Schön, dass Sie hier sind. Ich muss jedoch gestehen, dass mir etwas schwummrig ist. Das passiert immer, wenn ich eine Spritze sehe.

Sind Sie schon mal ohnmächtig geworden, als man Ihnen eine Spritze gab? Ja? Vielleicht sollten Sie sich eine andere Interviewpartnerin suchen und eine Therapie beginnen. Spritzenphobie kann lebensgefährlich sein. Etwa, wenn Sie vor Angst nicht in die Arztpraxis gehen oder wichtige Impfungen verpassen.

Erst mal halte ich lieber Abstand – und blicke nicht direkt auf Ihre spitze Nadel.

Ich weiß ja nicht, was Ihnen passiert ist. Vielleicht hat Ihnen in Ihrer Kindheit mal jemand eine Spritze gegeben und war grob dabei. Doch ich habe wirklich die Nadel voll davon, dass am Ende immer wir Spritzen die Bösen sind. Wir sind zarte Geschöpfe. Denkt mal jemand daran, was das mit uns macht?

Entschuldigung. Ich wollte Ihre Gefühle nicht verletzen.

Wäre es Ihnen lieber, dass man jedes Mal ein Blutgefäß anritzt und das Blut heraussprudeln lässt? Dieser Aderlass war bis ins 19. Jahrhundert üblich. Man glaubte, so Krankheiten heilen zu können. Heute nimmt man Blut ab, um darin zu lesen. Es kann nämlich viel darüber erzählen, wie gesund oder krank Sie sind.

Aderlass? Nein, danke. Dann ertrage ich lieber den Piks. Seit wann gibt es Sie überhaupt?

Erste Versuche, Menschen ein Medikament direkt ins Blut zu verabreichen, gab es schon vor fast 400 Jahren. Als Kanülen dienten anfangs unter anderem Federkiele. Schritt für Schritt wurden dann feine Hohlnadeln entwickelt. Unsere Dienste wurden häufiger gebraucht, als man neue Medikamente entdeckte, die man gezielt direkt in den Körper spritzen wollte. Etwa das schmerzlindernde Morphin.

Ihre Aufgabe ist aber nicht spritzen, wenn ich Sie recht verstanden habe. Sie holen etwas heraus, nämlich Blut.

Denken Sie, mir fällt das so leicht? Allein die Vorstellung, wie dieser Saft aus einer frischen Wunde herausquillt. Dick und dunkelrot. Wie oft habe ich mir schon gewünscht, ich wäre als Impfspritze auf die Welt gekommen. Zack – und der Wirkstoff ist im Muskel. Das spüren Sie kaum. Und es blutet auch fast nicht.

Dann sind wir uns ja gar nicht so unähnlich: Ich habe Spritzenangst – und Sie leiden an Hämatophobie. Das heißt: Sie können kein Blut sehen. Wie haben Sie denn die letzte Blutabnahme überstanden?

Ich bereite mich noch immer innerlich auf diese große Aufgabe vor, die wir Einwegspritzen aus Plastik nur ein Mal in unserem Leben verrichten. Die Zeiten, in denen wir aus Silber oder Glas waren und man uns gereinigt und wiederverwendet hat, sind längst vorbei. Alles zu Ihrer Sicherheit. Denn in Blutresten können sich Krankheitserreger verstecken.

Was Sie erzählen, ist doch sehr beruhigend. Ich werde meiner nächsten Spritze sicher gelassener entgegensehen.

Das freut mich. Wenn die Pflicht ruft, werde ich einfach die Augen schließen. Das rate ich Ihnen auch, wenn Sie Angst bekommen. Oder denken Sie einfach an unser interessantes Gespräch.


Quellen:

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