Derzeit sinkt die Sieben-Tage-Inzidenz. Doch in den Monaten zuvor hatte die Omikron-Variante die Fallzahlen weltweit in neue Höhen getrieben. Das lag an mehreren Gründen. Einer davon war, dass die derzeit verwendeten Impfstoffe ursprünglich gegen den sogenannten Wildtyp von Sars-CoV-2 entwickelt wurden. Sie boten zwar weiterhin guten Schutz vor schweren Verläufen. Aber die Fähigkeit Infektionen mit Omikron ganz zu verhindern, ist deutlich herabgesetzt. Insofern ist die Angst vor einer erneuten Corona-Welle im Herbst angesichts von Omikron und möglichen neuen Varianten groß.Können angepasste Impfstoffe dazu beitragen, bei steigenden Infektionszahlen Überlastungen der Krankenhäuser und Todesfälle zu vermeiden?

Wie läuft die Impfstoffentwicklung ab?

Die Impfstoffentwicklung durch Pharmaunternehmen läuft auf Hochtouren. Am weitesten sind BioNTech/Pfizer und Moderna. Sie arbeiten bereits seit Ende November 2021 an angepassten mRNA-Impfstoffen. Die mRNA-Impfstoffe enthalten den Bauplan für Virusproteine. Diese Proteine kann unser Immunsystem erkennen und dagegen Antikörper bilden und ist im Idealfall bei einer erneuten Begegnung mit dem Virus gerüstet.

Der große Vorteil von mRNA-Impfstoffen ist: Sie lassen sich leicht anpassen an neue Virus-Varianten. Der Produktionsprozess muss dafür gar nicht verändert werden.

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Lauterbachs Impfstrategie für den Herbst

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Was haben Pharmaunternehmen konkret in der Pipeline?

BioNTech/Pfizer und Moderna setzen dabei auf zweierlei. Zum einen tüfteln sie an Omikron-Impfstoffen. Dabei wird der Impfstoff gezielt auf die Omikron-Variante hin angepasst. Zum anderen arbeiten sie an Kombi-Impfstoffen. Letztere vereinen zwei Varianten des Corona-Virus, um eine breitere Impfstoffwirkung zu erzielen: Das ursprüngliche Virus und die Omikron-Variante.

Es gebe Hinweise, dass eine breitere Immunreaktion hervorgerufen wird, wenn das Immunsystem von Virusproteinen ähnliche, aber nicht gleiche Versionen präsentiert bekommt. Das sagt der Biochemiker Rolf Hömke vom Verband forschender Arzneimittelhersteller. „Wir wissen das von Menschen, die sich 2003 mit dem ersten SARS-Virus infiziert und überlebt haben und jetzt gegen SARS-CoV-2 geimpft wurden.“

BioNTech/Pfizer arbeiten seit Ende des letzten Jahres an an Omikron angepassten Versionen ihres mRNA-Impfstoffs. In einer noch laufenden klinischen Studie untersuchen sie die Sicherheit und Verträglichkeit des Impfstoffkandidaten. Zudem analysieren sie, wie stark die Immunantwort durch den Impfstoff ausfällt. Dabei vergleicht die Studie den derzeitigen Impfstoff von BioNTech/Pfizer mit dem Omikron-basierten. Ihr Kombi-Impfstoff wiederum enthält mRNA für Proteine vom Wildtyp des Corona-Virus. Und von der Omikron-Variante.

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Auch von Moderna läuft derzeit eine klinische Studie zu einem auf Omikron basierten Impfstoff als einmaliger Booster bei Erwachsenen. Das teilte das US-Unternehmen auf Anfrage hin mit. Außerdem hat Moderna gleich zwei Kombi-Impfstoffe in der Pipeline. Der eine enthält mRNA für Virusproteine der Wildtyp-Variante als auch von der Betavariante. Der zweite Kombi-Impfstoff kombiniert den hauseigenen Omikron-Kandidaten und den herkömmlichen Moderna-Impfstoff. Er wird derzeit in einer Studie untersucht, deren Daten Moderna für Juni erwartet.

Was sagen erste Studien?

Eine Reihe von frühen Tierstudien fielen enttäuschend aus: Omikron-spezifische Auffrischungsimpfungen, darunter auch mit dem Impfstoff von Moderna, zeigten keinen Vorteil gegenüber einer Auffrischung mit derzeitigen Impfstoffen. Das sei ernüchternd, so Rolf Hömke. „Aber in diesen Tierstudien wurden nur bestimmte Immunaspekte geprüft.“ Daher seien Studien mit menschlichen Teilnehmenden deutlich aussagekräftiger.

Eine erste Studie mit menschlichen Probanden ist zudem zu einem der beiden Kombi-Impfstoffe von Moderna erschienen. Allerdings nur im Preprint. Das heißt, die Studie wurde noch nicht von unabhängigen Wissenschaftlern begutachtet. Auch diese Studie untersuchte die Sicherheit und Stärke der Immunantwort des Kombi-Impfstoffs als Booster.

Ergebnis: Die Antikörperreaktionen nach einem 50-Mikrogramm-Booster fielen mit dem Kombi-Impfstoff höher aus als die mit dem etablierten Moderna-Impfstoff. Und noch wichtiger: Die Antikörperreaktionen waren nicht nur höher gegen den Wildtyp und die Beta-Variante, sondern auch gegen Omikron. Das Sicherheitsprofil des Kombi-Boosters war vergleichbar mit dem des etablierten Impfstoffs.

„Hier baut also das Immunsystem auch gegen andere Varianten als die in den Impfstoffen enthaltenen eine Reaktion auf“, sagt Rolf Hömke. Was sich aber im Sinne der Schutzwirkung letztlich gegen Omikron und eventuell noch kommende Varianten besser bewährt – ein an Omikron angepasster Impfstoff, ein Kombi-Impfstoff oder etablierte Impfstoffe – das sei letztlich noch offen, so Rolf Hömke. Da müsse man noch Studien abwarten.

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Wann ist mit einer Zulassung zu rechnen?

In Europa ist die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA für die Beurteilung und Überwachung von Arzneimitteln zuständig. Zu einer Zulassung der Impstoffkandidaten äußerte sich Marco Cavaleri, Leiter der Abteilung für biologische Gesundheitsbedrohungen und Impfstoffstrategie bei der EMA. „Unsere Priorität ist es, sicherzustellen, dass angepasste Impfstoffe möglichst bis spätestens September zugelassen werden, damit sie für die Einführung neuer Impfkampagnen in der EU im Herbst bereit sind.“ Immer natürlich unter der Voraussetzung, dass bis dahin aussagekräftige Studien vorliegen. Und die neuen Impfstoffe tatsächlich wirksamer gegen Omikron sind als die etablierten Impfstoffe.

Was hat die Bundesregierung vor?

Trotz des aktuellen Impfstoffüberschusses wird Deutschland weiteren Impfstoff bestellen“, sagt Gesundheitsminister Karl Lauterbach in einer Pressekonferenz. Lauterbach setzt mit Blick auf den Herbst auf ein breites Portfolio von Impfstoffen. Auf Impfstoffe gegen die Wildtyp-Variante, Impfstoffe gegen Omikron und auch auf den Kombi-Impfstoff. Die Pandemie sei noch nicht vorbei. „Wir werden diese Impfstoffe benötigen.“