Ihre Veröffentlichung beschäftigt sich mit der Lebenssituation junger Menschen zu Zeiten der Pandemie. Wie ist die Arbeit entstanden?

Genau genommen handelt es sich nicht um eine einzelne Arbeit, die Publikation besteht aus zwölf Aufsätzen, denen größtenteils eigene Studien zugrunde liegen. Die Lebenssituationen von Jugendlichen sind sehr unterschiedlich und entsprechend auch der Hilfe- und Unterstützungsbedarf. So beschäftigt sich zum Beispiel einer der Aufsätze ausschließlich mit LSBT*Q Jugendlichen, ein weiterer mit Jugendlichen mit Behinderungen. Auch Angebote der sozialen Arbeit für Jugendliche wie stationäre Jugendeinrichtungen oder Angebote der mobilen Jugendarbeit haben wir gesondert in den Blick genommen. Vieles war im Lockdown ja kaum möglich oder konnte nur digital vermittelt stattfinden. Insgesamt nehmen die Untersuchungen übrigens die Altersspanne der 14- bis 32-Jährigen in den Blick.

Wieso ist die Pandemie aus Ihrer Sicht für junge Menschen so besonders belastend?

Weil gerade in dieser Lebensphase viele Entwicklungen anstehen und gleichzeitig wichtige Erfahrungen wegfallen. Abschlussfeiern, Abschlussfahrten, erste Auslandsaufenthalte, erste Beziehungen … Für einen jungen Menschen sind anderthalb Jahre ein sehr, sehr langer Zeitraum, in dem normalerweise vieles passiert. Als Erwachsener mag man sich denken: Da muss man durch, das geht vorbei. Als Erwachsener hat man aber schon einen größeren Erfahrungsschatz gesammelt und kann auf Routinen zurückgreifen.

In der Veröffentlichung wird an mehreren Stellen ein eingeschränkter, verzerrter Blick der Öffentlichkeit auf junge Menschen in der Pandemie kritisiert. Wo hakt es?

Wenn über junge Menschen und Corona gesprochen wird, werden sie vor allem als Schülerinnen und Schüler gesehen. Die Versäumnisse im Bildungssektor sind zweifelsohne ein wichtiger Punkt, andere Aspekte wurden aber vernachlässigt. Jugend ist eine besondere Lebensphase, junge Menschen haben auch neben der Schule Entwicklungsaufgaben zu meistern. Das wurde und wird leider wenig gesehen.

Was für Entwicklungsaufgaben haben Jugendliche denn?

Zusammengefasst sind es drei: Jugendliche müssen sich qualifizieren, sich verselbstständigen und sie müssen ihre Position in der Gesellschaft finden. Die Eltern können ihre Kinder bei diesen Aufgaben nur bedingt unterstützen. Was will ich für eine Ausbildung machen? Engagiere ich mich bei Fridays vor Future? Oder ehrenamtlich im Tierheim? Wie möchte ich mein Leben gestalten? Um bei solchen Fragen Klarheit zu bekommen, brauche ich als junger Mensch Gleichaltrige. Von Peer Groups spricht die Forschung. Wenn junge Menschen sich mit anderen treffen, gemeinsam Zeit verbringen, geht es darum, sich auszuprobieren, eigene Erfahrungen zu sammeln und eigenständige Positionen in der Gesellschaft zu finden. Nochmal: Dieser Prozess funktioniert schlichtweg nicht im familiären Kreis in der elterlichen Wohnung. Und man kann hier auch nicht mal eben anderthalb Jahre Pause machen. Genau das wurde den jungen Menschen aber mehr oder weniger abverlangt und abgesehen von den Bildungsbeeinträchtigungen und den psychischen Belastungen ist weitgehend unbeachtet geblieben, welche weiteren Einschränkungen „Jungsein“ in der Pandemie erfahren hat. Die wollen Spaß haben, Party machen und halten sich nicht an die Regeln – dieses Bild war in der öffentlichen Wahrnehmung vorherrschend.

Über die Medien ist vielfach ja tatsächlich genau dieses Bild transportiert worden: Junge Menschen, zu Hunderten verbotenerweise in Berliner Parks oder am Gärtnerplatz in München. In Stuttgart haben Jugendliche in der Fußgängerzone randaliert …

Ohne dass ich die Ausschreitungen verharmlosen möchte: Dass Feiern und Chillen etwas sehr jugendspezifisches ist, wird wie gesagt gern außer Acht gelassen und dass dieses Verhalten zu Lockdown-Zeiten, wenn Bars, Clubs und Diskos geschlossen sind, problematisch werden kann, ist selbstredend. Ein Problem war die Verdichtung unterschiedlicher Gruppen auf beschränkten Flächen im öffentlichen Raum. Da waren die, die vielleicht nur ein Bier trinken oder gemeinsam Musik hören wollten und unter Umstände die, die mit Drogen handeln und mangels Alternativen – sich drinnen treffen ging ja nicht - bildete man zunächst nur räumlich eine Gruppe. Wenn dann ein Konflikt auftritt und die Polizei einschreiten muss, kann das Ganze – insbesondere unter fortgeschrittenen Alkoholkonsum – zur Eskalation führen: Plötzlich solidarisieren sich die Jugendlichen untereinander und stellen sich als Gesamtgruppe gegen die Beamten. Da kam es zu Eskalationsdynamiken, die wir vor Corona so noch nie gesehen haben.

Zum Druck der eingeschränkten Entwicklungsmöglichkeiten sei dann noch der Kontrolldruck gekommen, heißt es in der Studie. Können Sie das erklären?

Naja, die Jugendlichen waren ja wie gesagt auf die öffentlichen Räume angewiesen. Und da gerieten sie durch die vielen Kontrollen zusätzlich unter Stress. Hier in Bayern zum Beispiel wurden die Kontaktbeschränkungen während des Lockdowns besonders streng kontrolliert. Das ging so weit, dass zum Beispiel zwei 14-Jährige auf einer Parkbank plauderten und dafür ein Bußgeld von 150 Euro verhängt bekamen. Nicht gezahlte Bußgelder können im Zweifelsfall sogar zu einem Freiheitsentzug in Form von Jugendarrest führen. In den Nachrichten wurde im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit den Ausschreitungen wiederholt eine Zunahme von Jugendgewalt konstatiert. Wieso es so weit gekommen ist und was getan werden hätte können, um es erst gar nicht so weit kommen zu lassen – darüber war aber kaum etwas zu erfahren. Und übrigens auch nicht darüber, wie groß das soziale Engagement vieler junger Menschen während der Pandemie unseren Erhebungen zufolge war. Stattdessen war teilweise die ganze Bevölkerungsgruppe der jungen Menschen mit dem Etikett „ignorant und verantwortungslos“ versehen worden.

Ihre Arbeit möchte nicht nur Versäumnisse ansprechen. Jugend ermöglichen – der Titel sagt es ja schon: Sie wollen auch Anregungen geben. Was muss in Zukunft besser laufen?

Ganz klar: Das Einbeziehen der jungen Menschen in sämtliche sie betreffende Überlegungen. Das hat bislang nämlich leider so gut wie gar nicht stattgefunden. Den allermeisten jungen Menschen war und ist der Ernst der pandemischen Lage bewusst. Wie kann die Gefahrenlage mit den genannten Bedürfnissen in Einklang gebracht werden und Jugend ermöglicht werden? Für solche Überlegungen muss man sich zusammensetzen, die Jugendlichen ganz konkret in die Ausgestaltung möglicher Ideen miteinbeziehen. Unterschätzen wir dieses Potenzial nicht! Jugend steht nicht umsonst für Innovation und tatsächlich kennen die jungen Menschen ihr Leben und ihre Bedürfnisse ja viel besser als wir Erwachsenen. Wir nehmen euch ernst und trauen euch zu, dass ihr Verantwortung übernehmt, das wäre ein wichtiges Signal.

Was konkret fordern Sie auf Grundlage Ihrer Arbeit?

Dass Politik, Kommunen und die entsprechenden Institutionen gemeinsam mit den jungen Menschen nach Räumen suchen, die auch unter den aktuellen Bedingungen des Gesundheitsschutzes Jungsein ermöglichen. Wir sind jetzt im zweiten Sommer der Pandemie und noch immer gibt es so was nur ganz vereinzelt: Von jungen Menschen mitorganisierte Zwischennutzungen und Übergangslösungen wie das Fußballfeld oder das Parkdeck, auf dem coronakonform zum Beispiel eine Party gefeiert oder Musik gehört werden kann. Der Beteiligungsaspekt ist wie gesagt ganz wichtig, nur so wird das Vorgehen Erfolg haben. Darüber hinaus sollte auch das vielfältige, soziale Engagement der Jugendlichen für andere Menschen, die Übernahme von Verantwortung und das überwiegend vernünftige Verhalten in der Pandemie mehr gesehen und anerkannt werden.

Bernd Holthusen von der Abteilung für Jugend und Jugendhilfe des Deutschen Jugendinstitus

Bernd Holthusen von der Abteilung für Jugend und Jugendhilfe des Deutschen Jugendinstitus

Die Studie „Jugend ermöglichen – auch unter den Bedingungen des Pandemieschutzes“ können Sie hier herunterladen.