Nichts müssen, nichts wollen, einfach sein – es sind Glücksmomente, wenn wir in tiefer Entspannung den Einklang mit uns selbst erleben. Wäre es nicht schön, solche Augenblicke ein wenig zu verlängern? Viele Forschende meinen: Ja, das geht. Hilfreich dabei: der gezielte Einsatz von Stille.

Eric Pfeifer, Professor für Ästhetik und Kommunikation mit Schwerpunkt Musik an der Katholischen Hochschule Freiburg, untersucht die Wirkung von Stille auf die psychische Gesundheit. Der Psychotherapeut und Musiktherapeut ist überzeugt: Es lohnt sich, Phasen der Geräuschlosigkeit als therapeutisches Mittel zu nutzen – ähnlich wie Medikamente. „Psychopharmaka“, sagt er, „lösen seelische Belastungen nicht. Aber sie verändern Prozesse im Gehirn, sodass manche Patientinnen und Patienten zur Ruhe kommen und so erst wieder die Kraft erhalten, um von einer Psychotherapie zu profitieren.“

Stille als Psychopharmakon?

Womöglich wirkt Stille vergleichbar. Pfeifers Studien deuten darauf hin. „In Phasen der Stille fühlten sich die Teilnehmenden entspannter und waren eher in der Lage, im Augenblick zu sein“, berichtet er. Und nicht nur das: „Die Zeitspanne der Stille, in der sie sich gut fühlten, erschien ihnen länger, als sie tatsächlich war.“ Möglicherweise lässt sich die tiefenentspannende Wirkung von Musiktherapie durch Momente der Stille weiter optimieren, hofft Pfeifer.

Der Forscher erkennt in Stille-Erfahrungen auch ein Potenzial für psychisch gesunde Menschen, die sich einfach nach mehr Gelassenheit sehnen. „Ein paar kurze Stille-Inseln täglich können vermutlich vielen Menschen beim Entspannen helfen“, sagt Pfeifer. Es brauche weder absolute Geräuschlosigkeit noch eine stundenlange Auszeit. Für viele funktioniere es auch, wenn sie sich mehrmals in der Woche für etwa zehn Minuten in eine leise Umgebung zurückziehen: auf die Couch oder in die Natur mit natürlicher Geräuschkulisse wie Blätterrascheln oder Vogelgezwitscher.

Schon 2006 und eher zufällig kamen Forschende der Universität von Padua in Italien zu einem ähnlichen Ergebnis wie Eric Pfeifer jetzt. Sie untersuchten die Wirkungen unterschiedlicher Musikrichtungen auf die körperliche Gesundheit: Senkt klassische Musik den Blutdruck oder eher ein schneller Beat? Wie verändert sich die Atmung? Als Kon- trolle bauten die Forschenden zwischen den Musikstücken zwei Minuten ohne Beschallung ein und stellten fest: Gerade in der Pause fanden die Teilnehmenden zur Ruhe. Blutdruck und Atmung beruhigten sich vor allem in der kurzen Phase der Geräuschlosigkeit.

Inzwischen beschwört eine Reihe von Bestsellern die „Kraft der Stille“. Wer durch die Ratgeberregale stöbert, kann den Eindruck gewinnen, eine Heilwirkung sei ausgemacht. Eric Pfeifer dämpft allzu hohe Erwartungen: „Wir wissen nicht, ob Stille an sich gesund für die Seele ist.“ Es sei noch zu wenig erforscht, was die Abwesenheit von akustischen Reizen alles bewirkt.

Stress durch Lärm

Seit Jahrzehnten gut erforscht ist dagegen, wie sich das Gegenteil, Lärm, auf unsere Gesundheit auswirkt: Die schädlichen Folgen von Dauerbeschallung – etwa durch Wohnen an einer viel befahrenen Straße – sind heute unumstritten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bewertet Lärm, nach der Luftverschmutzung, als zweitgrößte umgebungsbedingte Gesundheitsgefahr in Europa. Lärmschutz soll nicht nur Schwerhörigkeit verhindern. Diese ist beispielsweise dann zu erwarten, wenn jemand lange Zeit acht Stunden täglich, fünf Tage die Woche, bei Lärmpegeln von mehr als 85 Dezibel (dB) arbeitet. Durch Lärmschutzmaßnahmen soll sich auch die Lebensqualität verbessern.

Momente der Stille leisten dazu ebenfalls einen Beitrag. Doch wo finden wir im lärmenden Alltag solche Stille-Erfahrungen? Wie setzen wir das Gebot „Weniger Lärm, mehr Stille!“ am besten um? Auf der Suche nach der Stille kommt man zwangsläufig in Kontakt mit Konzepten zur inneren Einkehr. Darunter Yoga, Zen-Meditation, klösterliche Klausur oder achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR). Die äußere Ruhe, so erleben es viele, soll den Weg zur inneren Ruhe ebnen.

Stille erfahren: Diplom-Psychologin Britta Hölzel gelingt es, Umgebungsgeräusche auszublenden.

Stille erfahren: Diplom-Psychologin Britta Hölzel gelingt es, Umgebungsgeräusche auszublenden.

Aber funktioniert das so einfach? Die Diplom-Psychologin Dr. Britta Hölzel aus München ist zurückhaltend. Als Neurowissenschaftlerin interessiert sie sich für die Wirkungen von MBSR und Yoga auf die Gesundheit. Wie Pfeifer ist Hölzel der Meinung, dass es mehr Forschung brauche, um die „Kraft der Stille“ beurteilen zu können. Als Achtsamkeitstrainerin beobachtet Hölzel: „Manchen Menschen fällt es in einer geräuscharmen Umgebung leichter, sich selbst zu spüren.“ Für Personen, die in Achtsamkeit oder Meditation geschult sind, sei das akustische Umfeld oft bedeutungslos. „Den Zugang zu sich selbst finden sie dann auch mitten im Hofbräuhaus.“

Doch Stille entfaltet nicht bei jedem oder jeder eine wohltuende Wirkung. Manche können eine schallarme oder gar schallfreie Umgebung schlecht aushalten. „Wenn wir versuchen zu meditieren, wird uns oft erst bewusst, wie aktiv der Geist plappert“, sagt Hölzel. Das könne am Anfang verstörend sein. Manche Menschen fühlen sich dabei unbehaglich. Auch Einsamkeit kann einem unangenehm bewusst werden, wenn es um einen herum nichts zu erlauschen gibt.

Völlige Ruhe - heutzutage selten

Ob diese negativen Aspekte der Stille damit zusammenhängen, dass Menschen als soziale Wesen kaum je völlige Geräuschlosigkeit erleben? Oder ob wir es in unserer Gesellschaft abtrainiert bekommen, uns selbst ohne Ablenkung auszuhalten? „Darauf hat die Wissenschaft keine Antwort“, sagt Hölzel. „Was aber wissenschaftlich untersucht ist: Man kann lernen, nicht in diesen ‚inneren Lärm‘ einzusteigen. Wer übt, das innere Geplapper vorbeiziehen zu lassen, kann dann die Stille im Inneren als wohltuend erleben.“

Sich auf Stille einzulassen, fällt manchen Menschen mit Hyperakusis schwer. Bei dieser Erkrankung reagieren die Betroffenen auf Geräusche überempfindlich. Sie leiden an einer Art akustischer Allergie. Manche nehmen Blätterrascheln – was andere als stille Umgebung empfinden – als unangenehm laut wahr, bei anderen lösen Atmen oder das Umblättern einer Zeitung etwa Herzrasen oder Übelkeit aus.

Mit der Frage, warum so viele Menschen auf Geräusche wie Kreide auf der Tafel oder das Reiben von Styropor äußerst empfindlich reagieren, beschäftigt sich auch Professor André Fiebig, Psychoakustiker von der Technischen Universität Berlin. „Unsere Ohren sind Warnorgane. Sie helfen uns, Gefahren zu erkennen“, sagt er. So errege tiefes Donnern unsere Aufmerksamkeit, weil es auf ein Gewitter oder einen Vulkanausbruch hindeute. Allerdings: Laute Musik im Bass-Bereich wirke auf viele Menschen nicht bedrohlich, sondern aktivierend. Obwohl durch sie auf Dauer ebenfalls Gefahr droht, nämlich Schwerhörigkeit. Auf viele Fragen zu akustischen Phänomenen gebe es noch keine zufriedenstellenden Antworten, so Fiebig. Die meisten Überempfindlichkeiten auf Geräusche seien vermutlich „gelernt“ und beruhten auf früheren Erfahrungen, so der Forscher.

Wenn alle Geräusche stören

Was also können Menschen mit Hyperakusis tun, wenn sie sich vergeblich nach Stille sehnen, weil schon ein Windhauch an den Nerven zerrt? Sich abzuschotten und mithilfe von Kopfhörern in eine geräuschfreie Umgebung zu fliehen erscheint zunächst als guter Plan. „Doch das ist in vielen Fällen der falsche Weg“, sagt HNO-Ärztin Prof. Anke Lesinski-Schiedat vom Deutschen Hörzentrum der MHH in Hannover. Wirksamer sei gezieltes Hörtraining über mehrere Wochen oder Monate. Dabei setzt man sich erst leisen, dann immer lauter werdenden Geräuschen aus. Das Gehirn könne auf diese Weise lernen, Geräusche neu zu bewerten. Kopfhörer empfiehlt Lesinski-Schiedat den Betroffenen nur dort, wo ohnehin Lärmschutz vorgeschrieben ist.

Auch wenn die meisten Menschen nicht an einer „akustischen Allergie“ leiden: Wie wir Geräusche oder Geräuschlosigkeit wahrnehmen, ist individuell sehr unterschiedlich. „Das hat viel mit unserer inneren Verfassung zu tun“, sagt Psychologin Britta Hölzel. Dabei brauchen wir gerade in stressigen Phasen eine stabile Verbindung zu uns selbst, um die Chancen zu erhöhen, sie psychisch gesund zu überstehen. Wer den Draht zu sich dann in absoluter Stille nicht finden kann, dem hilft möglicherweise ein Hintergrundgeräusch beim Entspannen. Es ist Geschmacksache, ob das leise Musik ist, ein brummender Kühlschrank oder das Quaken von Fröschen. Die Suche nach der Stille ist immer ein persönlicher Weg, bei dem es sich lohnt, auch den ein oder anderen Umweg auszuprobieren.

So verschieden genießen drei Menschen die Stille

Rolf Doppenberg braucht die Stille für seine kreative Arbeit

„Als Jugendlicher in der Schule war ich sehr unruhig. Dann habe ich einen Zen-Meister kennengelernt, der mir gezeigt hat, wie man einfach nur still sitzt. Seit ich Student bin, pflege ich dieses Ritual. In der Morgendämmerung draußen sitzen und die Stille spüren. In der Natur wird sie lebendig. Diese Erfahrung brauche ich täglich für mein Wohlbefinden und auch für meine Arbeit als Schriftsteller.

Rolf Doppenberg pflegt regelmäßig Zen-Rituale.

Rolf Doppenberg pflegt regelmäßig Zen-Rituale.

Ich brauche die Stille. Sie ist Voraussetzung, damit ich Ideen, Wahrnehmungen genau erfassen und mit Worten ausdrücken kann, vor allem wenn ich Lyrik schreibe.“

Anna von Boetticher taucht unter Wasser in die Stille ein

„Beim Apnoetauchen erlebe ich die Stille in mir und die Stille um mich herum. Manchmal suche ich diese bewusst. Ich hänge reglos unter Wasser an einem Seil, schließe die Augen und lasse die Welt fern von mir sein. Dann nehme ich meinen Herzschlag wahr, der immer langsamer wird, nur noch 30 Schläge pro Minute. In den Pausen, die zwei Sekunden dauern können, liegt die vielleicht intensivste Stille, die man in sich erfahren kann.

Anna von Boetticher kann ihren Herzschlag beim Apnoetauchen auf 30 Schläge pro Minute senken.

Anna von Boetticher kann ihren Herzschlag beim Apnoetauchen auf 30 Schläge pro Minute senken.

Dabei ist die Unterwasserwelt gar nicht so leise. Da ist das Knuspern von Fischen, die Korallen fressen, oder das Dröhnen eines Schiffsmotors in der Ferne. Ich höre das Flüstern des Sandes, den leichte Wellen hin und her bewegen, und manchmal, wenn ich Glück habe, die Laute von Delfinen, die irgendwo im Blau auf der Jagd sind.“

Imme de Haen findet die Stille im Schweigen

„Seit 15 Jahren leite ich Schweigewochen auf meinem ‚Hof der Stille‘. Anfangs sind manche Gäste noch unsicher, was auf sie zukommt, wenn sie sich auf das Experiment des Schweigens in der Stille einlassen. In den ersten Tagen herrscht oft ein innerer Aufruhr, ein inneres Lärmen. Nach zwei bis drei Tagen ändert sich das.

Imme de Haen leitet Schweigewochen auf ihrem ‚Hof der Stille‘.

Imme de Haen leitet Schweigewochen auf ihrem ‚Hof der Stille‘.

Und bei der Abreise fühlen sich die Teilnehmenden gestärkt – vom Schweigen und von der Stille. Ich erlebe es ähnlich: Solche Empfindungen sind sonst im Alltag nur selten möglich. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie viel sich in so wenigen Tagen durch die Stille verändern kann.“


Quellen:

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