Long Covid / Post Covid: Was ist damit gemeint?

Als die Weltgesundheitsorganisation im März 2020 die Covid-19-Pandemie ausrief, wurde sehr schnell klar: Auch aus einem symptomlosen oder leichten Verlauf der Erkrankung können längerfristige Beschwerden resultieren. Es haben sich dafür die Begriffe Long-Covid-Syndrom (kurz: Long Covid) und Post-Covid-Syndrom (kurz Post Covid) etabliert. Bis heute gibt es dafür allerdings keine einhellige, allgemein akzeptierte Definition.

Viele Experten – auch in Deutschland – richten sich nach dem Vorschlag des britischen National Institute for Health and Care Excellence:

  • Long Covid bezeichnet Beschwerden, die wenigstens vier Wochen nach der Infektion bestehen
  • Post Covid bezeichnet Beschwerden, die wenigstens zwölf Wochen nach der Infektion bestehen.

Es geht in beiden Fällen nur um solche Beschwerden, die mit der Infektion ursächlich zusammenhängen.

Die deutsche Leitlinie vom Juli 2021 fasst die beiden Begriffe zu Post-/Long-Covid zusammen.

Sie benennt damit

  • alle Symptome, die aus der akuten Covid-19-Phase oder deren Behandlung fortbestehen
  • alle Symptome, die zu einer neuen gesundheitlichen Einschränkung geführt haben,
  • neue Symptome, die nach dem Ende der akuten Phase aufgetreten sind, aber als Folge der Covid-19-Erkrankung verstanden werden
  • eine bestehende Grunderkrankung, die sich nach der Infektion verschlechtert hat.

Um es einfach zu halten, soll es im Folgenden nur Long Covid heißen.

Welche Beschwerden haben die Patienten?

Die Betroffenen berichten über vielerlei Symptome. Die bislang umfangreichste Analyse dazu vom August 2021 listet 203 Beschwerden in zehn verschiedenen Organen.

Dazu zählen extreme Müdigkeit (Fatigue), Kopfschmerzen, Atemnot, Schwindel, Muskelschwäche, Aufmerksamkeits- und Wortfindungsstörungen, der Verlust von Geschmack und Geruch. Die Intensität der Symptome kann dabei von Tag zu Tag variieren. Die folgende Grafik zählt weitere Beschwerden auf. Dazu einfach den gewünschten Stichpunkt anklicken beziehungsweise antippen:

Verdauungstrakt Herz Lunge Geschlechtsorgane Kopf und Psyche Haut Allgemein

Verdauungstrakt: Unterbauchschmerzen, Übelkeit, Durchfall, Appetitverlust (bei Älteren)

Herz: Brustenge, Brustkorbschmerz, Herzklopfen

Lunge: Kurzatmigkeit, Husten

Geschlechtsorgane: Beim Mann: Hodenschmerzen. Bei der Frau: Veränderungen bei der Menstruation

Kopf und Psyche: Tinnitus, Ohren-, Hals-, Nebenhöhlenund Kopfschmerzen, Schwindel, Verlust des Geschmacks- und Geruchssinns, Störungen des Gedächtnisses, der Konzentration und der Wortfindung, Schlafprobleme, Verwirrtheit (bei Älteren), Verlust des Selbstvertrauens, Ängste, Depressionen, schlechte Laune

Haut: Ausschlag, Haarverlust

Allgemein: Müdigkeit (Fatigue), Fieber, Gelenkschmerzen, Muskelschmerzen, Muskelschwäche, Verlust der Ausdauerleistung, Gefühl von Nadelstichen, taube Gliedmaßen, Blutdruckabfall beim Aufstehen

Und eine akute Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 kann bestehende Vorerkrankungen verschlimmern. Zum Beispiel Herz- und Lungenleiden, Bluthochdruck und Diabetes. Es gibt auch Hinweise, dass die Ansteckung mit dem Virus Autoimmunerkrankungen verursachen oder auslösen kann – so wie viele Infektionen und Erkrankungen. Erforscht wird das zum Beispiel für Typ-1-Diabetes. Hier dazu der Artikel auf unserem Schwesterportal Diabetes Ratgeber.

Welche Vorgänge spielen sich im Körper im Einzelnen ab?

Sicher tragen mehrere Prozesse zu Long Covid bei. Und diese unterscheiden sich von einer Person zur anderen. Dazu zählen der anhaltende Virenbefall, chronische Entzündungen, Autoimmunreaktionen und direkte Gewebeschäden durch das Virus.

Fest steht: SARS-CoV-2 kann viele Organe befallen. Außer der Lunge beispielsweise auch das Herz, die Nieren, das Gehirn, die Bauchspeicheldrüse, die Leber sowie das Nerven- und Gefäßsystem. Und das Virus ist bei einem Teil der Patienten noch Monate nach der Infektion im Körper nachweisbar. Allerdings sind viele dann beschwerdefrei. Es bleibt also offen, inwieweit weiter bestehende Infektionen mit Long-Covid-Symptomen zusammenhängen.

Immerhin sind einige Faktoren bekannt, die das Risiko für Long Covid steigern: Übergewicht, Vorerkrankungen, der schwere Verlauf einer akuten Covid-19-Erkrankung. Frauen trifft es häufiger als Männer, alte Menschen öfter als junge. Und wer eine akute Erkrankung mit mindestens fünf Symptomen hat, trägt ebenfalls ein erhöhtes Risiko, nach vier Wochen noch nicht vollständig genesen zu sein.

Doch es gibt auch Long Covid bei zunächst symptomlosen Infektionen. Typisch ist das für eine extrem seltene Form, die fast ausschließlich Kinder, Jugendliche und junge Erwachsenen trifft. Es handelt sich um eine heftige allgemeine Entzündungsreaktion ein paar Wochen nach der Infektion. Sie trägt den sperrigen Namen Pädiatrisches Inflammatorisches Multiorgan-Syndrom, abgekürzt durch PIMS. Die Betroffenen bekommen hohes Fieber, Hautausschlag und Entzündungen von Organen. Es handelt sich um Notfälle, die im Krankenhaus behandelt werden. Zum Anfang August 2021 sind in Deutschland weniger als 400 Erkrankungen bekannt. Auf der Webseite der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie finden sich die aktuellen Zahlen.

Zu PIMS und Long Covid bei Kindern liefert unser Portal Baby und Familie zusätzliche Informationen.

Wie viele Menschen sind betroffen?

Hierzu gibt es bislang nur grobe Schätzungen. Denn die Studien basieren auf unterschiedlichen Patientengruppen und auch die Beschwerden werden unterschiedlich erfasst. Laut der Weltgesundheitsorganisation könnten zehn Prozent der Infizierten zwölf Wochen nach ihrer Infektion Long Covid haben. Das waren zum jetzigen Zeitpunkt im August 2021 rund 400.000 Menschen allein in Deutschland.

Doch es gibt auch andere Zahlen. Eine Online-Befragung von Patienten in Großbritannien, den USA und Schweden ergab zum Beispiel einen Anteil von 13 Prozent nach vier Wochen und einen von zwei Prozent nach zwölf Wochen.

Und eine große Untersuchung in Deutschland an Erwachsenen zeigte: Knapp sechs Prozent waren vier Wochen nach ihrer SARS-CoV-2-Diagnose krankgeschrieben. Die Studie umfasste Patienten in erwerbsfähigem Alter, die in Hausarztpraxen behandelt wurden.

Bei Kindern und Jugendlichen liegt der Anteil an Long Covid wohl niedriger als bei Erwachsenen. Darauf weist zumindest eine große britische Studie von Ende August hin: Nur vier Prozent hatten vier Wochen nach ihrer Infektion noch Beschwerden. Und nach acht Wochen waren fast alle vollständig genesen.

Bei Menschen mit schweren akuten Covid-19-Verläufen, die im Krankenhaus behandelt werden, ergibt sich ein ernsteres Bild. Die Mehrheit kämpft längerfristig mit den gesundheitlichen Folgen der Erkrankung und auch der Therapie. Das zeigte eine große Studie für die chinesische Stadt Wuhan, wo die Pandemie begann. 76 Prozent hatten ein halbes Jahr nach der Entlassung weiterhin gesundheitliche Probleme wie Müdigkeit, Muskelschwäche, Schlafstörungen und Luftnot. Allerdings wurden die Betroffenen aus dieser Studie direkt aus der Akutklinik nach Hause entlassen, ohne Rehabilitation und spezielle Nachsorge.

Wo gibt es Hilfe?

Wer Beschwerden hat, die mit einer vorausgegangenen SARS-CoV-2-Infektion zusammenhängen könnten, wendet sich in der Regel zunächst an seinen Hausarzt. Eine weitere mögliche erste Anlaufstelle ist eine Praxis, die sogenannte Long-Covid- oder Post-Covid-Sprechstunden durchführt. Doch es gibt nur wenige Angebote. Der Arzt spricht mit seinem Patienten, untersucht ihn körperlich und verschafft sich so einen Überblick über dessen Zustand. Gegebenenfalls führt er auch Laboruntersuchungen durch. Er kann beispielsweise einen Test veranlassen, um eine früher durchgemachte SARS-CoV-2-Infektion nachzuweisen.

Von den Ergebnissen hängt das weitere Vorgehen ab. Manchmal ist es eine gute Option abzuwarten und den weiteren Verlauf zu beobachten. Nicht selten klingen die Beschwerden nach einigen Wochen von selbst ab. Dann ist Durchhaltevermögen und Geduld die beste Therapie.

Doch oft überweist er die Patienten an einen Spezialisten. Je nach Art der Beschwerden zum Beispiel an einem Lungenarzt, einen Herzmediziner, einen Neurologen, einen Psychologen, einen Magen-Darmspezialisten oder einen Hals-Nasen-Ohrenarzt.

Das ärztliche Vorgehen ist dabei individuell sehr verschieden. Die Leitlinien zu Long/Post-Covid machen hierzu nur wenige Empfehlungen. Zum Beispiel zur Abklärung auf das chronische Fatigue-Syndrom. Sie sollte erfolgen, wenn bei einem Patienten unter 60 Jahren schwere Erschöpfung zusammen mit einer verringerten Belastbarkeit, Störungen beim Denken oder der Aufmerksamkeit und Schmerzen auftreten und diese Beschwerden für mehr als sechs Monate bestehen. Und bei Riech- und Geschmacksstörungen empfehlen die Leitlinien den Gang zu einem Hals-Nasen-Ohrenarzt oder einem Neurologen, wenn diese Beschwerden nach drei Monaten noch nicht abgeklungen sind.

Die behandelnden Ärzte haben auch die Möglichkeit, ihre Patienten zu einer sogenannten Long-Covid- oder Post-Covid-Spezialambulanz in einem Krankenhaus zu überweisen. Rund zwei Dutzend Einrichtungen in Deutschland bieten diesen Service an. Es handelt sich dabei vor allem um Universitätskliniken. Diese Spezialambulanzen kommen insbesondere in schweren Fällen infrage und wenn sich die Beschwerden nicht eindeutig einer Fachrichtung zuordnen lassen. Dort überprüfen Spezialisten unterschiedlicher Fachrichtungen, ob Organe beeinträchtigt oder geschädigt sind.

Betroffene, die sich mit anderen austauschen wollen, können sich auch an eine Patientenorganisation wenden. An vielen Orten in Deutschland formieren sich derzeit Selbsthilfegruppen.

Welche Therapien gibt es?

Es gibt keine spezifische Behandlung für Long Covid. Die Therapie ist immer individuell und orientiert sich an den jeweiligen Symptomen. Deshalb sei an dieser Stelle auf unser Informationsangebot für häufige Beschwerden und Krankheitsbilder verwiesen: Extreme Müdigkeit (Fatigue), das chronische Fatigue-Syndrom, Kopfschmerzen, Atemnot, Schwindel, Aufmerksamkeits- und Wortfindungsstörungen, der Verlust des Geschmacks- und Geruchssinns, Depressionen, Ängste und Angststörungen, die erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Stress-Belastung.

Fest steht: Durch eine akute Covid-19-Erkrankung können sich bestehende Vorerkrankungen verschlimmern. Zum Beispiel Herz- und Lungenleiden, Bluthochdruck und Diabetes. Wer also Verschlechterungen seines Zustandes bei sich bemerkt, sollte sich an seinen behandelnden Arzt wenden, damit dieser die Therapien gegebenenfalls anpasst.

Stark betroffene Long-Covid-Patienten sollten eine Rehabilitation erhalten. Patienten, die wegen eines schweren Verlaufs ihrer akuten Erkrankung im Krankenhaus behandelt werden, erhalten in der Regel eine Anschlussheilbehandlung in einer Reha-Klinik. Für Menschen mit einer leichten akuten Covid-19-Erkrankung ist es deutlich schwieriger, deswegen in eine Reha-Einrichtung zu kommen. Sie müssen Ärzte finden, die ihnen bestätigen, dass ihre Beschwerden durch eine SARS-CoV-2 Infektion verursacht wurden. Und dann muss die Reha von dem zuständigen Kostenträger genehmigt werden. Für Erwerbstätige ist das in der Regel die Deutsche Rentenversicherung.

Es gibt unterschiedliche Reha-Angebote. Was für den einzelnen Patienten das Beste ist, richtet sich nach seinen Beschwerden. Es gibt pneumologische, neurologische, psychosomatische und auch interdisziplinäre Rehabilitationen. Sie können vollstationär oder ambulant erfolgen. Einige Rehakliniken bieten auch spezielle Long-Covid-Rehabilitationsprogramme an.

Verschwinden die Beschwerden?

Covid-19 gibt es erst seit Dezember 2019. Deshalb muss diese Frage – wie viele weitere zu Long Covid – vorerst offenbleiben. Zum Beispiel, ob SARS-CoV-2 dauerhafte, spezifische Organschäden verursacht.

Tatsächlich bessern sich viele gesundheitliche Probleme im Laufe der Zeit. Eine österreichische Studie an Patientinnen und Patienten mit schweren Verläufen zeigt, dass sich covidbedingte Gewebeschäden an der Lunge nach 60 bis 100 Tagen oft deutlich zurückbilden. Auch die Fatigue verschwindet nach drei bis sechs Monaten meist von selbst, vor allem bei Jüngeren. Und zu Geschmacks- und Riechstörungen gibt es seit Juni 2021 die erste Ein-Jahres-Bilanz mit ermutigendem Ergebnis: Wer nach einer Infektion nichts mehr schmeckt und riecht, hat eine ausgezeichnete Chance für eine vollständige Genesung. Die Quote liegt bei 96 Prozent.

Dr. Per Otto Schüller

Dr. Per Otto Schüller

Beratender Experte

Dr. med. Per Otto Schüller ist Facharzt für Innere Medizin und Chefarzt der Abteilungen Kardiologie und Pneumologie der MEDIAN Reha-Klinik in Flechtingen (Sachsen-Anhalt)

Wichtiger Hinweis:

Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann eine ärztliche Beratung nicht ersetzen. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir keine individuellen Fragen beantworten.