Es ist das größte Minus in der Geschichte der gesetzlichen Krankenversicherung. Nach vorläufigen Berechnungen haben die Kassen im vergangenen Jahr ein Defizit von 5,8 Milliarden Euro angehäuft. Jetzt mehr Geld für bessere psychotherapeutische Versorgung?

Sechs bis neun Monate Wartezeit

Die Forderung psychotherapeutischer Fachgesellschaften mutet angesichts leerer Kassen ein wenig dreist an, zumal Deutschland im Vergleich mit anderen Ländern gut abschneidet. In anderen europäischen Staaten, etwa in Österreich, müssen Patientinnen und Patienten für Psychotherapie häufig hohe Zuzahlungen leisten. Bei uns haben Menschen mit einer diagnostizierten seelischen Erkrankung Anspruch auf Psychotherapie als Kassenleistung. In der Theorie! In der Praxis warten Erwachsene sechs bis neun Monate auf einen Therapieplatz. Sind diese Engpässe in der Versorgung ein Problem, oder jammern wir auf hohem Niveau?

Psychische Krankheiten zählen zu den großen Volkskrankheiten. Jedes Jahr leiden etwa 28 Prozent der Erwachsenen in Deutschland an entsprechenden Beschwerden. Psychotherapie ist bei vielen dieser Diagnosen wie etwa Depressionen oder Zwängen nach aktueller wissenschaftlicher Evidenz in der Regel die am besten wirksame Behandlung. Und psychische Krankheiten sind nicht nur für den Einzelnen belastend, sondern auch eine schwere Bürde für Volkswirtschaft und Sozialsysteme. In Deutschland sind sie der häufigste Grund für Frühverrentungen. Ein OECD-Bericht schätzte die Gesamtkosten durch psychische Erkrankungen in Europa auf jährlich 600 Milliarden Euro.

Psychotherapie lohnt sich – auch finanziell. Studien legen nahe, dass jeder in die psychotherapeutische Versorgung investierte Euro volkswirtschaftliche Einnahmen von zwei Euro und mehr bringt. Auch weil die Behandlung dazu beiträgt, dass Betroffene erwerbstätig sein können. Überspitzt lässt sich sagen: Als Wirtschaftsnation können wir es uns schlicht nicht leisten, Menschen mit seelischen Problemen nicht zu helfen.

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Mehr Kassensitze nötig

Doch genau das erleben wir. Kliniken und Praxen sind am Limit, können oft nur Notfälle behandeln. Die Ursache ist nicht etwa Personalmangel. Psychotherapeutinnen und -therapeuten gibt es genug. Aber zu wenige dürfen ihre Leistungen mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen. Nach einer Studie im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses fehlten 2018 bundesweit etwa 2400 sogenannte Kassensitze für Psychotherapie, um die Bevölkerung adäquat zu versorgen.

Viele Patientinnen und Patienten stehen vor der Wahl: entweder auf eine Therapie verzichten oder die Kosten selbst tragen und in schwierigen Erstattungsverfahren von den Kassen zurückfordern. Bei anderen Krankheiten ist es in Deutschland bisher undenkbar, Betroffenen medizinisch wirksame Therapien vorzuenthalten. Auch bei der Psychotherapie sollten wir das in Zukunft nicht mehr tun. Deshalb muss nicht nur die Anzahl der Kassensitze erhöht werden. Es ist auch dringend notwendig, die Kostenerstattung mit den gesetzlichen Krankenkassen zu vereinfachen.

Katja Töpfer ist Redakteurin im Ressort Neurologie und Psychologie des Wort & Bild Verlags.

Katja Töpfer ist Redakteurin im Ressort Neurologie und Psychologie des Wort & Bild Verlags.

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Quellen:

  • dpa: Gesetzliche Krankenversicherung verbucht Defizit von fast sechs Milliarden Euro. In: Ärzte Blatt 2022, 1: 1
  • DGPPN: Psychische Erkrankungen in Deutschland: Schwerpunkt Versorgung, DGPPN.. DGPPN: https://www.dgppn.de/... (Abgerufen am 27.04.2022)
  • OECD Bericht

  • Nübling, Rüdiger et al: 389Psychotherapeutenjournal 4/2014 Versorgung psychisch kranker Erwachsener in Deutschland, Bedarf und Inanspruchnahme sowie Effektivität und Effizienz von Psychotherapie.. In: Psychotherapeutenjournal 2014, 4: 389