Das Robert Koch-Institut (RKI) und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) veröffentlichen im Rahmen von #ÄrmelHoch ein Impfbuch, das kostenlos in den Apotheken und online erhältlich ist. Wir sprachen mit Professor Dr. Martin Dietrich, kommissarischer Direktor der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, über das Projekt.

Herr Professor Dietrich, was war der Anlass, das Buch zu erstellen?

Im Moment kann man fast den Eindruck bekommen: Wer übers Impfen spricht, der spricht ganz selbstverständlich über die Corona-Pandemie. Der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung war es wichtig, die Bedeutung des Impfens in einem größeren Kontext darzustellen. Natürlich: Die Corona-Schutzimpfung ist der Schwerpunkt in „Das Impfbuch für alle“. Wenn wir darüber hinaus in die Vergangenheit zurückblicken und auch den Blick in die Zukunft richten und sehen, was sich durchs Impfen für Chancen auftun, werden wir dem Thema aber erst gerecht. Die zuletzt geführten Diskussionen um die Corona-Schutzimpfung waren zuweilen sehr emotional, kurzfristig und damit manchmal auch sehr reduziert. Der berühmte Blick über den Tellerrand ist uns ein wichtiges Anliegen. Ein Buch ist dafür ein gutes Medium.

Professor Martin Dietrich von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA)

Professor Martin Dietrich von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA)

Sie wollen also informieren und dabei die Hektik rausnehmen?

Für uns ist der gesellschaftliche Wandel in der Kommunikation deutlich spürbar. Vom Video-Clip über Websites bis hin zum wissenschaftlichen Fachartikel oder zum Beitrag in der Tageszeitung: Die Kanäle, über die die Menschen ihr Wissen beziehen, sind vielfältig wie nie. Die Halbwertszeit der gegebenen Informationen ist meistens kurz. Was ich in einem Moment erfahre, relativiert sich im nächsten vielleicht schon wieder. Aber können wir die Krise in einem derart hektischen Umfeld verstehen? Was macht das mit uns, wenn wir ständig ein Gerät in der Hand halten, das uns mit immer neuen Push-Nachrichten versorgt? Unser Ziel ist, den Menschen zum Thema Impfen in einer schnelllebigen Zeit ein längerfristiges und vielleicht auch beruhigendes Element zu bieten.

Im Buch fällt auf, dass die Leser persönlich angesprochen werden und dass auf Medizinersprache verzichtet wird.

Der leichte Erzählton ist bewusst gewählt. Statt auf irgendwelche Trends aufzuspringen wollten wir etwas Eigenes entstehen lassen. Etwas, mit dem man sich gerne und unangestrengt beschäftigt, beispielweise am Abend auf dem Sofa. Ein Buch kann man zwischendurch übrigens auch weglegen, ohne dass das Thema aus dem Fokus gerät – wie es bei sprunghaften Internetsuchen gern geschieht. Ein Buch nimmt man sich zu gegebener Zeit wieder in die Hand und liest dann weiter.

An wen richtet sich das Impfbuch eigentlich?

An alle, die sich auch für das Impfen im Allgemeinen interessieren. Natürlich haben wir besonders diejenigen im Blick, die sich fragen, ob sie sich impfen lassen sollen. Die Lektüre des Buches soll ein gutes Gefühl geben. Übrigens auch dann, wenn man sich nicht impfen lassen möchte. Das Buch ist kein Überredungsinstrument – allenfalls ein Überzeugungsinstrument.

Ein Ziel Ihrer Behörde ist der Gemeinschaftsschutz...

… und damit eine hohe Impfquote. Unser Ziel ist aber auch eine gut aufgeklärte Bevölkerung. Und hier sehen wir wie gesagt Lücken. Es wird immer Menschen geben, die gut informiert sind und sich dennoch gegen die Impfung entscheiden. In den allermeisten Fällen dürfte die Impfbereitschaft mit der Breite an Information aber zunehmen. Wer beginnt, das Thema größer zu denken, misst der eigenen Entscheidung eine andere einordnende Bedeutung bei. Eine Impfung kann zwar Nebenwirkungen haben. Aber man muss das in der Relation sehen. Ein Blick in die Geschichte des Impfens kann in diesem Zusammenhang hilfreich sein. Ich glaube, unser Buch hält an dieser Stelle für viele Überraschendes bereit.

Zum Beispiel?

Wussten Sie, dass Impfgegner nichts Neues sind? Bereits im Jahr 1874 formierte sich eine Gruppe in Deutschland: die Naturheilkundler. Sie informierten darüber, wie man sich vor den vermeintlich gesundheitsschädlichen Folgen der Pockenimpfungen schützen kann. Dafür empfahlen sie das Aussaugen der Impfstelle – an der Impfung selbst kam man damals nicht vorbei, sie war Pflicht.

Wenn wir wissen, dass solche Bewegungen nicht neu sind, ordnen wir impfkritische Bedenken anders ein: Nämlich nicht als Phänomen, das jetzt mit der Coronavirus-Pandemie völlig unerwartet entstanden ist, sondern eher als etwas, mit dem wir leben und umgehen müssen – als Gesellschaft, für die das Leben mit Infektionsgefahren ein wichtiger Lernprozess ist. Wer bei der Lektüre des Impfbuches erfährt, wie viel Leid es weltweit durch die Pocken gegeben hat und was für ein Glück es war, dass diese Krankheit durch die Impfung eingedämmt werden konnte, tut sich hier möglicherweise leichter.

Aber diese Erfolge müssten doch eigentlich bekannt sein? Genau deswegen wird schließlich geimpft …

Das ist richtig und dennoch finden Menschen, die dem Impfen als gesundheitsfördernde Maßnahme misstrauen, weiter Gehör. Der Grund ist: Die Schäden, die durch Impfungen vermieden werden, können wir nicht sehen. Das Beispiel Corona zeigt: Was Medien an Positivmeldungen berichten, klingt sehr abstrakt. Eine Impfquote ist eine Zahl. Im Moment leiten sich vor allem zurückgewonnene Freiheiten aus ihr ab. Was aber ohne die Corona-Schutzimpfung passiert wäre, wie viele coronabedingte Todesfälle zu beklagen wären … vor dem Hintergrund des medizinischen Fortschritts rückt das schnell in Vergessenheit.

Die Nebenwirkungen, die durchs Impfen entstehen können, dürften viele dagegen recht präsent haben. Siehe die Hirnvenenthrombosen, die als Folge der Impfung mit AstraZeneca aufgetreten sind.

Auch hier ist der BZgA Transparenz wichtig. An einer Stelle im Buch berichten wir über das weltweit größte Impfunglück 1930 in Lübeck: 256 Neugeborenen wurde ein verunreinigter Tuberkuloseimpfstoff verabreicht. 77 sind gestorben. Der Impfstoff war nicht ausreichend geprüft worden, mehrere Zuständige wurden wegen fahrlässiger Tötung schuldig gesprochen. Wieso sollte so getan werden, als gäbe es so etwas nicht?

Doch nochmal: Wir sollten nicht vergessen, wo wir ohne die Corona-Schutzimpfstoffe stünden und auch ohne den Impfstoff beispielsweise gegen Tuberkulose. Leider sind Berichte zu den Nebenwirkungen des Impfens sehr unausgewogen und von persönlichen Erfahrungen geprägt. Mögliche Impfschäden werden in den Social-Media-Kanälen lautstark kommentiert. Impferfolge dagegen werden wie selbstverständlich hingenommen.

Wie haben Sie sichergestellt, dass alle im Buch enthaltenen Informationen richtig sind?

Sämtliche Informationen haben einen umfangreichen mehrstufigen Prüfungsprozess durchlaufen – und zwar durch alle am Buch beteiligten Behörden: das Robert Koch-Institut, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und das Bundesministerium für Gesundheit.

Es geht also nicht nur um Corona im Buch...

Das Buch geht auf viele verschiedene Impfungen ein. Die Impfung gegen Rotaviren zum Beispiel ist ein Thema, auch die Masern-, Pocken- und die Polioimpfung sind angesprochen. Wichtiger als Details zu einzelnen Impfstoffen ist zu erzählen: Wie funktioniert Impfen grundsätzlich? Was passiert bei einer Impfung im Körper? Wie werden Impfstoffe getestet? Wie entstehen Konflikte ums Impfen? Darauf geben wir verständliche und kurzweilige Antworten.

Vor allem die schnelle Zulassung der Corona-Impfstoffe bringen Impfskeptiker ja gern als Kritikpunkt an. Was sagen Sie?

Wer gut informiert ist, ist im Vorteil. Kann ein Impfstoff, der so rasch entwickelt wurde, wirklich sicher sein? Es stimmt, üblicherweise dauert es Jahre, um genügend Probanden für Testungen zu finden. Bei den Coronavirus-Impfstoffen war das anders. Es haben sich weltweit extrem schnell sehr viele Menschen zur Teilnahme an Studien bereit erklärt. Genau das sind wichtige Hintergrundinformationen, die in den schnelllebigen Social-Media-Kanälen möglicherweise zu kurz kommen.

Bezieht sich das Impfbuch auch auf Impfungen, die typischerweise bei Kindern vorgenommen werden?

Das Thema Impfen ist insbesondere im Kindesalter relevant. Von daher ist das Thema enthalten. Es wird aber nicht vertieft. Das Impfbuch ist ein Buch für Erwachsene. Idealerweise treffen entsprechend informierte Eltern für ihre Kinder die richtigen Entscheidungen. Wo es noch zu wenig gesichertes Wissen für gesicherte Empfehlungen gibt, lautet die Entscheidung dann möglicherweise: Erst mal abwarten.

Beim Thema COVID und Impfung von Kindern ist bekanntermaßen noch einiges im Fluss. Derzeit gibt es aktuell keine allgemeine Impfempfehlung der STIKO für Kinder und Jugendliche von 12 bis 17 Jahren, sondern nur für Kinder und Jugendliche mit einem besonderen Risiko. Hier kann ein Buch dem Bedürfnis nach Aktualität natürlich nur begrenzt nachkommen. Dennoch dürfte sich die Person, die es gelesen hat, leichter tun – auch mit der Einordnung entsprechender Anpassungen, wenn diese kommen.

Nützt das Buch auch Menschen, die schon geimpft sind?

Das Buch lohnt sich für alle Menschen, ob geimpft oder nicht. Die Technik, auf deren Grundlage die mRNA-Impfstoffe entwickelt wurden, stammt aus der Krebsforschung. Möglicherweise stehen wir hier vor einem Durchbruch. Auch dazu informiert das Impfbuch. Wie gesagt: Wir schauen auf Gestern, auf Heute und wir schauen auf Morgen – daher das Buch als längerfristiges Format, das beim Überblicken hilft.

Wie geht es Ihnen persönlich, wenn Sie das Buch nun in Händen halten? 

Das Buch ist ein Gemeinschaftsprodukt. Mit der Fertigstellung ist in der Tat etwas Bemerkenswertes passiert. Zigfach habe ich jede Seite gelesen. Und doch ist dann da plötzlich dieser besondere Moment: Ein großes „Wow“ – wenn selbst einem Fachmann die geniale Technik des Impfens nochmal richtig bewusst wird, wenn er das alles in geballter Form vor sich liegen hat.

In welchen Sprachen erscheint das Buch?

Gedruckt ist „Das Impfbuch für alle“ in Deutsch verfügbar. Online wird das Impfbuch auch in Englisch, Arabisch, Türkisch und Russisch erhältlich sein und in kleinerer Auflage auch in gedruckter Form.

Wie hoch ist die Auflage? Und sind weitere Auflagen geplant?

Aktuell sind drei Millionen Exemplare in Auslieferung. Interessierte Leserinnen und Leser finden auf www.dasimpfbuch.de weiterführende Links, die stetig aktualisiert werden.

Das 80-seitige „Impfbuch für alle“ ist als Taschenbuch kostenfrei zu bestellen auf www.dasimpfbuch.de und steht zum Download zur Verfügung. Zudem ist das Impfbuch in vielen Apotheken kostenlos erhältlich.

Mehr Infos zum Impfbuch für alle:

https://www.zusammengegencorona.de/impfen/das-impfbuch-fuer-alle/

Kostenfreie Bestellung „Impfbuch für alle“:

https://www.bzga.de/infomaterialien/impfungen-und-persoenlicher-infektionsschutz/impfungen-und-persoenlicher-infektionsschutz/das-impfbuch-fuer-alle/

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