Wie Potenzmittel wirken

Gegen Impotenz helfen Mittel wie Sildenafil – so heißt der Wirkstoff der wohl bekanntesten Potenzpille. Was Männer bei der Einnahme beachten sollten
von Dr. Martina Melzer, aktualisiert am 29.06.2016

Auch intime Momente sind in einer Partnerschaft wichtig

Strandperle/IceTeaImages

Im Juni 2013 ist das Patent für den Wirkstoff Sildenafil abgelaufen. Seitdem dürfen auch andere Pharmakonzerne die "blaue Pille" herstellen. Neben Sildenafil gibt es noch drei weitere sogenannte PDE5-Hemmer: Tadalafil, Vardenafil und Avanafil. Die Mittel helfen Männern, die an Potenzstörungen leiden, genauer gesagt: an einer erektilen Dysfunktion.

Dabei richtet sich der Penis bei sexueller Erregung nicht mehr genügend auf, sodass kein normaler Geschlechtsverkehr möglich ist. Die drei Arzneistoffe hemmen ein Enzym, das unter anderem die für die Erektion wichtige Erweiterung von Gefäßen im Schwellkörper steuert – die Phosphodiesterase 5, kurz PDE5. In Folge strömt mehr Blut in das Glied und es kommt zur Erektion.

Wichtig: Erst zum Arzt gehen

Die Potenzmittel sind rezeptpflichtig. Männer müssen zunächst einen Arzt aufsuchen – was auch sinnvoll ist. Potenzprobleme können verschiedene Ursachen haben und auch mit anderen Leiden, wie etwa einer Erkrankung der Herzkranzgefäße (koronare Herzkrankheit), einhergehen. "Eine erektile Dysfunktion kann Vorbote eines Herzinfarktes oder Schlaganfalls sein", erklärt Dr. Gencay Hatiboglu, Urologe am Universitätsklinikum Heidelberg.

Bevor Hatiboglu, der die Männersprechstunde der Urologischen Klinik mitbetreut, Sildenafil oder einen der anderen Wirkstoffe verschreibt, klärt er deshalb unter anderem, welche Krankheiten vorliegen. Bei Bedarf schickt er den Patienten zum Beispiel zu einem Herzspezialisten. Manche Leiden sprechen gegen die Einnahme eines PDE5-Hemmers. Wer beispielsweise kürzlich einen Herzinfarkt oder Schlaganfall hatte, darf keines der Potenzmittel schlucken. Sex kann den Mann in diesen Fällen körperlich zu sehr beanspruchen. Auch bei einer schweren Herzschwäche, bestimmten Leberkrankheiten oder einem zu niedrigen Blutdruck können die Medikamente tabu sein.

Ebenfalls wichtig: Welche Arzneimittel nimmt der Patient derzeit ein? "Sogenannte Nitrate, die bei einer Angina pectoris eingesetzt werden, gelten als Kontraindikation", warnt Hatiboglu. Wer ein Nitrat und einen der PDE5-Hemmer zusammen anwendet, kann einen lebensgefährlichen Kreislaufschock bekommen. Beide Mittel erweitern die Gefäße und verstärken sich gegenseitig in ihrer Wirkung. Auch andere Präparate können mit den Potenzmitteln wechselwirken. Deshalb teilen Sie immer dem Arzt mit, welche Medikamente Sie einnehmen.

Was ist bei der Anwendung eines Potenzmittels zu beachten?

Den Arzneistoff müssen Patienten rechzeitig vor dem geplanten Geschlechtsverkehr einnehmen. Normalerweise tritt die Wirkung nach einer halben oder ganzen Stunde ein. Wie lange der Effekt anhält, hängt vom PDE5-Hemmer ab: Sildenafil und Vardenafil wirken zirka vier bis fünf Stunden, Avanafil rund sechs Stunden. Tadalafil verbleibt deutlich länger im Körper – bis zu 36 Stunden. Bei manchen Patienten reichen niedrige Konzentrationen der Wirkstoffe, andere brauchen eine höhere Dosierung. Teilen Sie die Tabletten nicht eigenmächtig oder nehmen mehr davon ein, sondern besprechen Sie dies vorher mit dem Arzt.

Denn: "Wirken die Medikamente nicht, liegen oft Anwendungsfehler vor", meint Urologe Dr. Hatiboglu. Sildenafil und seine Verwandten führen nur zu einer Erektion, wenn der Mann sexuell erregt ist. Deshalb handelt es sich bei diesen Arzneien genau genommen nicht um Potenzmittel, welche die Lust steigern würden. PDE5-Hemmer verbessern lediglich die Fähigkeit zur Erektion. Außerdem helfen sie, wenn eine erektile Dysfunktion der Auslöser des Problems ist oder es psychische Ursachen hat. Sind beispielsweise Nerven im Bereich des Penis beschädigt, wirken die Arzneien meist nicht.

Manchmal verhindern Alkohol oder eine fettreiche Mahlzeit den gewünschten Effekt. Alkohol bewirkt, dass sich das männliche Glied weniger gut aufrichten kann. Fett verzögert die Aufnahme der PDE5-Hemmer im Darm.

Welche Nebenwirkungen sind möglich?

Welche unerwünschten Effekte auftreten können, hängt unter anderem vom verwendeten Präparat ab. Recht häufig kommt es zu einer verstopften Nase, zu Gesichtsrötung, Kopfschmerzen, Schwindel und Verdauungsproblemen. Die Augen können gerötet und lichtempfindlicher sein, manchmal sehen Betroffene verschwommen und nehmen Farben anders wahr. Ein Beispiel: eine Art blauer Schleier. Gefährliche Nebenwirkungen sind laut Hatiboglu bei korrekter Anwendung eher die Ausnahme. So wurde vereinzelt von Fällen berichtet, in denen Patienten nach der Einnahme eines PDE5-Hemmers eine bleibende Sehstörung entwickelten. Es ist noch nicht sicher geklärt, ob daran wirklich das Arzneimittel schuld war.

Auch bezüglich Berichten über ein plötzliches Herzversagen herrscht noch Unklarheit. Vermutlich waren schwere Herzleiden der Auslöser, der Sex stellte für diese Patienten eine zu starke körperliche Belastung dar. Bekannt ist, dass die gleichzeitige Einnahme von Nitraten und PDE5-Hemmern lebensgefährlich werden kann. "Deshalb sind die Mittel, ebenso wie starke körperliche Anstrengung, bei solchen Patienten kontraindiziert", sagt Hatiboglu. Verspüren Sie Nebenwirkungen, dann besprechen Sie dies umgehend mit Ihrem Arzt.

Achtung: Ärzte wie Apotheker raten strikt davon ab, Potenzmittel wie Sildenafil im Internet zu kaufen. Erstens sollte die Ursache der Potenzprobleme vorher geklärt werden. Zweitens können – wie bereits erwähnt – bestimmte Krankheiten und Medikamente gegen die Einnahme sprechen. Drittens handelt es sich bei Pillen aus dem Netz häufig um Fälschungen. Der Wirkstoff fehlt teilweise ganz, ist mit gefährlichen Substanzen verunreinigt oder ist zu hoch konzentriert. Gefährden Sie nicht Ihre Gesundheit durch falsche Scham, sondern geben Sie sich einen Ruck und sprechen offen mit Ihrem Hausarzt oder Urologen.


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