Im Körper verstecken statt kämpfen, das ist die Strategie von Herpesviren. Auch das Epstein-Barr-Virus (EBV) zählt zu ihnen. Es besiedelt die B-Zellen des Immunsystems und entgeht so der Körperabwehr. Mehr als 90 Prozent der Menschen infizieren sich im frühen Kindesalter. Davon spüren sie meist nichts. Doch EBV kann diverse Krebsarten wie das Hodgkin-Lymphom auslösen. ­Eine Schätzung geht von weltweit rund 200 000 Krebsfällen jährlich aus.

Wenn bisher Verschonte sich erstmals im Jugendalter EBV einfangen, erkranken viele von ihnen am Pfeifferschen Drüsenfieber. Fieber, geschwollene Lymphknoten, Halsschmerzen und starke Müdigkeit strecken viele für Wochen nieder. Zudem erhöht sich die Wahrscheinlichkeit um mindestens das Doppelte, später an Multipler Sklerose (MS) zu erkranken. Schon lange stehen EBV zudem im Verdacht, auch ohne Drüsenfieber MS auszulösen.

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1 Ein Teil der B-Zellen des Immunsystems ist mit Epstein- Barr- Viren infiziert. Der Körperabwehr gelingt es nicht mehr, infizierte Zellen zu beherrschen.

2 B-Zellen gelangen über das Blut in das Gehirn. Dort ballen sie sich mit sogenannten T-Helferzellen zusammen.

3 Einige B-Zellen setzen Viren frei und halten die Infektion im Gang.

4 Mit Unterstützung sogenannter T-Helferzellen entwickeln sich B-Zellen zu Plasmazellen, die massenhaft Antikörper ausschütten.

5 Weil beide ähnlich sind, greifen die Antikörper plötzlich nicht nur EBV an ...

6 ... sondern auch die Isolierschicht der Nervenzellen (Myelinscheide) und andere Gehirnstrukturen.

7 Auch T-Killerzellen wandern ins Gehirn. Sie binden ebenfalls an passende Myelinbestandteile an und schütten zerstörende Substanzen aus.

8 Die zerstörte Myelinscheide hinterlässt nicht mehr funktionsfähige Nervenzellen. Typische Folgen der MS sind Empfindungs- und Sehstörungen sowie Lähmungen.

Was ist Multiple Sklerose?

Multiple Sklerose ist eine Erkrankung des zentralen Nervensystems. Was dabei passiert, erklärt unser Video

Darum wird jetzt vermehrt darüber gesprochen

Eine Gruppe um Alberto Ascherio von der US- amerikanischen Harvard University untersuchte 801 MS-Fälle, die sie unter zehn Millionen Militärangehörigen gefunden hatten. Bei 35 von ihnen war in der ersten von alle zwei ­Jahre entnommenen Blutproben kein EBV nachzuweisen. Alle bis auf einen infizierten sich später jedoch – und erkrankten an MS.

„Es müssen mehrere Faktoren zusammenkommen“, sagt Professorin Judith Haas, Vorsitzende der Deutschen Multiple Skle­rose Gesellschaft. Auch genetische Besonderheiten, Hormone oder Vitamin-D-Mangel können ­eine wichtige Rolle spielen. Aber auch die Infektion: „Es gibt zahllose Studien zur Beteiligung von EBV, aber diese ist besonders eindrucksvoll.“

Was nützt das Gefährdeten?

Mit einer Impfung schon im Säuglingsalter könnten theoretisch eine EBV-Infektion und damit die allermeisten MS-Fälle verhindert werden. Tatsächlich arbeiten etliche Forschungseinrichtungen und Firmen wie Moderna an einer Impfung. Auch ein Team um Professor Wolfgang Hammerschmidt vom Helmholtz-­Zentrum München, dessen Vakzine nächstes Jahr erstmals bei Menschen erprobt werden sollen.

Das Problem, so Hammerschmidt: „Niemand weiß, wie ein idealer Impfstoff aussehen und welche Virusbestandteile er enthalten müsste.“ Er selbst setzt auf ­eine Art künstliches Virus, das keine Infektion auslösen kann, aber sämtliche der etwa 50 Virenproteine enthält.

Dennoch: „Nach derzeitigem Stand wird ein vollständiger Schutz kaum möglich sein, weil das Virus die Immun­antwort unterläuft“, so Hammerschmidt. Wohl aber könne die Impfung eine schwere Erkrankung am Pfeifferschen Drüsenfieber verhindern – und damit auch das Risiko für eine MS-Erkrankung mindern. Frühestens 2025 könnte ein Impfstoff auf dem Markt sein, schätzt Hammerschmidt.

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Die Diagnose Multiple Sklerose, kurz: MS, wirft sowohl bei den Betroffenen selbst, als auch bei ihren Angehörigen viele Fragen auf. Zehn häufig gestellte beantworten wir hier

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Quellen:

  • Kjetil Bjornevik et al.: Longitudinal analysis reveals high prevalence of Epstein-Barr virus associated with multiple sclerosis. In: Science 2022, 375: 296-301
  • Hartmut Weckerle: Multiple sclerosis sparked by virus-led autoimmunity. In: Nature 2022, 603: 230-232
  • Pender MP, Burrows SR: Epstein–Barr virus and multiple sclerosis: potential opportunities for immunotherapy. In: Clinical & Translational Immunology 2014, 3: 1-11
  • Bar-Or A et al.: Epstein–Barr Virus in Multiple Sclerosis: Theory and Emerging Immunotherapies. In: Trends in Molecular Medicine 2020, 26: 296-310
  • Lanz TV et al.: Clonally expanded B cells in multiple sclerosis bind EBV EBNA1 and GlialCAM. In: Nature 2022, 603: 321-352
  • Thacker EL, Mirzaei F, Ascherio A: Infectious mononucleosis and risk for multiple sclerosis: A meta-analysis. In: Annals of Neurology 2006, 59: 499-503
  • Redaktion: Rolle des Epstein-Barr-Virus bei zahlreichen Krebserkrankungen unklar. Deutsches Ärzteblatt: https://www.aerzteblatt.de/... (Abgerufen am 14.04.2022)
  • Rostgaard K et al.: Primary Epstein-Barr virus infection with and without infectious mononucleosis. In: Plos One 2019, 14: 1-14
  • Handel AE et al.: An Updated Meta-Analysis of Risk of Multiple Sclerosis following Infectious Mononucleosis. In: Plos One 2010, 5: 1-5
  • Mullard A: THE LONG-TERM CONSEQUENCES OF VIRAL INFECTION. In: Nature 2022, 603: 784-787
  • Robinson WH, Steinman L: Epstein-Barr virus and multiple sclerosis. In: Science 2022, 375: 264-265