Derzeit laufen die Forschungsarbeiten weltweit auf Hochtouren, um Medikamente zur Behandlung einer Covid-19 Erkrankung zu finden. Hierfür kommen auch viele Medikamente zum Einsatz, welche bereits von anderen Erkrankungen bekannt sind. Somit müssen die Forscher meist nicht bei null anfangen. Wahrscheinlich wird es aber nicht "das eine Medikament" geben, da eine Infektion mit dem neuartigen Corona-Virus (SARS-CoV-2) sehr unterschiedlich verlaufen kann (siehe hierzu auch Phasen einer Covid-19 Erkrankung). Daher wird bei der Testung neuer Medikamente auch berücksichtigt, in welcher Phase sie am besten zum Einsatz kommen könnten.

Dies ist insofern von Bedeutung, um zu verstehen, was die Ansatzpunkte der verschiedenen Studien sind. In der frühen und gegebenenfalls zweiten Phase der Infektion steht das Eindringen des Virus und die Virusvermehrung im Vordergrund – hier kommen Medikamente infrage, welche die Vermehrung und den Zelltransport (intrazellulären Transport) des Virus reduzieren, wie beispielsweise Virustatika. In der späten zweiten beziehungsweise dritten Phase, der sogenannten hyperinflammatorischen Phase, steht mehr die Entzündungs- und Immunreaktion des Körpers im Vordergrund, sodass hier entzündungshemmende Medikamente von größerer Bedeutung sein könnten. Wirkstoffe, die gegen die schädigenden Mechanismen (ausgelöst durch SARS-CoV-2 an weiteren Körperzellen) helfen könnten, stellen einen weitere Gruppe von Therapiebausteinen dar.

Die möglichen Säulen der Therapie gegen Covid-19

Entwickelt werden Medikamente aktuell in mehrere Richtungen:

1.) Antivirale Medikamente

Antivirale Medikamente haben das Ziel, die Virusvermehrung zu unterbinden. Da sich Viren nur in menschlichen Zellen vermehren können, gibt es verschiedene Ansätze, die Virusvermehrung zu unterbinden. Entweder kann man versuchen, das Eindringen des Virus in die Wirtszelle zu stoppen, indem die Viren bereits zuvor abgefangen werden beziehungsweise die Bindungsstellen besetzt werden oder indem die Virenvermehrung in der Zelle blockiert wird.

Hierzu laufen eine Vielzahl an Studien, die an den verschiedenen Bereichen ansetzen.

a.) Antivirale Medikamente, die die Viren bereits in den oberen Atemwegen abfangen sollen

Getestet werden mehrere Nasensprays mit unterschiedlichen Wirkstoffen, welche SARS-CoV-2-Viren binden oder abtöten könnten.

b.) Antivirale Medikamente, welche das Andocken und Eindringen in die Zielzelle unterbinden sollen

SARS-CoV-2-Viren docken vor allem über ACE2-Rezeptoren an die Zielzellen an. Über das Verschmelzen der Zellmembranen kann das Virus so sein Erbmaterial in die Wirtszelle einschleusen und sich dort vermehren.

Daher laufen mehrere Studien, in welchen ACE-2-Moleküle verabreicht werden und damit die Bindungsstellen am Virus besetzen und das Andocken unmöglich machen.

Ein weiterer Ansatz ist die Gabe von neutralisierenden Antikörpern. Diese werden über die Vene gegeben und können so gezielt an das Corona-Virus binden und dadurch das Andocken verhindern. Mehr zum Thema finden Sie auf unserer Seite: Neutralisierende Antikörper.

c.) Antivirale Medikamente, welche die Virusvermehrung in der Zielzelle unterbinden sollen

Hier setzt man zum einen auf Virustatika, die bereits gegen andere Viren entwickelt wurden, wie Grippe, HIV, Ebola, Hepatitis, oder auch SARS und MERS – "Verwandte" des neuen Coronavirus. Diese Medikamente haben den Vorteil, dass sie schon erforscht und zum Teil bereits bei bestimmten Infektionen zugelassen sind, was enorm Zeit spart. Sie greifen an unterschiedlichen Stellen an, indem sie verhindern, dass das Virus an die menschliche Wirtszelle andocken, in sie eindringen oder sich dort vermehren kann.

  • HIV- und Hepatitis-Medikamente

In kleineren klinischen Studien wird auch ein seit Längerem gegen HIV eingesetztes Medikament mit den Wirkstoffen Lopinavir und Ritonavir getestet. Das Robert Koch-Institut erkärt aber explizit, dass die Gabe dieses Medikaments aufgrund der aktuellen Datenlage nur in kontrollierten Studien gerechtfertigt ist. Die WHO hat den Studienarm aktuell auf Eis gelegt. Die Zwischenauswertung der RECOVERY-Studie erbrachte keinen Behandlungsvorteil, sodass dieser Studienansatz vorzeitig aus der RECOVERY-Studie rausgenommen wurde. Die Daten scheinen sich zu verdichten, dass es keinen Nutzen von Lopinavir/Ritonavir gibt, so dass mehrere Fachgesellschaften sich gegen den Einsatz aussprechen.

Ebenfalls in der Testphase befindet sich die gegen Hepatitis C verwendete Substanz Ribavirin.

Seit dem 25. Mai 2020 wurde ein weiteres Medikament mit dem Wirkstoff ABX 464 zur Behandlung an COVID-19 Patienten im Rahmen einer Studie zugelassen. Dieses stammt ursprünglich aus der HIV-Forschung und wird auch bei der entzündlichen Darmerkrankung Colitis ulcerosa erforscht. Geprüft wird nun, ob der Wirkstoff die Vervielfältigung des Virus unterbinden und vor allem eine Überreaktion des Immunsystems verhindern kann.

  • Malaria-Medikamente

Außerdem wurde das Medikament Chloroquin und Hydroxychloroquin getestet. Es ist schon lange gegen Malaria im Gebrauch und wirkt auch gegen Viren. Versuche im Reagenzglas zeigten, dass es auch gegen SARS-CoV-2 wirken könnte. Eine am 22. Mai veröffentlichte Studie im Journal "The Lancet" kommt zu dem Schluss, dass sich die Medikamente Chloroquin und Hydroxychloroquin wahrscheinlich nicht zur Behandlung von Covid-19 eignen. Es ergaben sich sogar Hinweise darauf, das sich die Sterberate sowie das Auftreten von Herz-Rhythmus-Störungen häufen könnten. Die Studie basiert auf Datenanalysen des Forschungsteams um Professor Mandeep Mehra von der Harvard Medical School, die auf Daten fußen, welche an 671 Krankenhäusern auf sechs Kontinenten gesammelt wurden. Auch das Robert Koch-Instiut rät von der Gabe (außerhalb von Studien) ab. Ebenso spricht sich die Leitlinie gegen den Einsatz aus. Auch in den USA wurde die Notfallzulassung für Hydrochloroquin wieder aufgehoben.

  • Ebola-Medikamente

Das Medikament Remdesivir ist ein virushemmendes Medikament (Virustatikum) und wurde ursprüglich zur Behandlung von Ebola entwickelt. Eine am 22. Mai 2020 veröffentlichte Studie im "New England Journal of Medicine" kam zu dem Schluss, dass sowohl die Genesungszeit (im Mittel 11 statt 15 Tage) als auch das Risiko zu versterben bei den mit Remdesivir behandelten Covid-19-Patienten niedriger war als bei der Kontrollgruppe, bestehend aus Covid-19-Patienten, welche ein Placebo erhalten hatten. Am 3. Juli 2020 hat die Europäische Kommision die bedingte Zulassung für das Medikament erteilt. Die WHO sprach sich am 20. November 2020 in ihrer erarbeiteten Leitlinie gegen den Einsatz von Remdesivir aus, da sie in ihrer Studienauswertung keinen Vorteil identifizieren konnten. Der Einsatz von Remdesivir bleibt weiterhin im Rahmen von Studien sowie in Einzelfallentscheidungen möglich. Vor allem bei Patienten, welche schwer an Covid-19 erkrankt sind und einer zusätzlichen Sauerstofftherapie bedürfen, stellt es eine Therapieoption dar. Sinnvoll ist die Gabe vor allem in der Frühphase der Erkrankung (optimal weniger als fünf bis sieben Tage nach Symptombeginn). Weitere Studien zur Wirksamkeit laufen.

  • Grippe-Medikamente

Das in Japan und China schon seit längerem (in Japan als zweite Wahl) zur Grippebehandlung eingesetzte Medikament Favipiravir (= Favilavir) hatte nach Modifikation in Russland eine Zulassung erhalten. Auch Japan beantragt nun eine Zulassung des Medikamentes zur Covid-19 Behandlung. Zum Einsatz kommen soll es vor allem bei leichter Erkrankung (ohne schwere Lungenbeteiligung) zur Verkürzung der Symptomdauer.

Auch der Kinaseinhibitor ATR-002 des Tübinger Unternehmens Atriva Therapeutics zeigte in ersten Studien die Hemmung der Vermehrung von SARS-CoV-2, so dass diesbezüglich aktuell eine Studie in Phase-II läuft (Stand Mai 2021).

2.) Wechselwirkung mit Zielzelle unterbinden

Gleich drei neue Substanzen testet das von der Universität Stockholm geleitete Projekt "Fight nCoV" in den nächsten zwei Jahren (Stand Mai 2020): molekulare "Pinzetten", die an die Virushülle binden und den Erreger zerstören; ein sogenanntes Oligonukleotid sowie makromolekulare Inhibitoren, die die Wechselwirkung des Erregers mit der Zielzelle unterbinden. Die aussichtsreichsten Wirkstoffe werden dann zunächst in Zellkulturen auf die Hemmung von SARS-CoV-2 getestet, dann an Tieren bis hin zu Primaten. Verlaufen sie positiv, könnten klinische Studien beginnen. "Wir stehen vor der dringenden Aufgabe, eine wirksame Therapie gegen SARS-CoV-2 zu finden. Daher stellen wir die Testmodelle schnellstmöglich auch anderen europäischen Forschergruppen zur Verfügung", betont der Virologe Jan Münch vom Institut für Molekulare Virologie am Universitätsklinikum Ulm.

Eine andere Strategie verfolgt man mit Medikamenten, die das Immunsystem des Patienten aktivieren, selbst das Virus auszuschalten. Sie enthalten Antikörper aus dem Blut von Patienten, die eine Corona-Infektion überstanden haben oder – in Zukunft – von Menschen, die gegen Covid-19 geimpft wurden. Die Antikörper stammen entweder direkt aus dem Blutplasma der Genesenen, oder sie wurden im Labor künstlich vermehrt.

3.) Immunsystem beeinflussen

Ein dritter Ansatz sind sogenannte Immunmodulatoren. Dabei handelt es sich um Wirkstoffe, die das körpereigene Abwehrsystem beeinflussen und die beispielsweise verhindern, dass eine zu starke Reaktion des Immunsystems, ein sogenannter „Zytokin-Sturm“, gesundheitliche Schäden verursacht. Solche Immunmodulatoren werden seit Längerem bei Autoimmunerkrankungen wie schwerem entzündlichen Gelenkrheuma eingesetzt.

4.) Medikamente zur Verbesserung der Lunge

Und der vierte Ansatz sind Medikamente, die aus der Behandlung bestimmter schwerer Lungenkrankheiten bekannt sind und die vor allem die Vernarbung der Lunge verhindern können, zu der es auch bei einem schweren Verlauf der Coronavirus-Erkrankung kommen kann.

5.) Weitere Ansätze

Einige Therapieansätze lassen sich nicht einer der oben ganannten Kategorien zuordnen. Hierzu zählen viele weitere Medikamente, welcher gerade in Studien erforscht werden. Hierbei handelt es sich unter anderem beispielsweise um Wirkstoffe, welche ursprünglich bei Bauchspeicheldrüsenentzündungen, gegen Depressionen oder auch zur Krebstherapie eingesetzt wurden. Ebenfalls untersucht wird gerade, ob ein bestimmtes Medikament zur Blockade der Magensäureproduktion hilfreich sein könnte. Auch zeigten erste Daten, dass der Asthma-Wirkstoff Budesonid schwere Covid-19-Verläufe verhindern könnte.

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Ein weiteres Medikament ist Ivermectin. Dieses Medikament wird zur Behandlung von parasitäeren Erkrankungen und der Kräzte schon seit langem eingesetzt. Im März 2020 wurde in Amerika die "Front Line COVID-19 Critical Care Alliance" (FLCCC) gegründet, welche Mitte Dezember eine Übersichtsarbeit (Metaanalyse) zu Ivermectin herausgab und von einer Verminderung der Viruslast in Tierversuchen berichtete. Inzwischen gibt es eine weitere Studie (ICON Trial) der Florida International University, welche darauf hinweist, dass eine notwendige Krankenhausbehandlung vermieden und bei schwer an Covid-19 Erkrankten eine zusätzliche Behandlung mit Invermectin die Sterblichkeit vermindern könnte. Allerdings finden sich auch einige Studien, die keinen Nutzen nachweisen konnten. Daher ist die Datenlage aktuell noch zu uneinheitlich, so dass zum jetztigen Zeitpunkt keine Empfehlung für oder gegen das Medikament gegeben werden kann. Weitere gut geplante große Studien sind notwendig, um hier weitere Klarheit zu bringen. Auch das Robert Koch Institut empfiehlt aktuell den Einsatz nur im Rahmen von klinischen Studien. Eine Zulassung zur Behandlung von Covid-19 liegt nicht vor.

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Weltweit laufen zig Studien in unterschiedlichen Phasen

Pharmafirmen weltweit testen bewährte und neue Wirkstoffe gegen Covid-19, wie der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) mitteilt. Eine ausführliche Auflistung über die einen Teil der aktuell laufenden Studien findet sich auf der Seite der VFA: Therapeutische Medikamente gegen die Coronavirusinfektion Covid-19.

Neues Medikament wäre nicht sofort weltweit verfügbar

Weltweit werden also zahlreiche Wirkstoffe gegen das neue Virus getestet. Anlass zu übertriebenem Optimismus für die nächsten Monate ist das nicht. "Denn es gibt einen großen Unterschied zwischen dem Finden eines Wirkstoffs und dem Entwickeln eines Medikaments", betont Rolf Hilgenfeld, Direktor des Instituts für Biochemie an der Universität Lübeck. "Ein Wirkstoff ist noch lange kein Medikament" Und selbst dann wäre ein neues Medikament nicht sofort weltweit für alle Patienten verfügbar. Denn dafür muss es dann erst noch in großen Mengen produziert werden.

Aber die Zulassungsbehörden haben bereits signalisiert und gezeigt, dass sie die Genehmigungsverfahren für klinische Studien und die Zulassungsverfahren für erfolgreich getestete Medikamente sehr zügig bearbeiten werden. Professor Clemens Wendtner, Chefarzt der Klinik für Infektiologie in der München Klinik Schwabing könnte sich auch vorstellen, dass mehrere Medikamente gegen Covid-19 gefunden werden und zum Einsatz kommen könnten, je nachdem, welche Phase der Erkrankung vorliegt.

Quellen: