Bleibt die Familie gesund, bleiben Schulen und Restaurants geöffnet? Corona hat uns gelehrt, wie wenig Bestand bislang Selbstverständliches haben kann. Doch auch ohne Pandemie leben wir in unsicheren Zeiten. Lebenslange Beschäftigung ist in Unternehmen eine Seltenheit geworden. Prekäre Arbeitsbedingungen nehmen zu, ebenso die Scheidungsraten. Es gibt zwar viel mehr Wahlmöglichkeiten als früher, aber dadurch auch mehr Ungewissheit.

Flexibilität und Mobilität sind zwar Ideale unserer Gesellschaft. Trotzdem ist es für viele von uns schwierig, damit umzugehen. Ganz insgeheim streben wir nach Sicherheit. Höchste Zeit, über zwei Gefühle zu sprechen – und uns anzusehen, wie wir mit ihnen umgehen können.

Wenn wir nicht wissen, wie wir handeln sollen, löst das Unsicherheit in uns aus. Wir sind zum Beispiel wandern und stehen mitten im Fels. Von Weg keine Spur mehr. Und dunkel wird‘s auch bald. Besser weiterlaufen oder lieber umdrehen? „Das ist maximale Unsicherheit“, sagt der Hirnforscher und Endokrinologe Professor Achim Peters. Der Körper reagiert mit Stress, das Gehirn setzt nun diverse Mechanismen in Gang: Hirnstamm und Großhirnrinde werden aktiviert, um schneller Informationen zu verarbeiten.

Energie wird aus dem Körper ins Gehirn gezogen. Es braucht jetzt zwölf Prozent mehr Traubenzucker als im entspannten Zustand. Das Herz schlägt schneller, die Nebennieren setzen das Stresshormon Cortisol frei. Es macht uns nicht nur wachsamer, sondern aktiviert nebenbei auch das Gedächtniszentrum. Neue Strategien können jetzt erlernt werden.

Stress lässt uns neue Strategien entwickeln

„Stress ist ein Unsicherheits- Beseitigungs-Mechanismus“, sagt Peters. Er hilft uns, neue Informationen zu beschaffen und zu verarbeiten. Am Berg könnten wir zum Beispiel durch die gesteigerte Aufmerksamkeit doch noch einen Wegweiser finden. Wir können jemanden anrufen, der im Internet nachsieht oder die Bergwacht verständigt. Ist die Stressepisode überstanden, werden Glückshormone freigesetzt. Wir entspannen. Kurzzeitiger Stress ist normal und notwendig, damit wir neue Strategien entwickeln, auf unsere Umwelt reagieren. Er wirkt sich meist nicht negativ aus.

Begriffe kurz erklärt

Können wir existenzielle Fragen zu Arbeit, Gesundheit oder Wohlbefinden nicht beantworten, verunsichert uns das. Unsicherheit ist ein unangenehmes und starkes Gefühl.

1. Ungewissheit richtet sich laut dem Verhaltenstherapeuten Nils Spitzer in die Zukunft. Man spürt sie immer dann, wenn man sich fragt, wie sich Situationen entwickeln werden.

2. Ungewissheitstoleranz bezeichnet eine Art gedanklichen Filter, der ungewisse Situation weniger negativ, bedrohlich oder belastend erscheinen lässt.

3. Bei Ungewissheitsintoleranz wiederum ist das Gegenteil der Fall: Hier liegt ein negativer Filter über allen Gedanken und Gefühlen. Sie wirken dadurch bedrückender, Probleme scheinen schlechter zu bewältigen zu sein.

Finden wir über längere Zeit keine Strategie, um existentielle Unsicherheiten aufzulösen, wird Stress ungesund. Beispiele dafür sind Mobbing am Arbeitsplatz, Jahre andauernde Einsamkeit oder eine schwere, chronische Krankheit. Gehirn und Körper sind dann permanent aktiviert. In der Folge können Schlafstörungen, ein dauerhaft erhöhter Blutdruck und Gefäßprobleme entstehen.

Wenn Stress krank macht

Die Crux: „Krankmachender Stress endet nur, wenn wir eine Lösung für das zugrunde liegende Problem finden“, sagt Peters. Die schneidet mitunter tief ins Leben ein: Vielleicht kann nur eine Kündigung das Mobbing am Arbeitsplatz beenden.

Wer dauergestresst durchs Leben läuft, ohne Strategien dagegen zu entwickeln, riskiert laut Peters Krankheiten wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Depression. Auch bereits Betroffenen kann es helfen, mit ihrem Stress einen besseren Umgang zu finden: Die Hälfte der Patientinnen und Patienten einer schwedischen Studie erhielt eine Verhaltenstherapie – zusätzlich zu Arzneien für ihre Herzerkrankung, zum Beispiel Blutdruck- und Cholesterinsenker. In der Therapie lernten sie, ihr Verhalten in stressigen Situationen zu kontrollieren. Deutlich mehr Patientinnen und Patienten blieben dadurch von Zweit- und Drittinfarkten verschont.

Es gibt auch Menschen, die krankmachenden Stress einfach ausblenden, sagt Peters. Etwa 50 bis 70 Prozent können „habituieren“. Das bedeutet, dass ihr Körper und damit sie unbewusst auf dieselbe Situation immer weniger reagieren: Sie stumpfen ab. Was erstmal gut klingt – Habituierte sind entspannter und dadurch etwa vor Herzinfarkt besser geschützt – birgt andere Probleme. Ein dauerhaft hoher Cortisolspiegel kann die Entwicklung von krankhaftem Übergewicht, Diabetes und Folgeerkrankungen begünstigen.

„Außerdem suchen Habituierte nicht mehr nach Lösungen. Sie hängen fest in unguten Situationen, etwa Armut oder unglücklich machenden Beziehungen.“ Laut heutigem Kenntnisstand lässt sich dieser Prozess nicht rückgängig machen. Am besten also man reagiert vorher. Und vermeidet krankmachenden Stress.

Die meisten dürften folgende Situation kennen: Sie gehen aus dem Haus und fragen sich wenig später: „Habe ich den Herd ausgemacht?“ Es gibt Menschen, die nun denken „vermutlich schon“ – und das Thema abhaken. Andere sorgen sich, bis sie wieder zuhause sind. Wieder andere gehen nochmal zurück und überprüfen das Gerät. Und dann sind da jene, die sich so große Sorgen machen, dass sie den Herd sowieso schon mehrmals überprüft haben, bevor sie überhaupt das Haus verlassen.

Die Ungewissheit aushalten

Bei ihnen ist der Wunsch, kein Risiko eingehen zu wollen, zu etwas Zwanghaftem geworden. Entwicklungspsychologen sehen in Risikoscheu beziehungsweise ihrem Gegenteil, der Neugier, eines der stabilsten Persönlichkeitsmerkmale. Sie vermuten daher eine genetische Prägung. Andere glauben, dass die Erziehung großen Einfluss ausübt: So könnten autoritäre genauso wie überbehütende Eltern die Fähigkeit ihres Kindes einschränken, ungewisse Situationen auszuhalten.

Für manche Menschen werden diese regelrecht bedrohlich und müssen um jeden Preis vermieden werden. „Man spricht dann von einer Intoleranz“, sagt der Verhaltenstherapeut Nils Spitzer. Was dabei im Kopf passiert: Die Situationen laufen durch einen gedanklichen Filter, der sie besonders negativ erscheinen lässt. Die eigenen Bewältigungsmöglichkeiten werden dabei unterschätzt.

Mehr Toleranz für Unbekanntes: Fünf Tricks

1. Szenarien durchspielen

Vertiefen Sie Ihren Möglichkeitssinn! Versuchen sie eine Woche lang, sich für in dieser Zeit auftretende unklare Situationen mögliche Ausgänge vorzustellen: Was kann realistischerweise passieren? Welche Alternativen gibt es?

2. Würfelspaziergang machen

Überlassen Sie sich dem Schicksal! Spazieren Sie eine halbe Stunde lang, würfeln Sie bei Abzweigungen. Bei 1/2 gehen Sie nach links, bei 3/4 gerade aus, bei 5/6 nach rechts. Teilt sich ein Weg, biegen Sie bei geraden Zahlen nach links, bei ungeraden nach rechts ab.

3. Kunst bewusst erleben

Weil Literatur, Musik und Kunst nie eindeutig sind, steigert es die Offenheit, ein Lied, eine Ausstellung oder einen Roman mit allen Sinnen auf sich wirken zu lassen.

4. Im Alltag experimentieren

Versuchen Sie Ihre Routinen immer mal wieder zu brechen. Bestellen Sie in Ihrem Lieblingsrestaurant ein Gericht, das Sie nicht kennen; gehen Sie in einen Film, über den Sie nichts wissen; kaufen Sie in einem unbekannten Geschäft ein.

5. Unbekanntes wagen

Schaffen Sie sich Mikroabenteuer: Gehen Sie zum Beispiel am Bahnhof zu Gleis 5, kaufen Sie ein Ticket für12 Euro und fahren Sie mit dem nächsten Zug so weit Sie kommen. Übernachten Sie, wenn es warm genug ist, ohne Zelt auf dem Balkon

Laut Spitzer kann man sich den Vorgang wie eine Art psychische Allergie vorstellen. Bereits auf die kleinste Prise wird heftig reagiert: entweder sorgenvoll oder mit Vergewisserungsverhalten. Betroffene versuchen dann zwanghaft, Gewissheit zu erlangen, oder meiden diese. Für sich genommen ist eine geringe Ungewissheitstoleranz keine Krankheit, aber spielt laut Spitzer bei Angststörung, Hypochondrie oder sozialen Phobien eine Rolle.

Zwei Behandlungen gebe es: „Auslösende Stoffe in der Umwelt re- duzieren oder die Toleranz für sie zu erhöhen.“ Ein Verhaltenstherapeut hilft, geistige Filter neu einzustellen. Dann heißt es üben. Denn Ungewissheit kann nur bewältigen lernen, wer sie konfrontiert. Ist aber ein Todesfall zu verarbeiten, während die Bezie- hung kriselt, sollte man vielleicht nicht auch noch kündigen – und seinem Leben eine weitere Unsicherheit hinzufügen.
Wie Stress muss Ungewissheit aber nicht generell schlecht sein. Sie kann sogar Freude bereiten, etwa beim Fußballschauen oder Spielen, sagt Spitzer. „Erst Ungewisses lässt uns mitfiebern.“

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