Ob Eckart von Hirschhausen nach der Teilnahme an der Studie nun wirklich vor Covid-19 geschützt ist, weiß der Arzt und Kabarettist noch nicht - wohl aber, warum er den Piks in den Arm für das weitaus kleinere Übel hält. Ein Interview über hartnäckige Impf-Mythen, Erlebnisse als "Proband 20" und Schmerzen in der Schulter.

Herr von Hirschhausen, Sie haben an einer Impfstudie teilgenommen. Was waren Ihre Beweggründe dafür?

Als Arzt in der Kinderheilkunde habe ich schon vor 25 Jahren erlebt, was für ein Segen wirksame Impfungen sind, und ich habe auch selber Kinder geimpft. Seitdem verfolge ich die Diskussionen, bin in Fachgremien, begleite Kongresse - und bin erschüttert, wie hartnäckig sich viele Mythen halten. Deshalb habe ich überlegt, was mein Beitrag sein könnte, damit wir den Impfstart in Deutschland nicht durch Wissenslücken und Misstrauen in den Sand setzen.

Als Ihnen die Spritze verabreicht wurde, was waren da Ihre
Gedanken?

Tatsächlich habe ich vorher für einen Moment gezögert, denn logischerweise ist ein Impfstoff, den es schon 20 Jahre gibt, besser verstanden als ein neuer. Deshalb habe ich mit vielen Fachleuten gesprochen, wie Frau Professorin Marylyn Addo, eine der weltbesten Infektiologinnen und selber Studienärztin, Volker Stollorz vom Science Media Center, oder Karl Lauterbach, der sich wirklich exzellent mit den aktuellen Studien auskennt, und auch Cornelia Betsch, die Expertin ist für Impfkommunikation.

Auch die Aufklärung an der Uniklinik Köln für alle Studienteilnehmer*innen durch die Professorin Clara Lehmann war sehr gut. Alle haben mir den Prozess erklärt und mit bestem Wissen und Gewissen zugeraten. Ich konnte zu jedem Zeitpunkt Nein sagen. Habe ich aber nicht. Es ist eine Sensation, dass wir bereits so schnell Impfstoffe haben, mit voller Zulassung nach allen Regeln, keine Notzulassung wie in anderen Ländern.

Aber wie alle wissen, reichen die Kapazitäten vorne und hinten nicht. Deshalb brauchen wir ja noch sehr viele neue Impfstoffe, gerade auch welche, die für Länder ohne viel Geld und Kühlketten funktionieren. Wenn ich dazu einen kleinen Beitrag leisten kann, mache ich das gern und halte zwei Mal meinen Arm hin.

Wissen Sie mittlerweile, ob Ihnen der echte Impfstoff oder ein Placebo verabreicht wurde? Sprich: Gehen Sie davon aus, gegen Corona geschützt zu sein?

Nein, das weiß ich nicht, das weiß auch die Ärztin nicht, die mich geimpft hat. Ich weiß nur meine Nummer: Ich bin Proband 20! Das Prinzip der sogenannten doppelten Verblindung ist wichtig, weil viele "Nebenwirkungen" allein deshalb erlebt werden, weil man vermehrt auf seinen Körper achtet. Ich habe die letzten Wochen Schmerzen an der Schulter und am Oberarm, recht lästig und häufig, nennt sich "frozen shoulder".

Die hatte ich auch schon vor der Impfung. Wären die Schmerzen aber zeitlich nach der Impfung aus dem Nichts aufgetaucht, hätte ich sofort die Impfung verdächtigt, dafür ausschlaggebend zu sein.

Um solche falschen Zuweisungen zu vermeiden gibt es drei wichtige Prinzipien bei Studien: möglichst viele Leute, Zufallsverteilung in die Gruppen und Verblindung. Natürlich hätte ich lieber den echten Impfstoff. Aber das weiß ich erst in vielen Monaten am Ende der Auswertung. Das ist der Preis, den ich für den wissenschaftlichen Fortschritt gerne auf mich nehme.

Können Sie verstehen, dass Leute Vorbehalte gegen Impfungen haben? Sprich: Was halten Sie von Impfgegnern?

Ich kann verstehen, dass Impfen ein sehr sensibles Thema ist. Viele Menschen mögen keine Spritzen. Da hatte es die Schluckimpfung auf einem Zuckerwürfel einfacher. Viele haben Angst, dass die Spritze ihre körperliche Integrität verletzt. Es geht uns buchstäblich etwas unter die Haut.

Wir vergessen dabei aber, dass jeder Atemzug unsere körperliche Integrität verletzt. Wir atmen ständig Feinstaub, Krankheitserreger und jede Menge fremder Erbinformationen ein. Jedes Stück Fleisch und jedes Stück Gemüse enthält jede Menge DNA. Für unserem Immunsystem ist es relativ egal, auf welchem Weg ein Erreger oder der Bauplan für einen Teil des Erregers - und genau das ist ja die Impfung - in Kontakt mit uns kommt.

Für den Lymphknoten, in dem das Abwehrsystem Ihre Zellen trainiert, ist es unerheblich, ob etwas im Blut über die Lunge oder über den Oberarmmuskel angeliefert wurde. Deshalb macht die Impfung im Kern lediglich aus einem zufälligen Vorgang, dass jemand mir seine Aerosole zuhustet, einen gezielten, planbaren und sicheren Vorgang. Ich weiß, was mir lieber ist! Aber ich verstehe auch, dass Menschen Angst haben, wenn ihnen das so noch niemand erklärt hat.

Halten Sie die Impfung für den entscheidenden Schlüssel im Kampf gegen die Pandemie?

 Ja - deshalb sollten wir auch nicht ständig über Nebenwirkungen reden, sondern viel mehr über die vielen Auswirkungen und massiv größeren Schäden durch die echte Infektion. Jeden Tag sterben Menschen, oft über 1000, das kann einen doch nicht kalt lassen. Viele haben nach einer durchgemachten Infektion Spätschäden mit Verlust des Geschmacksinns, neurologischen Schäden bis zu anhaltender Mattigkeit - das will keiner.

Um eine gute Entscheidung für sich zu treffen, müssen wir uns drei Fragen stellen: Was ist der Nutzen, was ist der Schaden, und was passiert, wenn ich abwarte und erstmal nichts tue? Der Nutzen der Impfung ist glasklar belegt, ein extrem hoher Schutz vor schweren Verläufen von Covid-19, sogar höher als bei anderen Impfungen.

Der "Schaden" der Impfung ist auch ziemlich klar: zwei Tage Unwohlsein mit Kopfschmerzen, Krankheitsgefühl, Unwohlsein, so wie bei jedem anderen Infekt auch. Und wenn ich nichts tue, riskiere ich die Erkrankung plus die Tatsache, dass ich, bevor ich selber um meine Virenlast weiß, schon längst andere angesteckt habe, womöglich sogar meine Allerliebsten in meinem Umfeld.