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Gesundheitsminister Jens Spahn erklärte in einem Interview an die "Bild am Sonntag", dass 200.000 Dosen eines neuen Corona-Medikamentes bestellt wurden. Wirkstoff sind sogenannte monoklonale Antikörpern. Die Medikamente haben noch keine Zulassung von der Europäische Arzneimittelkommision, dürfen aber im Rahmen individueller Nutzen-Risiko-Abwägung gegeben werden.

Zum einen handelt es sich um den monoklonalen Antikörper Bamlanivimab des US-Pharmaunternehmens Eli Lilly, zum anderen um die beiden gleichzeitig zu verabreichenden Antikörper Casirivimab/Imdevimab (REGN-CoV-2) der US-Firma Regeneron.

Mittlerweile gibt es auch von Eli Lilly und AbCellera eine Kombinationstherapie der Antikörper Bamlanivimab/Etesevimab.

Was sind Antikörper?

Das Immunsystem ist essentiell bei der Abwehr von Infektionen. Unterschieden werden die humorale und die zelluläre Immunantwort. Für die Bildung von Antikörpern ist vor allem die humorale Immunantwort verantwortlich.

Vereinfacht dargestellt passiert dabei folgendes im Körper: Wird eine fremde Substanz (Antigen) im Körper entdeckt, bilden spezielle Zellen (B-Lymphozyten) Antikörper. Diese binden an das Antigen, so dass es zur Bildung eines Antigen-Antikörper-Komplexes kommt. Dieser Mechanismus wird auch Schlüssel-Schloß-Prinzip genannt - denn genau ein bestimmter Schlüssel (Antikörper) passt exakt zu einem bestimmten Schloß (Antigen). Diese Antigen-Antikörper-Komplexe (auch Immunkomplexe genannt) rufen eine Reihe von weiteren Zellen des Immunsystems auf den Plan und werden am Ende von spezialisierten Fress-Zellen (Phagozyten) aufgenommen und zerstört.

Dringt ein Erreger in den Körper ein, so gibt es mehrere Stellen auf seinem Antigen, wo Antikörper binden können, sogenannte Epitope. Gegen jede dieser Antigen-Stellen bildet unser Immunsystem dann auch Antikörper. Da dabei viele verschiedene Antikörper herauskommen, die aber alle gegen den gleichen Erreger helfen, nennt man solche Antikörper auch polyklonal (vielförmig).

Therapieansatz bei Sars-CoV-2: Künstliche monoklonale Antikörper

Bei den künstlich im Labor hergestellten Antikörpern gibt es nur einen Typ, sie sind alle genau gleich. Daher spricht man auch von monoklonalen Antikörpern.

1975 wurde das Verfahren zur Herstellung von monoklonalen Antikörpern (auch "MAB", englisch: monoclonal Antibodies) entwickelt. Seit Jahren kommen monoklonale Antikörper zur Krebs- oder Immuntherapie zum Einsatz. Zum Beispiel auch zur Vermeidung von Abstoßungsreaktionen nach Transplantationen. Seit dem Auftreten von Sars-CoV-2 wird intensiv daran geforscht, ob auch antiinfektiöse - gegen die Infektion wirksame - Antikörper bei der Therapie von Covid-19 helfen können.

Die Herstellung von monoklonalen Antikörpern erfolgt im Labor aus Zellkulturen oder mikrobiellen Expressionssystemen. Sie werden künstlich hergestellt und nicht aus Blutanteilen von Menschen gewonnen, die die Krankheit schon durchgemacht haben.

Die monoklonalen Antikörper können direkt gegen bakterielle oder virale Bestandteile (Antigene) gerichtet sein und dadurch den Eintritt des Erregers in die Zelle verhindern. Bei Sars-CoV-2 richten sich die monoklonlalen Antikörper direkt gegen das Spike-Protein und können somit das Virus binden, bevor es in die Zellen eindringen kann.

Auch unser Immunsystem (siehe Abschnitt "was sind Antikörper") bildet bei einer Infektion mit Sars-CoV-2 eigene Antikörper gegen das Corona-Virus. Dieser Vorgang braucht allerdings Zeit, circa ein bis zwei Wochen. Die Medikamente könnten daher bei Krankheitsbeginn zum Einsatz kommen, um schon am Anfang der Infektion viele Antikörper zur Verfügung zu haben und dadurch die Viren unschädlich zu machen. Dadurch würde die sogenannte Viruslast vermindert und der Krankheitsverlauf gemildert werden.

Der Film zeigt, wie Antikörper-Medikamente wirken und bei einer Covid-19-Erkrankung helfen können

Für wen eignet sich die Antikörper-Therapie?

Ziel der Antikörper-Therapie ist es, Risikopatienten vor einem möglichen schweren Verlauf von Covid-19 zu schützen. Dafür müssen die Medikamente in einer frühen Phase eingesetzt werden. Ist es bereits zu einem schwerem Verlauf gekommen, scheinen sie nicht mehr zu wirken oder sogar zu einer Verschlechterung zu führen. In Amerika liegt für die genannten Medikamente eine Notfallzulassung vor. Sie dürfen bei Personen ab 12 Jahren eingesetzt werden. Aber nicht, wenn die Betroffenen schon im Krankehhaus behandelt werden, oder sogar schon Sauerstoff benötigen oder auf der Intensivstation liegen. Auch bei Beatmeten dürfen die Medikamente nicht mehr angewandt werden. Laut der amerikanischen Medikamentenbehörde (Food- and Drugadministration, FDA) können die monoklonalen Antikörper für Risikogruppen nur im ambulanten Bereich genutzt werden.

Aufgrund des Auftretens neuer SARS-CoV-2-Virusvarianten hat die Fachgruppe COVRIIN am Robert Koch-Institut den möglichen Einsatz der zur Verfügung stehenden monoklonalen Antikörper konkretisiert. Insbesondere bei Immunsupremierten sollte eine Kombinationstherapie erfolgen, bei gesunden (immunkommpetenten) Patienten kann auch die Gabe eines monoklonalen Antikörpers erfolgen, insofern es sich nicht um die SARS-CoV-2 Viurs-Varianten B.1.135 (südafrikanische Variante) oder P1 (brasilianische Variante) handelt.

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Gibt es Nebenwirkungen?

Die Notfallzulassung in Amerika gab es erst im November 2020. Daher ist diese Therapieoption mit monoklonalen Antikörpern noch recht neu. Entsprechend wenig ist über die Nebenwirkungen bekannt. Bei Casirivimab/Imdevimab kam es unter anderem zu:

  • Überempfidlichkeitsreaktionen
  • Kopfschmerzen
  • Schüttelfrost
  • oder Fieber kommen

Bei Bamlanivimab, welches 850 Studienteilnehmern gegeben wurde, klagten zwei bis vier Prozent der Behandelten über Nebenwirkungen, unter anderem über:

  • Übelkeit
  • Erbrechen
  • Durchfall
  • oder Kopfschmerzen

Insgesamt kam es zu einer Infusionsreaktionen und einer allergischen Reaktion und traten unmittelbar bei der Gabe des Medikaments in die Vene auf.

Quellen:

  • V, Kupke A, Cohen-Dvashi H, Koch M, Eckert JM, Lederer S, Pfeifer N,  Wolf T, Vehreschild MJGT, Wendtner CM, Diskin, R, Gruell H, Becker S,  und Klein F: Longitudinal isolation of potent near-germline  SARS-CoV-2-neutralizing antibodies from COVID-19 patients. * These  authors contributed equally. Cell. July 07, 2020. Online:  https://www.cell.com/cell/fulltext/S0092-8674(20)30821-7
  • Bundesministerium für Gesundheit, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn spricht im Interview mit der BamS über ein neues Corona-Medikament. Online: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/interviews/interviews/bams-240121.html (abgerufen am 26.01.21)
  • Spektrum. Online: https://www.spektrum.de/news/probleme-und-chancen-der-neuen-antikoerper-medikamente/1823111 (abgerufen am 25.01.2021)
  • Klug B., Schnierle B., Trebesch I., Monoklonale Antikörper zur antiinfektiven Therapie, Leitthema Bundesgesundheitsbl 2020 · 63:1396–1402. doi.org/10.1007/s00103-020-03229-1. Online: https://edoc.rki.de/bitstream/handle/176904/7692/Klug2020_Article_MonoklonaleAntik%c3%b6rperZurAntiin.pdf?sequence=1&isAllowed=y (abgerufen am 26.01.2021)
  • FDA, Frequently Asked Questions on the Emergency Use Authorization of Casirivimab + Imdevimab, Stand 22.01.2021. Online: https://www.fda.gov/media/143894/download (abgerufen am 27.01.21)
  • FDA, Frequently Asked Questions on the Emergency Use Authorization for Bamlanivimab, Stand 22.01.21. Online:https://www.fda.gov/media/143605/download (abgerufen am 27.01.21)
  • Paul-Ehrlich-Institut, Coronavirus und COVID-19. Online: https://www.pei.de/DE/newsroom/dossier/coronavirus/coronavirus-inhalt.html;jsessionid=CD51ADEB40336A1F716DEF3D30D2D455.intranet212?nn=169730&cms_pos=4 (abgerufen am 10.05.2021)
  • Robert Koch Institut, Möglicher Einsatz der monoklonalen Antikörper in Abhängigkeit von der diagnostizierten SARS-CoV-2-Virusvariante. Online: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/COVRIIN_Dok/Monoklonale_AK.pdf?__blob=publicationFile (abgerufen am 10.05.2021)