Über vier Millionen Menschen in Deutschland haben seit Beginn der Pandemie eine COVID-19-Erkrankung überstanden. Auch sie sollten sich impfen lassen, raten Experten. Was gilt es zu beachten?

Guter Schutz direkt nach Corona-Infektion

Genesene entwickeln zumindest vorübergehend einen gewissen Schutz gegen eine erneute Ansteckung. Bei einer Infektion kommt der Körper in Kontakt mit den Viren. Das Immunsystem lernt sie kennen und bereitet für die Zukunft verschiedene zielgerichtete Abwehrmechanismen vor. „Wer sich mit COVID-19 infiziert hat, der ist erst einmal sehr gut geschützt“, sagt Professor Peter Palese, Leiter des Bereichs Mikrobiologie an der Icahn School of Medicine at Mountain Sinai in New York. Eine österreichische Studie unterstreicht das.

Deutsche Virologen gehen von einem längeren Immunschutz nach durchgemachter Corona-Infektion aus als bisher angenommen. Während Forscher um Stefan Pilz, Oberarzt am Klinikum Graz, zunächst berichteten, dass eine durchgestandene Infektion das Risiko einer erneuten Ansteckung in den folgenden sechs Monaten um etwa 91 Prozent senkt, könnte die Immunität sogar länger andauern.

„Die nachgewiesene Dauer des Schutzes nach durchgemachter Sars-CoV-2-Infektion beträgt mindestens ein Jahr“, heißt es in einer aktuellen Stellungnahme der Gesellschaft für Virologie. Möglicherweise sei aus immunologischer Sicht sogar von einer deutlich längeren Schutzdauer bei Genesenen auszugehen. Dies sei aber noch nicht in Studien nachweisbar, da es Sars-CoV-2 noch nicht lange genug gebe.

Demnach könnte der Zeitraum, in dem Genesene Geimpften bei Corona-Beschränkungen gleichgestellt werden, auf zwölf Monate nach der Infektion verlängert werden. Bislang galt dies nur sechs Monate.

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Sind Corona-Genesene wirklich nur etwa sechs Monate geschützt?

„2G“ bedeutet, dass in Corona-Zeiten nur Geimpfte und Genesene ins Restaurant dürfen. Für Genesene endet diese Gleichstellung sechs Monate nach der nachgewiesenen Infektion. Ist das gerechtfertigt?

Immunschutz unterschiedlich

Allerdings falle die Entwicklung des Immunschutzes unterschiedlich aus, sagt der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek. „Es gibt Personen, bei denen es anfänglich relativ niedrige Werte gibt und die dann auch relativ schnell abfallen, bei anderen Personen ist das anders.“ Er rate davon ab, sich nur an dem Antikörperlevel zu orientieren. Mit einer einmaligen Impfung nach der Genesung sei sichergestellt, dass auch ein voller Schutz da sei.

Auch der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler gibt zu bedenken: „Es kann Menschen geben, die haben Antikörper im Blut, aber diese Antikörper schützen gar nicht“. Andere hätten einen Schutz, obwohl keine Antikörper bei ihnen nachzuweisen seien. Geimpfte Genesene hätten in jedem Fall einen wirklich sehr guten Immunschutz. „Also ich würde mir den gönnen.“ Vor allem aufgrund der Knappheit an Impfstoff rät das RKI dazu, dies sechs Monate nach Genesung zu tun.

Erklärvideo zu mRNA-Impfstoffen

Eine Impfstoffdosis reicht bei Genesenen

Die meisten Impfstoffe, die derzeit verfügbar sind, entfalten ihre vollständige Wirkung erst nach zwei Injektionen. Bei Menschen, die eine Corona-Infektion überstanden haben, dürfte das anders sein. Verschiedene Studien legen nahe, dass bei Genesenen eine einmalige Impfung ausreichend ist.

Ulrike Protzer, Direktorin des Instituts für Virologie am Helmholtz-Zentrum München und Leiterin des Instituts für Virologie der Technischen Universität München, hat eine Untersuchung gemacht: Sie ließ diejenigen Klinik-Mitarbeiter, die sich im Rahmen der ersten Welle im vergangenen Frühjahr und Sommer infiziert hatten, gemäß der STIKO-Empfehlung jetzt einmalig impfen – und analysierte anschließend das Blut. Ihre Ergebnisse bestätigen die Empfehlung: Bereits nach der ersten Impfung sieht man bei allen sehr hohe Konzentrationen an neutralisierenden Antikörpern. „Etwa genauso hoch wie bei den anderen, vorher nicht Infizierten, nach zwei Impfungen“, sagt Protzer.

Tritt nach der ersten Impfung gegen COVID-19 eine SARS-CoV-2 Infektion auf, gilt ebenfalls: Die zweite Impfdosis sollte dann nach Ansicht der STIKO erst sechs Monate nach der Genesung oder Stellung der Diagnose erfolgen.

Keine Gefahr, wenn Infektion ohne Symptome verlief

Was aber, wenn man gar nicht weiß, dass man COVID-19 hatte? Immerhin verläuft ein Teil der Infektionen ohne Symptome. Kann eine Impfung mit zwei Dosen dann schaden?

Das RKI gibt „keine Hinweise darauf, dass die Impfung nach bereits durchgemachter SARS-CoV-2-Infektion mit Gefahren verbunden wäre“. Ein Test auf Antikörper, der eine durchgemachte Infektion nachweisen kann, aber selbst gezahlt werden muss, ist deshalb vor der Impfung nicht notwendig.

Generell gilt wie bei jeder anderen Impfung auch: Am Impftermin sollte man möglichst gesund sein. Wer Anzeichen eines Infektes verspürt, sollte vorab den Impfarzt oder die -ärztin kontaktieren und klären, ob eine Impfung trotzdem möglich ist oder ob der Termin verschoben werden sollte.

Welcher Impfstoff für Genese?

Bei Genesenen können laut RKI alle zugelassenen Impfstoffe verwendet werden. Welcher Impfstoff den besten Booster-Effekt bietet, ist noch nicht wissenschaftlich geklärt. Laut Prof. Reinhold Förster, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Immunologie (DGfI), könne man davon ausgehen, dass mRNA-Impfstoffe auch bei Genesenen eine stärkere Schutzwirkung bringen als Vektorimpfstoffe wie der von Astrazeneca. „Das ist eine Hypothese, die sich gut begründen lässt“, so der Experte. „Es handelt sich ja auch um eine Art Auffrischung, da Genesene die Infektion durchgemacht haben und ihr Körper schon eine Immunantwort entwickelt hat.“

Mein PCR-Testnachweis ist weg - und nun?

Genesene, die sich impfen lassen wollen, wenden sich an die Arztpraxis oder das Testzentrum, wo der Abstrich vorgenommen wurde. Wer sich noch erinnert, in welchem Labor die Probe ausgewertet wurde, kann auch dort anfragen. Liegt kein PCR-Testergebnis vor, gelten für Genesene laut Bundesministerium für Gesundheit (BMG) dieselben Regeln wie bei Personen, die nie an Covid-19 erkrankt waren. Das heißt: In der Regel sind dann zwei Impfungen für einen vollständigen Impfstatus fällig - außer man wird mit dem Impfstoff von Johnson & Johnson geimpft, bei dem eine Dosis ausreicht.

Wie genau können Genesene ihren Impfstatus digital nachweisen?

Theoretisch können sie den Genesenen-Status genau wie die Impfung in Nachweis-Apps wie der CovPass-App und der Corona-Warn-App hinterlegen. Der PCR-Test darf bislang nur mindestens 28 und maximal 180 Tage, also sechs Monate, zurückliegen.

Aber wo bekommt man den QR-Code zum Einscannen des Nachweises in die App her? In den Fragen und Antworten der CovPass-App heißt es dazu: «Das Genesenenzertifikat erhalten Sie in den Arztpraxen.» Das BMG schreibt, dass das Genesenenzertifikat durch die Person, die einen Test durchführt oder überwacht, oder durch jede Ärztin oder jeden Apotheker ausgestellt werden könne.

Um den digitalen Nachweis zum Vorzeigen auf dem Smartphone zu bekommen, müssten Genesene drei Dokumente vorlegen: einen Ausweis mit Foto, den Nachweis eines positiven PCR-Tests und den Nachweis über die einmalige Impfung, etwa im Impfausweis. Apotheken in der Umgebung, die das Zertifikat ausstellen können, findet man auf der Website mein-apothekenmanager.de.

Müssen Genesene und einmal Geimpfte bei Reisen Probleme befürchten?

Andere Länder impfen auch Genesene zweimal. Was ist also, wenn bei der Einreise dort ein Status als einmalig geimpfter Genesener nicht als vollständig anerkannt wird? Es bleibt Reisenden nichts anderes übrig, als sich vorher genau zu informieren.

Für Reisen innerhalb der EU gibt es von der Europäischen Kommission unter reopen.europa.eu/de eine Übersicht, in der man erfährt, mit welchem Impfstatus eine Einreise ohne weitere Einschränkungen möglich ist.

Auf internationaler Ebene liefen Bemühungen seitens der EU zur gegenseitigen Anerkennung der jeweils gültigen Impfschemata, teilt das BMG mit. Unsicherheiten bleiben also, auch für genesene Reisende mit Impfung.