Nierenentzündung - kurz erklärt

Bei einer Nierenentzündung kann man nach dem Ort der Entzündung zwischen einer Entzündung der Nierenkörperchen (Glomerulonephritis) oder des bindegewebigen Zwischenraums und den Harnkanälchen (tubulo-intestinelle Nephritis) unterscheiden. Zu einer Entzündung der Nierenkörperchen kommt es meist aufgrund von immunvermittelten Reaktionen, seltener aufgrund von Allgemeinerkrankungen des Körpers, welche eine entzündliche Mitreaktion der Nierenkörperchen verursachen. Zu einer tubulo-interstitiellen Entzündung kommt es meistens als allergische Reaktion auf bestimmte Medikamente, aber auch im Rahmen von Infekten oder Allgemeinerkrankungen können sie auftreten.

Eine Nierenentzündung bereitet (im Gegensatz zu einer akuten Nierenbeckenentzündung) häufig keine oder nur sehr geringe Beschwerden, da noch gesunde Bereiche der Niere lange Zeit die Funktion aufrecht erhalten können. Meist finden sich bei einer Routineuntersuchung auffällige Urinbefunde (Nachweis von Eiweiß und Blut im Urin). Diagnostiziert wird eine Nierenentzündung durch Laboruntersuchungen. Zur genaueren Unterteilung ist meist eine Gewebsuntersuchung (Nierenbiopsie) nötig. Hierdurch kann die vorliegende Nierenerkrankung festgelegt werden, woraus sich die jeweiligen Behandlungsoptionen ergeben.

Was ist eine Nierenentzündung?

Eine Nierenentzündung (Nephritis) kann man als Oberbegriff sehen. Je  nachdem, welcher Bereich der Nieren betroffen ist, erfolgt eine genauere  Unterteilung.

Bei der Glomerulonephritis handelt es sich um eine Entzündung der Nierenkörperchen (Glomeruli). Die Nierenkörperchen bestehen aus einer Art Gefäßknäuel in der Nierenrinde (siehe auch Hintergrundinformation weiter unten), in denen der sogenannte Primärharn gebildet wird. Unterteilt werden die Glomerulonephritiden in eine primäre oder sekundäre Glomerulonephritis. Handelt es sich um eine Entzündung der Nierenkörperchen, ohne weitere Systemerkrankung spricht man von einer primären Glomerulonephritis, ist die Entzündung dagegen Folge einer anderen Erkrankung außerhalb der Nieren, handelt es sich um eine sekundäre Glomerulonephritis.

Bei einer Nierenentzündung können aber auch die Harnkanälchen (Tubuli) und der sie umgebende Raum (Tubulointerstitium) entzündet sein, dann ist von einer tubulo-interstitiellen Nephritis die Rede. Als Folge davon treten Störungen in der Konzentrierung des Primärharnes auf.

Nach der diabetischen Nephropathie sind die Glomerulonephritiden die zweithäufigste Ursache für ein chronisches Nierenversagen.

Aufbau und Funktion der Niere

Zusammenfassung - Nierenentzündung

  • Glomerulonephritis: Hierbei handelt es sich um eine Reihe von immunvermittelten Erkrankungen, die eine Entzündung der Nierenkörperchen (Glomeruli) bedingen Primäre Glomerulonephritis: Die Erkrankung betrifft die Nierenkörperchen, ohne Beteiligung anderer Organe oder Systeme Sekundäre Glomerulonephritis: Die Erkrankung liegt außerhalb der Nieren, verursacht aber eine Mitbeteiligung der Nierenkörperchen und deren Entzündung
  • Interstitielle und Tubulo-Interstitielle Nierenentzündung: Kennzeichnend ist hier die Entzündung im Nierenparenchym (Bindegewebe, Interstitium) und dem Tubulusapparat (Harnkanälchen, die für die Harnentstehung und Transport benötigt werden). Zu den interstitiellen Nierenentzündungen zählt auch die Pyelonephritis (Nierenbeckenentzündung)

Je nach Verlauf kann außerdem zwischen einer akuten oder einer chronischen – also längerfristig verlaufenden – Nierenentzündung unterschieden werden.

Ursachen: Wie kommt es zu einer Nierenentzündung?

Die häufigste Form der primären Glomerulonephritis ist die IgA-Nephropathie (Morbus Berger), die durch immunologische Prozesse ausgelöst  wird. Dabei lagern sich Komplexe aus vom Körper gebildeten aber gering  veränderten Abwehrstoffen (Antikörpern) in der Niere ab, welche als  Reaktion auf Infektionen im Körper produziert werden, vor allem nach Infekten der oberen Luftwege. In der Folge kommt  es zu entzündlichen Veränderungen, welche das Nierengewebe schädigen  und seine Funktion beeinträchtigen können.

Außerdem kann es nach  oder während einer bakteriellen Infektion zu einer Nierenentzündung  kommen. Auslöser können dabei zum Beispiel Streptokokken sein, die unter  anderem Erreger einer Mandel- oder Mittelohrentzündung sind. Diese Bakterien bilden zusammen mit den vom Körper gegen die  Infektion gebildeten Antikörpern Komplexe und lagern sich in den  Nierenkörperchen ab (Post-infektiöse-Glomerulonephritis). Bei manchen Erkrankungen können auch Antikörper gegen Strukturen in  der Niere gebildet werden, welche dann Entzündungszellen direkt in die  Niere locken. Bei einem großen Teil der Betroffenen mit primärer  Glomerulonephritis ist aber der Auslöser der Nierenentzündung nicht  bekannt (ideopathisch).

Die sekundäre Glomerulonephritis tritt als Folge anderer Grunderkrankungen, zum Beispiel eines systemischen Lupus erythematodes (SLE) oder anderen Immunerkrankungen, auf. Auch verschiedene Infektionskrankheiten (wie Syphilis, Hepatitis B und C, HIV) sowie Krebserkrankungen wie Lungenkrebs (Bronchialkarzinom)  oder bestimmte bösartige Erkrankungen des Lymphsystems können zu einer  Nierenentzündung führen. Ebenso können bestimmte Medikamente, die  Penicillamin, Gold oder Quecksilber enthalten, eine Glomerulonephritis  auslösen. Eine weitere Ursache für eine Nierenentzündung ist  Heroinkonsum.

Eine interstitielle Nephritis tritt meist als Sonderform einer allergischen Reaktion auf  unterschiedlichste Medikamente, nach seltenen Infektionen der Niere oder  bei der Abstoßung von Nierentransplantaten auf.

Symptome: Welche Beschwerden bereitet eine Nierenentzündung?

Werden aufgrund einer Nierenentzündung manche Nierenkörperchen (Glomeruli) zerstört, übernehmen zunächst die  gesunden Nierenkörperchen die Filterfunktion. Daher kann es lange Zeit  dauern, bis sich die Erkrankung durch Beschwerden bemerkbar macht. Erst  wenn mehr als 50 Prozent des Gewebes beider Nieren zerstört ist, wird  der Funktionsverlust der Nieren mit den üblichen Untersuchungsmethoden  erkennbar.
Ist die Filterfunktion der Niere beeinträchtigt,  können Veränderungen des Urins auftreten. Die Harnmenge kann sich  deutlich verringern, im chronischen Stadium kann sie aber auch  ansteigen. Außerdem können Verfärbungen auftreten, wenn mit dem Harn  Blut oder Eiweiß ausgeschieden wird. Ist der Urin getrübt und schäumt  er, kann dies auf eine Ausscheidung von Eiweiß (Proteinurie) hinweisen, Blut färbt den Urin dagegen bräunlich (Hämaturie). Nicht immer muss Blut im Urin jedoch mit bloßem Auge sichtbar sein. Handelt es sich nur um kleine  Mengen, sind diese nur mit chemischen Untersuchungsmethoden oder unter  dem Mikroskop nachweisbar (Mikrohämaturie).

Neben den Veränderungen des Urins können weitere Beschwerden auftreten. Die Betroffenen fühlen sich oft müde und abgeschlagen. Gleichzeitig können auch Kopf- und Gliederschmerzen  sowie Flankenschmerzen auftreten. Bei einigen Erkrankten kommt es zu  einem Bluthochdruck (Hypertonie).  Manchmal bilden sich auch Flüssigkeitsansammlungen im Gewebe (Ödeme).  Diese machen sich zum Beispiel damit bemerkbar, dass die Augenlider   oder andere Gesichtspartien anschwellen. Auch die Hände und Füße können  betroffen sein.
Im Rahmen einer Glomerulonephritis kann es auch  zu einem nephrotischen Syndrom kommen. Die Filtrationsbarriere im Nierrenkörperchen wird dabei vermehrt durchlässig für Eiweiße (Proteine). Die Folge ist, dass sich  auch große Eiweiße im Urin befinden (Proteinurie), im Blut jedoch ein  Mangel an Proteinen entsteht (Hypoproteinämie). Zugleich entstehen  Wassereinlagerungen (Ödeme) zum Beispiel in den Augenlidern oder den  Beinen. Eine Störung des Fettstoffwechsels mit erhöhten Blutfettwerten  gehört ebenfalls zum nephrotischen Syndrom dazu. Als schlimmste Folge  einer Glomerulonephritis kann ein Nierenversagen entstehen.

Diagnose: Wie wird eine Nierenentzündung festgestellt?

Da es lange Zeit dauern kann, bis bei einer Glomerulonephritis Beschwerden auftreten, wird sie meist als Zufallsbefund bei einer Urinuntersuchung festgestellt. Nur in seltenen Fällen suchen Betroffene einen Arzt auf, weil sie in ihrem Urin sichtbares Blut erkennen 

oder übermäßige Wassereinlagerungen auftreten.

- Anamnese / Körperliche Untersuchung

Als erster Schritt der Diagnose wird der Arzt den Betroffenen ausführlich zu Beschwerden und zur Krankengeschichte befragen (Anamnese).  Wichtig ist dabei vor allem, ob andere Grunderkrankungen bestehen, der  Patient vielleicht gerade eine bakterielle Infektion überstanden hat  oder bestimmte Medikamente einnimmt. Bei der Untersuchung durch den Arzt kann ein Klopfschmerz im  Bereich der Flanken auffallen und der Blutdruck kann erhöht sein. Der  Arzt achtet außerdem auf Wasseransammlungen (Ödeme).

- Laboruntersuchungen

Die ersten Schritte zur Diagnose einer Glomerulpnephritis sind dann  eine Urin- und eventuell eine Blutuntersuchung. Im Urin misst der Arzt  vor allem die Menge an Eiweiß. Außerdem ermittelt er, ob Blut im Harn vorhanden ist. Der Nachweis von Blut kann allerdings nicht nur auf eine  Entzündung der Nieren hindeuten sondern auch Ausdruck zum Beispiel von  Tumorerkrankungen der Nieren, Harnwege oder der Blase sein. Um solche Ursachen für Blut im Urin auszuschließen, sollten  Patienten mit diesem Symptom daher auch durch einen Urologen untersucht  werden.

Im Blut gibt der Nierenwert Kreatinin eine grobe Auskunft über die Filtrationsleistung der Nieren. Ein Anstieg der  Kreatinin-Konzentration weist auf eine Funktionsschwäche der Nieren  hin. In diesem Fall ist eine rasche Abklärung angezeigt, um den  drohenden dauerhaften Funktionsverlust der Nieren möglichst zu  vermeiden. Außerdem sucht der Arzt nach bestimmten Antikörpern, welche  an der Entstehung der Glomerulonephritis beteiligt sein können.

- Gewebeprobe

Bestätigt  sich bei diesen Untersuchungen der Verdacht auf eine Nierenentzündung,  folgt üblicherweise eine Entnahme von Gewebeproben aus der Niere (Biopsie). Diese findet unter Ultraschall-Kontrolle  statt. Nach einer anschließenden Untersuchung der Gewebeproben durch  einen Spezialisten lassen sich Aussagen über die Ursache der  Glomerulonephritis treffen. Die Behandlung kann dann entsprechend  ausgerichtet und ihr Erfolg abgeschätzt werden.

Therapie: Wie wird eine Nierenentzündung behandelt?

Eine Nierenentzündung wird je nach Ursache und den auftretenden Beschwerden behandelt.

- Allgemeine Maßnahmen

Zu den allgemeinen Behandlungsmaßnahmen zählen das Vermeiden von körperlicher Anstrengung sowie eine Ernährungsoptimierung. Hierzu empfiehlt es sich, die Ernährung auf eiweißarme Speisen umzustellen und Kochsalz sowie Fett zu reduzieren. Gleichzeitig ist es  ratsam, auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten. Patienten  mit einer Nierenerkrankung sollten dazu mit dem Arzt absprechen, ob sie  bedenkenlos trinken können soviel sie wollen oder ob sie ihre  Flüssigkeitszufuhr kontrollieren müssen.

Eine strenge Senkung des Blutdruckes auf Werte unter 130 / 80 mmHg  beziehungsweise unter 125 / 75 mmHg bei Nachweis von mehr als einem  Gramm Eiweiß im Urin pro Tag wird empfohlen. Sind Medikamente nötig, um den Blutdruck in den entsprechenden Bereich zu bringen, so  gelten sogenannte ACE-Hemmer oder Angiotensinrezeptorblocker als  besonders geeignet.

Befinden sich im Urin nur geringe Mengen an  Blut und Eiweiß, muss eine Nierenentzündung nicht unbedingt mit  Medikamenten behandelt werden. Es sollten aber auf jeden Fall regelmäßig  die Blut- und Urinwerte kontrolliert werden.

- Medikamentöse Behandlung

Bei manchen Formen der Nierenentzündung ist eine Therapie mit  Glukokortikoiden oder Immunsuppressiva sinnvoll. Diese Wirkstoffe  unterdrücken zum einen die Entzündungsreaktion, zum anderen hemmen sie  das Abwehrsystem des Körpers. Auf diese Weise lässt sich zum Beispiel eine  Nierenentzündung, die aufgrund einer Reaktion des Immunsystems gegen den  eigenen Körper (Autoimmunreaktion) entstanden ist, behandeln. Wegen der  Nebenwirkungen dieser Medikamente ist es aber unerlässlich, die genaue  Form der Glomerulonephritis und den möglichen Behandlungserfolg vor dem  Therapiebeginn durch eine Biopsie festzustellen.

- Behandlung / Beseitigung der Ursache

Eine akute tubulo-interstitielle Nephritis ist häufig durch die Einnahme bestimmter Medikamente verursacht. Daher ist das Weglassen des auslösenden Medikamentes hier die Therapie der Wahl. Kam es im Rahmen eines Infektes zur einer Nephritis, ist dieser zu behandeln. Bei  einer sekundären Glomerulonephritis steht die Therapie der  Grunderkrankung im Vordergrund.

Prognose: Wie sind die Heilungschancen nach einer Nephritis?

Die  Heilungschancen bei einer akuten Nierenentzündung sind, wenn sie   frühzeitig entdeckt und behandelt wird, in vielen Fällen gut. Auch nach   einer Ausheilung ist jedoch die regelmäßige Kontrolle der Urinwerte   wichtig, da sich selbst nach mehreren Jahren ohne Beschwerden noch ein Bluthochdruck oder Nierenversagen entwickeln kann.

Ist die Nierenentzündung nicht mehr heilbar, kann mit einer gezielten Therapie das Voranschreiten der Nierenschädigung oftmals verlangsamt werden. Häufig muss im fortgeschrittenen Stadium der chronischen Nierenentzündung das Blut durch eine Dialyse (das heißt künstlich außerhalb des Körpers, "Blutwäsche" oder durch Nutzung des Bauchfells, "Bauchfelldialyse") gereinigt werden. Bei geeigneten Patienten ist auch eine Nierentransplantation, bei der zusätzlich eine gesunde Spenderniere eingesetzt wird, möglich.

Prof. Michael Fischereder

Prof. Michael Fischereder

Unser beratender Experte:

Professor Dr. med. Michael Fischereder ist Internist und Nephrologe.  Seine Facharztausbildung absolvierte er von 1993 bis 1997 an der  Ludwig-Maximilians-Universität München. Im Jahr 2002 habilitierte sich  Professor Fischereder für das Fach Innere Medizin an der Universität  Regensburg. Ab 2007 war er Leiter der Nephrologie am Campus Innenstadt  der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München und seit 2012 leitet er  den Schwerpunkt Nephrologie an der Medizinischen Klinik IV des  Klinikums der LMU an beiden Standorten, Campus Innenstadt und  Großhadern. Ebenfalls seit 2012 ist Professor Fischereder auch kooperierender Arzt beim Kuratorium für Dialyse und Nierentransplantation.

Quellen:

  • Herold, Innere Medizin 2017, Glomerulonephritis, S. 604 ff
  • Herold, Innere Medizin 2017, Tubolo-Interstitielle Nierenerkrankungen, S. 622 f

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

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