Auf den ersten Blick ist der Wirkstoff Molnupiravir genau das, was die Welt jetzt braucht: Ein Mittel, das dem Virus endlich ein Stück weit den Schrecken nimmt. Wird die Substanz kurz nach einem positiven Testergebnis eingenommen wird, halbiert dies die Wahrscheinlichkeit, mit einem schweren Verlauf in die Klinik zu müssen oder zu sterben. Das ließ zumindest der US-amerikanische Hersteller vor Kurzem verlauten und beruft sich dabei auf vorläufige Studiendaten. Er hat auch bereits die Zulassung bei der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA beantragt. Seit dem 25. Oktober prüft die Europäische Arzneimittelagentur die Daten des Herstellers. Und Großbritannien hat das Medikament am 4. November zugelassen – als erstes Land weltweit.

Vielversprechende Ergebnisse

„Die Zahlen deuten tatsächlich auf eine gute Wirksamkeit gegen das Coronavirus hin“, sagt der deutsch-amerikanische Virologe Dr. Heinz Feldmann, der das Virologielabor der Rocky Mountain Laboratories am US-amerikanischen National Institute of Health leitet. Damit ist er nicht allein, manche Wissenschaftler sehen das Mittel gar als bahnbrechend an. Die Studie wurde wegen der überzeugenden Wirksamkeit abgebrochen – nach Absprache mit der FDA. Ein übliches Vorgehen bei besonders vielversprechenden Medikamenten: Es wäre unethisch, der Hälfte der Studienteilnehmerinnen und -teilnehmern ein Mittel vorzuenthalten, das ihnen ziemlich sicher etwas bringen kann.

Ein weiterer Vorteil von Molnupiravir: Es ist ein Medikament zum Schlucken – fünf Tage lang nimmt man jeden Tag zweimal vier Tabletten. Weil es ohnehin in der Frühphase der Erkrankung geschehen soll, lässt sich das bequem zu Hause erledigen. Bisherige antivirale Mittel hingegen müssen meist gespritzt werden.

Ist Molnupiravir also endlich das Medikament, wonach Forscher seit Beginn der Pandemie gesucht haben? Bei genauerer Betrachtung sieht es leider in vielerlei Hinsicht doch nicht danach aus. Denn Molnupiravir hat mehrere Haken – obwohl es gut gegen COVID-19 wirkt.

600 Euro pro Behandlung

Eine Hürde ist der hohe Preis. Umgerechnet 600 Euro soll eine Behandlung in den USA kosten. Doch er lässt sich gerade noch rechtfertigen, meint Professor Peter Palese: „Wenn man bedenkt, wie teuer ein wochenlanger Aufenthalt in der Intensivstation wäre, der mit dem Mittel in vielen Fällen verhindert werden kann, dann relativiert sich das ein wenig“, sagt der Leiter des Bereichs Mikrobiologie an der Icahn School of Medicine am Mount Sinai Hospital in New York (USA).

Größere Bedenken haben Forscher wegen des Wirkprinzips. Molnupiravir wird vom Virus irrtümlich in dessen Erbgut eingebaut und sorgt dort für viele Veränderungen (Mutationen). Wenn sich das Virus dann vermehrt, entstehen Varianten, die zugrunde gehen. „Dieser Mechanismus macht Molnupiravir unter den antiviralen Medikamenten zu einem echten Hammer, der wirklich wirksam viele Viren beiseite räumt“, sagt der Intensivmediziner Professor Frank Brunkhorst, Leiter des Zentrums für klinische Studien am Universitätsklinikum Jena.

Dieser Effekt scheint sich recht gezielt auf Viren zu beschränken. Aber Wissenschaftler fanden Hinweise, dass auch Säugetierzellen ebenfalls betroffen sein können. „Selbst wenn Molnupiravir nur eine geringe mutationsfördernde Wirkung hat, kann das folgenreiche Nebenwirkungen für den Menschen haben“, sagt Brunkhorst.

Erbgutschäden nicht ausgeschlossen

Insbesondere bei heranwachsenden Föten können diese Mutationen zu Fehlbildungen und Behinderungen führen. „Das womöglich fruchtschädigende Potenzial ist ein Problem, hier ist äußerste Vorsicht geboten“, sagt Experte Peter Palese.

Der Hersteller ließ im März 2021 verlautbaren, Molnupiravir habe auch bei höheren Dosierungen in Tierversuchen keine nachweisbaren Mutationen hervorgerufen. Gleichwohl ist man sich dort des fruchtschädigenden Risikos bewusst. So verlangte das Pharmaunternehmen bei seinen Studien zur Wirksamkeit von jeder Teilnehmerin einen negativen Schwangerschaftstest. Und sowohl männliche als auch weibliche Testpersonen wurden angewiesen, nach der Einnahme des Medikaments für eine Woche auf ungeschützten Geschlechtsverkehr zu verzichten.

Es gebe noch viel Klärungsbedarf, sagt Brunkhorst. Theoretisch sei es möglich, dass Molnupiravir auch bei Erwachsenen Mutationen hervorrufen kann. Um das auszuschließen, brauche es größere Studien, die im Idealfall mehrere Jahre dauern. Auch in Bezug auf die Wirksamkeit sei noch vieles unklar. „Bei dem, was an vorläufigen Daten bekannt ist, sind mir direkt einige Fragen gekommen. Die ließen sich vielleicht teilweise beantworten, wenn alle Daten zugänglich wären. Bis dahin haben wir aus wissenschaftlicher Sicht nicht mehr als ein paar Behauptungen des Herstellers“, sagt Brunkhorst.

Behandlung muss frühzeitig beginnen

Auch der Einnahmezeitpunkt ist ein Problem. Alle Medikamente, die gezielt gegen Viren wirken und deshalb als antiviral bezeichnet werden, sollten so früh wie möglich verabreicht werden. Das gilt insbesondere für das Coronavirus SARS-CoV-2. Denn bei fortgeschrittenen schweren Verläufen ist nicht mehr nur die Vermehrung des Erregers das Problem, sondern auch die überschießende Reaktion des Abwehrsystems, die im Körper einige Schäden anrichten kann. „Auch für Molnupiravir gilt, dass es in einer frühen Phase der Infektion verabreicht werden sollte“, sagt Feldmann.

Am meisten dürften Personen profitieren, die ein hohes Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf haben. Also beispielsweise Senioren, Menschen mit starkem Übergewicht oder mit Bluthochdruck. Wird bei ihnen eine Infektion nachgewiesen, könnten sie rasch Molnupiravir erhalten – als Vorsorgemaßnahme, gegen eine schwere Erkrankung.

Nutzen und Risiken abwägen

Dies wirft natürlich Fragen auf: Sollen Menschen, die von COVID-19 noch gar nicht ernsthaft in Schwierigkeit gebracht wurden, mit dem 600 Euro teuren Molnupiravir behandelt werden? Einem Medikament das möglicherweise auch ihr Erbgut schädigen kann.

Wie die Abwägung der Europäischen Zulassungsbehörde am Ende ausfällt, ist unklar. Großbritannien hat bereits den Weg dafür frei gemacht, dass Patienten nun mit der Pille behandelt werden können.

Weitere ähnlich wirkende Substanzen befinden sich derzeit in der Entwicklung. So soll eine Pille mit dem AIDS-Wirkstoff Ritonavir und der Substanz Pf-07321332 das Risiko eines Klinikaufenthaltes oder Todes bei Erwachsenen sogar um 89 Prozent senken, Das teilte der Hersteller dieses Mittels am 5. November mit. Auch er will seine Daten jetzt bei den Zulassungsbehörden einreichen.

Doch bis auf Weiteres bleibt es dabei: Die Impfung gegen COVID-19 ist immer noch das beste Mittel, sich vor einem schweren Verlauf zu schützen.

Labor

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