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Unsere Kinder und Jugendlichen wachsen in einer komplexen Weltlage auf, mit Kriegen, Umweltzerstörung, rapiden gesellschaftlichen Veränderungen und technischem Fortschritt mit noch nicht absehbaren Folgen. Deshalb sind die Zukunftsaussichten der jüngeren Generation ungewisser denn je. Auch die Corona-Pandemie hat sie stark belastet.[1]

All diese krisenhafte Situationen können sich auf das kindliche Wohlbefinden und die psychische Gesundheit auswirken. Doch nicht jedes Kind, das psychische Auffälligkeiten zeigt, ist auch gleich krank. „Man muss zwischen einer Reaktion auf eine psychische Belastung und einer psychischen Störung unterscheiden“, sagt Professor Michael Kölch, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Neurologie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter der Universitätsmedizin Rostock.

Was sind Warnzeichen für eine psychische Störung?

Angst, Traurigkeit oder Wut sind normale Gefühle, mit denen Kinder und Jugendliche auf schwierige Situationen reagieren. Gute und schlechte Tage wechseln sich ab, gerade während der Pubertät, wenn sich der Körper verändert und das Kind seine eigene Identität sucht. Sind Heranwachsende jedoch plötzlich dauerhaft gereizt oder traurig – ist die Stimmung also wochenlang schlecht – kann das auf eine psychische Störung hinweisen. „Klagt ein Kind täglich über Kopfschmerzen und kann deshalb nicht zur Schule gehen oder sich nicht konzentrieren, sollte auch das als Warnzeichen angesehen werden“, sagt Dr. Josef Kirchner, Kinder- und Jugendpsychiater in Rösrath. Ebenso, wenn Kinder und Jugendliche regelmäßig stehlen, sich aggressiv gegenüber anderen verhalten, über Monate hinweg in der Schule, zu Hause oder beim Sport die Regeln verletzen.

Darüber hinaus gibt es eine Reihe weiterer möglicher Symptome. Sie reichen von starker innerer Unruhe, Nervosität und rational nicht nachvollziehbaren Ängste über psychosomatische Beschwerden wie zum Beispiel Schmerzen, die nicht durch körperliche Ursachen erklärbar sind, bis hin zu Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Natürlich sollte man auch bei geäußerten Suizidgedanken hellhörig werden.

Häufige Diagnosen

Studien legen nahe, dass etwa 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen innerhalb eines Jahres an einer psychischen Gesundheitsstörung erkranken.[2] Am häufigsten sind Angststörungen, Depressionen, Schwierigkeiten mit der Aufmerksamkeit oder Konzentration, Überaktivität sowie ein gestörtes Sozialverhalten. „Andere Störungsbilder – etwa Autismus oder Essstörungen – sind deutlich seltener“, erklärt Michael Kölch.

An wen können sich Eltern wenden?

In jedem Fall sollten Eltern die Gefühle und Ängste ihrer Kinder ernst nehmen, auch wenn sie irrational erscheinen mögen. „Das Bild bei Kindern ist sehr bunt“, sagt Kinderpsychiater Kirchner. Probleme und Beobachtungen offen mit dem Kind anzusprechen, schaffe Vertrauen.

Darüber hinaus ist es wichtig, frühzeitig Rat zu suchen. Klinikmediziner Kölch empfiehlt, zunächst die Kinderärztin oder den Hausarzt zu kontaktieren. Diese könnten beraten und gegebenenfalls eine Überweisung zu einem Spezialisten veranlassen. Auch Krankenkassen sowie Einrichtungen aus dem Bereich der Erziehungs- und Familienberatung bieten Informationen über Fachpersonal an. In Deutschland gibt es ein verzweigtes regionales psychiatrisches Versorgungssystem mit Kliniken, Institutsambulanzen, Tageskliniken und Facharztpraxen. Auf Kinder- und Jugendliche spezialisierte psychotherapeutische Praxen ergänzen das Angebot.

Obwohl es relativ unkompliziert möglich ist, ein Erstgespräch bei einem niedergelassenen Psychotherapeuten oder eine Psychotherapeutin zu führen, warten Kinder und Jugendliche üblicherweise ein halbes Jahr lang, bis sie mit einer Therapie starten können.[3] Auch in der Klinik käme es trotz ausreichender Klinikbetten häufig zu Wartezeiten, sagt Klinikdirektor Kölch.

Weitere Hilfsangebote

Eine geeignete Anlaufstelle – bei Problemen in Zusammenhang mit der Schule – kann zunächst auch der Schulpsychologische Dienst sein. Dieser berät Eltern sowie Schülerinnen und Schüler selbst. Kostenlose und anonyme Hilfe bietet die „Nummer gegen Kummer“ 0800 – 111 0 550 sowohl für Eltern als auch die Kinder selbst. Online gibt es ebenfalls viele Angebote, zum Beispiel die Seite von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung kindergesundheit-info.de. Dort gibt es Tipps, wie man das seelische Wohlbefinden seiner Kinder steigert oder deren Fähigkeiten fördert, mit Krisen umzugehen.

Hilfe bei akuten Krisen

Bei akuten seelischen Krisen steht außerhalb der Öffnungszeiten der Kliniken und Ambulanzen vielerorts nur der ärztliche Notdienst oder die Polizei zur Verfügung. In manchen Bundesländern gibt es aber spezielle Krisendienste, die sich um psychiatrische Notfälle kümmern. Hier finden Sie eine Übersicht der Krisendienste und Beratungsstellen.

Im Krisenchat können sich alle, die jünger als 25 Jahre alt sind, via Nachrichtendienst von Profis beraten lassen. Eine E-Mail-Beratungen sowie Foren, in denen man sich austauschen kann, bieten der Verein rund um jugendnotmail.de, der Fachverband für Erziehungs-, Familien und Jugendberatung unter jugend.bke-beratung.de sowie die Telefonseelsorge.

Diagnostik und Behandlung

Bevor die Behandlung beginnt, steht in der Regel eine umfassende Diagnostik an, bei der Therapeutinnen und Therapeuten gemeinsam mit dem Kind und den Eltern die aktuelle Situation, Symptome und mögliche Ursachen besprechen. Zusätzlich sind – wo notwendig – etwa körperliche Untersuchungen oder Tests zur motorischen oder emotionalen Entwicklung Bestandteil der Diagnostik.[4]

Im Anschluss daran wird ein individueller Therapieplan erstellt. „Je jünger ein Kind ist, desto stärker werden die Eltern in den Prozess eingebunden“, sagt Kinderpsychiater Josef Kirchner. Schließlich sollten auch ihnen Kompetenzen gegeben werden, um den Nachwuchs unterstützen zu können.

Je nach den individuellen Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten kann eine Behandlung ambulant, teil- oder vollstationär erfolgen. „Eine akute eigene oder eine Fremdgefährdung ist immer ein Kriterium für eine Aufnahme in einer Klinik“, erklärt Kirchner. Eine stationäre Therapie kann zudem notwendig sein, wenn Konflikte in der Familie so gravierend sind, dass andere Familienmitglieder darunter leiden. Oder umgekehrt – die Kinder oder Jugendliche unter den anderen Familienmitgliedern leiden.

Welche Behandlungsform ist die richtige?

Abhängig von der Diagnose und den individuellen Bedürfnissen werden in der Kinder- und Jugendlichentherapie verschiedene Methoden, aber auch Medikamente, eingesetzt. Die eine richtige Behandlungsform gibt es laut Kirchner nicht. „Von Fall zu Fall können verschiedene Behandlungsformen geeignet sein, das muss individuell herausgefunden werden.“ So könne es etwa sein, dass ein Kind, das sich schlecht konzentrieren kann, gemeinsam mit einer Spieltherapeutin daran arbeite, ein ausdauerndes Spiel- und Arbeitsverhalten aufzubauen. Bei einem anderen Termin mit den Eltern würde es mehr um die Konflikte im Familienalltag gehen. „Da übt ein Therapeut dann gezielt mit den Erwachsenen, wie sie problematische Situationen lösen können“, erläutert der Experte.

In der Klinik spielen auch Alltagstrainings eine Rolle. „Die Patienten lernen, ihren Tagesablauf zu strukturieren“, sagt Klinikmediziner Michael Kölch. Das gehe mit festen Aufstehzeiten los, beinhalte aber auch Übungen für eine sinnvolle Freizeitgestaltung.

Wie hoch sind die Erfolgschancen?

Je nach Störungsbild kann die Behandlungsdauer unterschiedlich sein. Krisenaufenthalte in der Klinik sind in der Regel kürzer[5], eine Therapie in einer Praxis kann mehrere Monate dauern. Manche Patientinnen und Patienten leiden auch länger unter den Folgen ihrer Erkrankung. „Es kann sein, dass durch lange Fehlzeiten vor der Behandlung viel Schulstoff verpasst wurde“, sagt Kölch. Wo immer es geht, wird dafür gesorgt, dass Kinder und Jugendliche während der Behandlung keinen Lernstoff verpassen und sobald es möglich ist – auch schon im Krankenhaus in Form einer Klinikschule – wieder am Unterricht teilnehmen.

Menschen, die an einer psychischen Erkrankung leiden, können immer wieder mit Belastungssituationen zu kämpfen haben. Generell gilt aber, dass psychische Störungen gut behandelbar sind. „Man sollte keine Angst vor einer Behandlung haben – ähnlich wie beim Bluthochdruck kann es sein, dass man mit einer psychischen Störung immer mal wieder zum Arzt muss“, erklärt der Experte.

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Quellen:

  • [1] Robert Koch-Institut: Veränderungen der psychischen Gesundheit in der Kinder- und Jugendbevölkerung in Deutschland während der COVID-19- Pandemie, Ergebnisse eines Rapid Reviews. Journal of Health Monitoring: https://www.rki.de/... (Abgerufen am 14.06.2023)
  • [2] Bundespsychotherapeutenkammer: Fast 20 Prozent erkranken an einer psychischen Störung, BPtK-Faktenblatt "Psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen". Online: https://www.bptk.de/... (Abgerufen am 14.06.2023)
  • [3] Deutscher Bundestag: Wartezeiten auf eine Psychotherapie, Studien und Umfragen. Online: https://www.bundestag.de/... (Abgerufen am 14.06.2023)
  • [4] Neurologen und Psychiater im Netz: Begriffserklärung: Fachgebiet Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie . Online: https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/... (Abgerufen am 14.06.2023)
  • [5] Bölt U: Statistische Krankenhausdaten: Grunddaten der Krankenhäuser 2019. Krankenhaus-Report 2022: https://link.springer.com/... (Abgerufen am 14.06.2023)