Eine Initiative von Wissenschaftlern, Aktivisten und Gesundheitspersonal fordert angesichts der Corona-Krise ein europaweites Herunterfahren auch für die Wirtschaft. "Shutdown heißt: Wir schränken unsere direkten Kontakte auf ein Minimum ein - und zwar auch am Arbeitsplatz!", heißt es in dem Aufruf der Initiative #ZeroCovid.

Wie viele andere Menschen auch wollen wir nicht länger diesen ewigen Lockdown Light oder dieses ständige Hin und Her zwischen Verschärfungen und Lockerungen mittragen", sagte Sprecher Oliver Kube der Deutschen Presse-Agentur. Daher sei ein solidarischer "Shutdown aller nicht lebenswichtiger Bereiche, insbesondere der Wirtschaft" nötig.

Dabei sei es ihnen besonders wichtig, dass die Schwächeren und Schwächsten nicht auf der Strecke blieben, sagte Kube. Um das zu gewährleisten, fordert die Initiative europaweite Covid-Solidaritätsabgaben auf hohe Vermögen oder Unternehmensgewinne. Etwaige Lohnausfälle sollen durch ein breit aufgestelltes soziales Rettungspaket aufgefangen werden.

Ist ein drastischer Shutdwon überhaupt möglich?

Zu den Erstunterzeichnern gehören nach Angaben der Initiative etwa die Klimaaktivistin Luisa Neubauer, die Autorinnen Margarete Stokowski und Teresa Bücker sowie der Sea-Watch-Aktivist Ruben Neugebauer. Auch viele Wissenschaftler und Angestellte aus dem Gesundheitsbereich hätten demnach unterschrieben. Margarete Stokowski schrieb auf Instagram, sie wünsche sich, dass der Aufruf "einfach zack sofort umgesetzt wird". Auch Luisa Neubauer rief auf Twitter dazu auf unter dem Hashtag #ZeroCovid zu diskutieren.

Experten wie Virologe Hendrik Streeck und der ehemalige Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts Ferdinand Kirchhof stehen den Forderungen kritisch gegenüber. Bei einem Vortrag machte Streek deutlich: "Trotz Impfstoff werden wir mit diesem Virus leben müssen." Einem Bericht der Deutschen Apotheker Zeitung (DAZ) zufolge hält Streek die Vorstellung, die Corona-Infektionen durch noch drastischere Kontaktbeschränkungen  zu verhindern, für falsch. Zwischenmenschliche Kontakte gänzlich herunterzufahren sei aus medizinischer Sicht unmöglich.

Andere Länder hätten es auch geschafft

Auch Deutschlands Topökonomen warnen vor einem Shutdown. "Eine Zwangsschließung von Unternehmen würde nicht nur die unmittelbar betroffenen Unternehmen hart treffen, sondern könnte die Lieferketten unterbrechen und damit erhebliche Kosten für die gesamte Wirtschaft verursachen", sagte der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, dem Spiegel. Zudem wäre die Gefahr für Pleiten und Entlassungswellen höher als im Frühjahr, betont der Wissenschaftlichen Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Sebastian Dullien.

Die Kritik, ein solidarischer und umfangreicher Shutdown sei in Deutschland nicht möglich, hält der Sprecher der Initiative allerdings für unberechtigt. "Wenn es mehrere andere Staaten gibt, die das bereits erfolgreich getan haben, dann ist das keine Frage der prinzipiellen Machbarkeit, sondern der machtpolitischen Durchsetzung."