Männer leben oft ungesünder als Frauen. Sie sind häufiger von Herz-Kreislauf-Erkrankungen betroffen und leben meist kürzer. Um Arztpraxen machen sie teilweise einen großen Bogen. Dabei lässt sich mit einem rechtzeitigen Besuch oft Schlimmeres verhindern. Im Interview erklärt Professor Dr. Frank Sommer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit (DGMG), weshalb man vor der Tastuntersuchung der Vorsteherdrüse keine Angst zu haben braucht und was der Penis mit dem Herzen zu tun hat.

Herr Prof. Dr. Sommer, sind Männer wirklich „Vorsorge-Muffel“?

Ja, leider. Untersuchungen unserer Gesellschaft zeigen, dass gut 59 Prozent aller Frauen zur Krebsvorsorge gehen, aber nur 22 Prozent aller Männer ihre Prostata untersuchen lassen. Langzeitstudien deuten aber zumindest darauf hin, dass es allmählich besser wird.

Frank Sommer ist Urologe, Androloge und Professor für Männergesundheit in Hamburg.

Frank Sommer ist Urologe, Androloge und Professor für Männergesundheit in Hamburg.

Warum ist es für Männer denn oft so ein großes Hemmnis?

Das wollten wir mittels einer Befragung herausfinden. Das Ergebnis: 78 Prozent der rund 1000 Männer gaben an, dass lange Wartezeiten sie abschreckten. Etwa jeder Vierte befürchtet einen unangenehmen oder schlechten Befund. Und jeder Fünfte stellt sich die Untersuchung schmerzhaft vor.

Ist sie das denn?

In der Regel nicht. Beziehungsweise kommt es darauf an, von welcher Art von Untersuchung wir sprechen. Normalerweise geht es bei der Vorsorge darum, Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Krebs aufzuspüren und rechtzeitig gegenzusteuern. Dafür werden beispielsweise Gewicht, Blutdruck und Puls kontrolliert oder auch Blut abgenommen, um gewisse Werte zu bestimmen. Das tut den meisten Männern nicht weh.

Es gibt ja auch spezielle Untersuchungen der Prostata. Was passiert da?

Klassischerweise tastet der Urologe oder die Urologin die Prostata mit dem Finger ab. Weil sie sich unmittelbar neben dem Enddarm befindet, ist sie vom Po her gut zugänglich. So lassen sich Größe und Beschaffenheit der Prostata überprüfen und knotige Verhärtungen erkennen. Man geht davon aus, dass sich etwa 80 Prozent der Karzinome, die oberflächlich sind und Richtung Enddarm zeigen, ertasten lassen.

Man kann auch den PSA-Wert bestimmen lassen. Er zeigt die Konzentration eines bestimmten Proteins im Blut an. Allerdings ist hier vor allem der Verlauf über mehrere Jahre hinweg interessant, ein einzelner Wert sagt wenig aus.Die rein vorsorgliche Bestimmung des PSA-Wertes muss man üblicherweise selbst bezahlen. Man kann auch einen sogenannten transrektalen Ultraschall machen. Das Gerät ist ähnlich groß wie ein Finger. Mit der kleinen Sonde beschallt man die Prostata und schaut sich das Gewebe an. Sieht etwas verdächtig aus, kann man eine Probe davon entnehmen und anschließend im Labor untersuchen lassen.

Sind diese Untersuchungen unangenehm?

Eine Untersuchung der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit hat gezeigt, dass Männer sich häufig viel zu große Sorgen machen. Wenn diese Untersuchungen mit Bedacht und Vorsicht durchgeführt werden, sind die meisten Männer doch sehr erstaunt darüber – und freuen sich natürlich, dass es nicht unangenehm gewesen ist. Leider gibt es immer wieder mal Kolleginnen oder Kollegen, die mit dieser Thematik nicht so sensibel umgehen können. Aber die meisten Männer sagen nach der Untersuchung: „War nicht schlimm! Habe ich mir ganz anders vorgestellt.“

Sollte das jeder Mann machen lassen?

Bei Männern ab 45 Jahren übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Tastuntersuchung einmal pro Jahr. Das sollte man in Anspruch nehmen. Vor allem, wenn man beim Wasserlassen Beschwerden hat, tagsüber oder auch nachts häufiger zur Toilette muss. Häufig ist die Prostata vergrößert. In wessen Familien Prostatakarzinome bekannt sind, sollte sich ab dem 40. Lebensjahr untersuchen lassen.

Eine vergrößerte Prostata ist aber nicht zwangsläufig schlimm, oder?

Nein! Dass die Vorsteherdrüsemit dem Alter etwas größer wird, ist ganz normal. Sie kann von walnussgroß bis kastaniengroß, manchmal sogar so groß wie eine Mandarine werden. Wenn die Männer keine Beschwerden haben, ist das kein Problem. Wächst die Prostata aber stark nach innen, engt sie die Harnröhre ein. Dann kann der Harn nicht richtig fließen. Die Männer haben folglich Probleme beim Wasserlassen. Die Blase kann sich nicht richtig entleeren und man muss häufiger zur Toilette.

Muss man dann operieren?

Nicht zwangsläufig. Auch mit Medikamenten lässt sich eine Verkleinerung der Prostata bewirken. Allerdings greift man damit in den Hormonstoffwechsel ein. Das kann sich auf das allgemeine Wohlbefinden und die Sexualität des Mannes auswirken. Deshalb bin ich da eher zurückhaltend. Es kommt aber natürlich immer auf den Einzelfall an. Im Anfangsstadium kann man auch über körperliche Aktivität und gesunde Ernährung viel erreichen. Das wirkt sich positiv auf den Hormonhaushalt aus, der hat wiederum einen positiven Einfluss auf die Prostatagröße – es geht also Hand in Hand. Wenn die Prostata richtig groß ist, der Mann nur noch tröpfchenweise Urin ablassen kann und alle konservativen Maßnahmen nicht geholfen haben, bleibt einem leider nichts anderes übrig, als zu operieren.

Kann eine vergrößerte Prostata auch mit Erektionsstörungen einhergehen?

Ja, da gibt es eine Korrelation. Studien haben aber gezeigt: Nicht die Prostatagröße, sondern die Symptome, die wir eben besprochen haben, gehen häufig mit Erektionsstörungen einher. Männer, die eine nach innen vergrößerte Prostata haben, klagen zudem häufig darüber, dass ihr Ejakulat nicht mehr mit Druck herauskommt, sondern eher „tröpfelt“.

Woran liegt das?

Wenn die Prostata nach innen wächst, kann sich in ihr nicht mehr so viel Druck aufbauen. Dementsprechend sinkt die Geschwindigkeit beim Ejakulieren, ein Teil des Volumens bleibt manchmal in der Harnröhre zurück. Man kann sich die Prostata als eine Art Hochdruckdrüse vorstellen. Dort vermischen sich die Spermien mit den Sekreten aus Samenbläschen und Prostata. Dass der Samenerguss funktioniert, liegt also auch an der Prostata. Sie befördert das Ejakulat mit Druck nach draußen.

Wann sollte man mit Erektionsstörungen zum Arzt gehen?

Wenn innerhalb von drei Monaten mehr als die Hälfte der Versuche, Geschlechtsverkehr durchzuführen, nicht so verlaufen, wie Sie sich das vorgestellt haben.

Warum tun das viele Männer nicht?

Aus Schamgefühl. Keiner redet gerne darüber, Erektionsstörungen gelten als sehr unmännlich.

Wie kann man ihnen den Schritt erleichtern, beispielsweise als Partnerin?

Man sollte seinen Partner mit Fingerspitzengefühl darauf hinweisen, dass es sinnvoll wäre, das abklären zu lassen. Nur dann kann ihm rechtzeitig geholfen werden. Je länger man wartet, desto schwieriger wird es, immer mehr geht kaputt. Das ist wie bei einem Auto: Wenn es schon komplett durchgerostet ist, kann man es nicht mehr reparieren. Gehe ich direkt in die Werkstatt, sobald ich die ersten Roststellen feststelle, kann ich noch lange damit fahren.

Sind Erektionsstörungen heilbar?

Prinzipiell ja – wenn man sie rechtzeitig behandelt.

Warum sollte man sie unbedingt ernstnehmen?

Erektionsstörungen können Warnzeichen für ein Gefäßerkrankung sein. Sind die zuführenden Gefäße verengt, gelangt nicht mehr genügend Blut in den Penis. Dann liegt in der Regel eine generelle Veränderung des Gefäßsystems vor. Man bemerkt das oft zunächst am Penis, da die Gefäße hier nur ein bis zwei Millimeter dick sind. Jene im Herzen hingegen haben einen Durchmesser von drei bis vier Millimetern. Anhand der Penisgefäße lässt sich daher schon vier bis acht Jahre früher abschätzen, ob ein Mann ein erhöhtes Risiko für einen Herzinfarkt hat.

-