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Morgen höre ich auf. Zu spielen. Zu trinken. Zu rauchen. Zu hungern. Typische Vorsätze, wenn einen die Sucht im Griff hält. So war es auch bei Anna Willfahrt aus Großweil, die erst mager- und dann sportsüchtig war. Und Thomas Lehmann (Name geändert) aus dem Westen Deutschlands, der jahrelang online zockte – bis zu 16 Stunden täglich.

Warum wird man süchtig?

Egal, welche Sucht: Eines eint die Betroffenen – ihr sogenanntes Belohnungssystem im Gehirn scheint ähnlich programmiert zu sein. Davon gehen Forscherinnen und Forscher zumindest aus – auch wenn die einzelnen Mechanismen noch nicht bis ins Detail erforscht sind.

Dr. Klaus Wölfling ist Psycho­logischer Leiter der Ambulanz für Spielsucht an der Klinik und Poli­klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz. Er erklärt, dass unser Belohnungssystem angeboren ist, aber umprogrammiert werden kann „durch exzessive und langjährige Wiederholung“. Das Gehirn lernt dann sozusagen, dass bestimmte ­Stoffe positive Gefühle hervorrufen, entspannen oder aufputschen. Stoffe wie zum Beispiel Alkohol oder andere Drogen.

Was passiert bei Süchten im Gehirn?

Prof. Dr. Tanja Endrass von der Technischen Universität Dresden erforscht neurobiologische Veränderungen im Gehirn, die im Zusammenhang mit Süchten stehen. Sie erläutert, dass sich das Gehirn zuerst gegen die süchtig machende Substanz wehrt. Es will nämlich gar nicht gedämpft werden. Ein einfaches Beispiel: Wenn unser Körper zu heiß wird, fängt er an zu schwitzen, um die Temperatur zu regulieren. „Genau das Gleiche macht das Gehirn, wenn es ­etwa mit Drogen konfrontiert wird“, so Endrass. Hormone und Botenstoffe steuern dann gegen. Umso heftiger, je öfter und stärker der Konsum. Folglich ist immer mehr Substanz für den gleichen „Kick“ nötig.

Bei stoffungebundenen Abhängigkeiten wie einer Computerspiel- oder Sexsucht geht man davon aus, dass ähnliche Mechanismen im Gehirn eine tragende Rolle spielen. Allerdings sind Verhaltenssüchte laut Endrass schwerer zu erforschen, weil es an passenden Methoden fehlt.

Was wird mit Süchten kompensiert?

Dass alle Süchte den gleichen Kern haben, dafür spricht auch, dass es Betroffenen mit einer Spielsucht mindestens genauso schwerfällt, abstinent zu leben, wie denjenigen, die alko­holabhängig sind. Der spielsüchtige Thomas hat vor acht Monaten das letzte Mal gezockt. Immer noch fällt es ihm schwer durchzuhalten, das Spielen am PC hat sein ganzes Leben bestimmt. „Sogar auf die Toilette gehen oder mal fix ­eine Pizza in den Ofen schieben, hat mich enorm gestresst, weil ich dann kurz vom Spiel lassen musste.“

Thomas meint, es sei eine Art Flucht aus der Realität gewesen. Daneben habe er mit dem Zocken eine innerliche Leere gefüllt und brauchte es zum Abschalten, erst von der Schule und später vom Job. Um abstinent zu bleiben, muss der 32-Jährige immer etwas tun. Dass es schon fast zwanghaft ist, jegliche freie Zeit zu füllen, ist ihm durchaus bewusst. Zweimal pro Woche geht er zur Psychotherapie, um gegenzusteuern und nicht in die nächste Sucht hineinzuschlittern.

Wer ist gefährdet, eine Suchtproblematik zu entwickeln?

Wenn das Belohnungssystem bei allen Menschen angeboren und zunächst gleich programmiert ist, stellt sich die Frage: Sind dann auch alle gleichermaßen gefährdet, einer Sucht zu erliegen? Endrass meint: nein. Jüngst untersuchte sie mit ­einem Team eine große Gruppe von Menschen, die unterschiedliche Substanzen konsumierten, unterschiedlich viele und unterschiedlich häufig. Die Forschenden schauten nach bestimmten Markern im Gehirn, die in Verbindung mit Sucht stehen. Dazu gehört die „inhibitorische (hemmende) Kontrolle“. Diese sagt etwas darüber aus, wie gut man steuern kann, das zu tun, was man tun will. Oder ob man eine Handlung unterbrechen kann, wenn man will. „Wir haben herausgefunden, dass es wahrscheinlicher ist, eine Suchtproblematik zu entwickeln, wenn die inhibitorische Kontrolle vermindert ist“, so die Expertin.

Gibt es eine „Suchtpersönlichkeit“?

Bei allen Gemeinsamkeiten, die die verschiedenen Süchte haben, die Ursachen und Auslöser, die letztlich zur Abhängigkeit führen, sind ganz individuell. Bei Thomas schwangen eine Depression, Zwänge und soziale Phobien mit. Bei der 18-jährigen Anna waren es ein vermindertes Selbstwertgefühl und die sozialen Netzwerke, die ein Körperbild propagieren, das sie ihrer Meinung nach nicht erfüllen konnte. So etwas wie ­eine „Suchtpersönlichkeit“ gibt es also nicht. Aller­dings: Verschiedene Persönlichkeitsmerkmale sind mit ­einem höheren Suchtrisiko verbunden. Ängstlichkeit, Depression, ein negatives Selbstbild, Impulsivität, geringe Frustrationstoleranz und antisoziales Verhalten gehören laut Wölfling dazu: „Dazu kommen aber noch die frühkindliche Prägung und auch eine genetische Veranlagung.“

Wie durchbrechen Betroffene Suchtmechanismen?

Das Problem: Ist man in der Suchtspirale gefangen, muss man sich dessen erst einmal bewusst werden, um dann einen Ausweg finden zu können. Anna merkte recht schnell, dass sie aufhören muss, Kalorien zu zählen und sich Mahlzeiten zu versagen. Dennoch hätte sie den Weg aus der Magersucht nicht allein geschafft: „Ich wusste zwar, dass mein Verhalten nicht gesund ist, aber ohne meine Eltern hätte ich nie eine Beratungsstelle aufgesucht.“ Thomas sah viele Jahre keinen Handlungsbedarf. Obwohl seine Eltern ihm sagten, dass er spielsüchtig sei. Erst während der Corona-Pandemie erkannte er, dass er Hilfe braucht: „Alle haben gejammert, wie eingeschränkt sie sich fühlen. Ich habe das gar nicht gespürt, weil ich ja nur zu Hause war und gespielt habe. Da habe ich mir gedacht, jetzt wird es Zeit, etwas zu ändern.“

Wann ist ein Entzug notwendig?

Die bewusste Entscheidung, den Schalter umzulegen und die Suchtmechanismen zu durchbrechen, sei der erste Schritt, so Wölfling. Das Suchtgedächtnis zu schwächen der zweite. Bei stoffgebundenen Süchten wie Drogen- oder Alkoholabhängigkeit ist zudem ein Entzug in einer Klinik notwendig, manchmal auch bei besonders schwer­-wiegenden Verhaltenssüchten.

Die Therapie besteht dann darin, das Verlangen abzutrainieren, damit das Hirn schließlich die Sucht „verlernt“. Psychologen und Psychologinnen arbeiten einerseits klärungsorientiert. Dafür beleuchten sie mit den Betroffenen die Ursachen und Stationen in der Entwicklung, die zur Abhängigkeit geführt haben. Zum anderen therapieren sie handlungsorientiert. „Dazu gehört auch das Erlernen von Strategien: Wie kann ich mich vom Suchtmittel fernhalten? Oder: Wie muss ich meinen Alltag gestalten, um suchtfrei leben zu können?“, erläutert Wölfling.

Medikamente

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Warum Suchtmittel und Risikosituationen nach dem Entzug meiden?

Thomas Lehmann und Anna Willfahrt haben schon ein ganzes Stück auf dem Weg aus der Sucht geschafft. Die Schülerin klärt mittlerweile sogar andere auf ihrem Instagramkanal auf. Geheilt ist sie aber noch nicht, sagt sie: „Ich hatte ja schon einmal alles gut im Griff. Doch dann hat sich die Sucht verlagert. Ich habe zwar gegessen, aber angefangen, zwanghaft Sport zu treiben. Täglich. Total extrem.“ Dass Betroffene von einer Sucht in ­eine andere Abhängigkeit abdriften, sei keine Seltenheit, so Endrass.

Umso wichtiger sei die „Awareness“, also die Aufmerksamkeit gegenüber der Sucht und auch Suchtmitteln. Das heißt nicht, in ständiger Angst zu leben, man könnte rückfällig werden, sagt Wölfling: „Mehr geht es darum, Dinge oder Risikosituationen zu meiden und zu hinterfragen: Tut mir das gut und was macht das mit mir?“

So lädt sich Thomas kein Spiel auf sein Handy, obwohl er immer nur am PC gezockt hat. Und Anna hat ihre Fitnessuhr entsorgt. Zudem hält sie sich im Internet von Inhalten fern, die sie beeinflussen könnten. Sowohl Thomas als auch Anna sind noch auf der Hut. Aber ihre Hoffnung ist groß, dass sie wieder frei von Sucht leben können.


Quellen:

  • Rauschert C, Möckl J, Seitz N et al.: Konsum psychoaktiver Substanzen in Deutschland, Ergebnisse des Epidemiologischen Suchtsurvey 2021. Online: https://www.aerzteblatt.de/... (Abgerufen am 06.09.2023)
  • Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen: Suchthilfeverzeichnis. Online: https://www.dhs.de/... (Abgerufen am 07.09.2023)
  • Kupferschmidt K: SUCHT – MOTIVATION ZU SCHLECHTEN ZIELEN. Online: https://www.dasgehirn.info/... (Abgerufen am 07.09.2023)
  • Kohlenbach L: DIE NEUROBIOLOGIE DER SUCHT. Online: https://www.dasgehirn.info/... (Abgerufen am 07.09.2023)
  • Heinz A, Kiefer F, Smolka M et al.: Addiction Research Consortium: Losing and regaining control over drug intake (ReCoDe)—From trajectories to mechanisms and interventions. Online: https://onlinelibrary.wiley.com/... (Abgerufen am 07.09.2023)
  • Der Beauftragte des Bundes für Sucht- und Drogenfragen: Suchtstoffe und Suchtformen. Online: https://www.bundesdrogenbeauftragter.de/... (Abgerufen am 07.09.2023)