HIV-Infektion und Aids – kurz erklärt

  • HIV ist ein Virus, das durch infizierte Körperflüssigkeiten übertragen wird. Vor allem bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr kann man sich anstecken.
  • Das Virus befällt Zellen des Abwehrsystems, vermehrt sich dort und beeinträchtigt im Laufe der Zeit das Immunsystem. Ohne geeignete Therapie wird die oder der Infizierte anfälliger für zahlreiche Infektionserkrankungen durch Viren, Bakterien und Pilze, die bei gesunden Menschen normalerweise harmlos verlaufen.
  • Dominiert HIV, kommt es zu charakteristischen, ausgeprägten Erkrankungen, die sich oft über längere Zeit hinziehen. Lässt sich das HIV nachweisen und liegt mindestens eine dieser Erkrankungen vor, spricht man von Aids.
  • Eine HIV-Infektion lässt sich nicht heilen, aber - frühzeitig entdeckt - mit Kombinationen aus modernen Medikamenten recht gut kontrollieren, so dass ein weitgehend normales Leben mit normaler Lebenserwartung möglich ist.

Was HIV im Körper macht und wie daraus Aids entstehen kann

Das sogenannte humane Immundefizienzvirus, kurz HIV, befällt bevorzugt bestimmte Zellen des Abwehrsystems: sie heißen CD4-T-Zellen. Das Virus baut sein Erbgut in die CD4-T-Zellen ein und lässt so von den Zellen neue Viren produzieren. Anfangs, in den Stadien 1 und 2 (siehe unten), kann sich das Immunsystem noch ein Stück weit wehren gegen das HI-Virus.

Im Laufe der Zeit aber nimmt HIV überhand und schädigt die CD4-T-Zellen nachhaltig. Die CD4-T-Zellen nehmen eine zentrale Rolle in der Verteidigung des Körpers gegen eindringende Mikroorganismen ein. Sind sie nicht mehr ausreichend zur Stelle, können schon kleine, für einen gesunden Körper eigentlich harmlose Infektionen schnell lebensbedrohlich werden und erheblichen Schaden anrichten. Dominiert das HI-Virus, kommt es zu Stadium 3, auch Aids genannt. Es ist gekennzeichnet durch das Auftreten einiger typischer Folgeerkrankungen (siehe unten). Aids ist die Abkürzung für den englischen Begriff „Acquired immune deficiency syndrome“, zu deutsch: „erworbenes Immunschwächesyndrom“.

Risikofaktoren und Häufigkeit

HIV wird durch infizierte Körperflüssigkeiten übertragen, darunter etwa Blut, Sperma, Darm- oder Vaginalsekret. Entsprechend kann es sexuell beim ungeschützten Geschlechtsverkehr übertragen werden, aber auch über das Blut, etwa beim gemeinsamen Verwenden von Spritzbestecken im Rahmen von Drogengebrauch. Auch eine erkrankte Mutter kann ihr Kind bei der Geburt mit HIV infizieren. Mit einer optimalen Therapie lässt sich das Risiko für das Baby allerdings deutlich senken. Ungeschützter Geschlechtsverkehr stellt weltweit den größten Risikofaktor für eine HIV-Infektion dar.

Für eine Übertragung muss eine gewisse Menge von HI-Viren über Schleimhäute oder offene Wunden in den Körper gelangen. In vielen Alltagssituationen besteht deshalb kein Ansteckungsrisiko. Weiterführende Informationen dazu gibt es beispielsweise auf der Seite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): HIV-Risiken und Nicht-Risiken.

In Deutschland leben etwa 90.000 HIV-Infizierte, jedes Jahr kommt es hierzulande ungefähr zu 2.500 Neuinfektionen, weltweit stecken sich jährlich 1,8 Millionen Menschen an. 2019 gab es in Deutschland das erste Mal seit langer Zeit einen Rückgang der Neuinfektionen – 2020 einen weiteren Rückgang. In diesem Jahr lag die Zahl der Neuinfektionen nur noch bei etwa 2.000. Im Jahr 2020 könnte der Rückgang durch die Coronavirus-Pandemie bedingt worden sein – im Jahr zuvor müssen es andere Einflussfaktoren gewesen sein. Professor Jürgen Rockstroh, Leiter der Ambulanz für Infektiologie und Immunologie der Medizinischen Klinik I des Universitätsklinikums Bonn, vermutet die zahlreichen neuen Behandlungsoptionen und einen früheren Behandlungsbeginn als Hauptursachen: „Die modernen Aids-Medikamente unterdrücken das Virus meist derart wirksam, dass es nicht mehr nachgewiesen und nicht mehr weitergegeben werden kann.“ Im englischen heißt es auch „Undetectable equals untransmittable“, zu deutsch: Wenn das Virus wegen der wirksamen Therapie nicht mehr nachgewiesen werden kann, ist man in der Regel auch nicht ansteckend.

Hinzu kommt die Tatsache, dass eine HIV-Infektion oft früher erkannt wird – auch weil es beispielsweise in Deutschland seit Kurzem einen Selbsttest gibt, den man ohne Rezept kaufen kann. „Das senkt die Schwelle, sich testen zu lassen – und steigert damit die Rate derjenigen, bei denen die Erkrankung in einem frühen Stadium bereits entdeckt wird“, sagt Rockstroh.

Die drei Stadien von HIV / Aids

Man unterteilt die Entwicklung von der HIV-Infektion bis hin zur Aids-Erkrankung in drei Stadien.

Stadium 1: Etwa zwei bis drei Wochen, nachdem das HI-Virus in den Körper eingedrungen ist, kommt es zu grippeähnlichen Symptomen. Das HI-Virus vermehrt sich stark, das Immunsystem ist in diesem Anfangsstadium aber noch kaum eingeschränkt. Das erste Stadium dauert in der Regel nur ein bis zwei Wochen.

Stadium 2, auch Latenzphase genannt: Nach der akuten Phase folgt meistens eine symptomfreie oder symptomarme Phase. Weil das Immunsystem das HIV bekämpft, entsteht eine Art Gleichgewicht zwischen Virusmehrung und Virusabwehr. Dieses Gleichgewicht hält sich meistens über mehrere Jahre. Im Laufe der Zeit aber beeinträchtigt HIV das Immunsystem, und es kommt doch zu verschiedenen Symptomen und Beschwerden (siehe unten). Die Dauer der Latenzphase ist individuell sehr unterschiedlich, sie kann wenige Monate bis mehrere Jahrzehnte dauern.

Stadium 3: Das Stadium 3 wird auch als Aids bezeichnet, das Immunsystem ist jetzt stark geschwächt. Es kommt zu Erkrankungen, die für Aids typisch sind, sie können entweder direkt durch das Virus oder durch die durch HIV herbeigeführte Immunschwäche bedingt sein.

Symptome und Krankheitszeichen einer HIV-Infektion im Stadium 1 und 2

Je nachdem, in welchem Stadium die HIV-Infektion sich gerade befindet, führt sie zu unterschiedlichen Beschwerden und Symptomen.

In Stadium 1 kann es unter anderem zu Fieber, Durchfall, einem Ausschlag am Rumpf und Schluckbeschwerden kommen.

In Stadium 2 kommt es zu sehr unterschiedlichen Symptomen, die meist kommen und gehen und sich abwechseln mit beschwerdefreien Phasen, wobei im Laufe der Zeit die Krankheitszeichen eher zunehmen.

Zu den möglichen Symptomen in Stadium 2 zählen allgemeine Krankheitszeichen wie:

  • Ein allgemeines Krankheitsgefühl, Gewichtsverlust
  • Länger andauernder Durchfall
  • Länger andauernde Lymphknotenschwellungen
  • Wiederholt Entzündungen am Körper, insbesondere in der Mundschleimhaut und Harnblasenentzündungen

Hinzu können in Stadium 2 folgende Symptome kommen, die vor allem in Kombination eher speziell auf eine HIV-Infektion hindeuten:

  • Nierenfunktionsstörungen und -krankheiten
  • Nervenschädigungen, die zu Missempfindungen führen
  • Stark veränderte Blutwerte, darunter ein Mangel an Blutplättchen, an roten Blutkörperchen und an Immunzellen
  • Zahlreiche Infektionen, die bei Gesunden tendenziell eher gar nicht auftreten oder unbemerkt verlaufen, darunter Pilzbefall der Mundschleimhaut, Gürtelrose, Dellwarzen (auch als Molluscum contagiosum bekannt)
  • Diverse Zellveränderungen und Neubildungen, die manchmal Vorstufen zu Tumoren sein können, darunter nicht-abstreifbare weißliche Beläge am seitlichen Zungenrand (auch als orale Haarleukoplakie bekannt), Wucherungen in der Gebärmutter und im Analbereich, tumorartige, feste Schwellungen in den Lymphknoten.

Symptome und Krankheiten bei Aids (Stadium 3 einer HIV-Infektion)

In Stadium 3 kommt es zu weiteren Erkrankungen, die auch als Aids-definierende Erkrankungen bezeichnet werden, wenn sie in Kombination mit einer erniedrigten CD4-T-Zellzahl auftreten.

„Grundsätzlich sind das unter anderem meist Infektionen, die bei einem gesunden Immunsystem gar nicht erst zu einer Erkrankung führen und oft unbemerkt verlaufen“, sagt Rockstroh.

Menschen mit Aids leiden also wiederholt unter Entzündungen und Infektionen, weil ihr Immunsystem sehr schwach geworden ist. Auch krebsähnliche Neubildungen können vorkommen, die sonst von einem gesunden Immunsystem verhindert würden. Und das HIV selbst kann auch bestimmte Infektionen hervorrufen, darunter etwa die sogenannte HIV-Enzephalopathie.

Es gibt derzeit mehr als zwei Dutzend solcher Aids-definierender Erkrankungen, von denen oft mehrere gleichzeitig auftreten oder vorhanden sind:

  • Eine durch einen Pilz namens Pneumocystis jirovecii ausgelöste Lungenentzündung (Pneumonie). Sie ist die häufigste Erkrankung bei Aids und bei 45 Prozent der Aids-Diagnosen bereits vorhanden. Symptome sind Atemnot und schnelles Atmen, trockener Husten und Fieber, manchmal kommen bestimmte Auffälligkeiten in den Blutwerten (erhöhtes LDL) vor. Im späteren Verlauf lässt sich die Lungenentzündung auch im Röntgenbild erkennen.
  • Ein Pilzbefall der Speiseröhre, ein Pilzbefall der Bronchien, der Luftröhre oder der Lunge. Solche inneren Pilzinfektionen gehen oft mit Schmerzen und Schluckbeschwerden einher.
  • Infektionen mit dem sogenannten Zytomegalievirus (CMV), bei der nicht nur Atemnot, Husten, Fieber und Lungenentzündungen auftreten können, sondern auch andere Organe befallen sein können, häufig auch die Netzhaut, so dass es zu einem vorübergehenden Verlust der Sehfähigkeit kommen kann. Der Arzt kann eine CMV-Infektion mit Blutuntersuchungen nachweisen.
  • Infektionen des Gehirns mit bestimmten Erregern namens Toxoplasmen, man spricht dann von einer zerebralen Toxoplasmose. Im Rahmen der Infektion kann es zu Sprachproblemen, Lähmungen und Missempfindungen oder Taubheit an verschiedenen Körperregionenkommen. Die Infektion lässt sich in bildgebenden Verfahren nachweisen.
  • Infektionserkrankungen außerhalb der Lunge mit den Hefepilzen Cryptococcus neoformans oder C. gattii. Je nachdem, wo die Infektion auftritt, kommt es zu unterschiedlichen Symptomen.
  • Länger als ein Monat anhaltende Darminfektionen mit den Parasiten Kokzidien oder mit Isosporiasis, beide können sich durch Bauchkrämpfe und Durchfälle äußern.
  • Ein Befall mit dem Pilz Histoplasma capsulatum außerhalb der Lunge
  • Herpes-Infektionen, bei denen über eine Dauer von länger als einem Monat schmerzhafte, mit Flüssigkeit gefüllte Bläschen auf der Haut, am Mund oder auf den Lippen auftreten.
  • Im fortgeschrittenen Aids-Stadium kann es auch zu einer sogenannten HIV-Enzephalopathie kommen. Das ist eine durch das Virus ausgelöste Gehirnerkrankung, die mit Konzentrationsstörungen und Beeinträchtigung der Koordination der Bewegungen sowie Vergesslichkeit einhergeht.
  • Wiederkehrende Salmonellen-Infektionen, die jeweils einen schweren Verlauf haben, bei dem die Erreger in den Blutkreislauf gelangen (Septikämie), was mit einem schweren Krankheitsgefühl einhergeht.
  • Eine Infektion des Gehirns mit dem sogenannten JC-Virus, die ähnliche Symptome wie eine HIV-Enzephalopathie (siehe oben) hervorrufen kann.
  • Tuberkulose und Infektionen mit sogenannten Mykobakterien außerhalb der Lunge, die unter anderem mit Fieber und Gewichtsverlust einhergehen.
  • Verschiedene bösartige Neubildungen. Darunter das sogenannte Kaposi-Sarkom, ein bösartiger, durch Herpesviren (HHV8) hervorgerufener Tumor, der auf der Haut auftritt und durch Flecken und Knoten auf der Haut gekennzeichnet ist. Auch sogenannte Non-Hodgkin-Lymphome kommen vor, das sind bösartige Erkrankungen des lymphatischen Systems.

Diagnose

Wer weiß, wonach er sucht, findet es eher. Das gilt für viele Krankheiten, auch für eine HIV-Infektion und Aids. „Leider ist das Thema HIV und Aids bei vielen Hausärzten aber immer noch nicht wirklich präsent. Bei Auftreten bestimmter Erkrankungen, die auf eine Immunschwäche hinweisen, wie Gürtelrose oder orale Pilzerkrankungen sollten die Kollegen noch früher daran denken, einen HIV-Test zu machen. Wachsame Patienten können das Thema auch selbst beim Hausarzt ansprechen, insbesondere, wenn es gleichgeschlechtliche Kontakte oder intravenösen Drogengebrauch gab“, sagt Professor Jürgen Rockstroh aus Bonn.

Bei Verdacht auf HIV kann das Virus recht unkompliziert in einem sogenannten zweistufigen HIV-Test nachgewiesen werden. Dabei werden zunächst zwei Blutproben entnommen und im Labor ein erster Test gemacht. Ist dieser positiv, bedeutet das noch nicht, dass man eine HIV-Infektion hat. Es braucht dann einen weiteren Test, um die Diagnose tatsächlich zu stellen. In der Regel lässt sich HIV erst ungefähr zwei bis drei Wochen nach der Ansteckung mit einem Test nachweisen. Je nach Art des Tests kann es einige Wochen bis zu drei Monate dauern, bis eine HIV-Infektion sicher ausgeschlossen werden kann. Anonyme Tests sind im Gesundheitsamt oder in Aids-Beratungsstellen möglich. Über verschiedene Testmöglichkeiten und Testverfahren informiert zum Beispiel die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) unter https://www.liebesleben.de/fuer-alle/hiv-aids/hiv-test/ .

Mittlerweile gibt es auch Selbsttests, die man ohne Arzt durchführen kann. Bei einem positiven Ergebnis gilt jedoch ähnlich wie beim zweistufigen Test: Das ist noch kein HIV-Nachweis. Man sollte sich in einem solchen Fall an eine Ärztin oder einen Arzt wenden, so dass mit weiteren Untersuchungen die Diagnose HIV-Infektion gestellt oder ausgeschlossen werden kann. Wichtige Hinweise zur Anwendung von Selbsttests liefert das Paul-Ehrlich-Institut.

Die Diagnose HIV-Infektion ist für viele Betroffene zunächst ein Schock. Doch Professor Jürgen Rockstroh kann beruhigen: „Man sollte sich klarmachen: Mit HIV kann man heute durch die guten Therapien in den meisten Fällen eine normale Lebenserwartung erreichen.“ In der Regel wird nach der Diagnosestellung zügig eine Behandlung eingeleitet (siehe unten). Je früher eine HIV-Infektion bekannt ist, desto eher und oft auch besser kann sie behandelt werden.

Am Anfang geben die Anzahl der CD4-T-Zellen und die Menge an nachgewiesenen Viren (Viruslast) Hinweise darauf, in welchem Stadium man sich gerade befindet. Später lässt sich anhand dieser beiden Kennzahlen ablesen, wie erfolgreich die Behandlung ist und ob man noch infektiös ist. Solange keine Viren nachgewiesen werden, ist man in der Regel auch nicht mehr infektiös.

Behandlung und Vorbeugung

Bei der HIV- und Aids-Therapie hat es in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte gegeben. Zwar lässt sich HIV mit den zur Verfügung stehenden Medikamenten nicht heilen, aber es lässt sich unter Kontrolle halten. War die Erkrankung Anfang der 1990er Jahre oft noch ein Todesurteil, ist heute mit einer HIV-Infektion ein normales Leben mit einer weitgehend normalen Lebenserwartung möglich.

Anfangs wird eine HIV-Infektion in der Regel mit einer Kombination aus drei sogenannten antiretroviralen Medikamenten behandelt, man bezeichnet diese Kombination auch als cART (aus dem Englischen: combined Anti-Retroviral-Therapy). Es gibt diverse zur Verfügung stehende Kombinationen, sie alle haben die gleichen, entscheidenden Wirkungen. Sie hemmen die Virusvermehrung, so dass sich HIV nicht ausbreiten kann. Das ermöglicht dem Immunsystem, sich zu erholen und wieder besser seine Arbeit zu machen – man wird weniger anfällig gegenüber Infektionserkrankungen. Mit den aktuellen cART wird das Virus derart unterdrückt, dass man als HIV-Infizierter unter Therapie meist nicht mehr ansteckend ist.

Die Medikamenten-Kombinationen sind mittlerweile meist in einer Tablette erhältlich, je nach Kombination nimmt man sein Leben lang ein bis drei dieser Tabletten täglich ein – und hält so das Virus unter Kontrolle.

Die Medikamentenkombinationen können verschiedene Nebenwirkungen haben. Am Anfang, wenn mit der Einnahme begonnen wird, kommt es häufig zu Appetitlosigkeit, Völlegefühl, Durchfall oder Verstopfung, Schwindel und Schlafstörungen. Im Laufe der Einnahme über Monate und Jahre kann es zu anderen Nebenwirkungen kommen, darunter Stoffwechselstörungen wie Diabetes oder hohe Blutfettwerte.

Im Laufe der Zeit – besonders bei einer nicht konsequenten Einnahme, wenn also die Tabletten öfter vergessen werden – kann es auch passieren, dass das Virus sogenannte Resistenzen entwickelt gegen die Medikamente. Das heißt, die Tabletten wirken weniger. Dann muss auf eine andere Medikamentenkombination umgestiegen werden.

Obwohl die Medikamente bereits sehr wirksam sind, ist die medizinische Forschung derzeit bei der Suche und dem Entwickeln neuer Behandlungsoptionen weiterhin aktiv. „Es gibt zurzeit vor allem zwei Bereiche, in denen an einer Verbesserung der Behandlung gearbeitet wird: Erstens versucht man, die Einnahmehäufigkeit zu senken. Und zweitens versucht man, eine noch bessere Wirkung bei noch weniger Nebenwirkungen zu erzielen“, sagt Professor Frank Kirchhoff, Leiter des Instituts für Molekulare Virologie am Universitätsklinikum Ulm, er forscht unter anderem an HIV- und Aids-Therapien.

Bei der Einnahmehäufigkeit gab es in den letzten Jahren bereits einige Fortschritte. Mussten früher noch mehrmals am Tag jeweils sechs, sieben Tabletten geschluckt werden, gibt es heute die Kombinationen in einer Tablette. „Hier kann die Behandlung mit Breit neutralisierenden Antikörpern gegen das Hüllprotein des Virus weitere Fortschritte bringen. Diese müssen nur alle paar Wochen oder Monate gegeben werden“, sagt Kirchhof.

Ein großes Problem war lange auch das Entstehen von Resistenzen. Wenn das Virus nicht genügend unterdrückt wird, kann es Mutationen entwickeln, die es gegen die Medikamente resistenter machen. Aktuell hat man die Resistenzen einigermaßen im Griff, indem man auf sehr robuste Mittel setzt, die das Virus derart einschränken, dass es kaum Chancen hat, viele neue Mutationen auszubilden.

Zusätzlich stehen neue Mittel kurz vor der Zulassung, bei denen weniger Probleme mit Resistenzen zu befürchten sein sollen. „Sogenannte Kapsid-Inhibitoren greifen die Viruskapsel an. Diese verändert sich normalerweise wenig, daher ist auch das Risiko der Entwicklung von Resistenzen möglicherweise reduziert“, sagt Kirchhoff. GS6207 ist ein solches Medikament, das sich gerade im Zulassungsverfahren befindet. Es hat auch noch einen weiteren potenziellen Vorteil: Es muss nur alle paar Monate injiziert werden. „Manche Patienten haben Schwierigkeiten, jeden Tag Tabletten zu schlucken, sei es, weil sie nicht so organisiert sind, dass sie es regelmäßig einnehmen können, sei es, weil das Schlucken an sich für sie extrem unangenehm ist.“ Bei GS6207 wird auch diskutiert, ob es sich auch vorbeugend bei gesunden, uninfizierten Menschen eignet, die aber einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind, sich mit HIV anzustecken. Inwieweit dies empfehlenswert ist, wird sich im Rahmen der Zulassung zeigen.

Aktuell ist als Vorbeugung gegen eine HIV-Infektion vor allem folgendes anzuraten: Wenn man nicht mit dem festen Partner oder der festen Partnerin Geschlechtsverkehr hat, sollte unbedingt ein Kondom verwendet werden.

Besteht ein deutlich erhöhtes Risiko für eine HIV-Infektion, können Tabletten verschrieben werden, die eine Ansteckung mit HIV verhindern sollen. Diese sogenannte Prä-Expositions-Prophylaxe, kurz PrEP, ist mit einer regelmäßigen Medikamenteneinnahme verbunden. Sie kommt beispielsweise infrage für Partner und Partnerinnen von Menschen mit HIV, bei denen die Therapie nicht richtig wirkt oder noch nicht seit mindestens sechs Monaten erfolgt. Die PrEP kann nur von Ärztinnen und Ärzten verschrieben werden und wird von den Krankenkassen übernommen. In der Regel hat Die PrEP eine sehr hohe Schutzwirkung – solange das Einnahmeschema der Tabletten berücksichtigt wird. Mehr Informationen liefert die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): https://www.liebesleben.de/fuer-alle/hiv-aids/prep/

Sie informiert auch über die sogenannte Post-Expositions-Prophylaxe, kurz PEP. Sie ist für bestimmte Situationen gedacht. Dabei werden einem Menschen ohne HIV-Infektion nach einem Risikokontakt für eine gewisse Zeit Medikamente verschrieben, die die Ansteckung mit HIV verhindern sollen. Mehr Informationen dazu unter https://www.liebesleben.de/fuer-alle/hiv-aids/pep/

Antworten auf häufig Fragen rund um HIV, auch zu PrEP und PEP, gibt es auch beim Robert Koch-Institut unter https://www.rki.de/SharedDocs/FAQ/HIVAids/FAQ-Liste.html

Quellen:

Marcus et al.: Deutsch-Österreichische Leitlinien zur Postexpositionellen Prophylaxe der HIV-Infektion. Deutsche AIDS-Gesellschaft e.V.. Stand: 2018. https://daignet.de/site-content/hiv-leitlinien/leitlinien-1/leitlinien

HIV Replication Cycle. National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID). https://www.niaid.nih.gov/diseases-conditions/hiv-replication-cycle

Leitlinie Therapie und Prophylaxe opportunsitischer Infektionen bei HIV-infizierten erwachsenen Patienten. https://daignet.de/site-content/hiv-leitlinien/leitlinien-1/LL%20OI%202014-2.pdf

Herold et al.: Innere Medizin 2020. Herold 2020.

Epidemiologisches Bulletin 14. November 2019/Nr. 46. Robert-Koch-Institut. https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2019/Ausgaben/46_19.pdf?__blob=publicati

Wichtiger Hinweis:

Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann eine ärztliche Beratung nicht ersetzen. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir keine individuellen Fragen beantworten

14580399_5d5329da6d.IRWUBPROD_595O.jpeg

Der lange Weg zurück – Wie HIV-Medikamente eine Epidemie unter Kontrolle brachten

Die Entdeckung von HIV und die spannende Entwicklung der Therapie

14095183_f5d51dfe70.IRWUBPROD_5AMI.jpg

HIV – die andere Pandemie

„HIV-positiv“ – was bedeutet das heute für Erkrankte? Das kommt auch darauf an, wo sie leben. Ein Blick nach Deutschland und Südafrika

14489773_426b2673ec.IRWUBPROD_4JZB.jpeg

40 Jahre Aids: Die heutige Situation HIV-Positiver

Eine HIV-Diagnose ist immer noch ein Schock. Medikamente ermöglichen zwar ein halbwegs normales Leben. Doch die Angst vor Ausgrenzung bleibt