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Wie selbstverständlich ist heute der Besuch in einer Therapiepraxis? Herrscht da dieselbe Offenheit wie im Wartezimmer beim Hausarzt?

Katerina Sokolova-Iğci: Das wäre wünschenswert. Als ich vor über fünf Jahren meine Praxis eröffnet habe, hat eine meiner Kolleginnen zwischen den Sitzungen immer 20 Minuten Puffer eingeplant. Damit sich die Patienten nicht begegnen. Ich war total überrascht und verwundert. Wir als Therapierende sollten doch dazu beitragen, dass die Vorurteile in Bezug auf psychische Erkrankungen abgebaut werden. Wir tun doch nichts Verbotenes.

Ute Karin Höllrigl: Zu Beginn meiner therapeutischen Praxis in den 1980er-Jahren gab es üblicherweise einen Vorhang im Vorzimmer – damit ja niemand wusste, wer in die Psychotherapie geht. Heute arbeite ich mit Menschen, die offen sagen, wie fantastisch Psychotherapie ist. Das ist eine große Veränderung.

Prof. Elisabeth Schramm leitet am Freiburger Universitätsklinikum die Sektion „Psychotherapieforschung in der Psychiatrie“. Die klinische Psychologin ist spezialisiert auf Verhaltenstherapie und interpersonelle Psychotherapieansätze, achtsamkeitsbasierte Verfahren sowie tier- und naturgestützte Therapien bei psychischen Störungen.

Prof. Elisabeth Schramm leitet am Freiburger Universitätsklinikum die Sektion „Psychotherapieforschung in der Psychiatrie“. Die klinische Psychologin ist spezialisiert auf Verhaltenstherapie und interpersonelle Psychotherapieansätze, achtsamkeitsbasierte Verfahren sowie tier- und naturgestützte Therapien bei psychischen Störungen.

Elisabeth Schramm: Psychisch krank zu sein ist immer noch deutlich stigmatisiert. Als ich vor 30 Jahren meine ersten Patienten behandelte, hatte ich es hauptsächlich mit Frauen zu tun. Als Mann suchte man kaum psychotherapeutische Hilfe. Depressionen oder Ängsten wurde eher mal im Selbstbehandlungsversuch mit Alkohol begegnet. Psychotherapie galt für Männer früher als Schwäche. Heute kommen ähnlich viele Männer wie Frauen. Es gibt auch nicht mehr Begriffe wie „Anstalt“ oder, schlimmer noch, „Klapse“.

Klingt nach der richtigen Entwicklung!

Sokolova-Iğci: Patienten trauen sich heute auch immer mehr zu, weil sie in ihrem privaten Umfeld auf mehr Verständnis stoßen. Anders schaut es im Beruf aus. Gerade in großen Firmen erlebe ich psychische Probleme immer noch als großes Tabu. Entsprechend hüten sich Patienten dort vor Offenheit – aus Angst, verspottet und verurteilt zu werden.

Und das, obwohl psychisches Leid stark zugenommen hat – auch wegen der Arbeitsbelastung. Wir brauchen Psychotherapie doch dringender denn je, oder?

Höllrigl: In der Burn-out-Problematik unserer Zeit will der unbewusste Anteil unserer Psyche offensichtlich gehört werden. Wir Menschen tragen einen großen Reichtum an psychischem Potenzial in uns, das wir lange Zeit vernachlässigt haben. Es wird wichtig, dass wir mehr nach innen schauen.

Schramm: Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen haben drastisch zugenommen, vor allem bedingt durch den chronischen Arbeitsstress. Die Inanspruchnahme von Psychotherapie im Allgemeinen ist in den letzten 15 Jahren um 80 Prozent gestiegen.

Gibrt es bei diesem Bedarf denn genug therapeutische Unterstützung?

Sokolova-Iğci: In Deutschland leider nicht. In meiner Praxis sind Wartezeiten bis zu acht Monaten üblich. Bei anderen Kollegen dauert es noch länger. Ich habe nicht ausreichend Kapazität für alle Anfragen. Es ist sehr belastend, Menschen nicht zeitnah helfen zu können.

Schramm: Gerade bei einer Depression! Zwar ist auch die Zahl an Psychotherapierenden stark gestiegen. Aber viele haben nur halbe Sitze, nehmen also nur eine begrenzte Zahl an Patienten auf.

Wie sind Sie selbst überhaupt zur Psychotherapie gekommen?

Sokolova-Iğci: Schon als Jugendliche habe ich mich für den psychotherapeutischen Weg berufen gefühlt. Ich wollte Menschen mit seelischen Leiden helfen. Ich selbst hatte mir im Alter von elf Jahren kompetente Hilfe und Unterstützung bei psychischen Problemen erhofft. Aber die gab es in Lettland damals nicht.

Höllrigl: Du bist berufen und du bist einen harten Weg dafür gegangen. Das braucht es aus meiner Sicht für eine gute Begleiterin.

Also kennen gute Psychotherapierende selbst auch Ängste und Zweifel?

Höllrigl: Sie müssen es, um wirksam für andere sein zu können. Allerdings ist es die Aufgabe, diese Ängste Schritt für Schritt in sich zu verwandeln. Wir sind Verwundete und Heilwerdende.

Schramm: Dazu gibt es aber keine Forschungsdaten! (lacht)

Höllrigl: Ich war immer eine Suchende. Ich habe ja erst mal Jura studiert und wollte mich für Weltfrieden einsetzen. Doch als Juristin musste ich urteilen, verurteilen, strafen. Dabei wollte ich Menschen verstehen und sie durch Krisen begleiten. So kam ich zur Psychologie. Natürlich trug auch ich Wunden in mir, die ich heilen musste. Aber die allein machen keine gute Therapeutin. Entscheidend ist auch die Übereinstimmung mit dem therapeutischen Ansatz. Mein Lehrer C. G. Jung sagte: „Nur, was du an dir selbst veränderst, kannst du an anderen wirksam inspirieren.“

Sokolova-Iğci: Ich empfinde es genauso. Nur was ich selbst erlebt habe, kann ich mit gutem Herzen weitergeben.

Schramm: Bei mir war es eher ein Ausschlussverfahren. Mein Herz hing immer an der Natur und den Tieren. Deshalb wollte ich Tiermedizin studieren. Das wurde aber nix, denn Tiere im Leid sind schwer für mich auszuhalten. Humanmedizin hat mich auch interessiert, aber ich konnte kein Blut sehen. (lacht) Also blieb die Psychologie. Das Zwischenmenschliche hatte mich schon immer angezogen.

Sie arbeiten ja mit sehr unterschiedlichen Ansätzen. Geben Sie uns Einblick?

Höllrigl: Ich berufe mich als Psychoanalytikerin auf Sigmund Freud und C. G. Jung. Beide waren die Ersten, die den Menschen in den Mittelpunkt stellten, nicht den Fall. Ich erfahre die Richtung C. G. Jungs als eine der zeitgemäßesten, denn sie geht vom Hier und Jetzt aus und nur so weit in die Vergangenheit zurück, wie es für die Heilung wesentlich ist. Sie baut mit dem Innen Wege in die Zukunft.

Psychoanalyse

Was ist die Grundidee?
Diese Therapieform geht davon aus, dass viele psychische Probleme auf unbewussten Konflikten, verdrängten Emotionen und frühen Erfahrungen beruhen. Sie basiert auf den Theorien Sigmund Freuds, wurde aber über die Jahre hinweg weiterentwickelt.

Was passiert in der Therapie?
In der therapeutischen Beziehung spielt das Erkennen und Bewusstmachen von verdrängten Gefühlen, Erinnerungen und Beziehungsmustern, die gegenwärtig Krankheitssymptome verursachen, eine zentrale Rolle. Die Analytikerin oder der Analytiker dient dabei als Projektionsfläche für die inneren Konflikte. Ziel der Therapie: unbewusste Konflikte aufzudecken, zu deuten und sie langfristig aufzulösen.

Was sagt die Forschung?
Zur Wirksamkeit der Psychoanalyse gibt es deutlich weniger Studien als zur kognitiven Verhaltenstherapie. Das bedeutet nicht, dass Psychoanalyse nicht wirksam ist. Die Wirksamkeit lässt sich jedoch schlechter in hochwertigen Studiendesigns messen, etwa weil psychoanalytische Verfahren sehr komplex sind und die Therapie sehr lange dauert.

Was kommt auf mich zu?
Eine Psychoanalyse kann sich für Menschen eignen, die unter schweren Depressionen oder Süchten leiden, deren Ursachen möglicherweise in der frühen Kindheit liegen. Oft auf der Couch liegend soll die Patientin oder der Patient völlig frei und unzensiert Gedanken und Gefühle zum Ausdruck bringen. Die Therapie ist langfristig angelegt. Damit der innere Konflikt sichtbar wird, müssen sich Behandelte bis zu mehrere Jahre lang der Psychoanalyse unterziehen – zwei- bis dreimal die Woche oder häufiger.

Katerina Sokolova-Iğci kommt ursprünglich aus Lettland und hat in Konstanz Psychologie studiert. In ihrer Praxis in Friedrichshafen, spezialisiert auf Verhaltens-, Schema- und Gruppentherapie sowie interkulturelle Therapie, behandelt sie viele Patientinnen und Patienten unterschiedlicher Herkunft, insbesondere aus dem deutschen, russischen und türkischen Kulturkreis.

Katerina Sokolova-Iğci kommt ursprünglich aus Lettland und hat in Konstanz Psychologie studiert. In ihrer Praxis in Friedrichshafen, spezialisiert auf Verhaltens-, Schema- und Gruppentherapie sowie interkulturelle Therapie, behandelt sie viele Patientinnen und Patienten unterschiedlicher Herkunft, insbesondere aus dem deutschen, russischen und türkischen Kulturkreis.

Schramm: Mein Schwerpunkt liegt in der Psychotherapieforschung. Wir prüfen in Studien, wie gut verschiedene Methoden wirken und warum sie wirken. In der Klinik arbeite ich vorwiegend verhaltenstherapeutisch. Heute denken wir jedoch nicht mehr so starr wie früher in einzelnen Therapieschulen. Wir kombinieren Elemente aus verschiedenen Richtungen in einer systematischen Weise, um individuell auf Patienten und ihre Bedürfnisse einzugehen. Aber hier ist noch viel Forschung nötig.

Sokolova-Iğci: Auch ich arbeite in meiner Praxis mit Verhaltenstherapie. Ein Ansatz ist hier die Schematherapie. Es geht darum, sich ungünstige Verhaltensmuster bewusst zu machen, die im Laufe des Lebens entstanden sind. Jeder Mensch hat solche Schemata. Manche können zu enormem Leidensdruck führen. In der Therapie werden diese dann aufgedeckt und bearbeitet.

Angenommen, eine Person mit Ängsten kommt zu Ihnen. Was machen Sie?

Sokolova-Iğci: Wenn jemand mit einer akuten Panikstörung zu mir kommt, erkläre ich zunächst, was bei Angst im Körper passiert. Diese Aufklärung ist wichtig. Panikattacken nahmen in letzter Zeit eh enorm zu.

Höllrigl: Also nimmst du die Angst vor der Angst?

Sokolova-Iğci: Das ist das Ziel. Das Verständnis für die Angst ist wichtige Grundlage. Und dann schauen wir gemeinsam, wie die Patientin oder der Patient im Alltag besser mit der Angst umgehen kann. In den meisten Fällen stellen Panikattacken einen Weckruf dar, der auf ein Problem oder Ungleichgewicht im Leben hinweist.

Höllrigl: Wenn jemand unter Ängsten leidet, lasse ich mir oft zunächst einen Traum erzählen. Der Traum ergänzt sinnbezogen unser Bewusstsein und fügt der Angst ein vertrauensvolles Bild zu. Das Unbewusste fordert einen gewissen Kreislauf des Heilens. Ängste sind ja etwas Urmenschliches. Gemeinsam mit dem Patienten versuche ich, den Traum zu verstehen und zu gestalten, bis er für den Behandelten eine neue Erkenntnis eröffnet.

Schramm: Bei Ängsten suche ich die direktere Herangehensweise. Der Lernansatz lautet, dass ich Dinge und Erfahrungen, die ich gelernt habe und die mich belasten, überlernen kann. Jemand, der beispielsweise extreme Angst hat, einen Vortrag zu halten, macht das mit einiger Vorbereitung in der Therapie als Probe.

Eine Art Rollenspiel?

Schramm: Genau. Und das wird auf Video aufgenommen. Dann schaue ich mir das gemeinsam mit dem Patienten an und wir sprechen darüber. War er tatsächlich so errötet, zitternd und verschwitzt wie befürchtet? Oder war es gar nicht so auffällig wie angenommen? Diese Technik lässt sich auf verschiedene Situationen anwenden. Denn sich seinen Ängsten zu stellen, führt dazu, dass die Ängste mit der Zeit abnehmen.

Höllrigl: Die rituelle Übung einer Erkenntnis ist so wichtig.

Dr. Ute Karin Höllrigl studierte zunächst Jura. In den 70er-Jahren startete sie ein Pro-bono-Projekt mit traumatisierten Jugendlichen im Vollzug. Daraus entstand ihr weiteres Studium der Tiefenpsychologie nach C. G. Jung, dessen Ansatz sie bis heute folgt.

Dr. Ute Karin Höllrigl studierte zunächst Jura. In den 70er-Jahren startete sie ein Pro-bono-Projekt mit traumatisierten Jugendlichen im Vollzug. Daraus entstand ihr weiteres Studium der Tiefenpsychologie nach C. G. Jung, dessen Ansatz sie bis heute folgt.

Kann jeder Mensch therapiert werden?

Schramm: Es gibt wenig Einigung darüber, wann ein Mensch therapieresistent, also nicht mit herkömmlichen Methoden therapierbar ist. Ein sehr nihilistischer Begriff. Weil der Patient dann ja wie ein hoffnungsloser Fall gesehen wird. Das stimmt natürlich nicht. Vielmehr stimmt, dass man verschiedene Varianten ausprobieren und auf die individuellen Bedürfnisse und Notwendigkeiten des Patienten eingehen muss.

Liegen tatsächlich 70 Prozent der Wirksamkeit einer Therapie nicht an Schule oder Methode, sondern an der Beziehung zu Therapeutin oder Therapeut?

Höllrigl: Sowohl als auch. Eine große Rolle spielt, ob der Therapeut identisch ist mit seinem Ansatz.

Sokolova-Iğci: Da stimme ich zu, denn ich habe genau diese Erfahrung gemacht. Ich habe auch viele Jahre an mir gearbeitet. Was ich selbst erlebt habe, kann ich an andere weitergeben. In dem Wissen, dass es wirkt. Ich finde die Beziehung zwischen Psychotherapierenden und deren Patientinnen und Patienten ganz entscheidend. Gerade bei solchen mit Persönlichkeitsstörungen, die zuvor schon mehrere Diagnosen hatten und in die Richtung „Therapieresistenz“ gehen. Genau diese Betroffenen brauchen eine authentische und ehrliche Beziehung. Dann können wir Fortschritte machen.

Gibt es eigentlich Patientinnen oder Patienten, die Sie nie vergessen werden?

Schramm: Bei mir sind das mehrere. Die, die zunächst im Kontakt besonders schwierig waren, waren oft die, die am Ende am meisten profitierten. Gerade chronisch Depressive mit frühem Krankheitsbeginn haben oft Verhaltensweisen, mit denen sie andere Therapeuten regelrecht in die Flucht schlagen. Sie kommen nicht zum Termin oder regelmäßig zu spät, sagen aber auch nicht ab oder entschuldigen sich. Oder sie sehen keinen Sinn im Ganzen, obwohl es schon Fortschritte gab. Das ärgert mich auch. Weil es die gemeinsame Arbeit niedermacht. Viele Kolleginnen und Kol­legen geben solche Patienten auf. Aber ich bringe mich mit meiner persönlichen Beziehung ein. Dieser Austausch ist so wertvoll.

Wie machen Sie das?

Schramm: Ich frage die Patienten, was sie glauben, wie es mir dabei geht, wenn sie alles, was wir gemeinsam erarbeitet haben, infrage stellen. Das kam ihnen davor gar nicht in den Sinn, dass ihr Verhalten bei mir persönlich etwas auslöst, das sie gar nicht beabsichtigt haben. Am Ende einer Therapie frage ich immer, was das Wichtigste war. Und da sagte neulich eine Patientin zu mir: dass Sie mich nie aufgegeben haben. Sie haben immer mehr von mir gehalten als ich von mir selbst.

Höllrigl: Ein besonderer Patient, an den ich mich erinnere, war ein 19-jähriger traumatisierter Jugendlicher. Ich durfte ihn einige Jahre begleiten. Er hat in ein neues Leben in Beruf und Familie gefunden. Ein Weg, der mich bis heute besonders berührt.

Sokolova-Iğci: Ich mag eigentlich alle meine Patienten. Und wenn ich merke, dass sich jemand bei mir trotz Persönlichkeitsstörung wohlfühlt und vielleicht zum ersten Mal in eine verlässliche Beziehung geht, ist das einfach tief und faszinierend. Da spüre ich auch die Verantwortung, die ich selbst habe. Vertrauen ist so etwas Zerbrechliches. In der Therapie gibt es ja auch den Begriff der Nachbeelterung.

Nachbeelterung? Was ist das?

Sokolova-Iğci: Ich begegne dem Patienten und seinem inneren Kind. Es geht um Bedürfnisse, die in der Kindheit nicht erfüllt worden sind. Traumatisierungen aufgrund dessen, was in der Kindheit gefehlt hat. Der Mensch wird körperlich erwachsen, aber im Geiste und in der Gefühlswelt bleibt er eben Kind. Wenn er sich öffnet und sich mir als Therapeutin anvertraut, kommen wir gemeinsam an dieses innere Kind. Dann helfen wir diesem Kind, sich weiterzuentwickeln und zu wachsen.

Kann man einen 80-jährigen Menschen genauso nachbeeltern wie einen 20-jährigen?

Höllrigl: Wir sind begabt, bis zu unserem letzten Atemzug Lernende zu sein. Nicht selten geht es um eine Erleichterung von Schuldgefühlen im hohen Alter.

Sokolova-Iğci: Entscheidend ist, ob jemand bereit oder reif ist für Therapie. Dann spielt das Alter keine Rolle.

Schramm: Es gibt ein Zitat von Freud, das besagt, dass der ältere Mensch ab 50 Jahren nicht mehr „erziehbar“ ist. Aber tatsächlich ist es so, dass Menschen bis ins hohe Alter lernfähig sind, wenn sie keine Demenz haben. Wir wissen heute erfreulicherweise auch, dass Psychotherapie bei älteren Menschen genauso wirksam ist wie bei jüngeren. Außerdem ist es schön zu sehen, dass es immer mehr Therapierende gibt, die auch ältere Menschen aufnehmen.

Ist das etwas Ungewöhnliches?

Schramm: Das war früher nur vereinzelt der Fall. Dabei gibt es die höchste Suizidrate bei älteren Männern. Die sollten ganz dringend zu Psychotherapie ermutigt werden. Es gibt sogar spezielle Therapien, die auf ältere Menschen zugeschnitten sind: im Hinblick auf Trauerbewältigung etwa.

Höllrigl: Wir tragen eine Mitte in uns. Werden wir uns ihrer bewusst, erfahren wir in unserem tiefsten Inneren ein Geborgensein. Denn aus dieser Mitte heraus fließen Vertrauen, Hoffnung und Zuversicht auf der einen Seite. Auf der anderen stehen oftmals unsere Ängste und Zweifel. In der Krise wirken Letztere automatisch. Die erhellenden Seiten müssen wir bewusst herholen. Gemeint ist, zu besinnen, was alles da und schon gut gegangen ist. In der persönlichen Verwandlung in der Therapie lösen wir etwas in uns und tragen damit zum Frieden und Weltfrieden bei.

Der Weg zur Psychotherapie

Woran merke ich, dass sich eine Therapie lohnen wird?

Leidet Ihre Lebensqualität? Führen Gedanken und Gefühle dazu, dass Sie Beziehungen, soziale Kontakte oder Ihren Beruf gefährden? Diese Anzeichen sprechen für eine Psychotherapie. Auch der Körper sendet manchmal Signale, die mit psychischen Problemen einhergehen können, etwa ein Tinnitus. Bei traumatischen Ereignissen, etwa einer schweren Krankheit oder einem Unfall, ist es ratsam, sich psychologische Hilfe zu suchen.

Sollte ich zuerst zum Hausarzt?

Sie brauchen keine Überweisung. Da aber auch körperliche Erkrankungen, z. B. an der Schilddrüse, zu psychischen Symptomen führen können, kann ein Termin bei der Hausärztin oder dem Hausarzt im Vorfeld sinnvoll sein.

Wie finde ich einen Therapieplatz?

Vereinbaren Sie einen Termin für eine psychotherapeutische Sprechstunde. Sie können hierfür psychotherapeutische Praxen in Ihrer Nähe direkt kontaktieren oder über die zentrale Terminservicestelle unter der Telefonnummer 116 117 einen Termin vereinbaren. Psychotherapeutische Sprechstunden sind noch kein Therapieplatz. Dort wird geklärt, ob eine Therapie nötig ist.

Wie überbrücke ich die Wartezeit auf einen Therapieplatz?

Sich mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen auszutauschen ist oft unterstützend. Eine erste Anlaufstelle ist etwa das Onlineportal nakos.de. Wer unter sozialen Hemmungen leidet, kann bei Therapeutinnen und Therapeuten nach einem Platz für eine Gruppentherapie fragen. Hier ist es oft leichter, einen Platz zu bekommen. Auch digitale psychotherapeutische Angebote können hilfreich sein.

Was kann ich noch tun?

Versuchen Sie, eine Außenperspektive einzunehmen und zu reflektieren, welche Rollenmuster, Beziehungs- und Lebensentscheidungen zur Entstehung der Probleme beigetragen haben könnten. Hilfreiche Übungen und Tipps finden Sie im Buch des Psychotherapeuten Achim Schubert: „Warten auf die Psychotherapie? Informieren – Entscheiden – Selbsthilfe aktivieren“ (Springer).

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Psychotherapie

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Quellen: