Die Person kommt auf mich zu und bietet mir Kuchen an,
sie meint es gut. Ich esse keinen, weil ich Süßes nicht vertrage. Sie führt die Gabel ganz an meinen Mund. Ein bisschen Kuchen bleibt an meinen Lippen hängen, weil es etwas dauert, bis ich klargemacht habe, dass ich keinen Kuchen möchte. Beim Nachdenken über den Traum wird klar: Es geht nicht um Kuchen speziell, sondern um das Thema Abgrenzung. Ein Verhalten, das mir im Traum nur bedingt gelingt.

So beschreibt Professor Michael Schredl vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim einen seiner Träume. Seit mehr als 30 Jahren sammelt der Wissenschaftler Träume. Seine eigenen – inzwischen mehr als 17 000 – und die von Personen, die seine Albtraumsprechstunde für Erwachsene aufsuchen oder an seinen Studien teilnehmen. Und er ist nicht der einzige. In Traum-Datenbanken sind zigtausend Protokolle gespeichert, nach Motiven sortiert. So lassen sich die Inhalte automatisiert vergleichen und beobachten, wie sie sich über die Jahre verändern.

In seinen eigenen Träumen bewegt sich Schredl nur selten außerhalb der Natur­gesetze, er fliegt zum Beispiel so gut wie nie auf einem Drachen durch die Luft. „Ich träume oft realistisch“, sagt er. Als Requisiten finden sich häufig Alltagsgegenstände wie etwa ein Stück Kuchen oder eine Gabel. Und doch stellt die geschilderte ­Szene ein Beispiel für kreatives Traumge­schehen dar. Es werden nicht einfach Wachsituationen wiederholt (die Kuchenszene gab es im Wachleben nicht), sondern viele Elemente werden zu einem kreativen Ganzen zusammengesetzt.Schredl fasziniert, wie sein Traumbewusstsein das psychologische Thema der Abgrenzung umgesetzt hat.

Wovon träumen Menschen?

Eine Online-­Befragung bei 676 Personen ergab: Zwei Drittel der Träume waren negativ gefärbt. Sie handeln von Hilflosigkeit oder davon, verfolgt zu werden. Ein Viertel hat Erfreu­liches zum Inhalt, wenn es etwa zu romantischen Begegnungen kommt. Was auffällt: Die wiederkehrenden Träume scheinen Erlebnisse aus dem Wachzustand aufzugreifen. Wer tagsüber nega­tive Erfahrungen macht, hat nachts eher negative Träume. Michael Schredl: „Posi­tive und neutrale Träume werden aber schneller vergessen. Wenn man Träume über Traumtage­bücher erfasst, also gleich morgens aufschreiben lässt, halten sich positive und negative Träume die Waage.“

Das nächtliche Neuronen-Gewitter in Gehirnregionen, die während des Schlafs aktiv sind, erfindet also nicht alles neu. Das Gehirn bedient sich an vorhandenem Stoff und fügt ihn zu Bildern, kleinen Szenen und ganzen Filmen zusammen. Wie ein ­„Remake“, eine Neuverfilmung eines bekannten Stoffes mit mehr oder weniger fantasievollen Mitteln.


Die Pandemie hat unsere Träume verändert

Dass sich die Realität in unseren Träumen widerspiegelt, zeigen auch Pandemie-Studien. In ihnen wurden die Träume während des Corona-bedingten Lockdowns untersucht. Die vorwiegend kanadischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Online-Befragung nannten Themen wie „zu spät kommen“, „verfolgt oder angegriffen werden“. Der Tod als Motiv tauchte häufig auf. Die Pandemie hat sich ganz konkret in die Träume geschlichen: Viele träumten, von einem geliebten Menschen getrennt oder selbst krank zu sein, ins Krankenhaus zu kommen, manche von Krankheitserregern oder Ansteckung. Michael Schredl, der selbst an Studien zum Traumgeschehen während der Pandemie beteiligt war, zieht eine ernüchternde Bilanz: „Die Pandemie hat das Traumerleben verschlechtert.“

Krieg, Klimakrise, Katastrophen – nega­tive Ereignisse prägen unsere Realität. Und damit auch unser subjektives Erleben während des Schlafs. Was kommt da auf uns zu? Vermutlich erwarten uns mehr schlechte als schöne Träume. Das könnte die Vorfreude auf das nächtliche Kopfkino dämpfen. Wäre es besser, sich selbst und anderen einen tiefen, traumlosen Schlaf zu wünschen? „Tief und erholsam zu schlafen ist natürlich gut, Träume können allerdings eine Bereicherung darstellen“, sagt Schredl. „Das Nachdenken über den Traum kann sehr hilfreich sein.“ So betrachtet können auch schlechte Träume ihren Wert haben.

Durch Träume von Bedürfnissen erfahren

Traumforscherin Dr. Annika Gieselmann von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf betrachtet Träume aus einer pragmatischen Sicht: „Sie können uns helfen, dass wir uns besser verstehen.“ Als Verhaltenstherapeutin behandelt Gieselmann häufig Menschen mit Schlafstörungen oder mit wiederkehrenden Albträumen. Die Träume zu erforschen steht zwar nicht im Zentrum der Therapie. „Aber ich nutze sie, um mehr über die Bedürfnisse meiner Patientinnen und Patienten zu erfahren.

Manchmal funktionieren Träume wie ein Schlüssel zur Gefühlswelt“, sagt Gieselmann. Eine Patientin erzählte ihr folgenden Traum: „Ich sitze im Bus. Er fährt und fährt. Ich will aussteigen, kann aber nicht.“ Gieselmann fragt nach den Stimmungen, die der Traum auslöst. Und wo diese Stimmungen im realen Leben auftauchen. So nähert sie sich den Themen, die sich hinter dem Traumgeschehen verbergen. In diesem Fall: dem Bedürfnis der Pa­tientin, an ihrer festgefahrenen beruflichen Situation etwas zu ändern.

„Träumende müssen selbst herausfinden, was ihr Traum für sie bedeutet. Ich stelle nur Fragen oder gebe Impulse.“ In ihrer täglichen Arbeit erlebt Gieselmann: Wer sich mit seinen Träumen beschäftigt, findet leichter Antworten auf zentrale Fragen wie: Was ist mir wichtig im Leben? „Gerade chronische Albträume aber haben ihre Bedeutung verloren. Sie können viel Leid verursachen“, sagt Expertin Annika Gieselmann. In einer deutschen Studie berichteten fast fünf Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer mindestens alle zwei Wochen von ­einem Albtraum, Frauen häufiger als Männer. Für die Betroffenen bleibt die Zeile aus Johannes Brahms Wiegenlied „Schlaf nun selig und süß, schau im Traum ’s Paradies“ jedenfalls ein frommer Wunsch.

Alptraum Dunkler Baum

Schluss mit Albträumen!

Hin und wieder schlecht zu träumen ist normal. Doch was tun, wenn sich die Horrorszenen häufen und uns bis in den Tag hinein verfolgen?

Kann man Alpträume behandeln?

Typisch für Albträume: Die Betroffenen werden davon wach und erinnern sich lebhaft an Einzelheiten. Oft halten die Ängste, die der Traum auslöst, länger an und führen zu Konzentrationsproblemen. Wiederkehrende Albträume können so quälend sein, dass sie das Risiko für Suizide bei depressiven Menschen erhöhen.

Albträume kann man behandeln. Eine bewährte Methode heißt Imagery Rehearsal Therapy (IRT). Auf Deutsch: Vorstellungs-Wiederholungs-Therapie. Beispiel: „Ich sitze in einer Folterkammer. Ich bin gefesselt und kann mich nicht befreien.“ Mithilfe der IRT lassen sich solche bedrohlichen Traumszenen umschreiben. Der Traum endet dann nicht mehr mit dem Gefühl der Ausweg­losigkeit, sondern mit einem Happy End.

Die Behandlung erfolgt in drei Schritten. Zuerst sollen sich die Betroffenen mit den Inhalten konfrontieren: Was passiert? Was macht den Traum so bedrohlich? In Schritt zwei folgt die Überlegung: Was könnte ich anders machen, was würde mich retten? Sie finden einen neuen Schluss und schreiben den Traum um. In Schritt drei beschäftigen sie sich intensiv mit dem neuen Traumskript, jeden Tag, etwa zwei Wochen lang. Wie Schauspielerinnen und Schauspieler üben sie den neuen Text ein.

Kann jeder luzides Träumen lernen?

Für ihren Folterkammer-Traum fand die Patientin selbst eine Lösung: Krafttraining. Sie stellte sich vor, wie stark und unbesiegbar sich ­ihre Muskeln nach dem Training anfühlen und dass sie die Fesseln selbstständig sprengen kann. Solche konkreten Vorstellungen sind hilfreich, damit die Methode wirkt und die Albträume verschwinden.

Die IRT wird häufig im Rahmen einer Psychotherapie eingesetzt, etwa bei wiederkehrenden, sehr belastenden Albträumen. In einer neueren Studie ließen sich Alb­träume durch eine 30-minütige Telefon­beratung vertreiben. Ein Großteil der Personen, die das Angebot nutzten, hatte Erfolg damit. Annika Gieselmann empfiehlt, die Methode auch selbstständig auszuprobieren oder gemeinsam mit einer Freundin, Partnerin oder einem Partner ein neues positives Ende zu finden.

Immer stärker in den Fokus der Traumforschung rückt das Phänomen des luziden Träumens oder Klarträumens. Dabei handelt es sich um Träume, in denen man weiß, dass man träumt. Man kann mit etwas Übung in das Traumgeschehen eingreifen, den Traum lenken. Luzide träumen können manche Menschen von früh an, manche lernen es mühsam. Wieder andere schaffen es auch mit viel Training nicht.

In mehreren Untersuchungen gelang es einer träumenden Person, mit einer wachen Person zu kommunizieren und sehr einfache Fragen zu beantworten. Sie bekommt etwa „5 minus 3“ vorgespielt, hört es im Traum und bewegt dann die Augen zweimal hin und her. Das war vorher als Signal vereinbart worden, was gut funktioniert, weil die Augenmuskeln im REM-Schlaf nicht blockiert sind (REM steht für Rapid Eye Movement, auf Deutsch schnelle Augenbewegungen).

Luzides Träumen zum Training nutzen?

Schon seit Längerem nutzen etwa Sportlerinnen und Sportler das Klarträumen, um im Schlaf Bewegungsabläufe zu trainieren. „Im Traum zur Goldmedaille“, sagt Michael Schredl ein wenig zurückhaltend. Man bräuchte dafür sehr, sehr viel Klarträume, und das ist sehr selten. Schredl hält Lerneffekte aber für möglich und schätzt das Potenzial der Klarträume als riesig ein. Etwa um Albträume schon während des Träumens zu verändern – oder um kreativer zu werden. Motto: Soll mein Gehirn doch heute Nacht um die Ecke denken und eine Lösung für die neue Marketingstrategie finden.

Insgesamt steht die Klartraumforschung noch am Anfang, auch weil sie sehr aufwendig ist. Man braucht dafür Personen, die fast jede Nacht Klarträume haben. Sonst wartet man viele Nächte vergebens. Und nicht alle, die gut klarträumen können, haben Lust darauf, verkabelt im Labor zu schlafen.

Immerhin hat es das Klarträumen in ­einen „Tatort“ geschafft: Eine Geigenstudentin, die ihre Klarträume nutzt, um musikalisch voranzukommen, befürchtet, ihre Konkurrentin ermordet zu haben. Aber vielleicht war es doch ein Traum? Sehr realistisch ist dieser Krimi-Plot nicht, weil wir uns beim luziden Träumen ja bewusst sind, dass wir träumen.

Wer sich mit ihnen beschäftigt, dem bieten Träume eine Chance, mehr über sich zu erfahren. Auch ohne Nächte im Schlaf­labor. Traumtagebuch und Stift neben dem Bett genügen. Und: die Sache entspannt angehen. Wie ein Kind, das beim Bauklötzestapeln nicht an den nächsten Architekturwettbewerb denkt, sondern spielt, weil es Spaß macht. Ein spielerischer Zugang kann helfen, den Träumen Geheimnisse zu entlocken. Einen Versuch ist es wert: „Schlaf nun selig und süß, spiel im Traum ’s Paradies.“


Quellen:

  • Schredl M, Germann L, Rauthmann J et al.: Recurrent dream themes: Frequency, emotional tone, and associated factors. https://psycnet.apa.org/... (Abgerufen am 10.11.2022)
  • Solomonova E et al.: Stuck in a lockdown: Dreams, bad dreams, nightmares, and their relationship to stress, depression and anxiety during the COVID-19 pandemic. https://doi.org/... (Abgerufen am 07.11.2022)
  • Schredl M, Lüth K: Aktuelle Entwicklungen in der Schlafforschung und Schlafmedizin – eine Einschätzung der AG „Traum“. In: Somnologie 22.08.2022, 26: 180-184
  • Gieselmann A et al.: Aetiology and treatment of nightmare disorder: State of the art and future perspectives . https://www.ncbi.nlm.nih.gov/... (Abgerufen am 01.12.2022)
  • Konkoly K, Appel K et al.: Real-time dialogue between experimenters and dreamers during REM sleep. https://www.cell.com/... (Abgerufen am 01.12.2022)
  • Lüth K et al.: Überwindung von Albträumen am Telefon: einmalige telefonische Beratung mit Einsatz der Imagery Rehearsal Therapy. In: Somnologie 24.08.2021, 25: 197-204
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