Was ist Paxlovid?

Paxlovid ist ein Medikament, das speziell zur Covid-19-Behandlung entwickelt wurde. Es enthält zwei Wirkstoffe: Nirmatrelvir und Ritonavir. Ersterer hemmt die Aktivität eines Enzyms, mit dessen Hilfe sich das Coronavirus SARS-CoV-2 im menschlichen Körper vermehren kann. Dadurch wird die Ausbreitung des Virus behindert, schwere Verläufe können damit unterbunden werden. Der zweite Wirkstoff, Ritonavir, hemmt den Abbau von Nirmatrelvir – und sorgt damit dafür, dass genügend von dem Wirkstoff im Blut verbleibt.

Für wen ist das Mittel vorgesehen?

"Das Medikament ist gedacht für Patientinnen und Patienten, die nach einer Infektion ein höheres Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf haben", sagt Professor Torsten Bauer, Chefarzt der Klinik für Pneumologie am Helios Klinikum Emil von Behring in Berlin und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin. Dazu zählten insbesondere ältere Menschen ab 60 Jahren sowie Menschen, die an einer chronischen Erkrankung wie etwa Bluthochdruck oder einer Tumorerkrankung litten. Darüber hinaus bietet sich Nirmatrelvir/Ritonavir bei ungeimpften oder unvollständig geimpften Personen an.

Das Medikament muss frühzeitig – innerhalb von fünf Tagen nach Symptombeginn – das erste Mal eingenommen werden. Die erkrankten Personen dürfen nur mild erkrankt sein. Das bedeutet, sie dürfen noch keinen Sauerstoff benötigen und müssen zuhause behandelbar sein. Menschen mit einem geringen Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf rät die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hingegen von der Einnahme ab. Der Nutzen des Medikaments sei bei ihnen „vernachlässigbar“.

Wie wird Nirmatrelvir/Ritonarvir angewendet?

Eine Behandlung sollte möglichst frühzeitig starten, spätestens fünf Tage nach dem Einsetzen erster Symptome. Das Medikament wird in der Regel in Tablettenform eingenommen. Die empfohlene Dosis beträgt zwei Tabletten Nirmatrelvir mit je 150 Milligramm (mg) und eine Tablette Ritonavir mit 100 mg, die alle zwölf Stunden eingenommen werden. Ein Behandlungszyklus dauert fünf Tage.

Welche Gegenanzeigen und Wechselwirkungen gibt es?

Der Einsatz von Nirmatrelvir/Ritonarvir wird durch zahlreiche Gegenanzeigen und Wechselwirkungen eingeschränkt. Zum Beispiel darf das Medikament nicht eingenommen werden, wenn eine schwere Funktionseinschränkung der Leber oder eine schwere Nierenschwäche besteht.

Zudem gibt es viele Medikamente, die nicht oder nur mit großer Vorsicht mit Nirmatrelvir/Ritonarvir zusammen eingesetzt werden dürfen. Der Grund: Die Wirkung von Ritonavir, das den Abbau von Nirmatrelvir bremst, kann sich auch auf andere Medikamente auswirken. "Ihr Abbau wird ebenfalls gehemmt und es kann zu vermehrten Nebenwirkungen kommen", erklärt Mediziner Bauer.

Zum Beispiel darf Paxlovid nicht oder nur unter Vorsicht zusammen eingenommen werden mit:

  • bestimmten Medikamenten gegen Herzrhythmusstörungen (z.B. Amiodaron)
  • bestimmten Arzneimitteln aus der Gruppe der Cholesterinsenker (Statine) (z.B. Simvastatin, Lovastatin)
  • manchen Arzneimitteln, die die Gerinnung beeinflussen (z.B. Clopidogrel, Ticagrelor)
  • bestimmten Medikamenten, die gegen Erektionsstörungen eingesetzt werden (z.B. Sildenafil, Tadalafil, Avanafil, Vardenavil)
  • bestimmten Gichtmedikamenten (z.B. Colchicin)
  • manchen Antibiotika (z.B. Rifampicin, Erythromycin)
  • bestimmten Antiepileptika (z.B. Phenytoin, Phenobarbital, Carbamazepin, Diazepam, Midazolam)
  • manchen Medikamenten gegen psychische Erkrankungen (z.B.Risperidon, Amitriptylin, Fluoxetin, Paroxetin)
  • Manchen Chemotherapeutika und Immunsuppressiva
  • Bestimmten Schmerzmitteln (z.B. Pethidin, Fentanyl, Tramadol, Codein, Morphin)
  • Johanniskraut

Hinweis: Die Auflistung umfasst nur einen Teil der Medikamente, bei denen es zu Wechselwirkungen kommen kann. Bitte sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder Ihre Apothekerin, über ihre Arzneien, bevor Sie Paxlovid einnehmen.

Diese Medikamente müssen bei Einnahme von Nirmatrelvir/Ritonarvir unter Umständen pausiert werden. Ist dies notwendig, aber nicht möglich, müssen sich Ärztinnen und Ärzte eine alternative Therapie überlegen. Bei Arzneimitteln, die nur unter besonderer Vorsicht gleichzeitig mit Paxlovid eingesetzt werden können, muss möglicherweise die Dosis angepasst werden.

Das Thema Gegenanzeigen und Wechselwirkungen betrifft viele Patientinnen und Patienten, die zu der Risikogruppe für einen schweren Verlauf von Covid-19 gehören. Insbesondere auch die Gruppe der älteren Menschen, da sie oft verschiedene Medikamente einnehmen.

Warum wird das Medikament so selten verschrieben?

„Der Grund liegt in dem Wechselwirkungs-Potential von Paxlovid, das Ärztinnen und Ärzte beachten müssen“, sagt Torsten Bauer. Diese führen dazu, dass das Medikament nicht allen Personen aus der Risikogruppe tatsächlich verordnet werden kann. Man müsse die Medikamentenliste der Patientinnen und Patienten vor der Verschreibung durchgehen und einschätzen, ob etwaige Wechselwirkungen relevant sind. Dieser Aufwand sei vermutlich der Grund, warum Ärztinnen und Ärzte mit dem Verschreiben zögerlich sind.

"Ich glaube aber auch, dass die Kolleginnen und Kollegen den Aufwand überschätzen", sagt Bauer. Es gebe mittlerweile Online- oder Appanwendungen, die die Abfrage sehr einfach machen, welche Medikamente überhaupt Wechselwirkungspotential haben. Auch freiverkäufliche Mittel, Drogen- und Genussmittel müssen berücksichtigt werden. Plus: Damit es seinen vollen Nutzen entfalten kann, muss das Arzneimittel sehr früh nach dem Einsetzen der ersten Symptome das erste Mal genommen werden.

Welche Nebenwirkungen können auftreten?

Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören Geschmacksstörungen, Durchfall, Erbrechen und Kopfschmerzen. Wenn Sie Nebenwirkungen feststellen, sollten Sie diese Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin mitteilen.

Wie gut wirkt das Medikament?

Der Hersteller hat eine Studie mit ungeimpften Versuchspersonen durchgeführt, die unter einer per PCR nachgewiesenen SARS-CoV-2 Infektion mit Symptomen litten und ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf aufwiesen. Das Ergebnis: Nahmen die Probandinnen und Probanden innerhalb der ersten fünf Tagen nach Beginn ihrer Symptome Paxlovid ein, verringerte sich ihr Risiko, wegen Corona ins Krankenhaus zu müssen oder daran zu sterben, um rund 90 Prozent.

Unklar ist jedoch, wie gut Nirmatrelvir/Ritonarvir gegen neuere Virusvarianten wirkt. Denn die Studie wurde zu einem Zeitpunkt durchgeführt, als die Omikronvariante noch nicht vorherrschend war. Anders bei einer Untersuchung aus Israel. Diese deutet darauf hin, dass die Kombination Nirmatrelvir/Ritonarvir auch gegen die Omikronvariante wirksam ist: Bei den Patientinnen und Patienten ab 65 Jahren, die den Wirkstoff Nirmatrelvir erhalten hatten, war die Rate der Krankenhauseinweisungen und Todesfälle deutlich niedriger als bei denjenigen, die ihn nicht bekommen hatten.

Könnte Nirmatrelvir/Ritonarvir vor Long Covid schützen?

Manche Menschen leiden auch mehr als drei Monate nach ihrer Infektion noch unter Symptomen. Könnte Paxlovid hier vorbeugend helfen? "Bezogen auf eine mögliche präventive Wirkung von Long Covid müssen wir erst mal Studien abwarten", sagt Dr. Jördis Frommhold, Fachärztin für Innere Medizin und Pneumologie und Chefärztin der Abteilung für Atemwegserkrankungen und Allergien an der MEDIAN Klinik Heiligendamm. "Es gibt aber eine erste Studie, derzufolge unter Einnahme von Paxlovid das Risiko für Long Covid gesenkt wird." Die Studie ist allerdings noch nicht von unabhängigen Expertinnen und Experten begutachtet. In der Studie wurden Infizierte mit mindestens einem Risikofaktor für einen schweren Verlauf untersucht. Diejenigen, die kurz nach dem positiven Corona-Test Nirmatrelvir eingenommen hatten, litten im Schnitt 90 Tage später seltener noch an Symptomen als Probandinnen und Probanden aus der Kontrollgruppe.

“Natürlich soll das nicht heißen, dass wir jetzt alle Paxlovid nehmen sollen“, warnt Frommhold. „Es bedeutet auch nicht, dass wir uns mit Covid-19-Symptomen nicht mehr schonen müssen, weil wir Paxlovid eingenommen haben", sagt sie. Sich zu schonen, sei weiterhin wichtig. „Besonders sinnvoll scheint mir der Einsatz bei Menschen, die schon mal Long-Covid-Symptome hatten und sich jetzt erneut infiziert haben“, sagt Frommhold. Von betroffenen Patientinnen und Patienten erhalte die Spezialistin bereits viele Anfragen.

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