„Das war geradezu traumatisch!“ Umgangssprachlich verwenden wir diesen Begriff für alle möglichen unangenehmen Situationen des Lebens. Aber was verstehen Sie unter einem Trauma, Herr Saretzki? Sie sind Psychotherapeut an der Trauma-Intensivambulanz am Zentrum für Integrative Psychiatrie in Kiel.

Direkt übersetzt bedeutet der Begriff zunächst einmal „Verletzung, Wunde“. In der Medizin wird damit eine körperliche Verletzung durch Gewalteinwirkung oder einen Unfall bezeichnet. Übertragen auf die psychologische Ebene sprechen wir dann von einer Traumatisierung, wenn jemand mit tatsächlichem oder drohendem Tod, ernsthafter Verletzung oder sexueller Gewalt konfrontiert war und in Folge davon eine anhaltende Belastung erlebt.

Gibt es Ereignisse, die ein besonders hohes Risiko bergen, Beteiligte zu traumatisieren?

Ganz vorne liegt da sexuelle Gewalt, darauf folgen Folter und andere Gewaltverbrechen. Nach sexuellem Missbrauch oder Vergewaltigung ist die Wahrscheinlichkeit, eine Traumafolgestörung wie eine Posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln, sehr hoch. Eher zufällige Ereignisse wie Unfälle oder Naturkatastrophen werden zumeist besser bewältigt und führen seltener zu einer Folgestörung als intentionale Ereignisse wie Überfälle, Kriegserlebnisse oder sexuelle und körperliche Gewalt. Das liegt unter anderem daran, dass letztere viel stärker die eigenen Einstellungen erschüttern (z.B. „ich bin nirgends sicher“, „ich verdiene, dass mir schlechte Dinge passieren“) als etwa, wenn viele Menschen gleichzeitig von Waldbränden oder Überflutungen betroffen sind, ihr Leid teilen und sich miteinander über ihr Erleben austauschen können.

Die Coronapandemie könnte man letztlich auch als Naturkatastrophe ansehen. Tragen schwer Erkrankte oder Menschen, die Angehörige wegen COVID-19 verloren haben, möglicherweise auch ein Trauma davon?

Tatsächlich kann eine schwere Coronaerkrankung der genannten Definition entsprechend einen Auslöser darstellen, wenn Betroffene tatsächlich oder zumindest gefühlt dem Tode nahe sind. Wir sprechen dabei von medizinischen Traumata, die nach lebensgefährlichen Erkrankungen wie einem Herzinfarkt oder medizinischen Eingriffen wie Operationen auftreten können.

Mal unabhängig von der Ursache: Was kann ich tun, wenn ein Familienmitglied oder eine Freundin ein erlebtes Trauma zu bewältigen hat?

Anerkennen, dass die Person etwas Schlimmes erlebt hat und dadurch belastet ist. Traumabedingte Reaktionen wie Gereiztheit nicht auf sich selbst beziehen. Den einen richtigen Weg der Unterstützung gibt es nicht. Aber ganz grundsätzlich ist schon viel geholfen, indem Sie die Bereitschaft signalisieren: Ich will für dich da sein und dir zuhören, wenn du über das Erlebte sprechen möchtest. Dabei geht es nicht darum, etwas zu forcieren: Jetzt erzähl doch mal, es wird dir helfen, darüber zu reden. Man sollte die Wünsche des oder der Betroffenen respektieren.

Und falls Betroffene jedes Gespräch zum Thema ablehnen?

Ist das für den Moment auch völlig in Ordnung. Jeder hat seine eigene Weise, mit einem Trauma umzugehen. Manche lenken sich gezielt dauernd ab, gehen erst einmal in die Vermeidung. Das ist langfristig aus therapeutischer Sicht nicht der richtige Weg, aber als Angehöriger oder Freund hat man nicht die Aufgabe, den anderen zu etwas zu bringen, was er gerade nicht möchte oder auch nicht kann. Konzentrieren Sie sich eher darauf, wie Sie konkrete Hilfestellung im Alltag bieten können, etwa bei Einkaufen, Kinderbetreuung oder anderen organisatorischen Dingen. Denn gerade in den ersten Stunden und Tagen nach einem traumatischen Erlebnis befinden sich Menschen oft in einem Schockzustand, sind nicht in der Lage, normal zu „funktionieren“.

Was raten Sie, wenn man sich sehr unsicher und hilflos im Umgang mit einem traumatisierten Menschen fühlt?

Alles ist besser als sich zu distanzieren. Denn aus der Angst heraus, etwas falsch zu machen oder den Zustand des anderen sogar noch zu verschlimmern, gehen Menschen im Umfeld manchmal auf Abstand, was zu einer unguten Dynamik führt. Man weiß, dass soziale Unterstützung eine entscheidende Rolle bei der Traumabewältigung spielt. Am besten sprechen Sie Ihre Unsicherheit an: Ich möchte dir gerne helfen, weiß aber nicht, wie. Was wünschst du dir von mir, was brauchst du gerade? Es kann sein, dass ein offenes Gespräch zur Entlastung führt oder eine gemeinsame Unternehmung. Manche Betroffenen leiden zusätzlich darunter, wenn sie mit Samthandschuhen angefasst werden.

Angenommen, die betroffene Person möchte über das erlebte Leid sprechen – was, wenn mir die Schilderungen selbst nicht guttun?

Sie sprechen das Konzept der sekundären Traumatisierung an. Berichtet jemand sehr detailliert von einem schrecklichen Erlebnis, entstehen natürlich auch im Kopf des Zuhörers schlimme Bilder, die oft nicht leicht auszuhalten sind. Erlebt man als Begleiter einer traumatisierten Person, dass man sich nicht mehr abgrenzen kann und selbst leidet, sollte man sich selbst Hilfe suchen und die Belastung nicht aus Gründen der Loyalität – „Ich erzähle das nur dir im Vertrauen, du darfst mit niemandem darüber sprechen“ – still ertragen. Die Telefonseelsorge beispielsweise bietet die Möglichkeit einer anonymen Aussprache. Aber auch der oder die Betroffene sollte es respektieren, wenn Sie darum bitten, Ihnen keine weiteren schlimmen Einzelheiten mehr preiszugeben.

Bei Nahestehenden hat man sicher weniger Berührungsängste als bei einem Menschen, den man gerade erst kennengelernt hat und der sich als traumatisiert offenbart. Gelten hier andere Regeln?

Zunächst würde ich es als großen Vertrauensbeweis und als Geschenk ansehen, wenn sich mir jemand öffnet, den ich noch nicht lange kenne. Ich würde auch hier fragen: Möchtest du mir mehr erzählen, ist es in Ordnung, wenn ich nachfrage? Egal, wie eng der Kontakt ist: Jeder Mensch profitiert davon, wenn er Mitgefühl spürt und sieht, dass andere sein Leiden anerkennen und ernst nehmen. Lapidare Bemerkungen wie: „Sei doch froh, dass du überlebt hast, jetzt ist es ja vorbei!“ sind in keinem Fall angebracht und hilfreich. Und auch überbordendes Mitleid - „Oh Gott, das ist ja schrecklich, wie kannst du nur weiterleben?“ - halte ich für fehl am Platz. Besser ist es, Mitgefühl und Zuversicht zu formulieren, etwa „Dir ist wirklich Schlimmes passiert“ und „Ich bin überzeugt, dass du das bewältigen kannst.“

Sie sprachen vorhin bereits vom Posttraumatischen Belastungssyndrom (PTBS) als Traumafolgestörung. Erlebt das nicht jeder Mensch nach einer traumatischen Erfahrung?

Nein, sehr häufig wird ein traumatisches Erlebnis auch ohne therapeutisches Zutun bewältigt. Eine Folgestörung tritt dann auf, wenn dies nicht gelingt – die PTBS ist eine mögliche Folge. Dabei drängen sich Erinnerungen an das Erlebte im Wachzustand oder in Alpträumen immer wieder ungewollt auf, Betroffene versuchen, diese Erinnerungen, bestimmte Aktivitäten und andere Auslöser zu vermeiden, sind eventuell reizbar, übermäßig schreckhaft oder leiden unter Schlaf- und Konzentrationsstörungen. Haben Sie den Verdacht, jemand aus Ihrem Familien- oder Bekanntenkreis könnte unter einer PTBS leiden, dann sollten Sie ihn auf die Möglichkeit psychotherapeutischer Unterstützung aufmerksam machen. Denn je länger die Symptome bestehen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie von alleine verschwinden. Weitere Traumafolgen können beispielsweise Depressionen, Angststörungen oder Substanzmittelmissbrauch sein.

PD Dr. med. Martin Sack

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Möglicherweise ist ein Trauma für Außenstehende manchmal gar nicht nachvollziehbar, Motto: „Viele Menschen im Krieg haben Schlimmeres erlebt und konnten das auch aushalten.“ Wie geht man mit Zweifeln an der Schwere der Erkrankung um?

Indem man sich klar macht: Jeder Mensch hat eine andere psychische Konstitution. Manche sind innerlich gefestigter, können schlimme Erfahrungen leichter bewältigen, andere sind verletzlicher. Hinzu kommt der „Building Block Effect“, Deutsch: Bauklotz-Effekt. Vielleicht gab es in der Vorgeschichte schon viele Ereignisse, die zunächst bewältigt werden konnten – aber irgendwann passiert dann etwas, das den Turm zum Einstürzen bringt. Therapeutisch betrachtet man niemals nur Einzelereignisse, sondern immer den ganzen Menschen mit seiner Biographie.

Hier finden Sie Hilfe

Vielerorts sind Opfer- und Traumaambulanzen eingerichtet, die sich auf die therapeutische Unterstützung nach traumatischen Erlebnissen spezialisiert haben: https://www.bmjv.de/SharedDocs/Downloads/DE/Themen/OpferhilfeUndGewaltpr%C3%A4vention/Opferbeauftragter/Uebersicht_Traumaambulanzen.pdf (Abruf 11/2021)

Vorsicht: Der Begriff „Traumatherapeut/-in“ ist nicht geschützt, bei der Internetrecherche landet man schnell bei selbst ernannten Expertinnen und Experten ohne fachlich fundierte Ausbildung. Kontaktdaten von möglichen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in der Region erhalten Sie bei den jeweiligen Psychotherapeutenkammern der Bundesländer: https://www.bptk.de/service/therapeutensuche/ (Abruf 11/2021)

Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten mit einer Zertifizierung in spezieller Psychotraumatherapie (DeGPT) finden Sie bei der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie: https://datenbank.degpt.de/website/ (Abruf 11/2021)