In der Debatte um eine Ausweitung der Empfehlung zu Corona-Viertimpfungen zeigen sich Fachleute bisher eher skeptisch. Einen kompletten Schutz vor einer Infektion durch wiederholtes Boostern erreichen zu wollen, sei vermutlich kein realistisches Ziel, sagte Christoph Neumann-Haefelin, Leiter der Arbeitsgruppe Translationale Virusimmunologie am Universitätsklinikum Freiburg am Donnerstagnachmittag in einer Videoschalte. «Das Ziel der Booster-Impfung muss sein, die verschiedenen Personengruppen vor wirklich schweren Infektionsverläufen zu schützen.»

Empfehlungen der STIKO zur vierten Corona-Impfung

Die Ständige Impfkommission rät, dass folgende Personengruppen eine zweite Auffrischimpfung erhalten sollten (zuletzt wurden die Empfehlungen am 24. Mai 2022 angepasst):

  • Menschen ab 70 Jahren
  • Bewohner:innen und Betreute in Einrichtungen der Pflege
  • Menschen mit einem Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf in Einrichtungen der Eingliederungshilfe
  • Menschen mit Immunschwäche ab 5 Jahren
  • Tätige in medizinischen Einrichtungen und Pflegeeinrichtungen (insbesondere bei direktem Kontakt zu Patient:innen und Bewohner:innen)

»Bei Gesunden ohne Immunproblem halte eine relativ robuste T-Zell-Antwort bereits nach der zweiten Impfstoffdosis fast ein Jahr an, schilderte Neumann-Haefelin. Die erste Auffrischimpfung erhöhe vorübergehend noch einmal den Schutz, auch durch gesteigerte Spiegelvon Antikörpern, und trage zu dessen Dauer bei.

Schutz durch Antikörper und T-Zellen

Sogenannte neutralisierende Antikörper können - wenn ausreichend vorhanden - bereits eine Infektion unterbinden, sie sind quasi die erste Abwehrlinie im Körper. T-Zellen hingegen sind wichtig für den Schutz vor schweren Verläufen. Nach Corona-Impfungen sinken die zunächst angestiegenen Spiegel neutralisierender Antikörper im Blutrecht schnell wieder ab. Für den Schutz vor einer Infektion mit der Ende 2021 aufgekommenen Omikron-Variante sind deutlich höhere Spiegel nötig als bei früheren Varianten - auch deshalb war die Booster-Kampagne in Deutschland ausgeweitet worden.

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Das Abfallen der Antikörperspiegel nach einer Infektion oder Impfung sei «ein ganz normaler Vorgang», sagte der wissenschaftliche Direktor des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums Berlin, Andreas Radbruch. Was in der Diskussion oft zu kurz komme: Es sei dann zwar weniger Masse vorhanden, aber die Qualität der Antikörper nehme zu - «und zwar ganz drastisch». Dieser sehr wichtige Prozess (Affinitätsreifung) dauere etwa ein halbes Jahr und könne nicht abgekürzt werden: Wer nun einen zweiten Booster in Erwägung ziehe, könne vor diesem Hintergrund «gut warten bis zum Herbst». Unter dem Strich beschrieb Radbruch die Impfung als «extrem effizient», ein langanhaltender Schutz sei anzunehmen.

Christine Falk, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, sagte zu Befürchtungen vor womöglich künftigen Virusvarianten, die den Impfschutz unterlaufen, dass das Spike-Protein von Sars-CoV-2 seit Wuhan in seinem unteren Bereich sehr konstant geblieben sei. Weitere Veränderungen dahingehend, dass auch diese Bereiche für T-Zellen nicht mehr erkennbar sind, bezeichnete sie als sehr unwahrscheinlich.

Individuell unterschiedliche Immunantworten auf die Impfung

Generell könnten die Immunantworten von Menschen auf die Impfung individuell sehr unterschiedlich ausfallen, schilderte Falk. Aus rein immunologischer Perspektive könne man sagen: Menschen mit gesundem Immunsystem unter 70 Jahren erzeugen eine sehr gute, nachhaltige, schützende Immunantwort vor schwerem Verlauf. «Das ist ja auch der Anspruch, den wir an die Impfung hatten.»

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Die Wissenschaftler betonten, dass es nach wie vor keinen Konsens darüber gebe, bei welchen Werten, etwa von Antikörpern im Blut, ein Mensch vor einer Corona-Infektion geschützt ist. Antikörperspiegel im Blut sagten zudem nichts über den Schutz im Nasen-Rachenraum aus.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hatte sich kürzlich in Brüssel für eine vierte Impfung für alle ab 60 Jahren eingesetzt. Die EU-Arzneimittelbehörde EMA hatte Anfang April erklärt, dass eine vierte Dosis für alle Bürger derzeit nicht notwendig sei: Es könne aber für Menschen ab 80 Jahren sinnvoll sein angesichts des höheren Risikos einer schweren Covid-Erkrankung.

Lohnt der zweite Booster auch für junge, gesunde Menschen?

Eine klare Antwort auf diese Frage gibt es derzeit nicht - es führt kein Weg daran vorbei, seine persönliche Situation abzuwägen.

Klar ist aber: Mit der Zeit nimmt die Immunität gegen Covid-19 ab. «Es gibt nicht den vollständigen oder gar keinen Schutz, sondern der Schutz liegt abgestuft dazwischen», sagt der Infektiologe Christoph Spinner. Er ist Oberarzt und Infektiologe am Universitätsklinikum rechts der Isar der Technischen Universität München.

Nach seiner Aussage besteht der beste Impfschutz ein bis drei Monate nach der dritten Impfung. Danach baut er ab - aber nicht bei jedem Menschen im gleichen Maße und Tempo.

«Bei Älteren lässt der Schutz schneller nach, weil ihr Immunsystem nicht mehr so gut durch Impfungen trainierbar ist wie das jüngerer Menschen», erklärt Spinner, der auch zu Corona-Impfstoffen forscht.

Impfschutz sinkt bei Männern schneller

Chronisch Kranke und immungeschwächte Menschen sprechen generell schlechter auf die Impfung an und verlieren auch den Schutz schneller, so der Infektiologe. Für sie ist eine vierte Impfung oder gar fünfte Impfung somit eher sinnvoll.

Laut Prof. Tobias Welte von der Medizinischen Hochschule Hannover kann es auch vom Geschlecht abhängen, wie sich der Impfschutz im Laufe der Zeit verhält: Bei Männern nimmt er im Durchschnitt schneller ab als bei Frauen.

Der Direktor der Klinik für Pneumologie rät dazu, nicht mit falschen Erwartungen auf eine vierte Impfung zu blicken. «Die Impfung schützt vor schwerer Erkrankung zwar immer noch sehr, sehr zuverlässig», sagt Welte. Aber die derzeit zirkulierenden Omikron-Varianten sind leicht übertragbar. «Bei BA.5 liegt beispielsweise auch nach drei Impfungen die Schutzwirkung vor einer Infektion inzwischen bei unter 20 Prozent», sagt Welte. Man sollte an den zweiten Booster besser nicht die Erwartung heften, so eine Infektion komplett vermeiden zu können.

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Impfschutz ermitteln und so Booster- Entscheidung treffen?

«Man kann nicht in der Breite die Antikörperspiegel messen, um daraus die Entscheidung für eine weitere Impfung zu ziehen», sagt Tobias Welte. Wann genau sich für einen persönlich eine weitere Auffrischung anbietet, lässt sich nicht ermitteln. Am Ende hängt die individuelle Entscheidung auch daran, welches Infektionsrisiko man durch seinen Lebensstil hat - und wie viel Kontakt man im Alltag mit vulnerablen Menschen hat.

«Wenn die letzte Impfung sechs Monate her ist und jemand nun im Sommer auf Festivals oder Großveranstaltungen gehen will, ist eine weitere Impfung wahrscheinlich ratsam», sagt Christoph Spinner. «Wer von zu Hause aus arbeitet und außerhalb von Familie und Freunde wenig Kontakte hat, kann sicher noch etwas warten.»

Für den Münchner Infektiologen steht eines fest: Vor dem Oktoberfest gibt es für ihn einen weiteren Booster - und zwar mit zwei bis vier Wochen Vorlauf, damit sich der Impfschutz pünktlich zum Wiesn-Start aufgebaut hat. Stichwort Timing: Auch das kann bei der individuellen Entscheidungsfindung eine Rolle spielen. «Wenn wir die wirklich starke Fallzahlen-Steigerung erst im Herbst bekommen, haben die jetzt Geimpften nicht mehr den besten Schutz», sagt Welte.

Kann ein zweiter Booster schaden?

«Eine zweite Booster-Impfung ist auf keinen Fall ein Fehler, wenn die erste mindestens drei Monate zurückliegt», sagt Christoph Spinner. Allerdings: Wie groß der Nutzen ist, hängt vor allem davon ab, ob man einer Risikogruppe angehört und wie lange die letzte Impfung her ist.

Folgen die dritte und vierte Impfung zu schnell aufeinander, bringt das allerdings wenig Nutzen. «Darauf kann das Immunsystem aufgrund seiner begrenzten Kapazitäten gar nicht reagieren. Stimulieren Sie es weiter, kommt es zu keiner Reaktion mehr», erklärt Tobias Welte. Er rät dazu, einen Abstand von sechs Monaten zwischen dritter und vierter Impfung einzuhalten.

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Zweiter Booster nach Omikron-Infektion?

Und was, wenn man sich nach der dritten Impfung bereits mit Omikron infiziert hat?«Dann ist die Erkrankung quasi auch eine Art Booster», sagt Welte. Wie lange die dadurch gebildeten Antikörper jedoch schützen, ist unklar. Und es kommt darauf an, mit welcher Subvariante man sich bereits angesteckt hat. Wer zusätzlich zur vollständigen Impfung mit BA.1 infiziert war, wird kaum einen zusätzlichen Schutz vor BA.4 oder BA.5 erwarten können. Aus Weltes Sicht könne man in diesem Fall jedenfalls mit der vierten Impfung möglicherweise auch länger als sechs Monate warten. Doch auch hier gilt: Es fehlen Daten, um handfeste Empfehlungen zu geben. «Allgemein lässt sich sagen: Jeder Kontakt mit dem Virus - sei es durch Impfung oder Infektion - steigert die Immunität», fasst Spinner zusammen.

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Mit vierter Impfung auf angepasste Impfstoffe im Herbst warten?

Ob das sinnvoll ist, sei eine schwierige Frage, findet Infektiologe Spinner: «Man müsste ja das Risiko des Abwartens bis zur nächsten Impfung mit den möglichen Vorteilen des neuen Impfstoffs abwägen.»

Für die Experten sind zu viele Fragen noch offen: Wie gut wirken die spezifischen Omikron-Impfstoffe - auch gegen andere, neue Varianten? Wann werden sie zugelassen? Im Zweifel ist also besser, mit dem zu arbeiten, was bereits da ist - den derzeit zugelassenen Impfstoffen.

Vor lauter Abwägen mit Blick auf den Herbst sollte man laut Tobias Welte eines nicht vergessen: die Grippeschutzimpfung. Laut dem Pneumologen ist es wahrscheinlich, dass uns im Herbst und Winter eine starke Grippewelle bevorsteht.

Gut zu wissen: «Beide Impfungen kann man an einem Tag machen - die Corona-Impfung in den einen Arm, die Grippeschutzimpfung in den anderen.»