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Heilsame Klänge: Musik als Therapie

Notenschlüssel zur Seele – Melodien und Rhythmen wirken direkt auf unsere Gefühlswelt. Dieser Effekt hilft zum Beispiel im Rahmen der Musiktherapie bei der Behandlung vieler Krankheiten

von Bettina Rackow-Freitag, 12.03.2019
Herausforderung für das Gehirn: Gleichzeitig singen und Gitarre spielen

Herausforderung für das Gehirn: Gleichzeitig singen und Gitarre spielen


Ein Gänsegeierknochen mit fünf Löchern beweist, dass Musizieren ein uraltes mensch­liches Bedürfnis ist. Die kleine Eiszeitflöte ist 40 000 Jahre alt und damit das älteste bisher gefundene Instrument der Welt. Sie erzählt Geschichten von einem Flötenspieler und seinen Zuhörern am Lagerfeuer in einer Höhle auf der Schwäbischen Alb. Dort entdeckten Archäologen sie vor einigen Jahren.

Gemeinsam im Takt

Musizieren als Gemeinschaftserlebnis hat Menschen also schon immer inspiriert. "Es ist mehr als die Aneinanderreihung von Tönen, es ist eine universelle Kommunikationsform, die in allen Kulturen verwurzelt ist", erklärt Professor Thomas Hillecke von der SRH Hochschule Heidelberg. "Musik öffnet das Tor zu unseren Emotionen." Je nach Melodie und Takt kann sie in uns Wohlgefühle bis zur Gänsehaut, Rührung und Tränen hervorrufen, uns inspirieren und Erinnerungen wecken. "Eine bedrohliche Musik kann in uns auch Angst und Wut aktivieren", sagt Hillecke.

Alphornbläser

Der Wissenschaftler sieht im Musizieren eine "Spitzenleistung des Gehirns". Viele Hirnregionen werden dabei gleichzeitig angeregt. Musik hat zudem eine starke soziale und kognitive Komponente. "Es macht einen großen Unterschied, ob man nur zuhört, allein oder zusammen Musik macht und ­­dazu noch singt", so Hillecke. Bei jeder Tätigkeit würden andere Verknüpfungen im Gehirn angesprochen.

Musikalische Heilkunde

Diese Wirkung auf Körper und Geist nutzten Naturvölker und Hochkulturen schon vor Jahrtausenden nicht nur für spirituelle Zwecke, sondern auch um Kranke zu behandeln. Über die Sumerer wissen Historiker, dass sie vor 4200 Jahren tranceähnliche Heilrituale praktizierten. In der Antike sah man eine enge Verbindung zwischen Musik und Heilkunst. Platon etwa war überzeugt, eine "gesunde und ausgewogene körperliche und geistige Entwicklung" gelinge nur mit Musizieren.

Über das Mittelalter hinaus gehörte das Fach Musik schließlich sogar zum Medizinstudium. 1638 schrieb der ­Jesuitenpater Athanasius: "Die Nerven und Muskeln werden wie Saiten eines Instruments bewegt, und die Lebensgeister, die sich im Herzen aufhalten, werden nach der Bewegung des ­Tones bewegt." Was damals die ­Gelehrten beobachteten, versuchen Wissenschaftler heutzutage fundiert zu erforschen. Doch jeder Mensch reagiert individuell auf Melodien oder Töne, deshalb sind die Studien­ergeb­nisse nicht so aussagekräftig wie etwa standardisierte Medikamentenprüfungen.

Melodien für Körper und Geist

Trotzdem geben die Untersuchungen Hinweise, wie Musik zum Beispiel die Symptome von Stress mildern oder positiv auf das Nervensystem wirken kann. Kardiologen der Ruhr-Universität Bochum konnten nachweisen, dass die Sinfonien von Mozart Herzfrequenz, Blutdruck und Kortisolspiegel senken. Und eine Studie der Universität Göteborg zeigte auf, wie Musiktherapie die Rehabilitation von Schlaganfallpatienten fördert. Der Gang und die Motorik der Hände der Probanden verbesserten sich sichtlich.

Der therapeutische Einsatz von Melodien, Klängen und Rhythmen hat sich inzwischen in vielen medizinischen Bereichen etabliert. Gerade da, wo Patienten sich nicht mit Worten ausdrücken können, sind sie womöglich der einzige Zugang. Das fängt im Baby­alter an.

So arbeitet die Musiktherapeutin Josephine Geipel auf der Frühgeborenenstation des Universitätsklinikums Mannheim, wo die Frühchen statt mit heime­liger Nestwärme von medizi­nischem Hightech umgeben sind. Gemeinsam mit den Eltern summt und singt sie, damit sich der Atem des Kindes beruhigt. Die Klänge eines Monochords schaffen Momente der Ruhe im chaotischen Start ins Leben.

Neugeborenes

Immer wieder dasselbe Wiegenlied

Dass Musik sich beruhigend auf Neugeborene auswirkt, nutzten Ärzte schon vor Jahrzehnten. "Früher spielte man auf Babystationen Musik über Kopfhörer oder Lautsprecher ab", ­berichtet Geipel. Heute wird mit speziellen Musikinstrumenten und der Stimme gearbeitet. "Intuitiv nutzen wir bereits die Kraft der Musik, wenn wir Kindern Wiegenlieder vorsingen. Sie sind in jeder Kultur ähnlich."

Je älter die Kinder werden, umso mehr rückt das gemeinsame Musik­erlebnis in den Fokus. Geipel: "Erst in der Jugend entwickelt jeder seinen Musikgeschmack, der gerade in der Pubertät für die Gruppen- und Identi­­täts­­bildung sehr wichtig ist." Deshalb arbeiten Musiktherapeuten in der Jugendpsychiatrie unter anderem mit Bandarbeit und Liedtexten. Das öffne die jungen Menschen auch innerlich für Themen.

Das Wachkoma durchdringen

Besonders aber in der neurologischen Rehabilitation hat Musiktherapie einen festen Platz. Volker Dunisch arbeitet in der Pflegeeinrichtung Haus Königsborn und versucht, durch Melodien und Klänge Kontakt mit Menschen aufzubauen, die zum Beispiel nach einem Unfall in ein Wachkoma gefallen sind. Während er ihnen etwas vorspielt, achtet er auf minimale Regungen. Manchmal ist es nur eine Kopfdrehung, ein Blinzeln, der veränderte Atem.

Musiktherapeutin

"Was im Innersten des Menschen jedoch vor sich geht, ist oft eine Interpretationsfrage", sagt der Musiktherapeut. "Eine unserer Bewohnerinnen sitzt meist still und mit geschlossenen Augen im Rollstuhl. Als ich einmal richtig rockig Gitarre gespielt habe, öffnete sie die Augen und begann zu strahlen." Berührende Momente.

Musiktherapie für mehr Lebensqualität

In ganz seltenen Fällen hilft die Therapie den Komapatienten, wieder zu erwachen. Dafür arbeitet Dunisch auch mit besonderen Instrumenten wie einer Klangschale, Kantele oder Tambura. Spezielle Saiteninstrumente werden beim Spielen auf den Körper des Patienten gelegt. Die Vibrationen und der Klang sind dann spürbar. "Es ist diese Verknüpfung der Sinneseindrücke, die auf den Menschen ­positiv wirkt", so Dunisch. Auch bei Schlaganfall-, Parkinson- und Schmerz­patienten zeigt diese Form der Musik­­arbeit mitunter Erfolge.

Und sie kann selbst Schwerstkranken an ihrem Lebensende noch helfen. "Studien belegen, dass die starken Müdigkeitsgefühle von Krebs­patienten auf Palliativstationen durch Musiktherapie verringert werden", erklärt Professor Alexander Wormit, Studiengangleiter an der SRH Hochschule Heidelberg. "Gerade in der Geriatrie ist der therapeutische Einsatz von Musik sehr komplex."

Zusammen mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung haben der Wissenschaftler und sein Team eine langjährige Studie zur Bedeutung der Musiktherapie für die Lebensqualität von Patienten, Angehörigen und Pflegepersonal durchgeführt.

Tor zu alten Erinnerungen

Die Untersuchung der Heidelberger konnte zeigen, wie das gemeinsame Singen von Liedern die Tür zu verborgenen Erinnerungen aus der Kindheit öffnet. "Besonders Demenzkranke reagieren auf Kinder-, Volkslieder oder Schlager, die in ihrem Langzeitgedächtnis abgespeichert sind", berichtet Wormit. Auch wenn die alten Menschen nach Sekunden vergessen, wo sie sich gerade aufhalten, singen sie Texte nach, die sie vor 80 Jahren im Schulchor gesungen haben. Musik begleitet uns eben ein Leben lang.