Wie viele Menschen dürfen sich unter welchen Bedingungen treffen, um gemeinsam Weihnachten zu feiern? Letztes Jahr gab es da klare Vorgaben. Mit der Möglichkeit zur Impfung ist die Situation dieses Jahr eine andere.

Dennoch: Die Oma ist vielleicht geimpft, das kleine Enkelkind nicht. Dem Neffen gehen die ganzen Vorsichtsmaßnahmen auf die Nerven, dagegen glaubt die Tante, man könne nicht vorsichtig genug sein. Wie also das Fest der Familie begehen, so dass es allen gut geht damit?

Auf jeden Fall sollte man im Vorfeld darüber sprechen, sagt die Limburger Familientherapeutin Sabine Ungeheuer. „Es muss ausgesprochen werden: «Wenn wir zusammenkommen, was brauchst du für dich, was brauche ich für mich?»“ Achtung: In so ein Gespräch gehören nicht die unterschiedlichen Ansichten oder Argumente für oder gegen das Impfen. Sondern es geht darum, wie eine gemeinsame harmonische Feier gestaltet werden kann.

Der Vorsichtige bestimmt die Regeln

Für den Berliner Psychotherapeuten Wolfgang Krüger gilt dabei: „Derjenige, der am vorsichtigsten ist, muss die Regeln bestimmen.“ Das heißt, es wird auf die Schwächsten Rücksicht genommen. Und das müssen nicht unbedingt die Ältesten und Kränksten in der Familie sein, sondern das können auch die ungeimpften Kinder sein, um die sich Eltern vielleicht Sorgen machen.

Um dieses Jahr ein besinnliches Weihnachstfest mit der Familie zu verbringen ist gegenseitige  Rücksicht besonders wichtig

Um dieses Jahr ein besinnliches Weihnachstfest mit der Familie zu verbringen ist gegenseitige  Rücksicht besonders wichtig

Zum Glück gebe es ja die Möglichkeit des Testens, meint Sabine Ungeheuer. Testen sei das Minimum und könne wirklich jedem zugemutet werden – vom Überängstlichen bis zur Coronaleugnerin. „Das ist so eine kleine Sache, da kann man sich entgegenkommen.“

Manche Eltern überlegen vielleicht, ihr Kindergartenkind schon ein paar Tage vor der geplanten Familienfeier zu Hause zu lassen. In so einer Situation eine legitime Maßnahme, findet Wolfgang Krüger. Sabine Ungeheuer gibt allerdings zu bedenken: „Dann müssen das schon wieder die Kinder tragen.“ Sie plädiert daher vor allem für umfangreiches Testen im Vorfeld.

Zusammensein statt Spaltung

Ist das gemeinsame Ziel, an Weihnachten zusammen zu sein, lassen sich praktikable Lösungen finden, die für alle tragbar sind, glaubt Familientherapeutin Ungeheuer. Dieses Ziel ist dann wichtiger als die unterschiedlichen Überzeugungen, mit denen sich Eltern, Kinder und Co gegenseitig stehen lassen sollten.

Nicht erst seit Corona gibt es ja innerhalb von Familien brisante Themen. „Die Oma, die es schrecklich findet, dass der Enkel aus der Kirche ausgetreten ist“, sagt Ungeheuer, „oder der Onkel, der Antialkoholiker ist, und nun soll an Weihnachten Alkohol getrunken werden.“ Schnell können dann auch bei der Feier solche heißen Eisen die Stimmung verderben. Wer beim Familientreffen sachlich diskutieren kann und möchte, sollte in Sachen Corona aufpassen, dem anderen keine Falschinformation vorzuwerfen. „Sätze wie «Das stimmt doch gar nicht» sind immer destruktiv.“

So sieht es auch Wolfgang Krüger: „Wo ich etwas als meine persönliche Meinung kundtue, ohne den Anspruch auf Wahrheit zu erheben, ist das für den anderen eher verdaulich.“ Denn die eine Wahrheit gebe es auch in der Corona-Diskussion nicht.

Klappe halten und abwaschen gehen

Kommt es bei dem Thema aber immer wieder zum Knall, sollte man es unterm Weihnachtsbaum besser meiden. „Wurden schon alle Argumente ausgetauscht, kann man es einfach dabei belassen“, sagt Sabine Ungeheuer. „Lass du mir meine Haltung und ich lasse dir deine“, bringt sie eine gute Einstellung auf den Punkt. „Wo wir als Familie zusammenkommen, lass uns schauen, dass wir uns miteinander wohlfühlen.“

Was aber, wenn sich etwa der Schwiegersohn oder die Cousine nicht daran halten, sondern immer wieder auf heikle Punkte zurückkommen? „Schwierig wird es, wenn einer oder mehrere meinen, sie müssten die ganzen kleinen Tretminen ansprechen“, sagt Krüger. Dann gingen die anderen meist automatisch in die Offensive und man habe sich schnell in der Wolle.

„Aussteigen“, lautet sein Tipp. In manchen Situationen gebe es nur die Grundregel: Klappe halten. „Da muss ich auch an Weihnachten wissen, wann der richtige Zeitpunkt ist, wo ich lieber in die Küche gehe und abwasche.“ Was nach Krügers Erfahrung auch immer funktioniert: „Sie können, wenn die Gespräche schwierig sind, mit völlig anderen, absurden Fragen dazwischen grätschen.“

Ganz andere Gesprächsthemen als Notausgang

Entgleite die Situation, könne man zum Beispiel in die Runde fragen: „Was war die schönste Situation in eurem Leben?“ Oder vorschlagen: „Wir sollten mal darüber diskutieren, was eigentlich Glück bedeutet.“ Das passe überhaupt nicht und erstaune alle, unterbreche aber gerade deshalb die Spirale.

Dass es wegen Corona so sehr knallt, dass die Familie auseinanderbricht, hält der Psychotherapeut für selten. Auch wenn es oft massive Meinungsverschiedenheiten und Konflikte gibt, trennt man sich nicht. „Familien ticken anders als Freundschaften“, weiß Krüger. „Sie haben seit Jahrhunderten den Anspruch: Wir halten zusammen, auch wenn wir uns überhaupt nicht verstehen.“ In Krisenzeiten seien Familien daher immer ein stabiler Faktor gewesen.

Zwar komme es vor, dass sich Personen zurückziehen oder ausgegrenzt werden. Aber generell versuche man, trotz unterschiedlicher Haltungen immer einen gewissen Kontakt aufrechtzuerhalten. „Es gibt Konflikte, wo eine Freundschaft oder eine Partnerschaft längst gescheitert wäre, aber Familie hält immer noch zusammen“, sagt Krüger. „Das Band der Familie ist uns in gewisser Weise heilig. Dass in Familien ein endgültiger Bruch passiert, ist eigentlich sehr selten und dann sehr tragisch.“

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