Der Lockdown scheint kein Ende zu nehmen. Am 23. März 2021 einigten sich Bund und Länder auf neue Corona-Regeln, die zur Eindämmung der Pandemie beitragen sollen. Die Maßnahmen in 2021 sind für die Menschen in Deutschland mit größeren psychischen Belastungen verbunden als noch im vergangenen Frühjahr. Zu diesem Ergebnis kommt eine Sondererhebung des „Deutschland-Barometers Depression“, die heute veröffentlicht wurde. Für die repräsentative Umfrage der Stiftung Deutsche Depressionshilfe wurden etwa 5.100 Personen zwischen 18 und 69 Jahren im Februar 2021 befragt.

Besonders schwierig ist die Situation für Menschen, die unter Depressionen leiden. Mehr als 40 Prozent der Menschen mit diagnostizierter Depression berichteten in der Umfrage von einer Verschlechterung ihres Krankheitsverlaufs in den letzten sechs Monaten. Sie erlitten zum Beispiel einen Rückfall oder ihre depressiven Symptome nahmen zu.

Schlechtere Versorgungslage von Menschen mit Depressionen

Dafür sind mehrere Gründe verantwortlich. Auf der einen Seite hat sich die Versorgungslage psychisch kranker Menschen im Zuge der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie verschlechtert. "Betroffene berichteten davon, dass Behandlungen und Treffen in Selbsthilfegruppen ausgefallen sind", sagt der Psychiater Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. " Auch Ambulanzen haben ihren Betrieb heruntergefahren." Ein Teil der Patienten habe selbst Behandlungstermine abgesagt aus Angst vor Ansteckung.

Fehlende Tagesstruktur belastet

Hinzu kommt, dass auch Menschen mit Depressionen im Zuge der Corona-Maßnahmen mehr Zeit zu Hause verbringen und im häuslichen Umfeld teilweise Probleme haben, ihren Tagesablauf zu strukturieren. Etliche gaben an, in den vergangenen Monaten auch tagsüber länger im Bett zu liegen. Und sie haben sich seltener bewegt und weniger Sport gemacht. "Dabei ist gerade für diese Menschen eine geordnete Tagesstruktur, feste Schlafenszeiten und Sport wichtig im Kampf gegen ihre Depression", sagt Hegerl.

Steigende Zahlen für Suizid befürchtet

Besonders beunruhigen den Psychiater die Zahlen zu Suizidversuchen. Von fast 2000 Befragten mit diagnostizierter oder selbst-diagnostizierter Depression gaben 13 Personen an, im letzten halben Jahr einen Suizidversuch unternommen zu haben. "Das sind schon sehr hohe Zahlen", sagt Hegerl. Allerdings können er und seine Kollegen nicht sagen, ob die Suizidversuche tatsächlich zugenommen haben. Das Problem: Suizidversuche werden nicht regelmäßig und systematisch registriert."

Auch Gesunde leiden unter der Pandemie

Auch 71 Prozent der Allgemeinbevölkerung empfindet die Situation im zweiten Jahr der Pandemie laut der aktuellen Studie als bedrückend. Im vergangenen Frühjahr waren es 59 Prozent, im Sommer 36 Prozent. Diese massive Steigerung erklärt sich Pyschiater Ulrich Hegerl damit, dass Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie keine kurzfristigen Einschränkungen mehr sind, sondern sich zu einem Dauerzustand entwickelt haben.

Gefühl der anhaltenden Bedrohung macht krank

Zudem hat die Angst vor einer Infektion zugenommen. "Problematisch für die Psyche ist das Gefühl einer andauernden Bedrohung, die durch teils alarmistische Berichterstattungen befeuert wird", sagt Ulrich Hegerl. Natürlich sei das Coronavirus eine Bedrohung. "Wir wissen aber: Menschen unterschätzen etwa die Gefahr eines Autounfalls, überschätzen aber die Gefahr einer Infektion mit Corona." Andere Ängste kreisen um den Beruf, was bei der Lage beispielsweise im Bereich der Gastronomie oder Kultur nicht verwundert. Jeder Dritte hat Sorgen um seine berufliche Zukunft. Familiär stark belastet fühlten sich 25 Prozent der Befragten. Daneben fehlen Menschen Möglichkeiten des geselligen Beisammenseins und des kulturellen Ausgleichs. "Wenn Erwachsene und Kinder zur Zeit noch zwei Stunden länger als sonst üblich vor Bildschirmen sitzen und sich kaum mehr bewegen, so dürfte auch das zu einer passiv-resignativen Stimmung und Demoralisierung führen."

Keine massenhafte Zunahme von Depressionen erwartet

Die Pandemie hat nach Hegerls Einschätzung bisher jedoch nicht zu einer massenhaften Zunahme von Depressionen geführt. Habe ein Mensch jedoch eine Veranlagung zu einer Depression, könne durch die Maßnahmen gegen Corona eine depressive Krankheitsphase getriggert werden. Die Umfrage kommt zum selben Ergebnis wie die lange bekannte Annahme der Stiftung, nach der innerhalb eines Jahres rund acht Prozent der erwachsenen Bevölkerung eine behandlungsbedürftige Depression haben. Das sind laut Hegerl in Deutschland rund 5,3 Millionen Menschen.

Verursachen Maßnahmen mehr Leid, als sie verhindern?

Aus Sicht von Ulrich Hegerl darf die Politik den Blick nicht auf das Infektionsgeschehen verengen: "Nur wenn die psychischen und andere wichtige gesundheitlichen Folgen der Corona-Maßnahmen systematisch erhoben und diskutiert werden, kann die optimale Balance zwischen Vor- und Nachteilen der getroffenen Maßnahmen gefunden werden." Ansonsten wisse man überhaupt nicht, ob man durch die Corona-Maßnahmen mehr Leid und Tod verursache als verhindere.

Eine solche systematische Diskussion dieser zentralen Frage sei nicht ausreichend erkennbar. Ein "auf Nummer sicher gehen" gebe es leider nicht. "Denn überstrenge Maßnahmen können dazu führen, dass mehr Leid und Tod verursacht als vermieden werden."