Grippeimpfung als Modellprojekt – wie erfahre ich, ob meine Apotheke diesen Service im Moment schon anbietet? Und wie, ob meine Krankenkasse dann auch die Kosten übernimmt?

Unser Ziel ist natürlich ein flächendeckendes Angebot und dass solche Fragen sich erübrigen. Im Moment raten wir den Patienten aber tatsächlich noch, bei der Krankenkasse anzurufen und das abzuklären. Eine weitere Möglichkeit ist es, direkt in der Apotheke zu fragen. In aller Regel weiß man hier Bescheid. Immer vorausgesetzt, die Apotheke ist bereits Teil des Projekts. Aktuell sind dies bundesweit tausend Apotheken, das Projekt läuft in insgesamt sieben Bundesländern.

Stichwort flächendeckendes Angebot: Wie kommen Sie voran, was ist da für die kommenden Monate zu erwarten?

Das ist schwierig zu sagen und dürfte vor allen von den Erfahrungen vor Ort abhängen. Generell ist es so, dass uns der Gesetzgeber beauftragt hat, gemeinsam mit den Krankenkassen nach Möglichkeiten zu suchen, um die Impfquote in der Bevölkerung zu steigern. In Nordrhein zum Beispiel waren vor einigen Monaten nur wenige Kreise beteiligt. Das Ganze hat gut funktioniert, daher wurde entschieden, das Angebot auf ganz Nordrhein auszuweiten. Wie reagieren die Kunden? Wollen sie das überhaupt? Und wie klappt das alles im täglichen Ablauf? Eine Apothekerin oder ein Apotheker aus dem europäischen Ausland wäre vermutlich irritiert über solche Überlegungen. Hierzulande ist es jedoch noch völliges Neuland, sich in einer Apotheke impfen zu lassen. Verständlich, dass das Ganze genau beobachtet und natürlich auch wissenschaftlich evaluiert wird. Erste Auswertungen der Kundenbefragungen haben übrigens Erfreuliches zu Tage gebracht: 90 Prozent würden sich wieder in der Apotheke gegen Grippe impfen lassen. Ein Drittel der Befragten hat dies überhaupt zum allerersten Mal getan.

Wenn sie vom europäischen Ausland sprechen: Wo wird denn bereits in Apotheken geimpft?

Ach, fast überall. In England, Frankreich, Portugal, der Schweiz, Norwegen… Und das nicht im Rahmen von Modellprojekten, sondern als Teil der regulären Versorgung. In den USA und in Kanada ist das übrigens schon sehr lange so. Hier lässt sich ein Viertel der Bevölkerung in der Apotheke gegen Grippe impfen…

… und nicht beim Arzt. Was spricht eigentlich dafür, die Apotheken beim Impfen miteinzubeziehen? Genügt es nicht, wenn Hausarztpraxen das machen?

Ich weiß, manche Ärzte sehen unser Vorangehen beim Thema Impfen nicht so gerne. Dabei nehmen wir den Arztpraxen ja gar nichts weg. Und wir wollen auch nichts besser machen. Wir machen kein Ersatzangebot, eher ein Ergänzungsangebot. Der Fokus liegt auf der Optimierung des Impfschutzes und allen Beteiligten dürfte klar sein, dass hier was passieren muss. Im Moment sind in Deutschland nur 35 Prozent der Erwachsenen gegen Grippe geimpft. Gut wäre eine Quote von 60 bis 80 Prozent, die WHO fordert mindestens 75 Prozent bei älteren Menschen. Wie schwer es ist, gegen eine Stagnation bei der Impfbereitschaft anzugehen, sehen wir bei der Impfung gegen Sars CoV-2…

… die ja zunächst nur in Impfzentren zu bekommen war.

Richtig, und als dann die Hausarztpraxen dazu kamen, haben die Ärztinnen und Ärzte Unglaubliches geleistet, meinen allergrößten Respekt hierfür! Die Apothekerteams haben sich um die anspruchsvolle Logistik der Impfstoffe gekümmert, damit die Arztpraxen mit Impfstoffen versorgt waren. Auch hier lief die Zusammenarbeit hervorragend! Tatsache ist aber, dass das Impfen in Impfzentren und Arztpraxen nicht gereicht hat. Es wurden dann ja noch die Betriebsärzte eingebunden und es wurde überlegt, wie man weiter und vielleicht auch noch ganz anders Impfanreize schaffen kann. Manches war für uns Apothekerinnen und Apotheker ehrlich gesagt schwer nachvollziehbar. Es wurde und wird ja sogar in Supermärkten und auf Parkplätzen geimpft. Man muss sich das mal vorstellen: Anstatt auf eine solide Stelle im Gesundheitswesen wie die Apotheken zu setzen, macht man sowas. Und hier komme ich zum Punkt: Ich finde, die Heilberufe sollten an einem Strang ziehen. Es geht nicht um Konkurrenz, es geht um einen Schulterschluss. Mehr noch: Ich bin davon überzeugt, dass die Ärzte von unserem Engagement sogar profitieren.

In wie fern?

Mehr Leichtigkeit rund ums Impfen täte allen gut. Wenn der Piks salopp gesagt auch mal nebenbei geschieht, im Rahmen eines Einkaufsbummels oder weil man sowieso gerade für den Kauf eines Medikaments in der Apotheke ist. Eine solche Atmosphäre wird sich insgesamt positiv auf die Impfquote auswirken. Das wiederum wird sich dann auch bei den Ärzten bemerkbar machen. Wie heißt es so schön? Die Flut hebt alle Schiffe. Uns würde diese Entwicklung freuen! Ich glaube nicht, dass Konkurrenzdenken uns in der aktuellen Situation weiterhilft.

Es gibt Stimmen, die von fehlender Kompetenz der Apotheken beim Impfen sprechen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien für die Impfanamnese und das Aufklärungsgespräch gar nicht ausgebildet.

Jeder, der am im Programm teilnimmt, muss eine entsprechende Schulung bei der Apothekerkammer durchlaufen haben. Das Ganze ist bundeseinheitlich mit dem Robert Koch-Institut und dem Paul-Ehrlich-Institut abgestimmt. Ein Teil der Schulung erfolgt übrigens durch Ärzte. Noch mal: Nur Apothekerinnen und Apotheker, die das Procedere durchlaufen haben, dürfen impfen. Natürlich müssen neben dem Know-how geschützte Räume vorhanden sein, in denen die Patientinnen und Patienten auch nach der Impfung noch einige Zeit zur Beobachtung bleiben können. Dass man in einer Apotheke weiß, wie man mit Arzneimittel umgeht, wie diese gehandhabt und gelagert werden, versteht sich von selbst. Ebenso, dass Menschen mit bestimmten Erkrankungsbildern für die Impfung doch besser zum Arzt geschickt werden.

Viele Menschen haben sich in der Apotheke zum aller ersten Mal gegen Grippe impfen lassen, haben Sie eben gesagt. Was meinen Sie: Was könnte der Grund dafür sein?Wieso erreichen Sie ein Publikum, dass vorher nicht erreicht wurde?

Stichwort Niedrigschwelligkeit: Die Apotheke ist da, von Montag bis Freitag, von früh bis spät. Und an den Samtagen auch, je nach Standort bis mittags oder sogar abends. Für die Menschen sind wir ein Ort des Vertrauens. Der Kontakt geschieht einerseits nebenbei und ist andererseits doch oft sehr intensiv. Ich selbst habe das während der Corona Zeit in meiner eigenen Apotheke eindrücklich erlebt. Was kann ich tun, damit ich mich nicht anstecke? haben die Leute mich gefragt. Möglich, dass das Bedürfnis nach Kommunikation auch deswegen so hoch war, weil so viele andere Anlaufstellen geschlossen waren. Wie auch immer: Jeder Apotheker, jede Apothekerin und das ganze Apothekenteam kennen diese Momente, in denen es überhaupt gar nicht darum geht, etwas zu verkaufen. Den Kunden ist spürbar wichtig, auch mit kleinen Sorgen bei uns landen zu können. Ein Hühnerauge kann für den Moment wirklich schlimm sein und dann ist es wichtig, den Menschen ganzheitlich zu sehen. Auf Grundlage dieser emotionalen und vertrauensvollen Atmosphäre kann etwas entstehen, was für die Impfbereitschaft förderlich sein dürfte. Und wenn man dann noch nicht mal einen Termin braucht, schafft das vielleicht einen zusätzlichen Anreiz.

Ist das so? Kann ich mich in der Apotheke ohne Termin impfen lassen?

Ein kurzer Anruf vorher ist vielleicht besser, gerade jetzt, in der Testphase. Generell darf eine Impfung aber nichts Kompliziertes, kein organisatorischer Aufwand sein. Ich bin überzeugt, dass die meisten Apothekerinnen und Apotheker ähnlich reagieren wie ich es tue, wenn Leute sich melden, die geimpft werden wollen: Bringen Sie ihre Krankenkassenkarte und ihren Impfausweis mit und kommen Sie vorbei.

Wäre das denn auch für die Corona-Impfung denkbar? Im Rahmen der von Ihnen angesprochenen wissenschaftlichen Evaluation haben 78 Prozent der Befragten gesagt, sie könnten sich vorstellen, sich auch gegen andere Infektionskrankheiten in der Apotheke impfen zu lassen.

Perspektivisch ist die Corona-Impfung auf jeden Fall Thema für uns und es freut uns, dass sich der SPD-Gesundheitsexperte Professor Karl Lauterbach vor einigen Tagen für diesen Weg ausgesprochen hat. Allerdings bleiben wir von unserer Seite abwartend. In die Glut zu pusten, ist keine gute Idee. Besser ist es, erst mal die Modellversuche zur Grippeschutzimpfung abzuschließen und zu evaluieren. Wie gesagt: Unser Hauptaugenmerk liegt im Moment hier auf einer guten und hoffentlich bald flächendeckenden Versorgung. Drüber hinaus ist unsere Haltung klar: Wir brauchen das Vertrauen aller Heilberufler, dass die Steigerung der Impfquote eine gemeinsame Aufgabe ist. Wir für unseren Teil senden jedenfalls ein klares Signal: Wenn wir gebraucht werden, sind wir bereit.

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