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Nierenlebendspende: Geschenk fürs Leben

Die Zahl der Organspenden ist viel zu niedrig, Patienten warten Jahrzehnte auf eine Transplantation - und oft vergebens. Michael W. hatte Glück. Er bekam die Niere seines besten Freundes

von Sonja Gibis, 14.02.2019
Nierentransplantation

Geschafft: Die Operation ist gut verlaufen. Günters Niere hat ihre Arbeit im Körper von Michael (links) aufgenommen


Günter W. (41) hebt sein hellgrünes OP-Hemd und klopft sich auf die Flanke. "Die rechte, die wird’s", sagt er und lacht. In ein paar Stunden werden Ärzte des Uniklinikums Halle eine Niere aus seinem Körper schneiden und in den von Michael W. (36) pflanzen. Geht alles gut, wird sie dort sofort die Aufgaben übernehmen, zu denen dessen Organe nicht mehr ­fähig sind. Seit sieben Jahren hängt Michael an der Dialyse. "Ohne die Maschine wäre ich nicht mehr", sagt der junge Mann. Bis irgendwann der Anruf kommt, dass eine Spenderniere verfügbar ist, müsste er wohl noch Jahre warten. Wäre da nicht Günter.

Etwa 8000 Menschen in Deutschland warten auf eine neue Niere. 1364 erhielten im vorigen Jahr das Organ eines ­toten Spenders, 557 das eines lebenden. Als Spender infrage kommen vor allem nahe Angehörige. Doch auch Menschen, die dem Empfänger "in besonderer persönlicher Verbundenheit nahestehen", wie es im Transplantationsgesetz heißt, können spenden.

Ein Kreuz auf jedem Bauch

Während Günter erzählt, betritt ein Arzt den Raum und malt ihm ein Kreuz auf die Seite. Hier wird die Niere rausgeholt. Michael bekommt ein Kreuz auf den Bauch. Dort kommt die Niere rein. "Dann hast du von mir eine Beule am Bauch", scherzt Günter. Lachen, Witze machen, das ist ihre Art, mit schwierigen Dingen klarzukommen.

Gar nicht nach lachen war es Günter allerdings, als er von der Krankheit seines Freundes erfuhr. Als Michael Ende 20 war, stellt ein Arzt zufällig fest, dass die Nieren nur eingeschränkt arbeiten. "Vielleicht durch eine verschleppte Grippe", vermutet er. Der junge, sportliche Mann macht sich erst mal keine Sorgen.

Als erneut die Nierenwerte getestet werden, ist es zu spät. Michael ist auf eine Blutwäsche angewiesen. Dreimal die Woche muss er ins Krankenhaus, für viereinhalb Stunden. "Danach ist man total platt", berichtet er. Nierenversagen, das bedeutet zudem, dauernd Durst zu haben. Einen halben Liter, mehr darf Michael pro Tag nicht trinken. Seine Nieren scheiden keine Flüssigkeit mehr aus. Dazu kommt eine strenge Diät. Zu viel Kalium – und das Herz könnte versagen.

Seine Frau, die er während der Dia­lysezeit kennenlernte, würde eine Niere spenden. Doch sie hat zwei Kinder. "Der Nierenspezialist sagte gleich, das Risiko ist ihm zu groß", erzählt Michael.

Als Günter erfährt, dass auch er spenden kann, steht für ihn schnell fest: Das mach ich. Michael zweifelt. "Reden kann man viel. Ich habe erst nicht daran geglaubt." Nur langsam wird ihm klar, dass sein Freund ihm wirklich ein neues Leben schenken will.

Lange Liste von Untersuchungen

Zumal der Weg nicht leicht war. Bluttests, Herzecho, Bauch-CT, Nieren-Szintigramm: Günter kann sich an die lange Liste von Untersuchungen kaum erinnern. Schließlich muss sich seine Niere nicht nur für Michael eignen. Es muss auch feststehen, dass sein Körper in der Lage ist, auf das Organ zu verzichten.

Damit ein gesunder Mensch ein Or­gan spenden kann, muss überdies eine Ethikkommission zustimmen. Sie besteht aus einem Arzt, einem Psychologe, einem Juristen. Alle stellen Fragen: erst Spender und Patient gemeinsam, dann jedem getrennt. Es muss fest­stehen, dass Günter Entschluss freiwillig ist und er kein Geld dafür bekommt. Außerdem muss klar sein, dass beide das psychisch bewältigen.

Gespräch mit der Kommission

Die Experten wollen wissen, wie lange sie sich schon kennen. Ob sie ernste Gespräche führen über das, was sie vorhaben. Was, wenn die OP kein Erfolg ist? Was, wenn Michael seine Medi­kamente nicht regelmäßig nimmt und das Organ verliert? "Ich sagte: Das ist dann seine Niere – und seine Verantwortung", so Günter. Doch war es das, was die Fachleute hören wollten?

Als Günter den Raum verlässt, hat er Tränen in den Augen. Auch Michael kommt niedergeschlagen aus der Befragung. "Ich dachte, die sagen Nein." Doch es kommt anders. Die Kommission wünscht den beiden viel Glück. Die Tür zum Krankenzimmer öffnet sich, eine Schwester schiebt eine Maschine herein: ein Dialysegerät. Es könnte die letzte Blutwäsche für Michael sein – für viele Jahre, vielleicht sogar für immer. Ob die beiden aufgeregt sind?

Michael winkt ab. "Die wissen, was sie tun." Nur eins, das wäre hart: "Wenn sie Günter die Niere rausnehmen und mein Körper stößt sie ab." Sein Freund hätte für ihn ein Organ geopfert – vergebens. Besser nicht daran denken.

Am nächsten Tag, kurz vor 9 Uhr. Während im Raum nebenan die Arme des OP-Roboters in Position gebracht werden, präparieren die Chirurgen Günters Niere frei. Sie blicken dabei auf einen Monitor, auf den eine Kamera Bilder aus dem Körper­inneren überträgt. Die Eingriffe werden minimal-invasiv durchgeführt. "Darauf sind wir durchaus stolz", sagt Professor Paolo Fornara, Transplantationsexperte und Leiter der Urologischen Klinik des Uniklinikums Halle. Dem Spender bleibt so ein fast 20 Zentimeter langer Schnitt erspart. Beim Empfänger verringert sich das Risiko für Wundinfektionen. Da sein Immunsystem gehemmt wird, ist das besonders wichtig.

Organtransplantion

Die Niere kommt

Um 10.32 Uhr beginnt die heiße Phase. Die Blutgefäße der Niere werden abgeklemmt. Jetzt muss jeder Griff sitzen. Eine, höchstens eineinhalb Minuten darf es dauern, bis die Ärzte eine kalte Infusion in das Organ geleitet haben, die es konserviert. "Die Niere kommt", ruft Operateur Dr. Nasreldin Mohammed. Durch einen kleinen Schnitt zieht er das Organ behutsam aus dem Körper, hält es in den Händen wie einen verletzten Vogel, der schnell Hilfe braucht. Schon beugt sich das Ärzteteam darüber, spült es, näht es vorsichtig in einen kühlenden Mantel aus einem Bauchtuch und Eis. Wärmen wird es erst wieder das Blut in Michaels Körper.

Bis es so weit ist, vergehen nur wenige Minuten – ein Grund, dass die Erfolgsaussichten einer Lebendspende hervorragend sind. Dennoch ist in den vergangenen Jahren nicht nur die Zahl toter Spender drastisch zurückgegangen. Auch Lebendspenden werden seltener durchgeführt. "Die ganze Transplantationsmedizin steckt in der Krise", beklagt Fornara. Eine Folge: Die Wartezeiten auf ein Organ verlängern sich weiter. "Und das ist nicht wie das Warten auf einen Zug. Es bedeutet Komplikationen, Leid, Sterben."

Die Dialyse ermöglicht zwar das Überleben. Auf lange Sicht aber leidet der Körper. Wenn die Patienten ein Organ erhalten, sind die Schäden oft bereits unumkehrbar.

Hightech-Assistenten im Einsatz

"Das System braucht ein Paket an Korrekturen", fordert Fornara. Der erste große Schritt wäre seiner Ansicht nach  die sogenannte Widerspruchslösung: Wer nach ­seinem Tod keine Organ­entnahme wünscht, sollte sich klar dagegen aussprechen müssen. Dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn jetzt eine Reform angestoßen hat – für Fornara längst überfällig.

Im OP-Saal nebenan ist bereits alles für das Einsetzen des Organs vorbereitet. Operateur Dr. André Schumann sitzt einige Meter von Michael entfernt an einer Konsole. Per Joystick steuert er die OP-Geräte, in denen die Arme des Roboters enden, ohne Zittern und auf Millimeterbruchteile genau. Der Hightech-Assistent macht es möglich, das Organ minimal-invasiv einzusetzen. Nach ersten Studien des Klinikums bringt die neue Methode tatsächlich Vorteile für den Patienten.

Um 12.05 Uhr sind Gefäße und Harnleiter angeschlossen. Die Klemmen werden geöffnet, das Organ füllt sich mit Michaels Blut. Jetzt ist es seine Niere. Im Gang vor dem OP-Saal wischt eine Schwester die Zahl 2050 von einer weißen Tafel und ersetzt sie durch 2051. So viele Nieren sind im Klinikum jetzt verpflanzt worden. "Wir ändern das immer sofort", sagt sie. Wird es vergessen, gilt das unter den Mitarbeitern als schlechtes Omen, gesteht sie lächelnd.

Nierentransplantation

Leben wie vor der Krankheit

Am nächsten Tag ist vor allem Günter geschafft, während sein Freund am liebsten schon aufstehen würde. "Alles gut", versichern beide.

Zwei Monate später sind die Freunde gemeinsam in der Reha, so wie sie sich das vorgestellt haben. Morgens Fitness, dann zum Schwimmen, später ein Spaziergang am See. "Ich wusste gar nicht, dass ich so weit runterkommen kann", sagt Günter. Er hat die Zeit hier genutzt, um mit dem Rauchen aufzuhören. Auf seine verbliebene Niere will er schließlich gut achtgeben. Dass er nur noch eine hat, spürt er nicht. Was allerdings nervt, ist die viele Bürokratie mit den Krankenkassen.

Michael muss seit der Transplantation Medikamente nehmen, die sein Immunsystem hemmen, damit sein Körper das neue Organ nicht abstößt. Ansonsten kann er fast so ­leben wie vor der Krankheit. Als er aus der Klinik kam, wurde erst mal ge­feiert. "Mein Körper hat wieder eine ganz andere Kraft", sagt er. Beruflich will er jetzt neu durchstarten.
Die Freundschaft der beiden jungen Männer hat sich durch die Organspende nicht geändert. "Wir kabbeln uns wie vorher", erzählt Günter lachend. Sie bleiben einfach, was sie waren: ziemlich beste Kumpel.