Baby und Familie

Hunderttausende Frauen in Deutschland sind derzeit schwanger, viele weitere stillen ihre Babys. Seit September 2021 spricht sich die Ständige Impfkommission (Stiko) generell für die Impfung von nicht oder unvollständig geimpften Schwangeren ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel aus.

Hauptgrund für die Änderung ist die verbesserte Datenlage. Zwar sind Schwangere und Stillende von den Zulassungsstudien für Impfstoffe aus ethischen Gründen ausgeschlossen. Weltweit haben sich viele Frauen trotzdem impfen lassen, zum Beispiel weil sie nichts von ihrer Schwangerschaft wussten oder in einem Beruf mit einem erhöhten Ansteckungsrisiko arbeiteten. Wie gut die Impfung bei ihnen wirkt und wie sicher sie ist, wurde in Datensätzen erfasst, die die Stiko systematisch ausgewertet hat.

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„Corona kann zu Frühgeburten führen“

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Covid-19: Eine Schwangerschaft erhöht das Risiko für einen schweren Verlauf

„Es konnte herausgearbeitet werden, dass die Schwangerschaft per se einen unabhängigen Risikofaktor für einen schweren Covid-19-Verlauf darstellt“, sagte Dr. Marianne Röbl-Mathieu, niedergelassene Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in München und Stiko-Mitglied, in einer Pressekonferenz. Schwangere erkranken also mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit schwerer als Nicht-Schwangere an Covid-19. Als weitere Risikofaktoren für einen schweren Verlauf in der Schwangerschaft gelten beispielsweise Vorerkrankungen wie Bluthochdruck und Diabetes mellitus sowie starkes Übergewicht. Infizieren sich Schwangere mit dem Coronavirus, kommt es eher zu Komplikationen in der Schwangerschaft wie Früh- oder Totgeburten und Präeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung).

Doch ist die Impfung auch sicher für Mutter und Kind? Studien fanden bisher keinen Zusammenhang zwischen der Impfung und Komplikationen in der Schwangerschaft und bei der Geburt. Ein Forschungsteam der US-amerikanischen Behörde für Seuchenschutz (CDC) hat die Daten von mehr als 35.000 schwangeren Frauen aus den USA ausgewertet, die einen mRNA-Impfstoff von Pfizer/BioNTech oder Moderna erhalten hatten. Etwa 800 Schwangerschaften wurden bis zum Ende begleitet. Auch bei ihnen schienen Komplikationen nicht häufiger zu sein als bei ungeimpften Müttern. „Die Datenlage zur Sicherheit ist nach wie vor begrenzt, daher wird eine ausführliche Aufklärung durch den Arzt als wichtig erachtet“, sagt Marianne Röbl-Mathieu. Die Stiko rät, dass Schwangere unabhängig vom Alter ausschließlich mit BioNTech geimpft werden sollen. Die Stiko begründet die Empfehlung damit, dass sie seltene Nebenwirkung einer Herzmuskel- und Herzbeutelentzündungen bei Jungen und jungen Männern sowie bei Mädchen und jungen Frauen unter 30 Jahren nach der Impfung mit dem Impfstoff des Herstellers Moderna häufiger beobachtet wurden als nach der Impfung mit dem Vakzin von BioNTech.

Neue Studien: Die Impfung scheint sicher

Seit Ende März 2022 liegen zwei neue Studien vor, die die Sicherheit der Impfung in der Schwangerschaft zumindest im Hinblick auf rund um die Geburt auftretende Komplikationen untersucht haben. In einer schwedisch-norwegischen Studie wurden über 20.000 Schwangere, die während der Schwangerschaft geimpft wurden mit ungeimpften Schwangeren verglichen. Was Komplikationen wie zum Beispiel Frühgeburten oder ein zu geringes Geburtsgewicht angeht, gab es keinen Unterschied zwischen den Gruppen. In einer kanadischen Studie zeigte sich ebenfalls kein erhöhtes Risiko für Komplikationen rund um die Geburt.

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Das Baby wird gleich mitgeschützt

Die Impfung mit zwei Dosen eines mRNA-Impfstoffs sollte laut Stiko ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel erfolgen. Denn Fieber, eine typische Impfreaktion, sei ein potenzielles Risiko für eine Fehlgeburt im ersten Trimester, erklärt Prof. Dr. Christian Bogdan, Direktor des Mikrobiologischen Instituts am Universitätsklinikum Erlangen und Stiko-Mitglied.

Auch das Baby profitiert offenbar indirekt von der Impfung: Bildet die Mutter Antikörper gegen das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2, kann sie diese über das Nabelschnurblut an das ungeborene Kind weitergeben. Dieser sogenannte Nestschutz halte etwa ein halbes Jahr nach der Geburt an, sagt Prof. Dr. Mario Rüdiger, Leiter des Fachbereiches Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden. Ähnlich beugt eine Impfung gegen Keuchhusten während der Schwangerschaft einer Erkrankung des Babys kurz nach Geburt vor. Allerdings, so betonen die Experten, gebe es viel mehr Daten zur Impfung gegen Keuchhusten als zu jener gegen Covid-19. Um die Sicherheit und Wirksamkeit der Impfstoffe zu bestätigen, sei es wichtig, künftig auch Schwangere in randomisierte kontrollierte Studien miteinzubeziehen. Mit dem Biontech-Impfstoff läuft bereits eine solche Studie, in der rund 4000 Schwangere untersucht werden.

Bisher nicht oder unvollständig geimpften Stillenden rät die Stiko ebenfalls generell zu der Impfung. „Stillen sollte kein Hinderungsgrund sein, sich impfen zu lassen“, betont Marianne Röbl-Mathieu. Auch über die Muttermilch können offenbar Antikörper gegen SARS-CoV-2 zum Kind gelangen und dieses so eventuell mit schützen. Die mRNA-Impfstoffe selbst konnte eine noch nicht von anderen Fachleuten begutachtete Studie nicht in der Muttermilch nachweisen. Den Fachgesellschaften zufolge ist keine Stillpause nach einer Impfung erforderlich.

Laut Stiko-Empfehlung sollten sich insbesondere auch alle Frauen im gebärfähigen Alter gegen COVID-19 impfen lassen, „damit bereits vor Eintritt einer Schwangerschaft ein sehr guter Schutz vor dieser Erkrankung besteht“.