Frau Professorin Peters, Sie arbeiten als Psychoneuroimmunologin daran, die Vernetzung des Immunsystems mit Psyche und Gehirn zu erforschen. Und, wie sich Stress auf dieses Wechselspiel auswirkt. Wie hängt all das zusammen?

Das Immunsystem darf man nicht isoliert betrachten. Es arbeitet nicht eigenständig, sondern zusammen mit dem Nervensystem und der Psyche – mit einem Ziel: auf den gesamten Organismus aufzupassen. Tritt Stress auf, aktiviert das Gehirn über Stresshormone verschiedene Abläufe im Körper.

Illustration: Gedanken im Kopf

Wie die Psyche das Immunsystem beeinflusst

Seelische Probleme haben Einfluss auf die Abwehr – und umgekehrt. Denn Gehirn und Immunsystem stehen in enger Verbindung

Dann steht meine Psyche, also mein Denken, Handeln und Fühlen, direkt im Zusammenhang mit dem Immunsystem?

Das ist ganz klar der Fall, ja. Wenn es uns psychisch nicht gut geht, schwächt das die Immunabwehr. Wenn wir zum Beispiel im Beruf oder in persönlichen Beziehungen dauerhaft Stress erleben, wird das sensible Zusammenspiel von Gehirn und Immunsystem gestört – in der Folge werden wir schneller krank.

Ich bekomme also schneller einen Schnupfen?

Zum Beispiel, ja. Bei einem der ersten Experimente, wie Stress in die Immunabwehr eingreifen kann, wurden Erkältungsviren genutzt. Probanden, die stärker gestresst waren als andere, erkrankten schneller und hatten heftigere Symptome.

Da kann man jetzt eine ganz schnelle Brücke zu Covid schlagen.

Das kann kann man durchaus. Denn in diesen Experimenten und darauf folgenden Studien wurden erste Corona-Viren, die zu den Erkältungsviren zählen, genutzt.

Gibt es schon entsprechende Studien im Zusammenhang mit SARS-CoV-2?

Leider noch nicht. Im Moment ist man hier noch zu sehr mit anderen Themen beschäftigt. Aber es wäre zumindest sehr plausibel, dass sich Stress auch auf Corona entsprechend negativ auswirkt.

Wie krank kann Stress machen? Spielt er auch bei Krebs eine Rolle?

Diese These war vor nicht allzu langer Zeit in der Forschung tabu. Die ersten Arbeiten, die ich dazu angehen wollte, wurden mir um die Ohren gehauen. Aber ja. Stress kann auch bei Krebserkrankungen eine Rolle spielen. Eine der ersten Studien fand in den Achtzigern statt. Da hat man sich angeschaut, was passiert, wenn man Patienten, denen schwarzer Hautkrebs entfernt wurde, auch mit einer Psychotherapie behandelt: Hat das einen positiven Effekt auf die Immunantwort und erhöht das die Chancen, dass das Melanom nicht noch einmal auftritt? Und genau das war der Fall.

Wie lässt sich das erklären?

Das Immunsystem ist ja zum einen dafür zuständig, Krankheitserreger abzuwehren. Aber es ist zugleich an ganz vielen Aufräumarbeiten im Körper beteiligt - zum Beispiel für Zellen, die abgestorben sind oder aus der Reihe tanzen, also entarten und Tumore bilden. Ein gestresstes Immunsystem hat dafür weniger Ressourcen.

Hat ein gestresstes Immunsystem auch Auswirkungen auf andere Erkrankungen?

Ja, vor allem, wenn es sich um chronischen Stress handelt. Der verursacht einen schlechteren Immunschutz, was das Risiko für Entzündungen erhöht – und damit auch für Autoimmunkrankheiten wie Multiple Sklerose. Hier wissen wir zum Beispiel, dass in einigen Fällen etwa ein halbes Jahr vor den ersten Symptomen ein Dauerstress vorgelegen hat.

Im Video: Wie funktioniert unser Immunsystem?

Wenn man das weiß – was kann man tun, damit es nicht zu Dauerstress kommt?

Das ist eine gute Frage, die an sich leicht zu beantworten, aber nicht so leicht zu lösen ist. Das fängt mit ausgewogener Ernährung und ausreichend Schlaf und Bewegung an. Schwerer wird es schon, überhaupt zu merken, dass man über ein gewisses Maß hinaus gestresst ist – und dann etwas dagegen macht. Hier hilft es, wenn man sich jeden Tag einen Moment einrichtet und über das reflektiert, was in seinem Leben gerade vorbei rauscht, wo zwickt und drückt. Treibt einen gerade ein Thema aus der Arbeit oder der Beziehung um? Selbstwahrnehmung ist der Anfang.

Frau Peters, wie gestresst sind Sie denn gerade – auf einer Skala von eins bis zehn?

Das ist ja allerliebst. Bei der Schmerzskala ist es ja so, dass man ab fünf gerne eine Tablette nehmen würde. Ich würde sagen, dass ich im Moment auf der Stress- skala bei einer sechs bin. Ich habe gerade Covid-19 und arbeite trotzdem von zu Hause aus.

Aber warum machen Sie das, wenn Sie wissen, dass das gar nicht so gut ist?

Weil ich weiß, dass das in meinem Fall jetzt nicht so schlimm ist. Wir brauchen sogar Stress. Zum Beispiel um wach, munter, produktiv und in Kampf- und Überlebenslaune zu sein. Wenn Stress nicht auch Spaß machen würde, würden wir kaum arbeiten wollen.

Also ist Stress an sich auch eine gute Sache?

Ja. Kurzfristiger Stress erhöht sogar die Immunabwehr. Wir sollten jedoch schauen, dass er nicht länger anhält – und entsprechend auf uns achtgeben und gut mit uns umgehen.

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