Die Firma spricht beim neuen Impfstoff namens „VLA2001“ von einer „alternativen Impfstoff-Lösung für noch Ungeimpfte“. Denn der Kandidat der französisch-österreichischen Firma Valneva ist anders als die Impfstoffe, die bisher in Deutschland verimpft werden: Er ist ein sogenannter Ganzvirusimpfstoff. Solche Impfstoffe gibt es schon seit langer Zeit gegen andere Krankheiten: Etwa gegen Tollwut oder FSME. Ein Totimpfstoff also, der vielleicht auch manche bisherige Impfskeptiker:innen überzeugen könnte.

Professor Christian Bogdan, Mitglied der Ständigen Impfkommission und Direktor des Mikrobiologischen Instituts am Universitätsklinikum Erlangen, appelliert aber, nicht auf Valneva zu warten: „Ich würde im Moment jedem, der nicht geimpft ist, raten, sich jetzt definitiv schleunigst impfen zu lassen. Ansonsten wird er in den kommenden Wochen Teil der „Pandemie der Ungeimpften“ sein.“

Der Impfstoffkandidat von Valneva soll bei Kühlschranktemperatur gelagert werden können

Der Impfstoffkandidat von Valneva soll bei Kühlschranktemperatur gelagert werden können

„Alle COVID-19-Impfstoffe sind Totimpfstoffe.“

Ein Ganzvirusimpfstoff wie derjenige von Valneva enthält das komplette SARS-Cov-2-Virus – in diesem Fall aber unschädlich gemacht (inaktiviert). Er zählt damit zu den Totimpfstoffen.

„Unter dem Totimpfstoff im weiteren Sinne des Wortes verstehen wir alle Impfstoffe, die nicht vermehrungsfähige Erreger oder Erregerkomponenten beinhalten. Und darunter fallen auch alle COVID-19-Impfstoffe, die derzeit bereits in Deutschland zugelassen sind und eingesetzt werden“, erklärt Bogdan.

Valneva vermehrt das SARS-Cov-2-Virus in Vero-Zellen – das ist eine Zelllinie, die sich von Nieren-Zellen der grünen Meerkatze ableitet. Danach inaktiviert das Unternehmen das Virus und produziert damit den Impfstoff. Die Firma benutzt dieses Verfahren schon seit über zehn Jahren für ihren zugelassenen Impfstoff gegen Japanische Enzephalitis.

Aber nur, weil inaktivierte Ganzvirusimpfstoffe die „klassischen Totimpfstoffe“ seien, sollten Impfskeptiker:innen nicht bedingungslos auf sie setzen, warnt Professor Bogdan. „Man kann jetzt nicht, weil hier ein klassisches Impfstoffkonzept benutzt wurde, a priori annehmen, dass dieser Impfstoff wirksamer oder sicherer wäre.“

Coronavirus Diese Impfstoffe machen Hoffnung

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Eine breite Immunantwort ist theoretisch von Vorteil

Der Vorteil am Ganzvirusimpfstoff ist, dass er unseren Körper mit allen Teilen des Virus konfrontiert. Der Körper kann dann dagegen eine Immunantwort bilden. Anders als beim Novavax-Impfstoff, der nur ein Eiweiß des Virus, das Spike-Protein enthält. Und auch anders als bei den mRNA-Impfstoffen, die im Körper dazu führen, dass nur das Spike-Protein hergestellt wird. „Das Spike-Protein ist natürlich das Ziel-Antigen schlechthin, weil es sich auf der Virusoberfläche befindet. Das kann im Gegensatz zu anderen Eiweißen, die im Inneren des Virus sind, direkt von Antikörpern „gesehen“ werden.“ erklärt Bogdan.

„Im Vergleich zu den Impfstoffen, die nur auf das Spike-Protein abzielen, löst ein Ganzvirusimpfstoff eine breitere Immunantwort aus. Die Immunantwort richtet sich dann nicht nur gegen das Spike-Protein, sondern gegen weitere Viruskomponenten“, so Bogdan. Bei einer breiteren Immunantwort ginge es aber nicht nur um die Bildung von virusneutralisierenden Antikörpern, sondern auch um die Stimulation anderer Komponenten des Immunsystems, insbesondere der T-Lymphozyten. Laut Pressemitteilung löst der Valneva-Impfstoff eine „breite T-Zell-Immunantwort“ aus.

Theoretisch sei so eine breitere Immunantwort von Vorteil, sagt Professor Bogdan. „Ob das dann am Ende des Tages wirklich einen besseren Schutz vor der Erkrankung vermittelt, müssen die klinischen Studiendaten und Post-Marketing-Untersuchungen zeigen.“

Wenig Erfahrung mit dem Wirkverstärker CpG 1018

Der Valneva-Impfstoff enthält zwei Wirkverstärker, die dafür sorgen sollen, dass die Immunantwort des Körpers stärker ausfällt. Die Wirkverstärker in Valneva sind Aluminiumhydroxid und CpG 1018. Aluminiumhydroxid ist bekannter Bestandteil von einigen Impfstoffen. „Das ist fein, diesen Hilfsstoff kennen wir seit vielen Jahrzehnten“, urteilt Bogdan.

Beim anderen Wirkverstärker ist er vorsichtiger. CpG 1018 bindet an einen Rezeptor (TLR9), der Immunzellen stimuliert. Es ist bereits als Wirkverstärker in einem zugelassenen Impfstoff gegen Hepatitis B enthalten. „Der neue Hepatitis B-Impfstoff ist in Deutschland aber noch gar nicht auf dem Markt. Über die Menschen hinaus, die mit diesem Impfstoff im Rahmen der Studien immunisiert worden sind, haben wir mit dem Wirkverstärker CpG 1018 bisher keine klinischen Erfahrungen“, ordnet der Experte ein.

Die Studie COV-Compare

Die Studie COV-Compare, von der die Pressemitteilung zu Valneva berichtet, ist eine Phase-3-Studie in Großbritannien. 4019 Menschen über 18 Jahre nahmen bisher daran teil (Stand 26.10.2021). Teilnehmende über 30 Jahre wurden entweder zweimal mit dem AstraZeneca-Impfstoff oder zweimal mit dem Valneva-Impfstoff geimpft.

Die Forschenden verglichen danach, wie gut die Teilnehmenden die Impfung vertrugen und wie viele SARS-CoV-2-neutralisierende Antikörper im Blut zu finden waren. „Das sind Antikörper, die dann tatsächlich das Virus in seiner Infektiosität und die Aufnahme in die Körperzellen blockieren.“ erklärt Bogdan. Außerdem dokumentierten die Forschenden, wieviele COVID-19-Infektionen trotz Impfung auftraten.

Die Studie läuft noch weiter. Aber erste, noch nicht wissenschaftlich geprüfte und veröffentlichte Ergebnisse hat die Firma schon preisgegeben:

Angeblich höhere Antikörper-Spiegel und bessere Verträglichkeit als AstraZeneca

Im Vergleich zu AstraZeneca schneidet der Valneva-Impfstoff laut Pressemitteilung besser ab: Zwei Wochen nach der zweiten Impfdosis hätten die Valneva-Geimpften im Schnitt signifikant mehr neutralisierende Antikörper gegen SARS-CoV-2 im Blut.

Auch die Verträglichkeit sei besser gewesen: Bei Valneva gäbe es weniger Reaktionen an der Einstichstelle und weniger systemische Reaktionen im Körper, wie zum Beispiel Müdigkeit.

„Eine weitere zentrale Frage ist aber, ob die Menschen auch genauso gut wie durch die bisherigen COVID-19-Impfstoffe vor der Erkrankung geschützt sind. Der Valneva-Impfstoff wurde mit dem AstraZeneca-Impfstoff verglichen. Die schutzvermittelnde Wirkung von dem Vektorimpfstoff AstraZeneca ist sicherlich niedriger als die von den mRNA-Impfstoffen“, sagt Professor Bogdan.

Sowohl bei Valneva als auch bei AstraZeneca hatten laut der Pressemitteilung über 95 Prozent nach der Impfung eine Immunantwort. Schwere COVID-19-Verläufe und schwere Nebenwirkungen gäbe es in beiden Gruppen nicht.

Seltene Nebenwirkungen können noch nicht ausgeschlossen werden

Seltene Nebenwirkungen könnten aber mit dieser Studie nicht ausgeschlossen werden, so Bogdan: „Ungefähr 2000 Menschen haben in der Studie den Valneva-Impfstoff bekommen. Ich kann auf dieser Basis keine verlässliche Aussage zu Nebenwirkungen machen, die seltener vorkommen als 1 in 100. Das ist statistisch nicht möglich.“

Ganz anders sei das bei Impfstoffen, die schon seit Monaten verimpft werden, sagt Bogdan. „Wir haben jetzt Milliarden von Menschen weltweit bereits geimpft. Von den über 6 Milliarden verabreichten Impfdosen machen die mRNA-Impfstoffe einen großen Anteil aus.“ Bei diesen Impfstoffen gibt es dadurch klare Erkenntnisse zu seltenen und sehr seltenen Nebenwirkungen, weil eben so viele Menschen damit geimpft sind.

Zulassung erst nach weiteren Ergebnissen

Das Unternehmen plant jetzt einen Zulassungsantrag bei der EMA, der europäischen Arzneimittelbehörde. Bei der britischen Arzneimittelbehörde MHRA hat Valneva schon im August einen Antrag gestellt. Die Phase 3-Studie läuft noch bis nächstes Jahr. Die britischen Behörden prüfen bereits fortlaufend die neuesten Ergebnisse. Das heißt auch Rolling-Review-Verfahren.

Bis dahin heißt es: Die weiteren Ergebnisse und das Urteil der Zulassungsbehörden abwarten. Das Warten auf die Zulassung des Impfstoffs durch die EMA kann noch längere Zeit dauern. Denn die Zulassung kann erst erfolgen, wenn alle Studienergebnisse vorliegen und bewertet worden sind. Bogdan: „Wann das der Fall sein wird, kann ich nicht sagen.“

Und wie gesagt: Mögliche seltene oder sehr seltene unerwünschte Nebenwirkungen können erst dann entdeckt oder ausgeschlossen werden, wenn sehr viele Personen einen Impfstoff erhalten haben – und das passiert teils erst nach der Zulassung.

Der Impfstoffkandidat ist übrigens nicht der erste Ganzvirus-Impfstoff gegen SARS-Cov-2: Der chinesische Impfstoff Sinovac ist schon seit Mai 2021 in der Prüfung bei der EMA.

Die Lösung für skeptische Ungeimpfte: Jetzt impfen lassen

Professor Christian Bogdan fasst zusammen, was der Valneva-Impfstoff für bisherige Impfskeptiker:innen bedeutet:

„Sie warten auf etwas, von dem wir definitiv weniger Wissen haben als von allen anderen COVID-19-Impfstoffen, die bereits seit Mitte letzten Jahres in der klinischen Anwendung sind. Ich persönlich halte überhaupt nichts davon, jetzt auf eine Impfung zu verzichten, um auf einen wie auch immer gearteten anderen COVID-19-Impfstoff zu warten. Die Impfstoffe, die im Moment verfügbar sind, sind sehr sicher und wirksam, vor allem was den Schutz vor schwerer Erkrankung, Hospitalisierung und Tod anbetrifft. Und das ist das oberste Impfziel.“

Quellen

https://www.clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT04864561

https://valneva.com/wp-content/uploads/2021/10/2021_10_18_VLA2001_Phase3_Results_PR_EN_Final.pdf

https://valneva.com/research-development/covid-19-vla2001/

https://www.rki.de/DE/Content/Kommissionen/Bundesgesundheitsblatt/Downloads/2019_04_Wagner.pdf?__blob=publicationFile

https://valneva.com/press-release/valneva-continues-expansion-of-clinical-trials-of-its-inactivated-covid-19-vaccine-candidate-vla2001/