Wie sicher ist Bahnfahren in Zeiten der Pandemie? Und werden strengere Maßnahmen nötig, wenn sich die neuartige Virusmutation weiter in Deutschland ausbreitet? Wir haben Andreas Podbielski, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Hygiene diese Fragen gestellt:

Es gehört zum Hygienekonzept der Deutschen Bahn, dass sich – soweit möglich – alle Zug-Türen von selbst öffnen. Allerdings sind nicht alle Zugtypen dazu imstande. Wie hoch ist das Risiko, sich beim Drücken des Knopfes mit Corona zu infizieren?

Überaus gering. Aller Erkenntnis nach kommt es nur sehr selten zu Schmierinfektionen …

… also zu Ansteckungen durch Berührungen. Diese sind – zumindest theoretisch – dann möglich, wenn das Virus über eine Eintrittspforte wie Mund und Augen in den Körper gelangen. Neben der Schmierinfektion gibt es die Tröpfcheninfektion, bei der das Virus über die Luft weitergegeben wird. Wo sehen sie da das größte Infektionspotenzial beim Bahnfahren?

Nicht beim Bahnfahren selbst, sondern auf dem Weg zum Bahnhof. Der öffentliche Nahverkehr in Städten ist weitaus problematischer als Fernzüge. In U-Bahnen etwa drängen sich viele Menschen auf engen Raum – und es gibt keinerlei geregelte Belüftung. Das Einzige, was dann noch für Schutz sorgt, sind die Masken. Das ist in manchen Situationen ein bisschen wenig.

In den Fernzügen der Deutschen Bahn wird dagegen versucht, die Auslastung zu begrenzen. Es sollen nur 60 Prozent der Sitzplätze reserviert werden dürfen …

Die Auslastung ist im Moment sehr niedrig (Anm. d. Redaktion: Im November waren es nach Angaben der DB 30 bis 35 Prozent). Dazu kommt eine geregelte Belüftung über die Klimaanlage, die das Infektionsrisiko senkt. Am ehesten gibt es Probleme, wenn sich beim Be- und Entsteigen der Züge an den Bahnhöfen die Menschen drängen.

Allerdings gibt es weiterhin die Möglichkeit, auch ohne Reservierung zuzusteigen. Theoretisch sind vollbesetzte ICEs weiterhin vorstellbar.  Wäre es nicht sinnvoller gewesen, Fahrten im Fernzug nur noch mit Reservierung zuzulassen?

In Frankreich sehen wir, dass das möglich ist. Wer im TGV, dem französischem Schnellzug mitfährt, braucht eine Reservierung. Allerdings sehe ich die Notwendigkeit nicht. Die Menschen stecken sich eher an, wenn sie sich an den Bahnhöfen aufhalten, wo die Abstandsregeln oft nicht eingehalten werden können. Ob man das mit einer Reservierungspflicht in den Griff bekommen würde, wage ich zu bezweifeln.

Noch scheint Zugfahren also ziemlich sicher zu sein. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird aber die neuartige Mutation des Coronavirus in Deutschland in den nächsten Wochen immer häufiger auftreten. Müssen wir nicht spätestens dann über striktere Maßnahmen beim Bahnfahren nachdenken?

Auch mit der neuen Virusvariante sehe ich bei überregionalen Zügen kein Problem. Eine geregelte Belüftung, eine geringe Personendichte und ein medizinischer Mund-Nasenschutz – das sollte weiterhin ausreichen.

Wie sie schon gesagt haben, ist die Situation in U-Bahnen oder auch Regionalzügen eine andere: Das Belüftungssystem etwa ist nicht mit ICEs vergleichbar. Die Bundesregierung hat schon darüber nachgedacht, den Nahverkehrsbetrieb einzustellen. Die Idee ist zumindest vorab vom Tisch. Drohen Nahverkehrsfahrzeuge mit der Mutation zu Virusschleudern zu werden?

Busse oder Nahverkehrszüge könnten es zumindest potenziell werden, ja. Allerdings sind das Plausibilitätsüberlegungen: Bei allem, was wir über das Virus wissen, erscheint es naheliegend, anzunehmen, dass der ÖPNV problematisch ist. Es muss allerdings noch viel dazu geforscht werden.

Aber irgendwie muss es ja auch weitergehen. Die Menschen nutzen Busse und U-Bahnen, um zur Arbeit zu kommen. Nicht alle Branchen können auf Homeoffice umstellen. Der Schaden, den öffentlichen Nahverkehr vollständig einzustellen, wäre wahrscheinlich größer als der Nutzen.

Wären zumindest verbindliche Regeln für alle Nahverkehrsbetriebe vorstellbar? So, wie wir das von der Bahn kennen …

Wie soll das möglich sein? Nehmen sie etwa Kapazitätsobergrenzen: Die lassen sich bei Fernreisen durch Reservierungen kontrollieren. Bei U-Bahnen geht das nicht. Soll jemand an der Tür stehen, der alle durchzählt? Das ist nicht machbar.