Wenn Michael Schröter die Wohnungen seiner Kunden betritt, verschlägt es ihm oft den Atem. Als erstes reißt er dann sämtliche Fenster auf - wenn er es denn schafft, zu ihnen durchzudringen. Denn Schröter entrümpelt die Wohnungen von Messies. Deren Zimmer sind mit Kartons, Säcken, Tüten, teils auch Müll derart vollgestopft, dass kaum ein Durchdringen ist. Die Betroffenen leiden oft sehr unter ihrer Situation. Nach Monaten im Lockdown nimmt die Zahl der Hilferufe zu.

Die Krise wirkt wie ein Katalysator

„Die Corona-Krise deckt vieles auf, was vorher zugedeckt war. Die Menschen wissen oft gar nicht mehr, wer sie sind und was sie wollen, wenn ihnen etwas wegbricht, beispielsweise die Arbeit“, sagt Schröter, der in München das Messie-Hilfe-Team gegründet hat und auch spezialisierte Entrümpler schult. Außerdem entfalle mit den Kontaktbeschränkungen die soziale Kontrolle.

Vor der Pandemie gingen maximal 6 Anrufe Betroffener am Tag bei Schröter ein, derzeit sind es zwischen 15 und 20. Auch Wedigo von Wedel vom bundesweiten Messie-Hilfe-Telefon nimmt wahr, dass die Krise wie ein Katalysator wirkt. „Die Problematik schwelt in Tausenden Haushalten“, berichtet von Wedel.

„Und in den aktuellen Krisenzeiten fällt ja schon den „Normalwohnenden“ die Decke auf den Kopf. Aber dieser Personenkreis ist oft alleinwohnend, die lassen niemanden in die Wohnung, und da spüren wir schon, dass sich die Krise verschärft - und auch der Leidensdruck.“

Rund 1,5 Millionen Betroffene leben in Deutschland

Obwohl inzwischen anerkannt ist, dass es sich beim zwanghaften Horten ebenso wie beim Vermüllungssyndrom um eine psychische Störung handelt, gibt es dazu bislang kaum wissenschaftliche Forschung. Entsprechend gibt es auch kaum belastbare Fakten. Experten gehen sehr grob geschätzt von um die 1,5 Millionen Betroffenen in Deutschland aus, es finden sich aber auch deutlich höhere Zahlen. Auch über die Ursache der Störung gehen die Meinungen auseinander.

„Natürlich gibt es fließende Übergänge, aber die wirklich kranken Messies haben vom Ursprung her eine Zwangsstörung“, sagt etwa Christa Roth-Sackenheim, die Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Psychiater. „Das heißt, die müssen immer und immer wieder kontrollieren, ob sie die Dinge nicht doch noch einmal gebrauchen könnten, bevor sie sie wegwerfen. Das geht bis zum Horten von Müll.“ Solche Zwangsstörungen seien zu einem sehr hohen Anteil genetisch bedingt.

Das Problem bleibt häufig lange unerkannt

Pädagoge von Wedel hingegen vertritt die Ansicht, dass es sich in der Regel um eine Mischung aus mehreren Krankheitsgrundlagen wie Angst- und Zwangsstörungen oder Suchtstrukturen handelt und Depressionen immer eine Rolle spielen. Zudem hat er ebenso wie Entrümpler Schröter die Erfahrung gemacht, dass nahezu alle Messies Bindungsstörungen haben und in der frühen Kindheit unter schmerzhaften Trennungen von engen Bezugspersonen litten.

Einig sind sich die Fachleute darin, dass das Problem sehr häufig und oft über lange Zeit unentdeckt bleibt. „Je mehr das fortschreitet, desto schambesetzter ist es, und desto weniger kommt man an die Leute ran“, erzählt Roth-Sackenheim. „Das ist natürlich auch sozial isolierend, weil die Leute niemanden mehr Zuhause empfangen können.“

Betroffene haben oft ein hohes akademisches Niveau

Meist sind die Betroffenen Alleinstehende. Bei Alter und Geschlecht scheint es kaum Unterschiede zu geben, doch sind viele gut ausgebildet. „Manche leben zuhause komplett vermüllt, haben aber intellektuell hochrangige Jobs, gehen wie aus dem Ei gepellt aus dem Haus und haben nach außen hin ein ganz normales Umfeld“, schildert Roth-Sackenheim.

Auch Schröter und von Wedel, Geschäftsführer des Münchner Vereins H-Team für Bürger in sozialen Nöten, treffen auffällig häufig auf Leistungsträger unter den Hilfesuchenden. Von Wedel sieht darin einen Hinweis auf mögliche Ursachen der Störung.

„In bildungsbürgerlichen Familien, die sehr leistungsorientiert sind, wo aber der Aufbau von Selbstwert in der Familie gestört ist oder nicht stattfindet, gibt es diese Diskrepanz, dass man funktionieren muss, der Schein nach außen stimmen muss, dass aber die emotionale Zuwendung, die Stärkung von Persönlichkeit, Bedürfnisorientierung dort mitunter rigide unterdrückt ist - das finden wir in den Biografien sehr häufig.“

Die vollgestopfte Wohnung erfüllt dann die Funktion, die innere Leere zu füllen oder das innere Chaos zu spiegeln. Angehörige oder Freunde sollten deshalb niemals einfach gegen den Willen der Betroffenen ausmisten - das fein austarierte seelische Gleichgewicht könnte sonst kippen und Panik auslösen.