Baby und Familie

Hunderttausende Frauen in Deutschland sind derzeit schwanger, viele weitere stillen ihre Babys. Bislang wurde ihnen die Corona-Impfung nur unter bestimmten Voraussetzungen angeboten: etwa wenn sie Vorerkrankungen hatten und dadurch einem hohen Risiko ausgesetzt waren, schwer an Covid-19 zu erkranken. Nun spricht sich die Ständige Impfkommission (STIKO) in einem Beschlussentwurf generell für die Impfung von bisher nicht oder unvollständig geimpften Schwangeren ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel aus.

Hauptgrund für die Änderung ist die verbesserte Datenlage. Zwar sind Schwangere und Stillende von den Zulassungsstudien für Impfstoffe aus ethischen Gründen ausgeschlossen. Weltweit haben sich viele Frauen trotzdem impfen lassen, zum Beispiel weil sie nichts von ihrer Schwangerschaft wussten oder in einem Beruf mit einem erhöhten Ansteckungsrisiko arbeiteten. Wie gut die Impfung bei ihnen wirkt und wie sicher sie ist, wurde in Datensätzen erfasst, die die STIKO systematisch ausgewertet hat.

Covid-19: Eine Schwangerschaft erhöht das Risiko für einen schweren Verlauf

„Es konnte herausgearbeitet werden, dass die Schwangerschaft per se einen unabhängigen Risikofaktor für einen schweren Covid-19-Verlauf darstellt“, sagte Dr. Marianne Röbl-Mathieu, niedergelassene Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in München und STIKO-Mitglied, in einer Pressekonferenz. Schwangere erkranken also mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit schwerer als Nicht-Schwangere an Covid-19. Als weitere Risikofaktoren für einen schweren Verlauf in der Schwangerschaft gelten Vorerkrankungen wie Bluthochdruck und Diabetes mellitus, starkes Übergewicht und ein Alter über 35 Jahre. Infizieren sich Schwangere mit dem Coronavirus, kommt es eher zu Komplikationen in der Schwangerschaft wie Früh- oder Totgeburten und Präeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung).

Dass eine Impfung auch Schwangere gut schützen kann, zeigte zuletzt eine Untersuchung aus Israel. Demnach ist die Wahrscheinlichkeit der geimpften Schwangeren, sich mit dem Erreger anzustecken, um 96 Prozent geringer ist als bei ungeimpften Schwangeren. Eine symptomatische Infektion verhinderte die Impfung mit einer Wirksamkeit von 97 Prozent, eine Einweisung ins Krankenhaus mit 89 Prozent.

Studie zur Wirksamkeit der Impfung bei Schwangeren in Israel

Forscher in Tel Aviv hatten zu Zeiten, als die Alpha-Variante von Sars-CoV-2 kursierte, das Infektionsrisiko bei 10 861 geimpften Schwangeren ab 16 Jahren mit dem von gleich vielen ungeimpften Schwangeren verglichen, die sich in zahlreichen Faktoren ähnelten, etwa Alter, Schwangerschaftsstadium, Herkunft und Wohnort.

Mit Blick auf eine Ansteckung habe die Impfung nach der zweiten Dosis eine Wirksamkeit von 96 Prozent, schreiben die Wissenschaftler. Das bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit der Geimpften, sich mit dem Erreger anzustecken, um 96 Prozent geringer ist als bei den Ungeimpften. Eine symptomatische Infektion verhinderte die Impfung mit einer Wirksamkeit von 97 Prozent, eine Einweisung ins Krankenhaus mit 89 Prozent. Unter den Teilnehmern gab es nur einen schweren Krankheitsverlauf in der ungeimpften Gruppe und keine Todesfälle. Mögliche Impfreaktionen und Nebenwirkungen der Impfung haben die Forscher nicht untersucht.

Quelle: Effectiveness of the BNT162b2 mRNA COVID-19 vaccine in pregnancy

Doch ist die Impfung auch sicher für Mutter und Kind? Studien fanden bisher keinen Zusammenhang zwischen der Impfung und Komplikationen in der Schwangerschaft und bei der Geburt. Ein Forschungsteam der US-amerikanischen Behörde für Seuchenschutz (CDC) hat die Daten von mehr als 35.000 schwangeren Frauen aus den USA ausgewertet, die einen mRNA-Impfstoff von Pfizer/BioNTech oder Moderna erhalten hatten. Etwa 800 Schwangerschaften wurden bis zum Ende begleitet. Auch bei ihnen schienen Komplikationen nicht häufiger zu sein als bei ungeimpften Müttern. „Die Datenlage zur Sicherheit ist nach wie vor begrenzt, daher wird eine ausführliche Aufklärung durch den Arzt als wichtig erachtet“, sagt Marianne Röbl-Mathieu.

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Das Baby wird gleich mitgeschützt

Die Impfung mit zwei Dosen eines mRNA-Impfstoffs sollte laut STIKO ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel erfolgen. Denn Fieber, eine typische Impfreaktion, sei ein potenzielles Risiko für eine Fehlgeburt im ersten Trimester, erklärt Prof. Dr. Christian Bogdan, Direktor des Mikrobiologischen Instituts am Universitätsklinikum Erlangen und STIKO-Mitglied.

Auch das Baby profitiert offenbar indirekt von der Impfung: Bildet die Mutter Antikörper gegen das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2, kann sie diese über das Nabelschnurblut an das ungeborene Kind weitergeben. Dieser sogenannte Nestschutz halte etwa ein halbes Jahr nach der Geburt an, sagt Prof. Dr. Mario Rüdiger, Leiter des Fachbereiches Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden. Ähnlich beugt eine Impfung gegen Keuchhusten während der Schwangerschaft einer Erkrankung des Babys kurz nach Geburt vor. Allerdings, so betonen die Experten, gebe es viel mehr Daten zur Impfung gegen Keuchhusten als zu jener gegen Covid-19. Um die Sicherheit und Wirksamkeit der Impfstoffe zu bestätigen, sei es wichtig, künftig auch Schwangere in randomisierte kontrollierte Studien miteinzubeziehen. Mit dem Biontech-Impfstoff läuft bereits eine solche Studie, in der rund 4000 Schwangere untersucht werden.

Bisher nicht oder unvollständig geimpften Stillenden rät die STIKO nun ebenfalls generell zu der Impfung. „Stillen sollte kein Hinderungsgrund sein, sich impfen zu lassen“, betont Marianne Röbl-Mathieu. Auch über die Muttermilch können offenbar Antikörper gegen SARS-CoV-2 zum Kind gelangen und dieses so eventuell mit schützen. Die mRNA-Impfstoffe selbst konnte eine noch nicht von anderen Fachleuten begutachtete Studie nicht in der Muttermilch nachweisen. Den Fachgesellschaften zufolge ist keine Stillpause nach einer Impfung erforderlich.

Verschiedene Länder wie Österreich, die USA, Israel, Großbritannien und Belgien empfehlen die Impfung in Schwangerschaft und Stillzeit bereits seit längerer Zeit. In Deutschland hatten sich mehrere medizinische Fachgesellschaften im Mai in einer gemeinsamen Stellungnahme für eine bevorzugte Impfung von schwangeren und stillenden Frauen ausgesprochen.

Laut STIKO-Empfehlung sollten sich insbesondere auch alle Frauen im gebärfähigen Alter gegen COVID-19 impfen lassen, „damit bereits vor Eintritt einer Schwangerschaft ein sehr guter Schutz vor dieser Erkrankung besteht“.

Die Empfehlung ist erst endgültig, wenn sie ein vorgeschriebenes Stellungnahmeverfahren mit den Bundesländern und den beteiligten Fachkreisen passiert hat, kann sich theoretisch also noch ändern.

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