Mit Schulkindern vollbesetzte U-Bahnen und Busse, dazu eine hochansteckende Virusmutation, die sich unkontrolliert verbreiten kann: Ein solches Szenario wäre ein Alptraum für Millionen Menschen in Deutschland, die auf den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) angewiesen sind.

 Tatsächlich haben in vielen Bundesländern Kitas, Grundschulen und zum Teil auch weiterführende Schulen wieder geöffnet. Nach und nach werden immer mehr Klassen in die Schulräume zurückkehren. Gleichzeitig breiten sich ansteckendere Mutationen des Coronavirus im ganzen Land aus: Der Virologe Christian Drosten geht mittlerweile davon aus, dass der Anteil der britischen Variante bei 50 Prozent liegt.

Wie sicher ist es aktuell, in U-Bahn, Bus oder Straßenbahn zu steigen?

Andreas Podbielski, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Hygiene in Rostock, sieht zumindest die  Gefahr, dass der ÖPNV zur Virenschleuder werden könnte: In vollbesetzten U-Bahnen oder Bussen lassen sich Abstandsregeln nur schwer einhalten, dazu kommt eine oft mangelhafte Belüftung. Entwarnung gibt aber eine aktuelle Studie der TU Berlin: Das Ansteckungsrisiko ist demnach geringer als etwa in Supermärkten. Das sei laut der Studie vor allem deshalb so, weil Fahrgäste die meiste Zeit sitzen und sich nicht im Raum bewegen (im Gegensatz zu Menschen in Supermärkten). Außerdem gingen die Forscher von einer durchschnittlichen Aufenthaltsdauer von einer halben Stunde im ÖPNV aus, während diese im Supermarkt doppelt so hoch kalkuliert wurde.

Das Robert Koch-Institut schätzt im aktuellen Strategiepapier das Risiko, sich anzustecken, als mäßig ein  – geringer als in Alten- oder Pflegeheimen, aber höher als in Fernzügen. Allerdings ist die Kontaktnachverfolgung auch sehr viel schwerer als etwa im privaten Bereich, weshalb die Datenlage schlecht ist. Johannes Knobloch, Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie am Universitätsklinikum Hamburg, fasst das so zusammen: „Es ist davon auszugehen, dass das Risiko im Nahverkehr niedrig ist – wenn auch nie gleich null.“

Wie lässt sich verhindern, dass sich das Infektionsrisiko bei weiteren Schulöffnungen erhöht?

Ob der Nahverkehr wirklich zu einem Infektionstreiber wird, hängt laut den Experten auch mit der Auslastung der Fahrzeuge zusammen. Genauere Zahlen nennt der VDV, der Branchenverband des öffentlichen Personennahverkehrs: Demnach fahren zurzeit etwa vierzig Prozent weniger Menschen mit Bus oder Bahn als vor Corona. Und solange der Wechselunterricht mit halber Klassengröße für die Schulen gelte, sei das für die Verkehrsunternehmen kein Problem, erklärt Pressesprecher Lars Wagner. Allerdings habe man bereits die Kapazitäten erhöht: Man fahre schon jetzt „mit dem vollen Angebot.“ Mit Blick auf zukünftig steigende Schülerzahlen unter den Fahrgästen sieht der VDV auch die Schulen und Kommunen der Plicht. Wenn der Unterricht der älteren Jahrgänge eine Stunde später beginnen würde, „hätten wir morgens etwa 20 Prozent zusätzliche Kapazitäten in den Fahrzeugen frei.“, so Wagner. Bisher werde dieses Konzept aber nur in einigen Städten wie Herne oder Münster umgesetzt. 

Allerdings: Von den 56 Prozent der Deutschen, die im Homeoffice arbeiten könnten, bleiben nur 26 Prozent ausschließlich zuhause. Würden alle Arbeitgeber und Arbeitnehmer das Potenzial digitalen Arbeitens voll ausnutzen, wäre das Problem mit überfüllten Verkehrsmitteln weitaus kleiner.

Was kann ich selbst tun? 

 Bisher sei die Wahrscheinlichkeit, dass man mit einem ansteckenden Fahrgast in einem Verkehrsmittel sitze eher niedrig, erklärt Knobloch. Aber: „Je häufiger Sie den Bus nutzen, desto wahrscheinlicher wird es, dass doch einmal eine ansteckende Person einsteigt.“ Deshalb gelte vor allem: „Vermeiden Sie unnötige Fahrten.“ Wer dennoch auf Bahn oder Bus angewiesen ist, könne die „Gegebenheiten des Verkehrsmittels“ nutzen – also zum Beispiel Plexiglasscheiben, hinter die man sich stellen kann, um sich vor einer Tröpfcheninfektion durch hustende oder sprechende Menschen zu schützen. 

 Einen wichtigen Schutz bietet natürlich auch die Maske. Diese müssen gewisse Vorgaben erfüllen. Eine FFP2-Maske etwa soll laut dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte mindestens 94 Prozent aller Aerosole filtern. Um die vollständige Wirkung zu entfalten, müsse sie aber laut Knobloch sehr fest sitzen. Weil dann die Atmung aber sehr schwer fiele, würden viele Menschen die Maske nicht dicht genug auflegen. Dass dies auch am Design der Masken liegt, deutet eine Untersuchung von Stiftung Warentest an. Die zehn untersuchten Exemplare der FFP2-Masken saßen teilweise zu locker und ließen so Aerosole durch. Wer sich und andere schützen will, sollte also darauf achten, dass sie auf der Fahrt gut sitzt. Ein Indikator dafür ist, dass sie sich beim Atmen leicht zusammenzieht. Auch sollte man sich vor dem Gebrauch rasieren und den Mund-Nasen-Schutz regelmäßig wechseln.

Wird es eine neue Infektionswelle geben?

Ob solche Maßnahmen aber wirklich ein erneutes Ansteigen der Ansteckungszahlen verhindern und inwiefern der ÖPNV daran beteiligt sein wird, können auch die Experten schwer einschätzen. Denn es gäbe mittlerweile sehr viele Einflussfaktoren: „Auf der einen Seite wird es wärmer, die Virenübertragung wird dadurch erschwert. Außerdem steigt die Impfrate langsam an.“, erklärt Knobloch: „Das spricht für eine Verbesserung der Situation. Auf der anderen Seite haben wir es mit einer infektiöseren Variante zu tun. Welche der beiden Seiten die Oberhand gewinnt, werden wir sehen.“ Vieles werde auch davon abhängen, wie die Menschen auf kommende Lockerungen reagieren: Ob sie bereit sind, auch freiwillig auf gewisse Annehmlichkeiten des Lebens zu verzichten. 

Der Virologe Andreas Podbielski jedenfalls blickt optimistisch in die Zukunft: „Letztes Jahr war Anfang April bei uns in Mecklenburg-Vorpommern das schlimmste vorbei. Ich hoffe auf die heilende Kraft des nahenden Sommers.“