Immernoch laufen die Forschungsarbeiten weltweit auf Hochtouren, um Medikamente zur Behandlung einer Covid-19 Erkrankung zu finden. Hierfür kommen auch viele Medikamente infrage, welche bereits bei anderen Erkrankungen im Einsatz sind. Somit müssen die Forscher meist nicht bei null anfangen. Wahrscheinlich wird es aber nicht "das eine Medikament" geben, da eine Infektion mit dem neuartigen Corona-Virus (SARS-CoV-2) sehr unterschiedlich verlaufen kann (siehe hierzu auch Phasen einer Covid-19 Erkrankung). Daher wird bei der Testung neuer Medikamente auch berücksichtigt, in welcher Phase sie am besten zum Einsatz kommen könnten.

12726897_eba3144a23.IRWUBPROD_50VI.jpeg

Molnupiravir: Kommt die Anti-Covid-19-Pille?

Der Wirkstoff Molnupiravir soll schwere Verläufe verhindern. Doch es bleiben viele Fragen offen. Heute hat die Europäische Arzneimittelagentur damit begonnen, die Daten des Herstellers zu begutachten

Dies ist insofern von Bedeutung, um zu verstehen, was die Ansatzpunkte der verschiedenen Studien sind. In der frühen und gegebenenfalls zweiten Phase der Infektion steht das Eindringen des Virus und die Virusvermehrung im Vordergrund – hier kommen Medikamente infrage, welche die Vermehrung und den Zelltransport (intrazellulären Transport) des Virus reduzieren, wie beispielsweise Virustatika. In der späten zweiten beziehungsweise dritten Phase, der sogenannten hyperinflammatorischen Phase, steht mehr die Entzündungs- und Immunreaktion des Körpers im Vordergrund, sodass hier entzündungshemmende Medikamente von größerer Bedeutung sein könnten. Wirkstoffe, die gegen die von SARS-CoV-2 ausgelösten schädigenden Mechanismen helfen könnten, stellen einen weitere Gruppe von Therapiebausteinen dar.

Entwickelt werden Medikamente aktuell in mehrere Richtungen:

1.) Antivirale Medikamente

Antivirale Medikamente haben das Ziel, die Virusvermehrung zu unterbinden. Dazu gibt es verschiedene Ansätze: Entweder kann man versuchen, das Eindringen des Virus in die Wirtszelle zu stoppen, indem die Viren bereits zuvor abgefangen beziehungsweise die Bindungsstellen besetzt werden oder indem die Virenvermehrung in der Zelle blockiert wird.

Hierzu laufen eine Vielzahl an Studien, die an den verschiedenen Bereichen ansetzen.

a.) Antivirale Medikamente, die die Viren bereits in den oberen Atemwegen abfangen sollen

Getestet werden mehrere Nasensprays mit unterschiedlichen Wirkstoffen, welche SARS-CoV-2-Viren binden oder abtöten könnten.

b.) Antivirale Medikamente, welche das Andocken und Eindringen in die Zielzelle unterbinden sollen

SARS-CoV-2-Viren docken vor allem über ACE2-Rezeptoren an die Zielzellen an. Über das Verschmelzen der Zellmembranen kann das Virus so sein Erbmaterial in die Wirtszelle einschleusen und sich dort vermehren.

Daher laufen mehrere Studien, in welchen ACE-2-Moleküle verabreicht werden, um damit die Bindungsstellen am Virus zu besetzen und das Andocken unmöglich machen.

Ein weiterer Ansatz ist die Gabe von neutralisierenden Antikörpern. Diese werden über die Vene gegeben und können so gezielt an das Corona-Virus binden und dadurch das Andocken verhindern. Mehr zum Thema finden Sie auf unserer Seite: Neutralisierende Antikörper.

c.) Antivirale Medikamente, welche die Virusvermehrung in der Zielzelle unterbinden sollen

Hier setzt man zum einen auf Virustatika, die bereits gegen andere Viren entwickelt wurden, wie Grippe, HIV, Ebola, Hepatitis, oder auch SARS und MERS – "Verwandte" des neuen Coronavirus. Diese Medikamente haben den Vorteil, dass sie schon erforscht und zum Teil bereits bei bestimmten Infektionen zugelassen sind, was enorm Zeit spart. Sie greifen an unterschiedlichen Stellen an, indem sie verhindern, dass das Virus an die menschliche Wirtszelle andocken, in sie eindringen oder sich dort vermehren kann.

d.) Monoklonale Antikörper, die das andocken des Coronavirus an der menschlichen Zelle verhindern

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt erstmals ein Medikament als Vorbeugung gegen eine schwere Covid-19-Erkrankung bei infizierten Risikopatienten. Sie verweist auf Studien, wonach die Antikörper-Kombination aus Casirivimab und Imdevimab von der US-Firma Regeneron und dem Schweizer Unternehmen Roche deren Überlebenschancen verbessern kann. Die WHO veröffentlichte ihre neue Empfehlung am Freitag im „British Medical Journal“.

In Deutschland wird diese Antikörper-Kombination bereits in speziellen Fällen für Corona-Patienten eingesetzt. Viele Länder, die selbst keine Risikobewertungen machen können, warten aber auf solche WHO-Empfehlungen. Auch Hilfsorganisationen setzen in der Regel nur von der WHO empfohlene Mittel ein.

Getestet wurde zum Beispiel ein gegen HIV eingesetztes Medikament mit den Wirkstoffen Lopinavir und Ritonavir. Ebenfalls untersucht wurde die gegen Hepatitis C verwendete Substanz Ribavirin. Bei beiden Mitteln ergab sich aber nicht der erhoffte Durchbruch.

Außerdem wurde Medikamente mit den Wirkstoffen Chloroquin und Hydroxychloroquin getestet. Diese sind schon lange gegen Malaria im Gebrauch und wirken auch gegen Viren. Versuche im Reagenzglas zeigten, dass sie auch gegen SARS-CoV-2 wirken könnten. Untersuchungen an Patienten verliefen leider aber nicht so erfolgreich, so dass auch eine zwischenzeitliche erfolgte Notfallzulassung in den USA wieder aufgehoben wurde.

  • Ebola-Medikamente

Das Medikament Remdesivir ist ein virushemmendes Medikament (Virusstatikum) und wurde ursprünglich zur Behandlung von Ebola entwickelt. Eine im Mai 2020 veröffentlichte Studie gab Hinweise auf eine etwas kürzere Genesungszeit bei mit Remdesivir behandelten Covid-19-Patienten im Vergleich zur Kontrollgruppe, die ein Placebo erhielt. Bezüglich der Sterberate wurde kein deutlicher Nutzen festgestellt. Am 3. Juli 2020 hat die Europäische Kommission die bedingte Zulassung für das Medikament für Personen ab 12 Jahren mit einer Lungenentzündung durch SARS-CoV-2, die mit Sauerstoff behandelt werden muss, erteilt. Die WHO sprach sich am 20. November 2020 in ihrer erarbeiteten Leitlinie gegen den Einsatz von Remdesivir aus, da sie in ihrer Studienauswertung von über 7000 Patientendaten keinen Vorteil bezüglich der Überlebensrate, der Notwendigkeit einer Beatmungstherapie oder einer Verkürzung der Genesungszeit identifizieren konnte.

Aktuelle Daten aus einer Analyse des Cochrane Institutes vom 5. August 2021 zeigen ähnliche Ergebnisse: Die systematische Übersichtsarbeit wertet die Ergebnisse aus fünf Studien mit einer zufälligen Zuteilung der Patienten und Patientinnen zu den Studiengruppen aus. Insgesamt waren über 7000 Personen in die Studien eingeschlossen, von denen über 3500 einer Behandlung mit Remdesivir zugeteilt wurden. Die Kontrollgruppen in den berücksichtigten Studien erhielten wirkstofffreie Placebos oder eine Standardversorgung. Auf Basis der verfügbaren Daten hat Remdesivir bei erwachsenen, in das Krankenhaus eingelieferten Covid-19-Patienten nur eine geringe oder gar keine Wirkung auf die Sterblichkeit, so Erstautorin Kelly Ansems von der Klinik für operative Intensivmedizin und intermediate Care an der Uniklinik RWTH Aachen. Von 1000 Covid-19-Patienten sterben demnach acht weniger mit Remdesivir im Vergleich zu Placebo oder der Standardbehandlung. Auch auf die Länge der Beatmung scheint Remdesivir lediglich eine geringe oder gar keine Auswirkung zu haben. Die Wirkung des Medikaments auf weitere Aspekte wie den Bedarf an zusätzlichem Sauerstoff oder mögliche Nebenwirkungen bleiben zunächst unklar.

Zusätzliche Daten zur Wirksamkeit von Remdesivir, insbesondere für verschiedene Bevölkerungsgruppen, seien für eine abschließende Beurteilung notwendig. Möglicherweise gibt es einen Nutzen nur bei bestimmten Schweregraden der Erkrankung. So sah das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) in einer Nutzenbewertung von Anfang Juli 2021 bei der Gruppe der moderat an einer Lungenentzündung durch COVID-19 erkrankten Personen, die zu Beginn der Behandlung nur eine Sauerstofftherapie mit niedrigem Fluss benötigten, einen Effekt von Remdesivir gengenüber der Vergleichstherapie. Bei schwer erkrankten Personen ließ sich eine solche Auswirkung nicht zeigen. Allerdings bezog das Institut nur drei Studien mit nicht ganz 2000 Teilnehmern in seine Analyse mit ein.

Bisher bleibt der Einsatz von Remdesivir bei Covid-19 in Deutschland weiterhin beispielsweise im Rahmen von Studien sowie Einzelfallentscheidungen möglich. Patienten, die damit behandelt werden sollen, sollten nach den hierzulande gängigen Empfehlungen Sauerstoff benötigen und erst seit sieben bis maximal zehn Tagen unter Symptomen leiden.

  • Grippe-Medikamente

Das in Japan und China schon seit längerem (in Japan als zweite Wahl) zur Grippebehandlung eingesetzte Medikament Favipiravir (= Favilavir) hatte nach Modifikation in Russland eine Zulassung erhalten. Auch Japan beantragt nun eine Zulassung des Medikamentes zur Covid-19 Behandlung. Zum Einsatz kommen soll es vor allem bei leichter Erkrankung (ohne schwere Lungenbeteiligung) zur Verkürzung der Symptomdauer.

Auch der Kinaseinhibitor ATR-002 zeigte in ersten Studien die Hemmung der Vermehrung von SARS-CoV-2, so dass diesbezüglich aktuell eine Studie in Phase-II läuft (Stand August 2021).

2.) Wechselwirkung mit Zielzelle unterbinden

Gleich drei neue Substanzen testet das von der Universität Stockholm geleitete Projekt "Fight nCoV" bis 2022: Sie sollen das Eindringen des Virus in die Zellen behindern.

Eine andere Strategie verfolgt man mit Medikamenten, die Antikörper gegen SARS-CoV-2 enthalten. Sie sollen das Virus anstelle des körpereigenen Immunsystems abfangen.

3.) Immunsystem beeinflussen

Ein dritter Ansatz sind sogenannte Immunmodulatoren. Dabei handelt es sich um Wirkstoffe, die das körpereigene Abwehrsystem beeinflussen und so die Bekämpfung des Virus verbessern sollen.

Auch Medikamente, die zur Verminderung der überschießenden Immunreaktion bei einem schweren Covid-19-Verlauf beitragen, werden erforscht. Eine Studie der Philipps-Universität Marburg berichtet in Ihrer neuesten Mitteilung über einen positiven Effekt eines eigentlich in der Krebstherapie eingesetzten Arzneistoffs: Ruxolitinib. Sie konnten in Ihrer Studie mit 16 aufgrund von Covid-19 beatmeten Patienten eine deutlich höhere Überlebensrate als üblich feststellen (81%). Eingesetzt wurde es bei schwer erkrankten Patienten, bei denen es zu einem Lungenversagen und damit zur Beatmungspflichtigkeit kam.

4.) Medikamente zur Verbesserung der Funktion der Lunge

Der vierte Ansatz sind Medikamente, die aus der Behandlung bestimmter schwerer Lungenkrankheiten bekannt sind und die vor allem die Schädigung der Lunge verhindern sollen, zu der es auch bei einem schweren Verlauf der Coronavirus-Erkrankung kommen kann.

5.) Weitere Ansätze

Einige Therapieansätze lassen sich nicht einer der oben ganannten Kategorien zuordnen. Hierzu zählen viele weitere Medikamente, welcher gerade in Studien erforscht werden. Hierbei handelt es sich unter anderem beispielsweise um Wirkstoffe, welche ursprünglich gegen Depressionen oder auch zur Krebstherapie eingesetzt wurden. Auch gibt es Untersuchungen zum Asthma-Wirkstoff Budesonid.

Ein weiteres Medikament ist Ivermectin. Dieses Medikament wird zur Behandlung von parasitäeren Erkrankungen und der Kräzte schon seit langem eingesetzt. Hier ist die Datenlage aktuell aber noch ungenügend, so dass das Robert Koch Institut aktuell den Einsatz nur im Rahmen von klinischen Studien empfiehlt.

Mehr zur Behandlung bei Covid-19

Grippevirus

Plasmatherapie gegen COVID-19?

Wer sich mit dem neuartigen Coronavirus infiziert, bildet Antikörper aus. Könnte gespendetes Blutplasma von Genesenen helfen, an COVID-19 erkrankte Patienten zu heilen?

Weltweit laufen zig Studien in unterschiedlichen Phasen

Pharmafirmen weltweit testen bewährte und neue Wirkstoffe gegen Covid-19, wie der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) mitteilt. Eine ausführliche Auflistung über die einen Teil der aktuell laufenden Studien findet sich auf der Seite der VFA: Therapeutische Medikamente gegen die Coronavirusinfektion Covid-19.

Neues Medikament wäre nicht sofort weltweit verfügbar

Weltweit werden also zahlreiche Wirkstoffe gegen das neue Virus getestet. Anlass zu übertriebenem Optimismus für die nächsten Monate ist das nicht. "Denn es gibt einen großen Unterschied zwischen dem Finden eines Wirkstoffs und dem Entwickeln eines Medikaments", betont Rolf Hilgenfeld, Direktor des Instituts für Biochemie an der Universität Lübeck. "Ein Wirkstoff ist noch lange kein Medikament". Und selbst dann wäre ein neues Medikament nicht sofort weltweit für alle Patienten verfügbar. Denn dafür muss es dann erst noch in großen Mengen produziert werden.

Aber die Zulassungsbehörden haben bereits signalisiert und gezeigt, dass sie die Genehmigungsverfahren für klinische Studien und die Zulassungsverfahren für erfolgreich getestete Medikamente sehr zügig bearbeiten werden.

Hilfsorganisationen kritisieren das bestehenden Patentrecht auf die neu zugelassenen Medikamente. „Es ist einfach nicht fair, dass Menschen, die in ärmeren Ländern leben, keinen Zugang zu diesen Covid-19-Medikamenten, die das Todesrisiko senken, haben, nur weil Pharmafirmen das Monopol haben und hohe Renditen wollen“, sagte Elin Hoffmann Dahl von Ärzte ohne Grenzen.

Quellen: