Schulen zu, Läden zu, so wenig Kontakte wie möglich – wissenschaftlich und medizinisch ist das sicher der richtige Weg. Doch zieht die Bevölkerung da noch mit? Der Preis, den zum Beispiel Gastwirte oder Kinder zahlen, finden sehr viele Menschen mittlerweile zu hoch. Hier kommentieren zwei Redakteure der Apotheken Umschau die verzwickte aktuelle Situation:

Roland Mühlbauer: Warum sofort ein strengerer Lockdown nötig ist

„Wie gerne wäre ich der Meinung: „Der Kampf gegen die Pandemie ist bald gewonnen. Wir können endlich Schritt für Schritt in unser normales Leben zurück.“ Denn natürlich ist die Sehnsucht riesengroß. Freilich sind auch viele meiner Bekannten mit den Nerven am Ende. Und Tag für Tag gehen berufliche Existenzen zugrunde.

 Aber die Wahrheit ist auch: Wir stehen einem neuen, viel aggressiveren und gefährlicheren Feind gegenüber – den ansteckenderen und tödlicheren Corona-Varianten. Die zweite Welle hatte noch die harmlosere Vorgängervariante ausgelöst. Nachdem Mitte Dezember strengere Lockdown-Maßnahmen verhängt wurden, sahen wir ab Januar, wie die Neuinfektionen immer weiter zurückgingen. Aber Mitte Februar kam der Rückgang ins Stocken, obwohl wir uns damals noch nicht grundlegend anders verhielten.

 Was war passiert? Fast unbemerkt haben sich während der zweiten Welle die ansteckenderen Varianten im Land verbreitet. Während die frühere Form tatsächlich zurückgeht, haben die neuen nun prozentual die Oberhand, derzeit machen sie etwa drei Viertel der Fälle aus. Seitdem steigen die Inzidenzen wieder. Und der Trend nimmt noch weiter Fahrt auf. Der R-Wert liegt beständig über 1. Das bedeutet exponentielles Wachstum

 Tag für Tag wird der Gegner also stärker, denn die Neuinfektionen nehmen kontinuierlich zu. Und wir haben noch kein Konzept verwirklicht, dass diese Entwicklung ausbremst.

 Zwar schützen wir mit den Impfungen bereits einen Teil der Risikogruppe. Aber noch längst nicht alle. Erst ca. 8% der Bevölkerung haben eine oder zwei Impfdosen erhalten. Wir sind damit noch himmelweit von einer Herdenimmunität entfernt. Und Bundesgesundheitsminister Spahn schätzt, dass bis zu 40 Prozent der Bevölkerung zur Risikogruppe gehören, die besonders einen schweren Covid-19-Verlauf befürchten muss. 

 Auch die Test-Konzepte sind an vielen Orten bisher nicht ausgereift. Deshalb müssen wir vor dem übermächtigen Gegner jetzt nochmal „die Zugbrücke hochziehen“. 

 Denn machen wir weiter wie bisher, wird laut Robert Koch-Institut (RKI) die dritte Welle riesig: Nach Ostern droht eine bundesweite Inzidenz von 200, eine Woche danach 300, mit immer schnellerem Anstieg. Bei weiteren Lockerungen könnten die Zahlen sogar noch rapider steigen. 

 Und wenn die Zahlen erst einmal so hoch sind, wird es noch viel schwerer, sie wieder zu senken. An eine Kontaktnachverfolgung ist dann kaum mehr zu denken. Vermutlich wären dann extreme Maßnahmen nötig mit völligen Kontaktbeschränkungen, wie es andere Länder gemacht haben. Aber wird sich daran in Deutschland die komplette Bevölkerung halten? 

 Wenn wir also nicht gut aufpassen, stellen wir in den kommenden Wochen eine pandemische Lage her, die wir kaum mehr in den Griff bekommen, die nicht nur viele weitere Leben kostet, sondern auch die übrige Bevölkerung das restliche Jahr extrem viel Freiheit kosten wird. Und dann werden auch die sozialen, psychischen und ökonomischen „Kollateralschäden“ noch gravierender werden. 

 Denn die einzige Alternative zu drakonischen Maßnahmen wäre, dass sich das exponentielle Wachstum der Infektionszahlen fortsetzt, bis unser Gesundheitssystem völlig kollabiert. Triage und unbehandelt erstickende Patienten haben schon Länder wie Italien stark traumatisiert. Auch Menschen, die aufgrund anderer Krankheiten intensivmedizinisch behandelt werden müssten, würden dann möglicherweise keine Behandlung erhalten. Deshalb fordern auch Intensivmediziner einen sofortigen Lockdown.

 Also besser sofort handeln: Jeder, der nicht unbedingt vor Ort arbeiten muss, sollte das Recht haben, zuhause zu arbeiten. Und es sollten keine ungetesteten Schüler auf ungeimpfte Lehrer in ungenügend gelüfteten Räumen treffen - das kann derzeit nicht gut enden. Neben dem privaten Umfeld sind zunehmend Schulen, Kitas und das berufliche Umfeld die Bereiche, in denen die meisten Neuinfektionen auftreten. In Kitas arbeitende Erzieher sind nach Pflegern die Berufsgruppe, die am häufigsten wegen Covid-19 krankgeschrieben wird.

 Was wir uns epidemiologisch gesehen vermutlich eher leisten könnten: Den Unterricht raus aus den Klassenzimmern ins Freie oder in große, gut gelüftete Hallen zu verlegen. Stehen nicht genug Stadthallen, Messezentren und andere Lokalitäten momentan leer? 

 Und um nicht völlig zu vereinsamen, sollten wir vorübergehend möglichst viele Kontakte digital pflegen. Sobald es die Außentemperaturen dann zulassen, die Kontakte nach draußen verlagern, Verwandte und Bekannte mit Abstand im Freien treffen - wenn der eine Teil drinnen am Fenster sitzt und die anderen davor stehen, geht das freilich auch. Mit den richtigen Hygienekonzepten ist dann auch Außengastronomie vorstellbar, Open Air-Theater, Autokino und ähnliches. Bis dahin aber bestellt bitte jeder, der gerne Essen gehen würde, sein Lieblingsgericht in seinem Lieblingsrestaurant und holt es ab oder lässt es sich liefern – Support your locals!“

Wolfram Eberhardt: Lockdown sollte letztes Mittel bleiben

 „Die Zahl der täglichen Covid-19-Infektionen steigt kontinuierlich, auch die Inzidenzwerte erklimmen in manchen Regionen wieder bedrohliche Werte. Da liegt die Antwort wohl auf der Hand: Nur mit einem harten Lockdown scheint beim derzeitigen bummelhaften Impftempo die Pandemie beherrschbar. Die Teilöffnungen waren unvernünftig und kontraproduktiv.

 Aber waren sie das wirklich? Aus Sicht eines Virologen sicherlich. Gesellschaftspolitisch waren sie aber das erste Signal, dass Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsbereichen endlich eine Perspektive geboten werden muss.

Denn nicht nur Menschen, die an Covid-19 erkranken, sehen ihr Leben bedroht.  Einzelhändler, die ihr Geschäft seit Monaten nicht öffnen dürfen, fürchten um ihre Existenz, ebenso Restaurantbesitzer, Hoteliers und ihre Angestellten. Mütter und Väter verzweifeln, wenn sie neben ihrer Berufstätigkeit sich gleichzeitig um ihre homeschoolenden Kinder kümmern müssen. Eine Befragung von 154 Psychiatern und Psychotherapeuten zeigt die Belastungen. 82 Prozent stellten häufiger Angstzustände bei Patienten fest, 79 Prozent diagnostizierten häufiger als zuvor Depressionen. Bei Kindern und Jugendliche führt die dauerhafte Isolation laut Studien zu einem erhöhten Risiko für psychische Auffälligkeiten und psychosomatische Beschwerden. 

 Kein Zweifel: Im harten Lockdown sind die Lasten ungleich verteilt. Wer einen sicheren Job hat und keine Kinder, kann ihn vielleicht sogar zum Selbsterfahrungstrip ummünzen – wie mir Bekannte schon freudig mitteilten. Wer seinem Kind hilflos beim Vereinsamen zusehen muss, eine (geschlossene) Bar, einen (geschlossenen) Schuhladen oder ein (geschlossenes) Kino betreibt, als Künstler arbeitslos dahindümpelt oder sonst seinen Job verliert, zahlt einen hohen Preis.

Denn die versprochenen Hilfen kommen häufig nicht oder sind mit hohen bürokratischen Hürden versehen. Obwohl die Pandemie-Verlierer Tag für Tag mit Stillhalten dafür sorgen, dass es nicht zu weiteren Infektionen kommt, ist der Dank eher spärlich. 

 Dabei verlangen sie nur eine Perspektive. Ein harter Lockdown mit Inzidenz-Zielen, die kaum erreichbar sind, schafft keine. Ein Lockdown mit Teilöffnungen je nach Inzidenzlage und mit einer Notbremse versehen, dagegen schon. Allerdings müssten vernünftige Hygiene- und Teststrategien ihn begleiten. Dass derzeit manche Schulen einfach alle Schüler wieder in enge Klassenräume pfropfen, als gäbe es kein Virus, selbst keine Tests anbieten, sondern stattdessen auf Testzentren verweisen, die weit weg von der Schule sind, ist ein Unding.

Jede Öffnung braucht einen kreativen Ansatz. Warum nicht Schulunterricht in leerstehenden Gemeinderäumen oder Hotels arrangieren, um die gefährliche Enge zu meiden? Warum nicht Tests direkt vor den Schulen anbieten?

 Dass Deutschland kreativ sein kann, beweist die schwäbische Universitätsstadt Tübingen. Seit Monaten sind hier die Inzidenzwerte niedrig. Ein Zufall? Mitnichten. In Modellprojekten wurde schon das schnelle Testen direkt an Schulen erprobt, Senioren können zu Buspreisen ein Ruf-Taxi benützen um den öffentlichen Nahverkehr zu meiden. Umfassende Teststrategien schützen die Bewohner von Pflege- und Altenheimen.

Ein aktueller Modellversuch eröffnet vielleicht weitere neue Perspektiven. An verschiedenen Stellen in der Stadt können sich Menschen derzeit kostenlos testen lassen. Mit dem zertifizierten negativen Schnelltest in der Hand dürfen sie dann Läden, Restaurants und sogar Theater und Kinos besuchen. Sollten die Infektionszahlen dennoch stark ansteigen, wird auch Tübingen die Notbremse ziehen müssen. Der harte Lockdown bleibt immer eine Option, doch er sollte die ultima ratio bleiben.“