Impfungen gegen Covid-19 schützen inzwischen Milliarden Menschen weltweit davor, durch das Coronavirus SARS-CoV-2 schwer zu erkranken – oder sogar an der Infektion zu sterben. Doch geht der helfende Piks mit der Spritze nicht an jedem spurlos vorbei. Manche fühlen sich nach der Impfung schlapp und krank oder haben geschwollene Lymphknoten, die schmerzen.

Es gibt jene, die nach einer Impfung in Gefahr schweben. Wegen einer heftigen allergischen Reaktion, die zu einem Kreislaufschock führt. Weil sich ihr Herz entzündet hat oder ein Gefäß sich verschlossen. Oder, weil Impflinge nach der schützenden Spritze eine ganze Liste von Beschwerden entwickeln, die inzwischen als Post-Vac-Syndrom (engl. vaccination = Impfung) große mediale Aufmerksamkeit erregt.

Symptome ähneln denen von Post Covid

Tatsächlich berichten Ärztinnen und Ärzte seit dem Herbst des vergangenen Jahres von Patientinnen und Patienten, die mit einem vertrauten Symptomkomplex in den Sprechstunden vorstellig werden. „Die Krankheitsverläufe dieser Menschen sind fast identisch mit jenen von Post Covid“, sagt Professor Bernhard Schieffer, der am Universitätsklinikum Marburg die Post-Covid-Ambulanz leitet und dort inzwischen auch eine Post-Vac-Sprechstunde eingerichtet hat.

Eine einheitliche Definition des Krankheitsbildes gibt es bisher nicht. Jene, die nach der Impfung in seiner Ambulanz Hilfe suchen, leiden Schieffer zufolge unter drei Haupt-Symptomkomplexen. Sie betreffen das Gehirn, die Nerven sowie Herz und Kreislauf – und treten in Wellen auf. Die Betreffenden beklagen demnach zum Beispiel Kopfschmerzen, ein Gefühl, als sei das Denken in Watte gepackt und kein klarer Gedanke möglich – den sogenannten Brainfog –, Druck auf der Brust, Atemnot, Kribbeln und Lähmungserscheinungen. Sie seien häufig müde, erschöpft und lägen oft tagelang im Bett. „Wenn diese Symptome über drei Monate anhalten“, sagt der Kardiologe, „dann gehen sie in ein chronisches Erschöpfungssyndrom über.“

Betroffene ernst nehmen

Schieffer wirbt dafür, Patientinnen und Patienten mit Post-Vac-Syndrom genauso ernst zu nehmen wie Menschen mit Long oder Post Covid – auch wenn die Diagnose schwierig zu stellen sei. Zugleich macht er sehr deutlich, dass Post Vac nach der Impfung sehr viel seltener auftritt als Post Covid nach der Infektion. 15 000 bis 25 000 Menschen mit Post-Vac-Syndrom könne es angesichts der fast 180 Millionen verabreichten Impfdosen in Deutschland geben, schätzt Schieffer.

Die Zahl der Menschen mit Post Covid liege deutlich höher. „Über alle Bevölkerungsgruppen erkranken nach der Infektion etwa 10 bis 15 Prozent an Post oder Long Covid“, sagt der Kardiologe. Das entspricht im Angesicht von mehr als 30 Millionen bestätigten Fällen in Deutschland einer geschätzten Zahl von drei bis viereinhalb Millionen Menschen mit Long oder Post Covid.

Auffällige Häufung unter jungen Frauen

So selten das Erschöpfungssyndrom nach Impfung auch ist, so auffällig findet Schieffer jedoch eine Häufung. „Es gibt die Beobachtung, dass junge Frauen ohne ersichtliche Vorerkrankungen und im gebärfähigen Alter eine erhöhte Inzidenz für diese Long-Covid-Symptome nach der Impfung haben.“

Man könne viel spekulieren, warum das so sei. Schieffer zufolge sehe man seit vielen Jahren, dass Frauen in diesem Alter zu Überreaktionen des Immunsystems neigen, etwa zu Allergien oder Zöliakie. Auch Autoimmunerkrankungen seien in dieser Gruppe häufiger als in der Gesamtbevölkerung. „Gesicherte Erkenntnisse über einen ursächlichen Zusammenhang haben wir aber nicht“.

Schlafende Erreger durch Impfung geweckt?

Das gilt auch für die Theorie dass die Impfung im Körper schlafende Erreger wie das Epstein-Barr-Virus (EBV) wecken könnte. Mehr als 90 Prozent der Bevölkerung infizieren sich im Laufe ihres Lebens mit EBV. Der Erreger kann das Pfeiffersche Drüsenfieber auslösen, in den meisten Fällen aber bleibt die Infektion unbemerkt.

Das Virus bleibt jedoch im Körper und steht im Verdacht, Autoimmunkrankheiten zu triggern. So hatte eine Studie Anfang des Jahres gezeigt, dass Menschen mit einer EBV-Infektion häufiger an Multipler Sklerose erkranken. Dass das Virus die Krankheit auslöst, ist damit allerdings nicht gezeigt. Erste Studien zur Ursachenklärung sind inzwischen angelaufen, auch Schieffer ist daran beteiligt. „Es dauert aber, bis wir aus diesen Untersuchungen Schlüsse ziehen können“, sagt der Professor aus Marburg.

Nicht hinter jedem gemeldeten Fall steckt tatsächlich eine Impfnebenwirkung

Etwas anders sieht es unterdessen mit den übrigen Nebenwirkungen der Covid-Impfungen aus. Das Paul-Ehrlich-Institut als zuständiges Bundesinstitut für Impfstoffe in Deutschland hat in den ersten 15 Monaten der Covid-Impfkampagne knapp 300 000 Meldungen über einen Verdacht auf Impfnebenwirkungen erhalten. Der jüngste Bericht von Anfang September beziffert die Zahl der Verdachtsfälle auf mehr als 320 0000. Das erscheint auf den ersten Blick viel. Doch erstens steckt nicht hinter jedem gemeldeten Fall gesichert eine Impfnebenwirkung. Die Meldungen erfolgen auf Verdacht und werden durch das Paul-Ehrlich-Institut nur auf Plausibilität, nicht einzeln auf einen ursächlichen Zusammenhang hin überprüft.

Zweitens können Geimpfte oder deren Angehörige selbst einen Verdacht auf Nebenwirkungen anzeigen. Ein Besuch bei der Ärztin oder dem Arzt und eine Diagnose sind dafür nicht nötig. Das zugehörige Formular ist zum Download oder für eine Online-Meldung verfügbar. Auch per Post, Telefon, Mail oder App können mutmaßliche Nebenwirkungen gemeldet werden. Die vielen Wege sollen sicherstellen, dass Nebenwirkungen nicht untererfasst werden.

Zudem müssen die gemeldeten Verdachtsfälle im Verhältnis zur viel größeren Zahl der Impfungen gesehen werden. Von Ende Dezember 2020 bis Ende Juni 2022 haben Bürgerinnen und Bürger in Deutschland knapp 183 Millionen Impfdosen erhalten. Das bedeutet, dass es nach 18 von 10 000 Dosen zu Symptomen kam, die als mögliche Impfkomplikation an die Behörden gemeldet wurden – durch Ärzte, Apothekerinnen, Geimpfte, Angehörige oder Hersteller.

Immunsystem reagiert nach Impfung ähnlich wie nach echter Infektion

Es ist nicht für jeden verständlich, dass eine Arznei, die den Körper doch vor Krankheit bewahren soll, Symptome und Krankheitsbilder verursachen kann. Das liege vor allem an der Art und Weise, wie Impfstoffe funktionieren, erklärt der Immunologe Carsten Watzl von der Technischen Universität in Dortmund. „Ein Impfstoff spielt dem Immunsystem eine Infektion vor“, sagt Watzl. „Was dann auf Seiten der körpereigenen Abwehr passiert, ist der Reaktion auf eine echte Infektion sehr ähnlich.“

Zellen strömen ins Gewebe, Abwehrstoffe werden gebildet, der Körper merkt sich sozusagen die Eigenheiten des Fremdlings. Im Zuge dieser Vorgänge kann es zu Fieber, Schwellungen, Rötungen an der Einstichstelle, zu Kopf-, Gelenk- und Muskelschmerzen kommen. Solche Impfreaktionen sind unangenehm, aber ein Hinweis darauf, dass die Impfung wirkt. Die Symptome klingen nach kurzer Zeit wieder ab. Oft fehlen sie ganz. „Viele Menschen spüren nach der Impfung gar nichts“, sagt Watzl. Darüber müsse man aber genauso wenig besorgt sein wie über ausgeprägte Impfreaktionen. „Jedes Immunsystem ist anders“, erklärt der Forscher. Die Impfung schütze in jedem Fall sehr gut vor schweren Verläufen.

87 Prozent der gemeldeten Symptome sind harmlose Impfreaktionen

Impfreaktionen können nach der ersten, zweiten oder jeder späteren Dosis auftreten. Die zugehörigen Symptome machen 87 Prozent der gemeldeten Verdachtsfälle auf Impfnebenwirkungen aus. Doch diese meist normalen Reaktionen auf die Impfung sind unbedingt von echten und schweren Nebenwirkungen abzugrenzen.

Bei letzteren handelt es sich um Reaktionen des Körpers, die eben nicht zu erwarten sind, sondern „über das übliche Ausmaß“ der Impfreaktion hinausgehen und statistisch gehäuft nach der Impfung gemeldet werden. Dazu zählen Störungen des Herzrhythmus, Atemnot oder Missempfindungen wie Kribbeln in den Fingern oder an anderen Stellen der Haut. Diese Komplikationen machen 13 Prozent der Meldungen aus. Sie gelten für das Paul-Ehrlich-Institut als schwerwiegend.

Sicherheitsbericht PEI, Daten bis 31.3.22

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Lebensbedrohlich ist allerdings nur ein kleiner Teil von ihnen. Atemstörungen, eine Verklumpung von Blutplättchen, die zu gefährlichen Gerinnseln führt – solche Fälle sind wirklich sehr selten. Aber sie kommen vor. „Manchmal macht das Immunsystem nach der Impfung Fehler“, sagt Watzl. Die Ursachen seien noch unverstanden, wie beim Post-Vac-Syndrom. Die Immunantwort könne jedoch überschießen oder sich gegen körpereigene Gewebe oder auch Blutbestandteile richten. So traten im Zusammenhang mit den Impfstoffen von AstraZeneca und Johnson & Johnson sehr selten, aber dennoch häufiger als ohne Impfung Thrombosen auf – also Blutgerinnsel, die wichtige Gefäße verstopfen können. In wenigen Fällen war dies tödlich.

mRNA-Impfstoffe gelten nach wie vor als sehr wirksam und sicher

Inzwischen werden diese Impfstoffe praktisch nicht mehr eingesetzt. Fast alle Immunisierungen erfolgen derzeit mit den zwei mRNA-Impfstoffen. Sie machen rund 90 Prozent der verabreichten Covid-Impfdosen aus. Beide Impfstoffe gelten als sehr wirksam und sicher – an dieser Einschätzung ändert auch das Post-Vac-Syndrom nichts. Das Paul Ehrlich-Institut schreibt in seinem jüngsten Bericht, dass die Auswertung der Meldungen bislang kein Risikosignal ergeben habe.

Zudem stammt laut Bericht mehr als die Hälfte der gemeldeten Post-Vac-Fälle im europäischen Wirtschaftsraum (EWR) aus Deutschland. „Da Deutschland aber nicht 55 Prozent der Impfungen im EWR durchgeführt hat, kann von einer unverhältnismäßig hohen Berichterstattung in Deutschland ausgegangen werden“, heißt es in dem Dokument.

Dennoch gibt es auch nach mRNA-Impfungen unerwünschte Auswirkungen. So wurden je eine Million verabreichter mRNA-Impfdosen etwa fünf allergische Schocks gemeldet. Bei etwa 30 von einer Million Geimpften entzündete sich nach der Impfung der Herzmuskel. Ein geringes Risiko. Vor allen Dingen aber ist es viermal geringer als das Risiko von Ungeimpften, nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 an einer Myokarditis zu erkranken.

Erklärvideo zu mRNA-Impfstoffen

Risiko für Komplikationen nach Covid-19-Erkrankung deutlich höher als nach Impfung

Generell sind die Risiken für Komplikationen nach einer Covid-19-Erkrankung letztlich viel größer als nach der Impfung. Das gilt auch für das Erschöpfungssyndrom, das nach einer Infektion sehr viele Menschen mehr betrifft, als nach der Impfung. Dennoch bereitet der Gedanke an eine Impfkomplikation vielen Menschen größeres Unbehagen als das Risiko, an Covid zu erkranken. „Es ist für uns Menschen schwierig, Risiken einzuschätzen“, sagt Watzl. „Das Risiko der Impfung, die morgen stattfindet, erscheint oft konkreter als das Risiko einer Infektion, die in den nächsten Wochen und Monaten passieren wird.“ Oder, so höre er es oft, vielleicht ja auch gar nicht passiert.

Der Immunologe warnt aber vor der Hoffnung, sich nicht mit dem Virus zu infizieren und deshalb auf die Impfung verzichten zu können. „Ich denke, man muss akzeptieren, dass sich jeder irgendwann anstecken wird.“ Das Einzige, was vor schweren Folgen schütze, sei die Impfung. Dem stimmt auch Post-Vac-Experte Schieffer zu: „An der Impfung führt kein Weg vorbei“.

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