Beim Stichwort Ultraschall zur Früherkennung von Eierstockkrebs steigt bei Gesundheitswissenschaftlerin Ingrid Mühlhauser der Puls. „Es ist einfach kriminell, dass Frauen bei der normalen Vor­sorge Untersuchungen bekommen, für die wissenschaftlich eindeutig bewiesen ist, dass sie keinen Nutzen haben und sogar schaden können“, schimpft die Professorin der Universität Hamburg ins Telefon.

Seit Jahren streiten Gesundheitswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler mit praktisch tätigen Ärztinnen und Ärzten über den Sinn des sogenannten vaginalen Ultraschalls zur Früherkennung von Eierstockkrebs. Nutzen und Wirkung sind nicht belegt. Dennoch bieten viele Frauenärztinnen und -ärzte be­schwerde­freien Frauen die Selbstzahlerleistung bei der Rou­tinekontrolle an. Mit Sprüchen wie „Wenn Sie Krebs haben, ist es zu spät“, legen sie Frauen nahe, „etwas für ihre Gesundheit zu tun“.

Etablierte Methode bei Verdacht auf Eierstockkrebs

Untersuchungen mit Ultraschall (Sonografie) sind eine bewährte Methode, um Veränderungen im Unterbauch festzustellen. Um die Eierstöcke zu untersuchen, wird eine stabförmige Sonde in die Scheide der Frau eingeführt. „So kommt man dichter heran als über die Bauchdecke“, erklärt Professor Sven Mahner, Direktor der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe an der LMU München und einer der Chefs des dortigen Zentrums für familiären Brust- und Eierstockkrebs.

Die ausgesandten Schallwellen liefern Ärztinnen und Ärzten ein Bild des umliegenden Gewebes. „Um Veränderungen an den Eierstöcken zu erkennen, gilt der vaginale ­Ultraschall als Methode erster Wahl“, so Mahner – insbesondere wenn ein Verdacht auf Eierstockkrebs abgeklärt werden muss. Etwa wenn Frauen wiederholt oder ständig Symptome wie Völlegefühl, Blähungen, unklare Bauchschmerzen oder häufigen Harndrang verspüren. Oder eine Zunahme des Bauchumfangs auffällt.

Bei Beschwerden wird die Untersuchung in den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) daher empfohlen und von der Kasse bezahlt, zusammen mit weiterführenden bildgebenden Verfahren wie Computer- oder Magnetresonanztomographie.

Nicht geeignet zur Früherkennung

Anders sieht es bei der Früherkennung von Eierstockkrebs aus. Groß war die Hoffnung, dass der vaginale Ultraschall bösartige Veränderungen an den Eierstöcken frühzeitig aufspüren könne. Denn bislang gibt es keine sichere Methode zur Früherkennung. Rund 7400 Frauen erkranken pro Jahr an dem schnell wachsenden Eierstockkrebs, der meist erst dann Symptome verursacht, wenn sich der Tumor in die Bauchhöhle ausdehnt und Absiedlungen gebildet hat.

Doch Ultraschall taugt nicht als Krebsscreening: Zwar werden durch die Sonographie bei beschwerdefreien Frauen früher und öfter unklare Veränderungen an den Eierstöcken erkannt. „Doch das hat keine Auswirkungen darauf, wie viele Frauen an Eierstockkrebs sterben“, sagt Gesundheitswissenschaftlerin Mühlhauser. So ergaben zwei Studien mit fast 300 000 Teilnehmerinnen, dass Frauen, die die Ultraschalluntersuchung regelmäßig wahrgenommen hatten, genauso häufig an Eierstockkrebs starben wie Frauen, die darauf verzichteten. Auch die zusätzliche Bestimmung eines Tumormarkers im Blut änderte nichts daran.

Das kann verschiedene Gründe haben: Aggressive Formen von Eierstockkrebs sind im Ultraschall oft erst erkennbar, wenn sie schon Absiedlungen gebildet haben. Oder sie entwickeln sich innerhalb weniger Monate zwischen zwei Früherkennungsuntersuchungen: Dann sind sie schon weit fortgeschritten, wenn sie beim nächsten Ultraschall entdeckt werden.

Belastendende Folge: Eierstöcke werden häufiger unnötig entfernt

Die Studien ergaben auch: Der Ultraschall kann sogar schaden. Bei den Teilnehmerinnen, die regelmäßig ­einen Ultraschall erhielten, wurden die Eierstöcke häufiger unnötig entfernt. Der Grund: Im Ultraschall zeigten sich häufiger unklare Veränderungen, die in der Regel durch eine Operation abgeklärt werden. Denn ein Verdacht auf Eierstockkrebs kann nur durch eine Entfernung des gesamten Eierstocks bestätigt oder ausgeräumt werden.

Das Gewebe wird danach auf Tumorzellen untersucht. Nur bei einer von zehn Patientinnen bestätigt sich der Krebsverdacht – aber alle können danach keine Kinder mehr bekommen. Selbst wenn die Folgen weniger dramatisch ausfallen, seien die Frauen damit unnötig belastet, sagt Ingrid Mühlhauser: „Ein Schaden liegt auch dann vor, wenn ich ‚nur‘ den Stress ­einer unnötigen Untersuchung habe und dafür auch noch selbst bezahle.“

IGeL-Monitar rät von Vorsorge-Ultraschall ab

Weil der Ultraschall der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung nicht taugt und zudem schaden kann, raten der IGeL-Monitor und auch die DGGG von der Untersuchung ab. Patientinnen ohne Beschwerden, die den Ultraschall trotzdem in Anspruch nehmen, müssen ihn deshalb selbst bezahlen. Erstattet wird in diesen Fällen nur ­eine Tastuntersuchung. Zwischen 25 und 53 Euro werden laut IGeL-Monitor für den Ultraschall fällig. Teurer wird es, wenn gleichzeitig ein Tumormarker im Blut bestimmt wird.

Die Absage an den Bezahl-Ultraschall zur Früherkennung gilt auch für ­Frauen mit einem erhöhten Risiko für Eierstockkrebs. Dieses Risiko wächst mit der Zahl der Eisprünge im Leben. Kinderlosigkeit, die erste Menstruation vor dem 11. und das Einsetzen der Menopause nach dem 55. Geburtstag erhöhen die Gefahr zusätz­lich. Mehrfachschwangerschaften, Stillen und die langjährige Einnahme der Pille dagegen schützen in gewissem Maß vor Eierstockkrebs.

Jeder zehnte Eierstockkrebs ist genetsch bedingt

Weitere Risikofaktoren sind Alter, Übergewicht, eine Hormontherapie in der Menopause sowie Brust-, Gebärmutter- oder Darmkrebs. Auch Vererbung spielt eine Rolle: Jeder zehnte Eierstockkrebs ist genetisch bedingt. Oft liegt eine Störung in den Genen BRCA1 und BRCA2 vor. Vier von zehn Frauen mit BRCA1-Mutation und bis zu zwei von zehn Frauen mit BRCA2-Mutation erkranken im Laufe ihres Lebens an Eierstockkrebs.

Frauen, die ein erhöhtes Risiko bei sich vermuten, sollten mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt sprechen, ob für sie eine genetische Beratung und ein Gentest hilfreich wären. Zeigt der Gentest eine Mutation, heißt das nicht, dass Betroffene auch erkranken. Das Ergebnis sagt nicht vorher, ob und wann Krebs wirklich auftritt. Die einzige wirksame Möglichkeit, das Risiko zu senken, ist eine vorbeugende Entfernung der Eierstöcke und Eileiter. Jede Frau, die einen Gentest plant, sollte sich daher gut überlegen, ob sie zu diesem Eingriff bereit wäre.

Vaginaler Ultraschall aus anderen Gründen sinnvoll

Viele Frauenärztinnen und Frauen­ärzte halten den vaginalen Ultraschall aus anderen Gründen für sinnvoll. „Mittels Ultraschall lässt sich zum Beispiel die Entwicklung von Myomen und Zysten beurteilen. Das kann für die richtige Therapieentscheidung wichtig sein“, argumentiert Sven Mahner. Indirekt könne die Untersuchung wahrscheinlich auch dazu beitragen, Krebs zu verhindern: etwa wenn eine Endometriose frühzeitig erkannt und behandelt werde.

Bei Endometriose siedelt sich Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, außerhalb der Gebärmutter an. „Betroffene Frauen haben ein erhöhtes Risiko, an Eierstockkrebs zu erkranken“, ­erklärt Mahner. Auch Zystadenome, bestimmte gutartige Tumore an den Eierstöcken, könnten entdeckt werden. „Sie können in seltenen Fällen bösartig werden, daher sollte man sie beobachten oder entfernen“, so Mahner. Studien, die das belegen, fehlen aber.

Unentschlossene sollten sich Bedenkzeit nehmen

Unentschlossene Frauen sollten sich Bedenkzeit ausbitten, wenn sie ­während der Routinekontrolle das ­Angebot eines vaginalen Ultraschalls zur Früherkennung von Eierstockkrebs ­erhalten, rät Dr. Johannes Schenkel. Der Ärztliche Leiter der Unabhängigen Patientenberatung be­ruhigt: „IGeL-Leistungen zur Früh­erkennung betreffen nie Notsituationen, es besteht kein Handlungsdruck.“

Jede beschwerdefreie Frau habe bis zum nächsten Kontrolltermin Zeit, sich per IGeL-Monitor oder mit Unterstützung der Unabhängigen Patientenberatung über die ­Untersuchung zu informieren – oder gleich vor Ort nachzuhaken: Welchen Nutzen habe ich davon? Welche Risiken gibt es? Existiert eine gleichwertige Kassenleistung? Was passiert, wenn ich die Leistung ablehne? Noch immer klärten Praxen viel zu selten über mög­liche Schäden des vaginalen Ultraschalls zur Krebsfrüherkennung auf, kritisiert Schenkel: „Das muss sich ändern!“

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Quellen:

  • Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG): S3-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Nachsorge maligner Ovarialtumoren. Online: https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/... (Abgerufen am 09.09.2022)
  • Mortlock S et al.: A multi-level investigation of the genetic relationship between endometriosis and ovarian cancer histotypes. Cell Reports Medicine: https://www.cell.com/... (Abgerufen am 14.09.2022)
  • Menon U et al.: Ovarian cancer population screening and mortality after long-term follow-up in the UK Collaborative Trial of Ovarian Cancer Screening (UKCTOCS): a randomised controlled trial. The Lancet: https://www.thelancet.com/... (Abgerufen am 14.09.2022)
  • Gebhardt M, Lüftner D, Mahner S et al.: Patientinnenleitlinie Eierstockkrebs, Ein Ratgeber für Patientinnen. Online: https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/... (Abgerufen am 14.09.2022)
  • Mathes T: IGeL Monitor: Ultraschall der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung, Hilft die Ultraschalluntersuchung, Krebserkrankungen der Eierstöcke frühzeitig zu erkennen und die Lebensdauer betroffener Frauen zu verlängern?. Online: https://www.igel-monitor.de/... (Abgerufen am 14.09.2022)
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