Nacht für Nacht tauchen die Menschen in ihr zweites, rätselhaftes Leben. Sie kappen ihre Verbindung zur Außenwelt. Wie gelähmt liegen sie da, während ihr Gehirn Selbstgespräche führt und in ihrem Inneren skurrile Bilder aufleben. "Wenn der Schlaf nicht eine absolut lebenswichtige Funktion hat, dann ist er der größte Fehler, den der Evolutionsprozess jemals gemacht hat", urteilte der US-amerikanische Schlafforscher Allan Rechtschaffen. Schließlich sind Mensch und Tier zu keiner Zeit so schutzlos.

Die Fähigkeit, in ein bewusstloses Sein zu sinken, hat sich im Laufe der Evolution sogar verstärkt. Um einen schlummernden Menschen in seiner gewohnten Umgebung aus dem Tiefschlaf zu wecken, bedarf es schon einer beträchtlichen Lautstärke. "Kein Lebewesen, das wir kennen, schläft so tief", sagt der Tübinger Forscher Professor Jan Born. Doch warum schlafen wir überhaupt?

Nächtlicher Energiesparmodus für tagaktive Lebewesen

Der Ursprung des Bedürfnisses mag schlicht darin liegen, dass  die Erde den meisten Lebewesen einen Rhythmus vorgibt: den von Tag und  Nacht. Blumen öffnen und schließen sich nach der "Sonnenuhr", selbst  manche Einzeller ticken in ihrem Takt, sind mal mehr aktiv, mal weniger.  Im Tierreich passten sich die einen an den hellen, warmen Tag an,  andere entwickelten sich zu Geschöpfen der Nacht.

Für tagaktive Wesen  wie den Menschen war es sinnvoll, sich nachts vor den Raubtieren  zurückzuziehen, reglos zu verharren und in einen Energiesparmodus zu  schalten. Doch kann das wirklich die Ursache für ein so universelles  Bedürfnis sein? Wie stark dieses ist, zeigen auch die trickreichen  Anpassungen mancher Tiere. So schlummern Delfine immer nur mit einer  Hirnhälfte. Schließlich müssen sie im Schlaf auftauchen, um Luft zu  holen. Zugvögel machen es wohl ähnlich.

"Lerchen" und "Eulen": Überbleibsel aus der Urzeit

Auch beim menschlichen Schlummer  finden sich noch Spuren der  Urzeit. So fühlen sich viele nach der  ersten Nacht in einem fremden  Bett gerädert. Der Grund: Die linke  Hirnhälfte verharrt in einer Art  Habtachtstellung, wie Forscher in den  USA herausfanden. Der Schläfer  wird so leichter wach. "Das hat uns das  Überleben gesichert", erklärt  Dr. Hans-Günter Weeß, Leiter des  Schlafzentrums im Pfalzklinikum in  Klingenmünster. Denn an einem fremden  Ort konnten neue Gefahren  drohen. 

Auch Unterschiede im Schlafverhalten  waren einst  nützlich. Wann Schlummerzeit ist, sagt uns eine innere Uhr,  die etwa im  24-Stunden-Rhythmus tickt. Bei manchen Menschen geht diese  etwas vor,  bei anderen nach. Chronobiologen wie der Münchner  Schlafforscher  Professor Till Roenneberg sprechen von "Lerchen" und  "Eulen". Als die  Menschen noch in Gruppen schlummerten, konnten so immer  einige Alarm  schlagen. 

Doch ob mit einer Hirnhälfte oder mit beiden:  Schlafen  müssen alle  Tiere – vom Fadenwurm bis zum Wal –, wenn auch   unterschiedlich lange.  Während die kleine Taschenmaus 20 Stunden des   Tages verpennt, genügen  der Giraffe zwei Stunden. "Der Mensch liegt mit   seinen sechs bis acht  Stunden zwischen dem Asiatischem Elefanten und  dem  Hausschwein", so  Weeß, der dem Schlaf bereits einige Bücher  gewidmet  hat.

Schlafmangel schwächt die Immunabwehr

Das  Energiesparen ist sicher nicht der Hauptgrund dafür,  dass wir  ein  Drittel unseres Lebens in den Federn verbringen. "Wenn wir  nicht   schlafen, sterben wir", sagt Weeß. Experimentell nach­gewiesen  sei dies   freilich nicht. Doch spricht vieles dafür. So weiß man von  Ratten,  dass  sie spätestens nach zwei schlaflosen Wochen am Ende sind.  Ihr   Immunsystem bricht zusammen, die Körpertemperatur spielt verrückt.

Bei   Menschen gibt es eine Erbkrankheit,  bei der die  Betroffenen von    schweren Schlafstörungen heimgesucht werden. Nach  Auftreten der Symptome    endet diese familiäre Insomnie binnen einiger  Monate stets tödlich.    Viele sterben an Lungenentzündung. Die  Todesursache passt durchaus zu    dem, was man bislang über den Schlaf  weiß. So formiert sich, während  wir   schlummern, unsere Körperabwehr  neu. Schon eine Partynacht  schwächt   diese messbar. Testpersonen, die  nach einer Impfung die Nacht    durchmachten, entwickelten einen  schwächeren Schutz.

Im Schlaf werden    zudem Wachstumshormone  ausgeschüttet und Schäden repariert. "Wunden heilen dann schneller",  sagt Weeß. Wer unter chronischem Schlafmangel    leidet, neigt zu hohem  Blutdruck, Übergewicht, Stoffwechselstörungen  und   erkrankt sogar  häufiger an Krebs. Unser Gehirn braucht Schlaf, um  Müll   loszuwerden.  Die Zwischenräume zwischen den Zellen weiten sich,    schädliche  Stoffwechselprodukte, die tagsüber entstehen, können    ausgeschwemmt  werden.

Sinneseindrücke landen im Langzeitgedächtnis

Doch erklärt das nicht, warum wir im Schlummer    unser   Bewusstsein verlieren. Gedächtnisforscher Jan Born ist dem Rätsel      seit Jahrzehnten auf der Spur. "Im Schlaf bildet sich unser     Gedächtnis",  erklärt er. Zahllose Versuche haben das bestätigt. Vor     allem im  Tiefschlaf, wenn unser Denkorgan in langen Deltawellen     schwingt,  verfestigen sich Erinnerungen.

Sinneseindrücke, die tagsüber     im  Kurzzeitspeicher des Gehirns landen, im Hippocampus, werden im      Langzeitgedächtnis des Neokortex verankert. Dabei werden Inhalte nicht      nur von einem Speicherort an den anderen kopiert. "Die    Gedächtnisbildung   ist ein höchst aktiver Prozess", sagt Born. Neu    Erlebtes wird mit  alten  Erinnerungen verknüpft, Unwichtiges    aussortiert. Doch warum geht  das  nicht auch im Wachzustand?

Um    langfristig Gedächtnis zu bilden,  müssen  die Inhalte  im    Kurzzeitspeicher erneut aktiviert werden.  Messungen der   Gehirnströme    machen das sichtbar. Würden gleichzeitig   Sinneseindrücke  einströmen,    könnte das zu Problemen führen. Die  Folge  könnten  Halluzinationen sein   – wie sie bei langem  Schlafentzug oft  auftreten.  Lernen im  Schlaf  ist  also kein Mythos.  Es ist Alltag.

Gelerntes wird im Schlaf verknüpft

Doch  passiert noch  mehr.  In  einem  Versuch ließ Born  Probanden Zahlenreihen  ergänzen. Sie   wussten  nicht,  dass sich darin  ein Muster verbarg. Wer es  erkannte,   hatte  schnell die  Lösung.  Nach acht Stunden mussten die  Testpersonen   noch  einmal  antreten.  Die einen hatten geschlafen, die  anderen  nicht.   Unter den  Schläfern  erkannten doppelt so viele das  System.  "Im Schlaf   muss eine  Art  Zusammenschau passieren", folgert  Born.  Über etwas zu   schlafen,   kann also Probleme lösen. 

Dass wir unser   Leben nicht  sinnlos    verschlafen, kann als erwiesen gelten. Dennoch  hat  unsere   Gesellschaft   ein eher angespanntes Verhältnis zu dem  dunklen  Drittel   unseres  Lebens.  "Wir liegen scheinbar sinnlos in den  Laken,  tragen   nichts zum   wirtschaftlichen Erfolg bei", sagt Experte  Weeß.   Umfragen  zufolge sind   Schlafstörungen längst zu einer  Volkskrankheit   geworden.  Denn selbst   wenn wir unser Leben perfekt  durchtakten:  Schlaf  kommt  nicht auf   Knopfdruck. Der Weg in Morpheus’  Arme führt  nur über  ein  entspanntes   Loslassen – vor allem den  Willen nach  Kontrolle. "Wer   unbedingt  schlafen  will, bleibt wach."