Wie lassen sich trotz des unterschiedlichen Zugangs zu Impfstoffen Risse durch Familien, Freundeskreise und Belegschaften vermeiden? Wir sprachen mit Life- und Business-Coach und Resilienz-Trainerin Sigrid Diekow sowie dem Psychoanalytiker Eckehard Pioch.

Gemeinsam gegen Corona – so wurde im vergangenen Jahr mit diversen Werbespots an die Solidarität der Menschen appelliert, um diese weiter zu fördern. Inzwischen scheint die Stimmung angespannt. Statt von einer gemeinsamen Bewältigung der Pandemie spricht manch einer sogar von einer Spaltung der Gesellschaft.

Zunehmende wahrgenommene Ungleichheiten

„Zu Beginn der Corona-Krise waren wir alle zumindest gefühlt gleichermaßen von einer unbekannten und unverstandenen Krankheit bedroht“, sagt der Berliner Psychoanalytiker Eckehard Pioch. Jedoch: „Je mehr die Dinge sich entwickelt haben, desto mehr wurden Unterschiede wahrgenommen.“ Da gibt es Lockerungen, hier nicht. Die dürfen schon wieder ins Restaurant, bei uns bleibt weiter alles zu. Seit einiger Zeit nun steht die Impfung im Fokus. Wer hat sie schon, wer noch nicht? Und welche Vor- beziehungsweise Nachteile ergeben sich daraus?

Psychoanalytiker Eckehard Pioch

Psychoanalytiker Eckehard Pioch

Ob unter Freunden, Kollegen und in der Familie: Schon die Art, wie man miteinander kommuniziert wird, kann zu Konflikten führen. Ein sanftes Annähern ans Thema oder gar ein elegantes Umschiffen scheint kaum möglich. Etwa, wenn man sich verabreden will: Können wir uns indoor treffen? Sprich: Bist du geimpft? Oder noch nicht? Ja, nein – warum, warum nicht? Zack, schon ist man mitten drin im Abklären. Im ich hier, du da. Wieso hat der, was ich nicht habe? Ist das gerechtfertigt? Hin zu solchen Überlegungen ist es dann oft nur noch ein kleiner Schritt.

Den Blick für Alternativen bewahren

„Eigene Gedanken wie auch Diskussionen rund ums Thema Impfen finden vielfach sehr verkürzt statt“, stellt Sigrid Diekow fest. Und warnt vor einem Tunnelblick, gerade bei denen, die noch auf die Spritze warten.

Life- und Business-Coach und Resilienz-Trainerin Sigrid Diekow

Life- und Business-Coach und Resilienz-Trainerin Sigrid Diekow

Man nimmt dann zum Beispiel nur den fehlenden Impfpasseintrag wahr – und nicht, wie man sich beispielsweise auch über kostenlose Schnelltests ein Stück Freiheit zurückholen kann. Leichter ist es zu ertragen, wenn man die eigene Situation annimmt und sich daran erinnert, dass es Regeln gibt, die die Gemeinschaft schützen sollen. Und daran, dass dieser Schutz auch für den einzelnen Vorteile hat: Siehe sinkende Inzidenzen dank strenger Maßnahmen, was ja wieder mehr Freiheit für alle bedeutet.

Das Prinzip der größten Bedürftigkeit anerkennen

Eckehard Pioch hat den Eindruck, dass mittlerweile gerne vergessen wird, dass die Impf-Priorisierung nach einem zutiefst humanen Grundprinzip erfolgt ist, nämlich nach dem Prinzip der größten Bedürftigkeit. Der Analytiker gibt zu: Auch er kann die ein oder andere Einteilung im Detail schwer nachvollziehen. Und dennoch: „Wer sich als Teil einer Gesellschaft empfindet, die Schwache und Bedürftige im Blick hat und sich um diese bemüht, wird sich weniger ausgeliefert fühlen als jemand, der sagt: Ich ziehe den Kürzeren.“

Über welche Bedürfnisse reden wir? Diese Frage ist für den Psychoanalytiker zentral. Der Schutz vor einer Covid-Erkrankung mit schwerem Verlauf ist dabei im Zusammenhang mit der Corona-Impfung zunächst das größte Bedürfnis. Selbst, wenn bestimmte Risikogruppen wie Ältere oder Vorerkrankte jedoch bereits durch die Impfung geschützt sind, können mit der Spritze noch weitere Bedürfnisse verbunden sein. Bewegungsfreiheit zum Beispiel. Wohlgemerkt je nachdem, wie man diese für sich definiert: „Wenn ich eher introvertiert bin und ich den Sommer sowieso am liebsten auf dem Balkon verbringe, leide ich als Ungeimpfter möglicherweise weniger als der, der Fernreisen liebt“, gibt Eckehard Pioch zu bedenken. Er selbst hat in seiner Praxis einige Patienten, die sich durch die Corona-Einschränkungen sogar entlastet gefühlt haben: Endlich nicht mehr dieser ständige Druck, aktiv sein und aus sich raus gehen zu müssen.

Überlegen, was man genau vermisst

Was genau vermisse ich? Eckehard Pioch empfiehlt, sich diese Frage einmal genauer anzuschauen. Und zwar aus mehrerlei Gründen. Zunächst: Wenn mir bewusst ist, was mir fehlt, bleibt mein Unmut nicht diffus. Und vielleicht kann ich dann Alternativen finden: Die Korsika-Wanderung wird im Moment zwar nichts, aber das Naherholungsgebiet vor den Toren der Stadt, das kenne ich noch gar nicht richtig. Klar: der Taunus ist nicht Korsika. Aber auch an dieser Stelle ist es hilfreich, sich das bewusst zu machen, findet Pioch. Denn: „Wenn ich etwas vermisse und nichts finde, was den Schmerz lindern könnte, sollte ich den Verlust betrauern.“ Für die Psyche ist das besser, als das Thema einfach beiseite zu schieben.

Und an dieser Stelle kommen wir zum für Eckehard Pioch wichtigsten Punkt der bewussten Auseinandersetzung: „Je präsenter uns die eigenen Bedürfnisse sind und je besser es uns gelingt, ihre Bedeutung einem Gegenüber verständlich zu machen, desto eher kommen wir in ein konstruktives Miteinander.“ Die Aussage, dass es mir einen Stich versetzt, weil ich die lang geplante Reise nicht antreten kann – das löst vermutlich etwas anderes aus als ein pauschales „Die Rentner reisen und ich hocke hier. Ungerecht!“ Durch das klare Äußern eigener Bedürfnisse werden wir wahrgenommen, gehört, im besten Falle sogar unterstützt, so der Psychoanalytiker.

Die eigenen Bedürfnisse mitteilen

Ein offenes, wohlwollendes Gesprächsklima führt vielleicht dazu, dass der Kollege, der den Impfschutz bereits erhalten hat, sich ebenfalls öffnet. Möglicherweise erzählt er von seinem dementen Vater - ohne reflexartig in eine Verteidigungshaltung („die Impfung steht mir zu“) zu verfallen. Andersrum entwickelt er vielleicht Verständnis für den, der in keine Priorisierungsgruppe gefallen ist und daher keine Chance auf die Spritze hatte: Ich verstehe es, dass das schwer ist, weiter von zu Hause aus arbeiten zu müssen, während andere schon wieder beruflich unterwegs sein können.

Wenn die Situation des jeweils anderen gesehen wird, kann man sich annähern. Vielleicht ist der geimpfte Kollege dann ja bereit, den Ungeimpften bei gewissen beruflichen Aktivitäten mit zu bedenken. Im Sinne von: Ich könnte diesen oder jenen Auftrag für dich mit erledigen, den du aus dem Home-Office nicht machen kannst. „Wer offen darüber spricht, wie es ihm geht, wird bemerken, dass Menschen eher bereit sind, einen Ausgleich zu schaffen und vielleicht auch zurück zu geben“, weiß Eckehard Pioch.

„Da ist doch diese Konferenz im Herbst, an der ich teilnehmen soll. Ich könnte mir vorstellen, dass du da gerne auch hin würdest, wenn Du bis dahin geimpft bist“ – so vielleicht. Plus ein hinterhergeschobenes „Sollen wir mal mit dem Chef reden, ob das möglich wäre? Ich bin zurzeit so viel unterwegs, ich verzichte gerne.“

Nicht in Wettkampfstimmung und Schubladendenken verfallen

Unterm Strich freilich sind die noch nicht Geimpften im Moment am meisten gefordert: „Sie haben seelisch ganz klar die größere Leistung zu vollbringen,“ findet Pioch. Den beiden Freundinnen den Kurztrip gönnen, während man selbst zu Hause bleibt? Da gehört einiges dazu. Pragmatismus allein (Was hätte ich davon, den beiden das Erlebnis zu missgönnen? Gar nichts nämlich) wird zumindest längerfristig kaum hilfreich sein. Aber vielleicht haben die geimpften Freundinnen ja Ideen, was unter den gegebenen Umständen zusammen sonst noch alles möglich ist?

„Wo man auf Basis gegenseitigen Wohlwollens kommuniziert, öffnen sich Räume“, weiß Sigrid Diekow. Wettkampfstimmung und Schubladendenken dagegen blockieren. Im Übrigen stellen gerade die Schubladen – geimpft, ungeimpft - ein komplexes Problem nicht nur zwischenmenschlich, sondern auch aus medizinischer Sicht verkürzt dar: Denn Geimpfte sollten sich bewusst sein, dass sie zwar selbst vor einem schweren Covid-Verlauf gut geschützt sind. Aber es gibt ein – wenn auch geringes – Risiko, dass sie das Virus auf Ungeimpfte übertragen. Und deshalb sollten sie die Schutzmassnahmen weiter beachten.

Bedürfnisse zu erkennen, kann auch Beziehungen stärken

Während manch einer ein Zurück zum Wir fordert im Sinne der Gemeinschaft und es heißt, wir müssten wieder großzügiger miteinander werden, um gut durch die nächste Phase der Pandemie zu, geht Resilienz-Trainerin Diekow sogar noch einen Schritt weiter: „Wenn wir die Herausforderung annehmen, bewusst für die eigenen und sensibel für die Bedürfnisse anderer zu werden, liegt in diesem Konflikt, den wir da gerade erleben, eine Chance. Wir können in einen tiefen, ehrlichen Austausch kommen.“ In einen Austausch, der nicht nur dabei hilft, die letzten Meter dieser Krise zusammen durchzuhalten, sondern vielleicht auch dabei, die vielen Meter, die danach noch kommen, gemeinsam zu gehen.

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