Strahlenbelastung besteht – mehr dazu in der letzten Frage.

Welche Nahrungsmittel sollte ich meiden, wenn es zu einem Zwischenfall gekommen ist?

Grundsätzlich gilt: Alles, was im Freien wächst, kann bei einem nuklearen Zwischenfall durch die Partikel in der Luft belastet werden. Heißt: Frisches Obst und Gemüse, aber auch beispielsweise Nüsse, können ein paar Tage nach einem Zwischenfall Strahlenquellen sein. Um es zu ersetzen, kann man auf tiefgefrorenes Obst und Gemüse zurückgreifen, was vor dem Zwischenfall geerntet wurde, das gilt auch für Reis und Kartoffeln.

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