Dass der Impfstoff von AstraZeneca Spuren von Eiweißen enthalten würde, die für die Impfung nicht gebraucht werden, damit hatte die Molekularmedizinerin Dr. Lea Krutzke gerechnet. Der Impfstoff wird im Labor in menschlichen Nierenzellen produziert, „da lässt es sich gar nicht vermeiden, dass eine gewisse Menge an menschlichen Eiweißen, auch Proteine genannt, den Impfstoff umgibt“, sagt Krutzke, die in der Abteilung für Gentherapie der Ulmer Universitätsmedizin gemeinsam mit Kollegen drei Chargen des COVID-19-Impfstoffs „Vaxzeria“ von AstraZeneca genauer untersucht hat.

Die Menge an gefundenen Proteinen hat Krutzke und ihre Kollegen dann aber doch verwundert. Der erwartete Proteingehalts von etwa 12,5 Mikrogramm pro Impfdosis wurde deutlich übertroffen, in einer Charge waren es sogar 32 Mikrogramm. Entsprechend bezeichnen die Forscher um Krutzke in ihren Fund auch als „Verunreinigungen“ in ihrer Vorveröffentlichung, die derzeit für eine Veröffentlichung in einem Fachmagazin wissenschaftlich begutachtet wird.

Proteine, die auch in menschlichen Zellen vorkommen

Welchen Einfluss die Eiweiße auf die Wirksamkeit des Impfstoffs, auf das Ausmaß der üblichen Nebenwirkungen, auch Impfreaktionen bezeichnet, und womöglich auf die Entstehung der sehr seltenen, aber lebensgefährlichen Blutgerinnsel haben könnten – darüber wird unter Forschern nun kontrovers diskutiert.

Verunreinigung. Das klingt erst einmal beunruhigend, insbesondere bei einem Mittel, das man gespritzt bekommt. Doch die gefundenen Proteine seien kein Grund zur Beunruhigung, sagt Professor Stephan Becker, Leiter des Instituts für Virologie an der Philipps-Universität Marburg. „Viele der gefundenen Proteine, vor allem die sogenannten Hitzeschockproteine, kommen in menschlichen Zellen in hohem Maße vor. Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass sie in irgendeinem Zusammenhang stehen mit den sehr seltenen Blutgerinnseln“, so Becker.

Zusammenhang mit Blutgerinnseln unwahrscheinlich

An einen Zusammenhang zwischen den Blutgerinnseln und der Menge an Proteinen glaubt auch Krutzke nicht. Dass die Proteine – zumindest in der ungewöhnlich hohen Zahl, wie sie beim Impfstoff nachgewiesen wurden – aber Einfluss haben auf die Wirksamkeit und die normalen Impfreaktionen, kann sich die Molekularmedizinerin aber gut vorstellen. Einige der 1000 gefundenen Arten von Proteinen könnten nachgewiesenermaßen Immunreaktionen und Entzündungsreaktionen verstärken.

Entsprechend sei es geradezu naheliegend, dass die Proteine bei manchen Menschen dazu führen könnten, dass Impfreaktionen wie Abgeschlagenheit, Fieber und Kopfschmerzen verstärkt werden. „Das ist natürlich nur Spekulation, aber die Mechanismen im Körper legen das nahe.“ Krutzke kann sich auch vorstellen, dass die Wirksamkeit des Impfstoffs – also der Grad der Schutzwirkung vor COVID-19 – durch die Proteine zumindest in geringem Maße herabgesetzt ist. „Es ist gut möglich, dass die vielen Proteine das Immunsystems beschäftigen und ablenken, so dass sich das Abwehrsystem nicht darauf konzentrieren kann, den eigentlich gewünschten Impfschutz gegen das Coronavirus aufzubauen und dieser entsprechend schwächer ausfällt“, so Krutzke.

Einfluss auf Impfreaktion und Wirkung?

Ulrike Protzer, Direktorin des Instituts für Virologie am Helmholtz-Zentrum München und Leiterin des Instituts für Virologie der Technischen Universität München, hält es hingegen für sehr unwahrscheinlich, dass durch die Proteine der Impfschutz herabgesetzt und die Impfreaktionen verstärkt werden. Auch dass die Menge der Proteine verantwortlich für die vereinzelten Blutgerinnsel sei, glaubt Protzer eher nicht. „Es gibt Höchstwerte, die bei der Zulassung des Impfstoffs streng kontrolliert werden. Daher ist davon auszugehen, dass die Menge der Fremdproteine nicht so hoch sei, dass dadurch der Impfstoff in seiner Wirkung eingeschränkt ist.“ Doch wirklich niedrig sei die Menge der Fremdproteine offenbar auch nicht, wenn die Befunde der bislang noch ungeprüften Studie stimmten. „Man sollte hier auf jeden Fall zur Sicherheit noch einmal genauer hinschauen“, so Protzer.

Auch das Paul-Ehrlich-Institut (PEI), das an den Prüfverfahren für neue Impfstoffe beteiligt ist, betont, dass der Impfstoff bei der Zulassung eingehend untersucht worden sei. Das Verfahren zur Herstellung sei in den Zulassungsunterlagen detailliert beschrieben und festgelegt. „Dazu gehören auch die Festlegung eindeutiger Höchstgrenzen an verunreinigenden Proteinen“, heißt es in einer schriftlichen Antwort auf eine entsprechende Anfrage hin. Darin betont das deutsche Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel auch: „Alle bisher freigegebenen Chargen des Impfstoffs Vaxzevria von AstraZeneca genügen den vor der Zulassung untersuchten und in der Zulassung festgelegten Anforderungen.“

Forscher raten zu besserer Qualitätskontrolle

Doch die Kontrollen ändern nichts an der Spekulation, dass hohe – wenn auch noch unter dem Höchstwert liegende – Mengen an Proteinen die Qualität des Impfstoffs womöglich beeinträchtigen und als Verunreinigung zu werten sind. Krutzke und ihre Kollegen raten in ihrer Studie deshalb dazu, die Ergebnisse und die identifizierten Proteine als Basis zu nehmen, um eine bessere Qualitätskontrolle bei der Produktion aufzubauen. Von Seiten von AstraZeneca gibt es auf die Vorschläge noch keine Reaktion. Die Deutsche Presseagentur zitierte lediglich „aus Kreisen des Unternehmens“, dass die klinische Erfahrung nahelege, dass die im Impfstoff verbliebenen Proteine auf einem sicheren Niveau sei.

Das Paul-Ehrlich-Institut will nach der Studie aus Ulm nun allerdings genauer hinschauen. Man stehe bereits mit den Studienautoren in Kontakt und werde die Angelegenheit weiter untersuchen, heißt es von der Behörde. Auch Becker befürwortet, dass die Befunde weiter verfolgt werden. Am Anfang stehe jedoch erst einmal die wissenschaftliche Begutachtung der Studie.

Je nachdem, wie das Ergebnis der weiteren Forschung ausfällt, könnte es auch passieren, dass AstraZeneca von Seiten der Kontrollinstanzen wie dem PEI und der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) gezwungen wird, die Menge an Verunreinigungen zu reduzieren und so die Qualität des Impfstoffs zu erhöhen.