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Arzneimittelfieber

Fieber nach Einnahme von Medikamenten ist eine unerwünschte Arzneimittelwirkung und tritt üblicherweise etwa sieben bis zehn Tage nach Beginn der Behandlung auf, manchmal auch erst später

von Dr. med. Claudia Osthoff, aktualisiert am 23.04.2019
Frau nimmt Tablette mit einem Glas Wasser ein

Fieber: Manchmal ist ein Arzneimittel schuld


Arzneimittelfieber: Verschiedene Mechanismen

Ein Arzneimittelfieber kommt bei etwa drei bis fünf Prozent der Arzneibehandlungen vor. Es gibt verschiedene Auslöser. Sie reichen von Allergien über eine angeborene Überempfindlichkeit bis zu Wirkungen des Arzneistoffs selbst. 

So können manche Medikamente zum Beispiel die Temperaturregelung im Gehirn beeinflussen. Andere vermindern die Wärmeabgabe oder steigern die Wärmebildung im Körper. Die Dosis eines Arzneimittels spielt ebenfalls eine Rolle. Das Risiko eines Arzneimittelfiebers steigt zudem mit der Anzahl der eingenommenen Medikamente. Teilweise ist die Entstehung noch unklar.

Tabletten

Hautausschlag: Kann auf ein Arzneimittelfieber hinweisen

Ein Fieber als Arzneimittelfieber zu erkennen, ist nicht immer leicht. Der zeitliche Zusammenhang zwischen der Einnahme des verantwortlichen Medikamentes und der Fieberreaktion ist oft nicht klar.

Erfahrungsgemäß beträgt er etwa zehn Tage bis drei Wochen ab Behandlungsbeginn. Manchmal kann eine Reaktion auch erst nach mehreren Wochen auftreten. Mitunter zeigt sich ein Hautausschlag als weiteres Indiz. Drei bis vier Tage nach Absetzen des auslösenden Medikaments klingt das Fieber meist ab.

Unterschiedliche Schweregrade

Es sind unterschiedliche Schweregrade möglich, von leicht erhöhter Temperatur mit nur geringer Beeinträchtigung bis zu hohem Fieber, Schüttelfrost und möglichen Komplikationen, etwa ernsthaften Kreislaufstörungen.

Beispiele für Arzneimittel, die ein Arzneimittelfieber auslösen können

Einige Mittel gegen Epilepsie (Antiepileptika) können Fieber und einen Ausschlag am gesamten Körper auslösen. Selten kommt es zu sehr schweren Verläufen mit Blasenbildung und Schälung der Haut sowie einer Leber- und Nierenschädigung.

Auch die folgenden Arzneimittel beziehungsweise Arzneimittelgruppen sind als mögliche Auslöser von Fieberreaktionen bekannt:

  • Antibiotika
  • Chemotherapeutika, etwa Bleomycin, Cisplatin, Cytarabin
  • Anti-Pilzmittel wie Amphotericin B

  • Immununterdrückende Medikamente wie Azathioprin und Methotrexat
  • Bestimmte Schilddrüsenmedikamente
  • Weitere Arzneistoffe, Procainamid (ein Reservemittel aus der Gruppe der Antiarrhythmika), sehr selten auch Ranitidin (ein Magensäureblocker), eventuell auch einige sogenannte Biologika wie monoklonale Antikörper

Selten können Psychopharmaka ein Arzneimittelfieber auslösen

Besondere Formen eines Arzneimittelfiebers treten mitunter bei der Behandlung von Depressionen und neurologsichen Erkrankungen auf. Dabei kann es auch zu Störungen im Zentralnervensystem kommen.

Nervenzellen

Bedrohlicher Überschuss: Das Serotonin-Syndrom

Der Botenstoff Serotonin beeinflusst viele Abläufe im Körper, etwa das Kreislaufsystem und die Darmtätigkeit. Im Gehirn ist er unentbehrlich für die Kommunikation von Nervenzellen (Neurotransmitter).

In dieser Funktion ist Serotonin auch an der Regulation von Schlaf, Appetit und Körpertemperatur beteiligt. Es beeinflusst außerdem die Schmerzwahrnehmung und die Psyche. Schon seit einiger Zeit wird Serotoninmangel sogar mit Depressionen in Verbindung gebracht. Der Titel "Glückshormon" kommt da nicht ganz von ungefähr.

Bestimmte Medikamente können die Verfügbarkeit von Serotonin im Gehirn erhöhen. Dieser Effekt heißt serotoninerg. Zum Beispiel haben die sogenannten Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) eine solche Wirkung. Sie werden zur Behandlung von Depressionen eingesetzt.  

Manchmal ist Serotonin unter der Therapie im Übermaß im Gehirn vorhanden. Das kann passieren, wenn

  • ein SSRI zu hoch dosiert wird,
  • ein Patient besonders empfindlich auf das Medikament reagiert, vor allem zu Beginn der Therapie oder bei einer Erhöhung der Dosis,
  • oder wenn zwei Arzneimittel, die beide den Serotoninhaushalt beeinflussen, zur Behandlung eingenommen werden.

Es gibt verschiedene Schweregrade. Im Prinzip gilt ein Serotoninsyndrom, das sofort gezielt behandelt wird (Notfall, Notruf 112), als beherrschbar. Dennoch: Fälle mit tödlichem Verlauf sind beschrieben worden.

Die erhöhte Serotoninwirkung im Körper kann recht rasch, innerhalb von 24 Stunden auftreten. Ebenso schnell, innerhalb von 24 Stunden nach Absetzen aller Medikamente, die den Serotoninspiegel erhöhen, kann sie wieder abklingen. Die Prognose hängt auch von eventuell noch weiteren eingenommenen Medikamenten und vom allgemeinen Gesundheitszustand des Betroffenen ab.

Symptome, die auf ein Serotonin-Syndrom hinweisen können: Warnzeichen sind Ruhelosigkeit, Verwirrung und große Unruhe, ebenso Übelkeit, Durchfall, schneller Puls, Zittern, Veränderungen des Blutdrucks und starkes Schwitzen. Eine hohe Körpertemperatur (über 40° C), Krämpfe, unregelmäßiger Herzschlag und Bewusstseinsverlust zeigen einen lebensgefährlichen Verlauf an.

Auch folgende Medikamente und Drogen können ein Serotoninsyndrom begünstigen (Beispiele):

  • Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI, zum Beispiel Bupropion zu Behandlung von Depressionen und Raucherentwöhnung) Monoaminooxidasehemmer MAO-Hemmer (ebenfalls gegen Depressionen)
  • Lithium (wird zur Behandlung bestimmter Formen von Depressionen angewandt)
  • Buspiron (wird gegen Angststörungen eingesetzt)
  • Dextrometorphan (Hustenmittel)
  • Amphetamine
  • Trizyklische Antidepresssiva
  • Johanniskraut (Hypericum perforatum, pflanzliches Mittel gegen Verstimmungszustände)
  • Bestimmte Arzneistoffe gegen Übelkeit und Erbrechen wie zum Beispiel Ondansetron
  • Schmerzmittel wie zum Beispiel Fentanyl
  • Drogen: zum Beispiel Ecstasy, Kokain

Ebenfalls gefürchtet: Malignes neuroleptisches Syndrom

Auch Neuroleptika wirken auf die Psyche ein. So zum Beispiel Dopaminantagonisten. Das sind Arzneistoffe, die Dopamin entgegenwirken. Dopamin ist ein Botenstoff im Gehirn (Neurotransmitter), der vorwiegend aktivierend, antriebssteigernd oder erregend wirkt. Dopaminantagonisten wirken dämpfend.

Teilweise haben sie antipsychotische Effekte, sodass sie auch zur Behandlung einer Schizophrenie eingesetzt werden können. Außerdem können sie bei Erkrankungen helfen, die mit unkontrollierten Lautäußerungen und Bewegungen einhergehen (sogenannte Tics, zum Beispiel ein schweres Tourette-Syndrom).

Ein malignes (lebensbedrohliches) neuroleptisches Syndrom kann auftreten, wenn zuviel Dopaminantagonisten-Wirkungen im Körper vorhanden sind. Zum Beispiel kann eine Kombination mit einem Medikament wie Lithium (siehe oben) das begünstigen. Womöglich könnten auch Austrocknung und begleitende neurologische Erkrankungen eine gewisse Rolle zu spielen. Teilweise ist die Entstehung des Syndroms noch unklar.

Symptome: Die Beschwerden entwickeln sich, anders als beim zuvor beschriebenen Serotonin-Syndrom, eher langsam, über mehrere Tage. Veränderungen wie starke Unruhe, Verwirrtheit oder ein Delir sind meist erste Warnzeichen. Die Körpertemperatur steigt auf über 38 °C, manchmal über 40 °C. Dazu kommt meist ausgeprägte Muskelsteife (Notfall!). Schluckstörungen, Atemnot und Bewusstlosigkeit zeigen einen bedrohlichen Verlauf an.

Der Betroffene muss auf einer Intensivstation behandelt werden. Meist dauert es auch wieder einige Tage, bis der akute Zustand nach Absetzen des auslösenden Medikamentes überwunden ist. Aber auch bei dieser Form des Arzneimittelfiebers sind tödliche Verläufe bekannt geworden.

Diese Medikamente und Therapien können ein malignes neuroleptisches Syndrom auslösen (Beispiele):

  • Neuroleptika wie Chlorpromazin, Haloperidol, Fluphenazin
  • Antipsychotika wie zum Beispiel Risperidon, Olanzapin
  • Bestimmte Arzneistoffe gegen Übelkeit und Erbrechen wie zum Beispiel Domperidon 
  • Umstellungen bei einer Behandlung mit Parkinson-Mitteln

Arzneimittelfieber: Diagnose

Bei entsprechendem Verdacht wird der Arzt das mutmaßlich auslösende Medikament in der Regel absetzen, falls vertretbar. Auch sollte, wenn möglich, nicht sofort ein "alternatives" Medikament gegeben werden, um die Übersicht zu behalten.

Nimmt der Patient mehrere Medikamente ein, wird der Arzt sie schrittweise absetzen, beginnend mit dem wahrscheinlichsten Auslöser.

Falls der Betroffene das Medikament dringend weiter benötigt, wird der Arzt den Zusammenhang noch eingehender prüfen. Das Medikament kann gegebenenfalls erneut unter engmaschiger Kontrolle gegeben werden, wenn der Patient nicht sehr stark darauf reagiert hat. Bei einem "Treffer" wird der Patient höchstwahrscheinlich wieder die gleiche Reaktion wie beim ersten Mal zeigen. Dann ist die Diagnose beziehungsweise der Auslöser bestätigt.

Lässt sich vorbeugen?

Was auf jeden Fall geht, ist aufzupassen. Wenn zum Beispiel in der eigenen Familie Fälle mit unerwünschten Arzneimittelreaktionen bekannt geworden sind, sollte man den behandelnden Arzt darüber informieren. Die Möglichkeit, dass eine Veranlagung besteht, ist theoretisch immer gegegeben.

Wichtig ist auch, ein Arzneimittel so einzunehmen, wie der Arzt es angeordnet hat, und diesen bei mutmaßlichen Nebenwirkungen umgehend zu informieren. Man sollte einen Überblick haben über alle Medikamente, die man einnimmt, und ihre Dosis. Außerdem kann man sich in der Apotheke beraten lassen.