Kein guter Sex mehr nach COVID-19. Professor Frank Sommer hat es häufig mit Männern zu tun, die mit diesem Problem in seine urologische Praxis kommen. Die Männer berichten ihm über Erektionsprobleme, die so gravierend sind, dass bei ihnen kein Geschlechtsverkehr mehr zustande kommt – und das oft noch Monate nach der Infektion mit Sars-Cov-2.

203 verschiedene Beschwerden im Nachgang einer akuten Covid-19-Erkrankung listete eine Studie im Juli 2021. Dazu zählen Müdigkeit, Atembeschwerden, Herzrhythmusstörungen, Konzentrationsstörungen und viele weitere. Zusammengefasst werden sie unter dem Sammelbegriff Long-Covid-Syndrom oder Post-Covid-Syndrom.

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Macht eine Sars-Cov-2-Infektion also auch das männliche Glied müde? „Nicht nur ich beobachte neu aufgetretene erektile Dysfunktionen bei Patienten, die zuvor an COVID-19 erkrankt waren. Auch einige Studien konnten diesen Zusammenhang zeigen“, sagt dazu Experte Sommer. Er ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit.

Viren im Schwellkörper

Die Mechanismen, die dahinterliegen könnten, sind keinesfalls unerklärlich. Offenbar kommen verschiedene Wirkungen zusammen. So konnten im Schwellkörper des Penis Coronaviren nachgewiesen werden. Sie sind dort auch noch lange nach der Ansteckung auffindbar, wie eine Studie im Juli 2021 ergab. Sie erfolgte an zwei Männern, die nach COVID-19 gravierende Erektionsstörungen bekamen. Sie ließen sich einen künstlichen Schwellkörper einbauen, um dieses Problem zu beheben. Bei dieser Gelegenheit entnahmen die Ärzte ihnen Gewebeproben für ihre wissenschaftlichen Analysen.

Diese zeigten zusätzlich: Der Virenbefall könnte die Schwellkörper der Männer geschädigt haben. Dieser Schluss ergibt sich aus erniedrigten Werten für ein körpereigenes Eiweiß (Enzym), das aktiv werden muss, damit sich das Glied versteifen kann. Die Ergebnisse der allerdings recht kleinen Untersuchung sind in der Fachzeitschrift World Journal of Mens Health veröffentlicht.

Laut einer Studie vom September 2021 zählen Erektions-Störungen zu den selteneren Long/Post-Covid-Beschwerden. Gut drei Prozent berichten davon

Laut einer Studie vom September 2021 zählen Erektions-Störungen zu den selteneren Long/Post-Covid-Beschwerden. Gut drei Prozent berichten davon

Sars-Cov-2 kann die Gefäßinnenwände vieler Organe schädigen und dort Entzündungen herbeiführen. Das ist durch zahlreiche Studien belegt. Und auch, dass diese Reaktionen wiederum langfristige Gefäßschäden verursachen können. Eine wissenschaftliche Übersicht dazu findet sich beispielsweise im Fachmagazin Nature Reviews Immunology. Es wäre also wenig überraschend, wenn auch die Gefäße des Penis davon betroffen sein können.

Zu wenig Testosteron im Blut

Experte Frank Sommer sieht jedoch in einer weiteren beschriebenen Veränderung den Hauptgrund für das Potenzproblem mancher Männer: Zu wenig Testosteron. Denn offenbar kann COVID-19 die Bildung des Geschlechtshormons längerfristig beeinträchtigen. Das belegt etwa eine europäische Studie mit 121 Patienten, die im Krankenhaus behandelt wurden. Bei über der Hälfte lagen die Blutwerte auch sieben Monate später immer noch unter dem Normalbereich. Die Ergebnisse sind im August 2021 in der Fachzeitschrift Andrology veröffentlicht.

Zu niedrige Testosteronwerte gehen oft mit einem schwächeren Sexualtrieb und mit Erektionsproblemen einher. Es kann dadurch langfristig sogar zu Umbauprozessen im männlichen Glied kommen: „Der Penis besteht aus Bindegewebe und glatter Muskulatur. Letztere ist wesentlich für eine Erektion. Bei niedrigem Testosteronspiegeln nimmt im Laufe der Zeit der Anteil der glatten Muskulatur leicht ab – und damit auch die Erektionsstärke“, erklärt Sommer.

Vieles deutet also darauf hin, dass es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen COVID-19-Erkrankungen und Erektionsstörungen gibt. Doch wie viele Männer trifft es? Laut einer Studie vom September 2021 zählt dieses Problem zu den selteneren Long/Post-Covid-Beschwerden. Gut drei Prozent berichteten darin von Erektions-Störungen. Von über 40 erfassten Symptomen lagen sie an vorletzter Stelle. Am häufigsten berichteten die Teilnehmer über Schmerzen am Körper und den Gelenken. Sie wurden im Mittel gut sieben Monate nach dem Auftreten der akuten Symptome befragt. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift Autoimmunity Reviews veröffentlicht.

Für die medizinische Versorgung spielt es keine Rolle, ob ein Mann zuvor eine Covid-19-Erkrankung durchgemacht hat. Wer Erektionsprobleme hat, sollte sich damit zunächst an seine Hausärztin oder seinen Hausarzt wenden. Sie oder er verschafft sich durch ein Gespräch ein erstes Bild von den Beschwerden des Patienten und möglichen Ursachen.

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Um diese abzuklären, folgen Untersuchungen, die sich nicht auf die Geschlechtsorgane beschränken. Überprüft werden beispielsweise auch der Blutdruck und der Puls an Armen und Beinen. Denn Gefäßerkrankungen sind eine häufige Ursache für Erektionsstörungen. Und auch erhöhte Blutzuckerspiegel sowie ungünstige Blutfettwerte spielen dafür oft eine wichtige Rolle. Aus diesem Grund führen die Ärztin oder der Arzt auch Labor-Untersuchungen durch. Besteht der Verdacht auf zu niedrige Testosteronspiegel, wird zusätzlich der Wert für das Geschlechtshormon bestimmt.

Die Behandlung richtet sich nach der festgestellten Ursache. Manchmal bringt schon die medikamentöse Behandlung des Blutzuckers oder Bluthochdrucks die gewünschte Verbesserung. Oft verordnen Ärztinnen und Ärzte ihren Patienten Potenzpillen mit den Wirkstoffen Sildenafil, Tadalafil, Vardenafil oder Avanafil. „Das löst meist die Probleme erst einmal kurzfristig“, sagt der Urologe Dr. Tobias Jäger aus Essen. Ein gesunder Lebensstil könne die Potenz mittelfristig stärken. Durch eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung und ausreichend Schlaf lasse sich die Durchblutung nach und nach wieder verbessern.

Sex ist auch Kopfsache

Und auch die Psyche ist wichtig. Generell hat sie einen riesigen Einfluss auf die Sexualität. Doch bei COVID-19 kommt noch hinzu, dass diese Krankheit gesellschaftlich aufgeladen ist wie keine zweite. Selbst ein leichter Verlauf kann zur großen psychischen Belastung werden. Die vielen Nachrichten, die seit Monaten tagtäglich über uns alle hereinprasseln, tragen dazu bei. Mit Bildern von Intensivstationen und Neuigkeiten zu langfristigen Folgen.

Schon die Tatsache, dass hier zu lesen ist: „COVID-19 kann die Erektion beeinträchtigen“, dürfte manchen männlichen Lesern Sorgen bereiten – und so als sich selbst erfüllende Prophezeiung zu Problemen führen. Es gilt daher, die Erkrankung auch im Kopf rasch abzuschütteln, und sich nicht sorgenvoll mit Long-Covid-Symptomen zu beschäftigen, wenn es dafür keinen Anlass gibt.

Daher zum Ausgleich eine gute Nachricht zum Schluss: Niemand muss sich Sorgen machen, dass Covid-19-Impfungen die Potenz beeinträchtigen. Diese Behauptung ist haltlos und den Verschwörungstheorien zuzuordnen, gibt es darauf doch nicht einen einzigen Hinweis. „Eine Impfung kann keine erektile Dysfunktion auslösen“, bestätigt auch Professor Frank Sommer.