Es könnte ein Sporthotel sein: Mit der großen Turnhalle in einem fünfeckigen Holzpavillon, daran angrenzend das Schwimmbad und der Fitness-Raum. Draußen im großzügigen Freigelände vor wogenden Maisfeldern der Volleyball-Platz. In den Fluren verabreden sich junge Menschen in Sport-Klamotten mit Trinkflaschen: „Bis nachher beim Achtsamkeitstraining, oder?“ Nur sind es keine Urlaubsgäste, sondern Patientinnen und Patienten mit psychischen Krankheiten. Hier, in der Klinik Windach am Ammersee, am Rande eines kleinen bayerischen Dorfes, finden junge Erwachsene spezielle Angebote, um Depressionen oder Ängste und Essstörungen wieder loszuwerden.

„Wir haben die eigenen Gruppen für junge Patienten bereits vor 20 Jahren eingerichtet, weil die Anmeldungen immer mehr wurden“, sagt Chefarzt Götz Berberich. „Und seit Corona explodieren die Zahlen geradezu, unsere Warteliste ist jetzt deutlich länger.“

Die Zahl junger Menschen mit psychischen Problemen steigt

Aber Moment mal: Sind junge Leute nicht diejenigen, die unerschrocken, tatkräftig und voller Optimismus durchs Leben gehen – noch unbeleckt von Krankheit, Sorgen und Verantwortung? Schönes Klischee, aber leider ganz und gar nicht richtig. In einer aktuellen Umfrage gab ein Fünftel der 18- bis 24-Jährigen an, langfristig oder chronisch unter psychischen Beschwerden zu leiden. Unter den Über-55-Jährigen waren das nur noch knapp 15 Prozent.

Das schlägt sich auch in den Zahlen der Krankenkassen nieder: 2,7 Millionen Menschen im Alter zwischen 20 und 29 Jahren bekamen im Jahr 2020 die Diagnose einer psychischen Erkrankung, das sind gut 28 Prozent dieser Altersgruppe; zehn Jahre zuvor waren es noch 24 Prozent.

Liegt diese Steigerung darin begründet, dass die jungen Menschen, aber auch ihre Angehörigen und Ärztinnen und Ärzte sensibler werden, was ihre seelische Verfassung betrifft? Oder steigen tatsächlich die Krankheitszahlen oder die Belastungen? Das weiß man bisher nicht.

Junge Menschen im Dauerkrisenmodus

Die Autoren der Studie „Jugend in Deutschland“ fühlen den 14- bis 29-Jährigen regelmäßig den Umfrage-Puls. Sie stellten fest, dass sich die Jugend in Deutschland seit 20 Jahren im Dauer-Krisenmodus befinde: Finanzkrise, Fukushima, Flüchtlingskrise, Klimawandel, Corona und jetzt Krieg in der Ukraine. In ihrer aktuellsten Erhebung vom März 2022 gaben denn auch nur vier Prozent der Befragten an, sie würden sich gar keine Sorgen machen.

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Jugend in der Dauerkrise?

Erst die Pandemie, jetzt der Ukraine-Krieg: Was macht die Aneinanderreihung von Ausnahmesituationen mit jungen Menschen, wie entwickeln sie sich unter diesen Umständen? Was drei Jugendforscher für den Umgang mit Jugendlichen raten.

Womit wir wieder im grünen Windach am Ammersee wären. Und bei Chefarzt Götz Berberich: „Was die Lockdowns bei den jungen Menschen seelisch angerichtet haben, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen. Da haben wir noch gar keine Vorstellung davon“, schätzt er. Diejenigen, die ein relativ stabiles Leben hatten, seien nämlich meist ganz gut durch die Pandemie gekommen.

Aber als junger Erwachsener habe man diese Stabilität in der Regel noch nicht. Viele müssten aus dem Haus gehen, neue Freunde finden, während alte wegfielen. „Viele Junge sind da wirklich auf der Strecke geblieben, sind extrem vereinsamt, auch weil ihnen so manche der eigentlich erforderlichen Reifungsschritte ihres Alters gefehlt haben.“ Dafür nämlich brauche es Input von außen.

Viel zu bewältigen auf der Schwelle zum Erwachsenwerden

Doch die Wartelisten in Windach und ähnlichen Kliniken sind ja nicht erst seit der Corona-Pandemie lang: An der Schwelle vom Jugendlichen zum Erwachsenen, in der sogenannten Adoleszenz, hat der Mensch eine Menge zu bewältigen in Bezug auf Selbstfindung. Entwicklungsaufgaben nennen die Psychologen das. Die Ablösung vom Elternhaus gehört zum Beispiel dazu, die geschlechtliche Rollenfindung, eine Partnerschaft und eine berufliche Perspektive aufbauen, persönliche Wertvorstellungen entwickeln.

Gleichzeitig gilt es, wichtige Abschlussprüfungen zu bestehen. Zudem brechen manche genetisch veranlagte psychische Krankheiten in dieser Phase oft erstmals aus, während stützende Institutionen wie Schule oder die Familie teilweise wegfallen. Heute, wo alles möglich ist, fehlen vielen dann die Leitplanken, die früher Beruf und weiteren Lebensweg quasi vorbestimmt haben. „Die jungen Menschen wissen: Ich kann überall arbeiten, ich kann alles werden. In dieser Welt noch Halt zu finden, ist für viele ungemein schwer", sagt Götz Berberich.

Antriebslosigkeit, Traurigkeit: Warnzeichen ernst nehmen

Ob es zu schwer ist, erkennen Betroffene und Angehörige oft gar nicht so leicht. Antriebslosigkeit, Traurigkeit und Grübelei kennt schließlich jeder (junge) Mensch von Zeit zu Zeit. „Entscheidend ist zum einen, wie stark der Betroffene darunter leidet und zum anderen die Zeitspanne“ – also wie lange, erklärt Berberich. „Warnzeichen ist auch, wenn der junge Mensch sein Zimmer nicht mehr verlässt, oder wenn er Schule, Ausbildung oder Studium schmeißt.“ Auch ständige Gereiztheit, Aggressionen sowie starke Gewichtsveränderungen können auf eine psychische Erkrankung hinweisen. Wer Gedanken an Selbsttötung hegt, sollte die immer ernst nehmen – und sich sofort professionelle Hilfe suchen.

Wie auch immer sich eine psychische Krise zeigt: Nach vier Wochen müsse der Zustand sich bessern, sonst brauche der Betroffene Hilfe, sagt Berberich. „Das kann zunächst ein gutes Gespräch sein, etwa mit den Eltern, mit Geschwistern oder Freunden. Danach wäre der Hausarzt erster Ansprechpartner.“ Wer schon berufstätig ist und das vielleicht in einem größeren Unternehmen, kann sich teilweise anonym an eine externe Beratung wenden, die die Firma beauftragt hat. Denn auch Arbeitgeber haben inzwischen die Notwendigkeit erkannt, ihre Angestellten seelisch gesund zu halten. Schließlich verursachen psychische Krankheiten mittlerweile mit Abstand die meisten Fälle von Berufsunfähigkeit.

Stress am Arbeitsplatz sorgt für zusätzliche Probleme

Wie viel Anteil hat die heutige Arbeitswelt daran? „Das ist schwer zu quantifizieren“, sagt Jan Dettmers, Professor an der Fernuniversität Hagen für Arbeits- und Organisationspsychologie. „Sicher ist aber, dass wir andere Arbeitsbedingungen haben als noch vor Jahrzehnten, also mehr Dienstleistungsberufe, die emotional sehr belastend sein können, mehr prekäre Jobs, insgesamt weniger Sicherheit. Dazu wird immer mehr unternehmerische Verantwortung bis auf die unterste Hierarchieebene delegiert.“ Das Resultat: Jeder Einzelne solle sich stets Gedanken machen, ob er profitabel genug arbeite, erklärt Dettmers.

Zeitdruck ist ein Risikofaktor am Arbeitsplatz, ebenso wie dauerhafte Unter- oder Überforderung, Konflikte mit Kolleginnen und Kollegen oder Chefs ebenso widersprüchliche Anforderungen (super Qualität liefern, aber in kürzester Zeit!). „Unterschätzen darf man auch nicht die kleinen Stressoren, die ein Unternehmen durch bessere Organisation relativ einfach abstellen könnte, etwa, wenn man ständig beim Arbeiten unterbrochen wird oder Informationen fehlen,“, sagt der Psychologe. Er hat selbst über mehrere Jahre hinweg einen betrieblichen Fragebogen zur Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen entwickelt.

Eine positive Arbeitsatmosphäre schaffen

Was also müssten Chefs tun, um psychische Erkrankungen möglichst zu vermeiden? In einem Punkt ist Dettmers ganz klar: Einen Obstkorb hinstellen und dazu einen Gutschein fürs Fitness-Center und ein paar Yogastunden im Betrieb, reiche jedenfalls nicht. „Das ist sogar manchmal eher ein Feigenblatt, um nichts an den Strukturen ändern zu müssen“, kritisiert er – am Zeitdruck, den Arbeitsunterbrechungen oder den Informationsproblemen zum Beispiel. Arbeitnehmer brauchen laut Dettmers zudem Motivation und Herausforderungen, die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln, Tätigkeiten, bei denen sie eigenständige Entscheidungen treffen können, sowie ausreichend Feedback.

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Natürlich ist jeder auch immer mal wieder mit stressenden Arbeitsbedingungen konfrontiert. So könne der Start eines neuen Jobs sehr, sehr anstrengend sein. Das sei ganz normal. „Entscheidend ist: Habe ich mittelfristig die Perspektive, dass das besser wird? Wie geht es den Kollegen, die schon länger dabei sind?“

Jungen Berufstätigen empfiehlt Dettmers, sich die notwendige Unterstützung von Kollegen und Vorgesetzten zu holen, etwa durch regelmäßiges Feedback. „Immer mehr junge Mitarbeiter fordern das auch ein – und mit Erfolg.“ Der Kampf um gute Arbeitskräfte habe längst begonnen. Die Unternehmen wollten attraktive Jobs schaffen. Sie müssten dies auch.

Vielleicht hilft auch diese Entwicklung langfristig dem ein oder anderen dabei, dass er nicht in einer psychiatrischen Klinik Hilfe suchen muss. Möge sie auch noch so schön gelegen sein.

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Quellen:

  • Swiss Life: Repräsentative Umfrage der Swiss Life: Swiss Life Deutschland/YouGov Deutschland, Online-Befragung von 2.086 Personen im Januar 2022. Online: https://www.swisslife.de/... (Abgerufen am 02.08.2022)
  • Barmer Institut für Gesundheitsforschung : Personen mit ambulant dokumentierten Diagnosen und Diagnosekapiteln. Online: https://www.bifg.de/... (Abgerufen am 02.08.2022)
  • Jugend in Deutschland Trenstudie: Trendstudie: "Jugend in Deutschland - Sommer 2022". Online: https://www.zeit.de/... (Abgerufen am 02.08.2022)