Es steckt in Kaugummis, Süßigkeiten, in Mozzarella oder in Kuchenglasur – das Weißpigment Titandioxid. Doch damit ist vermutlich bald Schluss. Die EU-Staaten stimmten im Oktober dem Vorschlag der EU-Kommission zu, den Zusatzsstoff wegen möglicher Krebsrisiken aus Lebensmitteln zu verbannen.

„Die Sicherheit unserer Lebensmittel und die Gesundheit unserer Verbraucher sind nicht verhandelbar“, begründete EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides diesen Schritt. Die EU-Staaten und das Europaparlament haben nun bis Ende des Jahres Zeit, Einspruch gegen das Verbot zu erheben. Andernfalls tritt es Anfang 2022 in Kraft. Dann wird es noch eine sechsmonatige Auslaufphase geben, in der Lebensmittel mit Titandioxid weiter im Handel sein dürfen. Danach soll dieser Stoff in industriell hergestellten Esswaren nicht mehr zum Einsatz kommen dürfen.

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Nanopartikel können Entzündungen im Darm auslösen

Das ist eine gute Nachricht. Denn Titandioxid steht im Verdacht, riskant für die Gesundheit zu sein. „Das gilt vor allem, wenn der Zusatzstoff in so genannten Nanopartikeln vorliegt“, sagt Prof. Dr. Gerhard Rogler. „Diese Partikel haben in etwa die Größe von Viren“, so der Gastroenterologe vom Universitätsspital in Zürich weiter. Ein Nanometer entspricht einem Millionstel Millimeter. Laborstudien zeigen, dass Titandioxid als Nanopartikel in die Zellen eindringen und hier Entzündungen auslösen kann.

Titandioxid in Kosmetik – Das sollten Sie wissen

In Kosmetikprodukten und Zahnpasta versteckt sich Titandioxid auf der Zutatenliste hinter dem Kürzel CI 77891. Ob Titandioxid in Kosmetikprodukten in Form von Nanopartikeln vorliegt, muss seit 2013 auf der Packung aufgeführt werden. Sie erkennen das an der Bezeichnung (nano). Am besten verzichten Sie ganz auf Zahnpasta mit Titandioxid. Vor allem für Kinder, die häufig Zahnpasta verschlucken, rät Experte Gerhard Rogler vom Gebrauch der Zahnpasta mit diesem Zusatzstoff ab.

In Sonnencreme kann häufig ebenfalls Titandioxid enthalten sein. Hier hat es im Gegensatz zu anderen Kosmetikprodukten eine wichtige Funktion, nämlich UV-Strahlung zu reflektieren. Nach Angaben des Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) geht von Titandioxid in Sonnencremes auch in Form von Nanopartikeln keine Gefahr für die Gesundheit aus. „Dermal, also über die Haut, wird Titandioxid über Hautpflegeprodukte nicht aufgenommen“, schreibt das BfR.

 

Rogler interessiert sich vor allem dafür, welche Wirkung Nanopartikel aus Titandioxid in unserem Darm auslösen können. In einer Studie an Mäusen zeigten er und sein Team 2017, dass Titandioxid als Nanopartikel in Darmzellen eindringen kann und hier zu Entzündungen führen und die Darmschleimhaut schädigen kann. Auch andere Studien weckten Zweifel an der Unbedenklichkeit des Stoffes.

Entwarnung bei Medikamenten

Und jetzt ist Titandioxid also Geschichte? Nicht ganz! Denn der Zusatzstoff steckt auch in Kosmetikprodukten wie Zahnpasta, in Sonnenmilch oder in zahlreichen Medikamenten. Doch bei Medikamenten gibt Rogler Entwarnung. Hier gehe von Titandioxid in seinen Augen kein Gesundheitsrisiko aus.

Denn für die Herstellung von Arzneimitteln gelten sehr strenge Produktionsregeln. Bei Medikamenten dürfen nur drei Prozent des verwendeten Titandioxids in Form von Nanopartikeln vorliegen, so Rogler. Bei Lebensmitteln dürfe der Anteil der Nanopartikel hingegen bis zu 50 Prozent beantragen.

Anders als im Lebensmittelund Kosmetikbereich ist Titandioxid in Medikamenten ein wichtiger Hilfsstoff, der nicht einfach ersetzt werden kann. Dennoch diskutiert die Europäische Medizinbehörde EMA Lösungen für einen Ersatz von Titandioxid in Medikamenten. Auch wenn Titandioxid in Lebensmitteln bald der Vergangenheit angehört, strotzen industrielle Esswaren weiter nur so vor Zusatzstoffen. Europaweit sind mehr als 300 verschiedene zugelassen.

Wie sie auf das Darm-Mikrobiom wirken, welche Wechselwirkungen hier entstehen, ist bisher nicht untersucht. Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch fordert daher, dass nun auch andere Zusatzstoffe überprüft und ihr Anteil in unserem Essen gesenkt werden muss. Am sichersten: selbst zu kochen mit natürlichen Lebensmitteln. Dann weiß man, was drinsteckt.

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